Jahresrekord Solar-Branche verkauft so viele Anlagen wie noch nie

Allen Förderkürzungen zum Trotz: Der deutsche Solar-Boom geht weiter. 2011 gingen so viele Anlagen ans Netz wie noch nie. Dabei wollte Umweltminister Norbert Röttgen den Ausbau doch eigentlich stark beschneiden.

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Solarzellen: Ungebremster Ausbau
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Solarzellen: Ungebremster Ausbau


Berlin - Wenn Bundesumweltminister Norbert Röttgen über sein Konzept zur Begrenzung des Solar-Booms spricht, übernimmt er gern einen Begriff des Branchenverbands BSW-Solar. Der CDU-Mann spricht dann von einem "atmenden Deckel".

Das klingt beruhigend, so als gäbe es für die Solar-Förderung eine Grenze. So als ließe sich die Kostenexplosion damit begrenzen. Das Konzept ist schnell erklärt: Je mehr Anlagen ans Netz gehen, desto stärker sinkt die Förderung.

Bislang hat das so gar nicht funktioniert.

Neuesten Zahlen der Bundesnetzagentur zufolge gingen 2011 Anlagen mit einer Leistung von 7500 Megawatt ans Netz. Mehr noch als im bisherigen Rekordjahr 2010. Atmender Deckel hin oder her.

Röttgen muss also wohl nachbessern. In der übernächsten Woche wolle er mit der Branche über weitere Schritte beraten, lässt er mitteilen. Es wäre das vierte Mal seit Juli 2010, dass die Regierung sich mit Förderkürzungen für die Solarbranche befasst.

Acht Milliarden Euro Kosten in 2011

Man könnte sich nun fragen: Was ist denn eigentlich das Problem? Ist es nicht zu begrüßen, dass der Anteil der erneuerbaren Energien im deutschen Strommix schneller wächst als geplant? Ist es. Doch der Anteil der Solaranlagen wächst gerade zu schnell. Denn ausgerechnet diese Art der Stromerzeugung ist noch nicht konkurrenzfähig gegenüber schmutzigem Kohlestrom - und auch nicht gegenüber der Atomenergie, von der sich Deutschland bis 2022 peu à peu verabschieden will.

Mit durchschnittlich 27 Cent pro Kilowattstunde bekommt jeder Betreiber einer Solaranlage seinen Strom derzeit vergütet. Die anfallenden Kosten - allein 2011 waren es rund acht Milliarden Euro - zahlt letztlich der Verbraucher. Denn auf dessen Stromrechnung werden die Kosten umgelegt: über die sogenannte EEG-Umlage. Aktuell liegt diese bei 3,59 Cent für jede Kilowattstunde verbrauchten Stroms. Rund die Hälfte der Kosten für die EEG-Umlage entstehen allein durch die Solar-Förderung. Dabei produzieren Sonnenstrom-Anlagen nur drei Prozent des deutschen Stroms.

Um die Kosten zu begrenzen, wollte die Bundesregierung den Ausbau der Solaranlagen eigentlich auf rund 3000 Megawatt pro Jahr begrenzen. 2011 wurden allein im Dezember Anlagen mit dieser Kapazität gemeldet. Denn zum 1. Januar sinkt die Förderung um 15 Prozent - und viele Verbraucher haben sich vorher noch schnell eine Anlage aufs Dach schrauben lassen, um den höheren Fördersatz abzustauben.

Wenn die Förderung eh sinkt - ebbt dann der Boom ab? Eher nicht. Denn die Preise für Solar-Anlagen sind zuletzt deutlich gesunken. Unterm Strich winkt Verbrauchern auch 2012 noch eine satte Rendite, wenn sie sich eine Solaranlage kaufen.

Radikale Kürzung oder Deckel?

"Die bisherige Strategie der Regierung, die Kosten zu begrenzen, ist nicht aufgegangen", konstatiert denn auch Holger Krawinkel, Energieexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Er schlägt vor, die Förderung aller Solaranlagen pauschal auf 15 Cent pro Kilowattstunde abzusenken. "Das wäre eine wirksame Maßnahme, im Gegensatz zum 'atmenden Deckel'."

Vermutlich werden aber bald auch wieder Forderungen laut, die Förderung fest zu deckeln. Bei diesem Modell würden zum Beispiel nur Anlagen mit einer Leistung von bis zu 3000 Megawatt pro Jahr gefördert. Ist diese Grenze erreicht, wird die Förderung bis Jahresende eingestellt. Röttgen ist gegen diese Maßnahme. Die Branche auch. Man könne an Spanien sehen, dass sie nicht funktioniere, heißt es. Tatsächlich wurde in diesem Land ein Deckel eingeführt - was den Markt komplett zerstörte.

Bis die Regierung ein Mittel findet, den Solar-Ausbau auf ein vernünftiges Maß zu begrenzen, werden die Kosten für die Verbraucher weiter steigen. Die Betreiber der deutschen Übertragungsnetze prognostizieren, dass die EEG-Umlage bis 2013 auf 3,66 bis 4,74 Cent steigt - hauptsächlich wegen des Solar-Booms.

EEG-Umlage für 2012 zu hoch berechnet

Immerhin: Der Anstieg der Umlage dürfte relativ gleichmäßig erfolgen. Denn neuesten Zahlen zufolge wurde die EEG-Umlage für 2012 ziemlich großzügig berechnet. Sie ist vermutlich um rund 0,2 Cent zu hoch. Die Netzbetreiber haben sich bei ihrer Kostenprognose um fast 800 Millionen Euro verschätzt. Jeder Durchschnittshaushalt mit 3500 Kilowattstunden Verbrauch zahlt nach dieser Rechnung im kommenden Jahr rund sieben Euro mehr für die EEG-Umlage als er eigentlich müsste.

Das hat folgenden Grund: Jedes Jahr wird am 15. Oktober bestimmt, wie hoch die EEG-Umlage für das kommende Jahr ausfällt. Grundlage für diese Berechnung ist das sogenannte EEG-Konto, in dem die Übertragungsnetzbetreiber alle Ausgaben und Einnahmen notieren, die im Zusammenhang mit den erneuerbaren Energien entstehen. Die Prognose für das kommende Jahr basiert allerdings auf dem Kontostand von Ende September - und der ist oft ziemlich schlecht.

Denn gerade im Sommer ist der Stromverbrauch besonders niedrig - was die Einnahmen schmälert. Gleichzeitig sind die Kosten für erneuerbare Energien besonders hoch, da die besonders hoch vergüteten Solaranlagen viel Strom produzieren. In den Herbst- und Wintermonaten gleicht sich dieses Konto oft noch aus. Denn im Winter steigt der Stromverbrauch - und mit ihm steigen die Einnahmen aus der EEG-Umlage. Gleichzeitig sind statt Solaranlagen eher Windräder aktiv - und die werden weit geringer vergütet.

Ende 2011 sah das EEG-Konto daher weit besser aus als noch im September: Verbuchte es im Herbst noch ein Minus von rund 711 Millionen Euro, stand dort zum Jahresende ein Plus von rund 80 Millionen Euro. Die EEG-Umlage hätte dadurch nach Berechnungen des Bundesverbands für erneuerbare Energien (BEE) um rund 0,2 Cent niedriger ausfallen können als sie nun ist.

An sich müsste das bedeuten: 2012 wird in der EEG-Umlage ein Puffer aufgebaut, mit dem künftige Kostensteigerungen ausgeglichen werden können. Und wenn am Jahresende von diesem Puffer etwas übrig bliebe, würde die Umlage 2013 wieder gesenkt.

Dass es dazu kommt, ist aber eher unwahrscheinlich. Denn ein erheblicher Teil dieses Puffers wird nun schon allein durch den Solar-Boom wieder aufgefressen.



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zodiacmindwarp 06.01.2012
1. Respekt vor den...
Zitat von sysopAllen Förderkürzungen zum Trotz: Der deutsche Solar-Boom geht weiter. 2011 gingen so viele Anlagen ans Netz wie noch nie. Dabei wollte Umweltminister Norbert Röttgen den Ausbau doch eigentlich stark beschneiden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,807668,00.html
Rechenkünsten des Redakteurs. Allerdings hätte er sich die Arbeit erheblich erleichtern können durch die schlichte und einfache Nennung der Wahrheit über die "Erneuerbaren Energien" (Gelächter). Und diese Wahrheit lautet: " Staatlich organisierter Betrug und legalisierter Diebstahl beim kleinen (sie und ich) Stromkunden. Mehr ist wirklich nicht zu sagen. mkG Zodiacmindwarp
MarkusW77 06.01.2012
2. Geldverteilung
Zitat von zodiacmindwarpRechenkünsten des Redakteurs. Allerdings hätte er sich die Arbeit erheblich erleichtern können durch die schlichte und einfache Nennung der Wahrheit über die "Erneuerbaren Energien" (Gelächter). Und diese Wahrheit lautet: " Staatlich organisierter Betrug und legalisierter Diebstahl beim kleinen (sie und ich) Stromkunden. Mehr ist wirklich nicht zu sagen. mkG Zodiacmindwarp
find ich nicht-ich hab ne kleine Anlage auf Dach (knapp 12KW) und die trägt sich von ganz alleine, ich hab sogar noch Plus. Kostendeckend wäre die Anlage bei ca. 800KW/a gewesen. Geleistet hat sie im letzten Jahr 1050KW/a. Und das Geld, finde ich, ist bei mir besser angelegt als bei EON und Co . ;-))
einbelgier 06.01.2012
3.
Zitat von sysopAllen Förderkürzungen zum Trotz: Der deutsche Solar-Boom geht weiter. 2011 gingen so viele Anlagen ans Netz wie noch nie. Dabei wollte Umweltminister Norbert Röttgen den Ausbau doch eigentlich stark beschneiden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,807668,00.html
Rund die Hälfte der Kosten für die EEG-Umlage entstehen allein durch die Solar-Förderung. Dabei produzieren Sonnenstrom-Anlagen nur drei Prozent des deutschen Stroms. Der "Volkswagen" war auch so ein Schlagwort. Wie nannte Tritin den Betrug: "Bürgersolaranlage". Na ja, die Deutschen scheinen ja anfällig für solche Worthülsen zu sein, und dann kann es niemand mehr stoppen......
günter1934 06.01.2012
4. Verbraucher
Zitat von sysopAllen Förderkürzungen zum Trotz: Der deutsche Solar-Boom geht weiter. 2011 gingen so viele Anlagen ans Netz wie noch nie. Dabei wollte Umweltminister Norbert Röttgen den Ausbau doch eigentlich stark beschneiden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,807668,00.html
"auf 3,66 bis 4,74 Cent steigt - hauptsächlich wegen des Solar-Booms." Zitat aus dem Artikel. Wenn es über 5 Cent steigt, dann merkt es auch der letzte Depp, was ihm da aufgehalst wird.
fabian03 06.01.2012
5.
Zitat von sysopAllen Förderkürzungen zum Trotz: Der deutsche Solar-Boom geht weiter. 2011 gingen so viele Anlagen ans Netz wie noch nie. Dabei wollte Umweltminister Norbert Röttgen den Ausbau doch eigentlich stark beschneiden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,807668,00.html
Tja, vielen Dank liebe Grüne, das größte Umverteilungsprogramm von Unten nach Oben seit Bestehen der Bundesrepublik. Viele Millionen kleine Stromkunden dürfen den ohnehin schon privelegierten Ärzten, Rechtsanwälten, Apothekern usw. noch ein hübsches Zubrot bezahlen wenn die auf ihren Villen und Mietshäusern noch Solaranlagen anbringen. Dann lieber noch ein paar Steuersenkungen für Hoteliers Marke FDP/CSU, das kommt billiger!
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