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Brandbrief: IWF-Ökonom rechnet mit Lagarde ab

20 Jahre arbeitete er beim IWF, zum Abschied zieht der Ökonom Peter Doyle eine verheerende Bilanz über den Fonds. Dieser habe Warnungen vor der Euro-Krise unter Verschluss gehalten, Lagarde sei nicht die richtige Chefin. Er schäme sich, je für die Organisation gearbeitet zu haben.

IWF-Chefin Lagarde (am 12. Juli in Thailand): "Ungerechter Auswahlprozess" Zur Großansicht
AFP

IWF-Chefin Lagarde (am 12. Juli in Thailand): "Ungerechter Auswahlprozess"

London - Der Brief ist nur eineinhalb Seiten lang. Doch die wenigen Zeilen reichen Peter Doyle, um viel verbrannte Erde bei seinem bisherigen Arbeitgeber zu hinterlassen. In dem vom US-Sender CNN veröffentlichten Schreiben rechnet der Ökonom mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ab. "Nach 20 Jahren Dienst schäme ich mich dafür, dass ich jemals mit dem Fonds zu tun hatte", schreibt Doyle an den Vorsitzenden des Exekutivdirektoriums, Schakur Schaalan.

Doyle prangert vor allem zwei Dinge an: Der IWF habe angesichts der Euro-Krise versagt, und der Fonds werde weiter von Europäern dominiert. Die Besetzung des IWF-Chefpostens im vergangenen Jahrzehnt sei "katastrophal" gewesen, schreibt Doyle. Sein Urteil über die amtierende IWF-Chef Christine Lagarde fällt wenig schmeichelhaft aus: "Auch die derzeitige Amtsinhaberin ist vorbelastet. Denn weder ihr Geschlecht noch ihre Integrität oder ihr Elan können darüber hinwegtäuschen, dass der Auswahlprozess zutiefst ungerecht ist."

Doyle sei intern ein anerkannter Ökonom gewesen, zitiert CNN Fonds-Mitarbeiter, die namentlich nicht genannt werden möchten. Demnach war er beim IWF für Israel, Dänemark und Schweden zuständig. Doyle habe auch die Abteilung des IWF beraten, die für die Krisenländer Griechenland, Portugal und Irland verantwortlich ist.

In seinem Brief spricht der Ökonom dem IWF die Kompetenz ab, als Kontrollinstanz in der Krise aufzutreten. Der IWF habe es versäumt, Gefahren aufzuzeigen und davor zu warnen, schreibt Doyle. Dabei seien die Risiken von Experten des IWF durchaus erkannt worden, doch die Führung habe die Warnungen unterdrückt. Weil der Fonds nicht entschieden gehandelt habe, stehe nun der Euro am Abgrund, kritisiert Doyle.

Angesprochen auf das Schreiben erklärte ein Sprecher des IWF schmallippig, man sehe keine Anhaltspunkte, die Doyles Vorwürfe untermauern würden.

"Sie sollten aufpassen, dass Sie nicht noch mehr gute Leute verlieren"

Die Kritik des Ökonomen kommt für den IWF zu einem heiklen Zeitpunkt. Angesichts der verfahrenen Lage in den Krisenländern fordern viele Experten, dass der IWF und seine Partner von ihrem strikten Sparkurs abweichen und mehr auf Wachstumsimpulse setzen. Doyles Brief ist auf den 18. Juni datiert - an diesem Tag veröffentlichte der IWF auch seinen Jahresbericht, in dem er die EU-Länder zu grundlegenden Reformen auffordert, um die Krise an den Wurzeln zu packen.

Doyle prangert auch an, der IWF sei zu sehr von Europäern geprägt. Der IWF komme nicht seinem Auftrag nach, die globale Wirtschaft im Blick zu behalten. Damit spricht er ebenfalls ein Streitthema an. Denn Schwellenländer monieren bereits seit längerem die europäische Dominanz im IWF.

Der IWF sei von politischen Machtspielen und einem hierarchischen Stil geprägt, schreibt Doyle am Ende des Briefs. Das betreffe alle Ebenen. Doch das Exekutivdirektorium wolle lieber einen nur beschränkt handlungsfähigen Fonds, als die Probleme anzugehen.

Der Brandbrief des Ökonomen erinnert an die Abrechnung eines Goldman-Sachs-Managers. Auch dieser hatte seinen Arbeitgeber öffentlich angeprangert.

Ob nur seine Unzufriedenheit mit den Verhältnissen bei seinem Arbeitgeber Doyles Abgang veranlasst hat, bleibt offen. Offenbar sieht der Ökonom auch seine Leistungen nicht genügend gewürdigt. Denn im letzten Satz seines Briefes erklärt er selbstbewusst: "Es gibt gute Leute hier. Aber einer davon zieht weiter. Sie sollten aufpassen, dass Sie nicht auch den Rest verlieren."

mmq

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DarkSun 20.07.2012
Zitat von sysopAFP20 Jahre arbeitete er beim IWF, zum Abschied zieht der Ökonom Peter Doyle eine verheerende Bilanz über den Fonds. Dieser habe Warnungen vor der Euro-Krise unter Verschluss gehalten, Lagarde sei nicht die richtige Chefin. Er schäme sich, je für die Organisation gearbeitet zu haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,845607,00.html
Ich hoffe im Brief steckt mehr Substanz, als die Anhäufung von Angriffen die hier wiedergegeben sind. Besonders spannend fände ich es, wie denn nun laut Doyle der IWF durch ein entschiedenes Eingreifen die Euro Krise hätte verhindern können.
2. In der asiatischen
Baikal 20.07.2012
machte Malaysia exakt das Gegenteil dessen, was der IWF vorgeschrieben hatte - und hatte Erfolg, im Gegensatz zu den Gläubigen. Die wurden von amerikanischen "Investoren" billig ausgekauft. Nun verfolgt Lagarde immerhin auch noch französische Interessen.
3.
kbear 20.07.2012
Für mich ist schon lange klar, dass der IWF zum Sauladen geworden ist - früher hätte es schon lange kein Geld mehr für die Griechen gegeben nachdem diese immernoch nach Strich und Faden den Rest von Europa bescheissen. Lagarde ist Französin und befangen.
4. Neues Europa
Liberalitärer 20.07.2012
Zitat von sysopAFP20 Jahre arbeitete er beim IWF, zum Abschied zieht der Ökonom Peter Doyle eine verheerende Bilanz über den Fonds. Dieser habe Warnungen vor der Euro-Krise unter Verschluss gehalten, Lagarde sei nicht die richtige Chefin. Er schäme sich, je für die Organisation gearbeitet zu haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,845607,00.html
Hmmmh, das dürfte wohl eher der Wahrheit entsprechen. Langsam lichten sich die dunklen Schatten und immer mehr Abgründe tun sich auf. Unsere Währung - der Euro - wurde verraten und verkauft. Verkleistert wurden die Probleme und es ist traurig für jeden Europäer das ansehen zu müssen. Zeit jetzt, dass die Europäer die Europäer einen Neuanfang wagen - nicht nationalistisch, sondern gemeinsam. Und dann ist der Euro rettbar, gerade noch. Nicht um des Euros willens, sondern ein neues europäisches Aufbaugefühl ist gefragt - von der Basis her und nicht als elitäres Projekt.
5. Lucky Punch
Liberalitärer 20.07.2012
Zitat von DarkSunIch hoffe im Brief steckt mehr Substanz, als die Anhäufung von Angriffen die hier wiedergegeben sind. Besonders spannend fände ich es, wie denn nun laut Doyle der IWF durch ein entschiedenes Eingreifen die Euro Krise hätte verhindern können.
Indem z.B. die EZB oder der IWF rechtzeitig eingegriffen hätte. Stattdessen wurde beschönigt. Die Wahrheit war immer hart zu ertragen nach Jahren des Selbstbetrugs. Ehrlichkeit und auch daraus resultierende Opferbereitschaft wären dann aber da gewesen. Es gibt nur einen Weg und Schäuble liegt da richtig. Entweder es gibt einen politischen Befreiungsschlag oder nicht. Wie der ausgehen wird? Das vermag niemand zu sagen. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät.
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Der IWF
Die Institution
Gegründet wurde der Internationale Währungsfonds (IWF) zusammen mit seiner Schwesterinstitution Weltbank im Juli 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods. Der in Washington ansässige Fonds wacht als Sonderorganisation der Vereinten Nationen über die Währungspolitik seiner 186 Mitgliedsländer. Jedes Land muss entsprechend seinem Anteil an der Weltwirtschaft eine Einlage leisten und verfügt über entsprechende Stimmrechte. Die reichsten Länder haben damit den größten Einfluss.

Die Arbeit des IWF
Der IWF tritt vor allem bei Finanz- und Wirtschaftskrisen öffentlich in Erscheinung. Indem er einzelne Staaten unterstützt, soll er vor allem verhindern, dass sich Krisen ausbreiten und ganze Regionen oder gar das gesamte internationale Finanzsystem treffen. Der Fonds kann mit kurzfristigen Krediten die Defizite in Entwicklungs- und Schwellenländern ausgleichen. Zudem leistet er Mitgliedstaaten technischen Beistand für den Umbau von Institutionen und bei der Gestaltung von Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Häufige Kritik
Die Bedingungen, die an die Vergabe der Gelder geknüpft werden, stoßen in den betroffenen Ländern und bei Globalisierungskritikern allerdings oft auf Unmut. Verordnet werden von der Institution aus Washington meist radikale Einschnitte in die Staatshaushalte, die Öffnung der Märkte und Privatisierungen. Diese jedoch verschärfen die Krisen nach Ansicht der Kritiker oft noch weiter. Nach Reformen ist inzwischen vorgesehen, dass der IWF verstärkt die sozialen Auswirkungen von Krisen und Hilfsmaßnahmen beachtet.

Die Direktorin
Seit Ende Juni 2011 steht die frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde an der IWF-Spitze. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten.
Wer wählt den Direktor?
Das Exekutivdirektorium des IWF besteht aus 24 Direktoren. Fünf von ihnen werden von den Mitgliedstaaten mit den größten Quoten ernannt, die verbleibenden vertreten jeweils mehrere Mitgliedsländer. Je mehr ein Land einzahlt, desto höher ist seine Quote. Deshalb haben die USA einen Stimmanteil von fast 17 Prozent, Japan von etwas mehr als sechs und Deutschland knapp unter sechs Prozent. Die USA verfügen über eine Sperrminorität. Denn zentrale Beschlüsse im IWF - wie auch die Wahl des kommenden Geschäftsführenden Direktors - müssen mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden.

Die Direktoren wählen den Geschäftsführenden Direktor. Er ist für das Tagesgeschäft, die Organisation und die Personalpolitik des Fonds zuständig. Der Direktor wird vom Exekutivdirektorium kontrolliert, dieses kann ihm die Amtsführung entziehen. Grundsatzentscheidungen werden vom Gouverneursrat des IWF und vom International Monetary and Financial Committee getroffen, die bei den Herbst- und Frühjahrstagungen von IWF und Weltbank zusammenkommen.
Informelle Vereinbarung
Die USA und Europa haben sich informell darauf verständigt, wichtige Posten untereinander aufzuteilen. So stellen die USA traditionell den Direktor der Weltbank, während der Geschäftsführende Direktor des IWF von einem EU-Mitgliedsland gestellt wird. In den Statuten ist diese Regelung nicht verankert. Besonders die Schwellenländer dringen seit Jahren darauf, dass das informelle Abkommen gekippt und der Posten des Direktors ausgeschrieben wird.
Bedingungen für Hilfe
Der IWF arbeitet mit dem Land ein Programm aus, das konkrete Vorgaben zur Überwindung der Krise umfasst, zum Beispiel Vorgaben zur Haushaltspolitik. Die Kreditlinien werden üblicherweise in mehrere Tranchen gestückelt, deren Auszahlung an das Erreichen von Zwischenzielen gebunden ist. Üblich sind Kreditlaufzeiten von bis zu drei Jahren, die bei schweren Krisen aber verlängert werden können. Das angeschlagene Land legt seinen Sparplan im Detail offen. Bei Bedarf sind nachträgliche Änderungen möglich.

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Der IWF: Struktur des Währungsfonds

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