Konjunkturpakete Japans Radikalpolitik entfacht Wirtschaftsboom

In Japan keimt die Hoffnung auf ein Ende der seit zwei Jahrzehnten andauernden Stagnation. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist zum Jahresbeginn 2013 überraschend stark gewachsen. Den Aufschwung verdankt das Land vor allem der riskanten Politik des neuen Ministerpräsidenten Shinzo Abe.

Geschäftsviertel in Tokio: Der Aktienboom befeuert die Kauflust der Verbraucher
AP

Geschäftsviertel in Tokio: Der Aktienboom befeuert die Kauflust der Verbraucher


Tokio - Die aggressive japanische Konjunktur- und Geldpolitik zeigt offenbar Wirkung. Wie die Regierung am Donnerstag bekanntgab, ist das Bruttoinlandsprodukt des Landes im ersten Quartal deutlich stärker gewachsen als erwartet. Zwischen Januar und März lag die Wirtschaftsleistung demnach 0,9 Prozent höher als Ende 2012. Es war das zweite Quartalsplus in Folge. Aufs Jahr hochgerechnet wuchs die Wirtschaft sogar um 3,5 Prozent.

Nach Ansicht von Ökonomen sowie der Regierung sind die starken Zahlen eine erste Reaktion auf die Wirtschaftspolitik des neuen Ministerpräsidenten Shinzo Abe. Der seit Dezember amtierende Premier will sein Land mit massiven Konjunkturprogrammen und einer aggressiven Lockerung der Geldpolitik aus der seit zwei Jahrzehnten andauernden wirtschaftlichen Stagnation befreien.

Die neuen Zahlen zeigen, dass dies offenbar zumindest vorübergehend gelingen könnte. Die Konsumausgaben, die in Japan zu rund 60 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes beitragen, erhöhten sich um real 0,9 Prozent. Vor allem der Absatz von Luxusartikeln boomt derzeit. Die Verbraucherstimmung ist so gut wie seit Jahren nicht mehr.

Experten zufolge geht die Entwicklung vor allem auf zwei Faktoren zurück: den Boom am Aktienmarkt und den psychologischen Effekt der angekündigten Konjunkturprogramme. Mit großen Infrastrukturprojekten will die Regierung das Wachstum ankurbeln - und dafür mehr Geld ausgeben. Dabei ist Japan ohnehin bereits das am höchsten verschuldete Industrieland der Welt.

Auch die japanische Notenbank hat Ministerpräsident Abe für seinen Wachstumskurs eingespannt. Sie soll binnen zwei Jahren umgerechnet 1,4 Billionen Dollar in die Wirtschaft pumpen, vor allem über den Ankauf von Staatsanleihen, börsengehandelten Indexfonds und Immobilienfonds. Das soll die Konjunktur stimulieren und die Inflation anheizen, die in Japan seit Anfang der neunziger Jahre kaum über null Prozent lag.

Die Politik ist international hoch umstritten, weil sie den Wert der japanischen Währung Yen künstlich nach unten treibt und somit japanische Waren im Ausland verbilligt. Erste Erfolge lassen sich an den neuesten Zahlen ablesen: Die Exporte der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt legten erstmals seit einem Jahr wieder zu. Sie stiegen um 3,8 Prozent.

Ein Problem bleibt jedoch: Die Investitionen der Unternehmen gingen im fünften Quartal hintereinander zurück, dieses Mal um 0,7 Prozent.

stk/dpa-AFX/Reuters



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uezegei 16.05.2013
1.
Wahnsinnige 0,9 %, ein riesiger Boom! Da ist man fürwahr erstaunt! Und aufs Jahr hochgerechnet (und wer will bestreiten, dass sich die Hochrechnenden niemals irren!) sogar 3,5%. Alles erkauft durch hemmungslose Neuverschuldung. Fragt sich, wer in Japan, einem Land, das sogar noch stärker altert und bereits gealtert ist, das alles zurückzahlen soll. Dass sich immer noch nicht herumgesprochen hat, das hemmungsloses Schuldenmachen lediglich Strohfeuer entfacht und die Wirtschaft auf Dauer allerdings schädigt, mag verwundern. Aber wenn man so täglich die Politiker und ihre Taten beobachtet, erstaunt einen gar nichts mehr....
Alfons Emsig 16.05.2013
2. Noch ein Wirtschaftsfaktor
sind wahrscheinlich die im Juli anstehenden Oberhauswahlen (für die Hälfte der Sitze), wo die LDP die Mehrheit anstrebt. Da sind solche Zahlen natürlich mehr als willkommen. Alarmierend sind doch die rückläufigen Investitionen - fließt bereits Kapital ins Ausland? Bei einem erklärten Inflationsziel wäre das nicht verwunderlich. Und Luxusgüter sind hauptsächlich ausländischer Herkunft (Frankreich, Italien, "ein bisschen" Deutschland ist auch dabei). Das hat zu tun mit der angekündigten Erhöhung der Verbrauchssteuern.
nic 16.05.2013
3. optional
Haben die Japaner noch nie was von Merkel gehört: Sparen Sparen Sparen Löhne drücken. Ansonsten wird der Binnemarkt kaum und der Export überhaupt nicht zusammen brechen.
cdrenk 16.05.2013
4. Hinter dem Horizont
kommt unausweichlich die Geldentwertung und der Nosedive des gesamten GNP. Nach 20 Jahren ein Jahr positiv ist OK aber danach kommen weitere ´30´...
brux 16.05.2013
5. ----------
Klar doch. Wenn ich jedem Bürger 1000 frisch gedruckte Euros in die Hand gebe, wird schon etwas beim BIP passieren. Aber das heisst eben nur, dass das BIP ein untaugliches Mass ist. Wohlstand kann man nicht "erdrucken". Und wenn die Japaner wirklich Luxusgüter kaufen, dürften japanische Firmen relativ wenig profitieren.
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