Haushaltsstreit mit EU-Kommission Investoren stoßen italienische Staatsanleihen ab

Die Ausgabenpläne der Regierung in Rom sorgen für Unruhe an den Finanzmärkten. Die Risikoaufschläge auf italienische Staatsanleihen sind so hoch wie seit viereinhalb Jahren nicht mehr.

Matteo Salvini
AFP

Matteo Salvini


Der Streit zwischen der Regierung in Rom und der EU-Kommission über den italienischen Haushalt für 2019 macht Anleger skeptisch. Sie verkaufen massenhaft italienische Staatsanleihen. Die Rendite zehnjähriger italienischer Anleihen stieg auf den höchsten Stand seit Anfang 2014. Damit wird es für Italien teurer, sich Geld an den Finanzmärkten zu beschaffen.

Die EU-Kommission hatte sich besorgt über die Finanzpläne der Regierung Italiens gezeigt. Diese aber will von ihrem Vorhaben einer Neuverschuldung von 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung nicht abrücken.

Die Brüsseler Behörde moniert vor allem, dass im aktuellen italienischen Haushaltsentwurf das strukturelle Defizit, bei dem Einmal-Effekte und Konjunkturschwankungen herausgerechnet werden, um 0,8 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung steigt. Sie hatte eine Reduzierung dieses Fehlbetrags um 0,6 Prozent gefordert.

Zudem bezeichnete Italiens Vize-Ministerpräsident Matteo Salvini EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici als Feinde Europas. "Es sind Juncker und Moscovici, die Europa Angst und Arbeitsplatzunsicherheit gebracht haben", sagte Salvini auf einer Pressekonferenz mit der Chefin von Frankreichs Rechtspopulisten, Marine Le Pen.

So funktionieren Staatsanleihen
Warum geben Staaten Anleihen aus?
Staaten brauchen Geld, um ihre Ausgaben zu finanzieren, zum Beispiel für Beamte, Sozialleistungen, Bundeswehr oder Straßenbau. Wenn ein Staat nicht genügend Geld mit Steuern und Abgaben einnimmt, muss er Schulden machen. Dazu verkauft er Anleihen an Investoren. Diese Papiere sind wie Schuldscheine: Der Staat leiht sich damit zum Beispiel 1000 Euro pro Papier und verpflichtet sich, den Betrag zum Ende der Laufzeit zurückzuzahlen. Die Laufzeit kann zum Beispiel 2, 5, 10 oder 30 Jahre betragen.
Wie hoch sind die Zinsen?
Damit sich das Geschäft für die Geldgeber lohnt, muss der Staat ihnen Zinsen versprechen. Wie hoch diese sind, hängt vom allgemeinen Zinsniveau am Kapitalmarkt ab, aber auch von der Wahrscheinlichkeit, mit der die Investoren ihr Geld am Ende der Laufzeit wiederbekommen, also von der Bonität des Schuldners. Deutschland etwa gilt als sehr guter Schuldner und muss den Investoren traditionell nur sehr niedrige Zinsen bieten. Bei anderen Staaten sind die Anleger vorsichtiger und kaufen Anleihen nur, wenn sie dafür hohe Renditen bekommen.
Wie läuft der Verkauf der Anleihen?
Die Anleihen werden in der Regel in einer Auktion versteigert. In Deutschland macht das die Finanzagentur. Sie versteigert die Papiere zunächst an einen festen Kreis von Banken, die im Rahmen einer vorgegebenen Preisspanne Gebote abgeben. Je nach Nachfrage ergibt sich daraus ein etwas höherer oder niedrigerer Ausgabekurs. Zusammen mit dem Zinssatz bestimmt dieser Kurs die jährliche Rendite der Anleihen.
Warum verändert sich die Rendite einer Anleihe?
Der Zins einer Anleihe bleibt in der Regel über die gesamte Laufzeit gleich, aber die Rendite der Investoren kann sich drastisch ändern. Sie ergibt sich nämlich aus dem festgelegten Zins (auch Kupon genannt) und dem Kurs der Anleihe. Fällt der Kurs, weil mehr Anleger verkaufen als kaufen wollen, steigt die Rendite. Sie spiegelt damit ein höheres Risiko für die Investoren wider, man spricht deshalb auch vor einem Risikoaufschlag.

Die Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's wollen Ende Oktober darüber urteilen, wie die Haushaltspläne die Kreditwürdigkeit Italiens beeinflussen.

Salvinis markige Worte zeigten auch an der Mailänder Börse Wirkung. Der dortige Leitindex verlor bis Montagmittag 2,4 Prozent und fiel auf den niedrigsten Stand seit April vergangenen Jahres. Der italienische Bankenindex rutschte mit 4,2 Prozent ins Minus.

Auch griechische Banken bekommen Misstrauen zu spüren

Die wachsende Skepsis von Anlegern gegenüber Wertpapieren aus südeuropäischen Staaten zeigte sich auch bei Aktien griechischer Banken. Der Athener Branchenindex fiel am Montag um bis zu acht Prozent.

Auslöser dieser Entwicklung sei der Ausverkauf italienischer Staatsanleihen, der in ganz Südeuropa Risikoscheu schüre, sagte ein Börsianer. "Wir sind vom italienischen Virus befallen."

Italien sitzt in der Eurozone hinter Griechenland auf dem größten Schuldenberg. Die vom italienischen Staatshaushalt ausgehenden Risiken machen dem gesamten europäischen Bankensektor zu schaffen. Aktien der Deutschen Bank Chart zeigen verloren 2,2 Prozent, Papiere der Commerzbank Chart zeigen 5,5 Prozent.

mmq/dpa/Reuters



insgesamt 21 Beiträge
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tobi1991 08.10.2018
1.
Griechenland 2.0 wächst und gedeit. Herzlichen Glückwunsch!
hellmut1 08.10.2018
2.
Draghis Politik des billigen Geldes zur Entschuldung der Südländer scheint nicht aufzugehen.
viwaldi 08.10.2018
3. Reparationsforderungen aus Griechenland, Polen,...
... und die finanzpolitische Geisterbahnfahrt Italiens: so macht man die AFD stark!
Cyberfeld 08.10.2018
4.
Was ich hier nicht einsehen kann ist es waren doch ursprünglich die Rede von 80 Mrd Schulden. Was einen als Investor eher interessieren sollte sind die einmalig oder kommen die durch Jährliche Ausgaben wieder und wieder drauf so das der Schuldenberg immer weiter steigt ? 80 Mrd für Sanierungen und Reformen sollte als einmalige Summe auf jeden Fall drin sein. Ihm falle einer Finanzierung einen Grundeinkommen auf Pump sehe ich schon eine Probleme. Ihm allgemeinen sehe ich eine gewisse Problematik wie bei Griechenland das bevor Zypras die Regierung stelle auch kurz davor oder dabei war eigene Anleihen wieder auf dem Markt zu platzieren um dann ihn Grund und Boden gestampft wurde ihn den Bewertungen nur weil man eine extreme Linke Regierung hatte auf einmal. So gesehen sind wohl Investoren nicht ohne starke Vorurteile was meine Meinung nach destabilisierend und desfunktional auswirkt oder anderes ausgedrückt unter bestimmten Umständen kann das die EU zum platzen bringen ihn Deutschland hat es ja schon die privaten Leben uns Rentenversicherungen in eine Ecke getrieben. Was halt viele nicht verstehen wollen hängt der eine hängst du und umkehrt mit in einer nicht Globalisierten Welt wie sie vor über 20 Jahren war war das wesentlich leichter zu Vermitteln da es schwerer war irgendwie auszuweichen nur das ausweichen geht auch hier irgendwann nicht.
einwerfer 08.10.2018
5. Ein Lob auf die Märkte !
Die Investoren lassen Italien fallen und jubeln über den Erfolg von Bolsonaro in Brasilien (s. https://boerse.ard.de/anlagestrategie/regionen/brasilien-rechtsaussen-erfolg-befluegelt-die-maerkte100.html). Wie krank ist denn sowas ?
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