Unbefristete Anleihekäufe: Japans Notenbank dreht Geldhahn weit auf

Japan steckt tief in der Rezession, jetzt reagieren die Währungshüter: Die Notenbank will unbefristet Staatsanleihen kaufen und dreht damit den Geldhahn bis zum Anschlag auf. Bundesbank-Chef Weidmann warnt vor einem "bedenklichen Übergriff" der neuen Regierung in Tokio.

Börse in Tokio: Nikkei rutscht ins Minus Zur Großansicht
REUTERS

Börse in Tokio: Nikkei rutscht ins Minus

Tokio - Japan setzt im Kampf gegen die schwächelnde Konjunktur auf umstrittene Maßnahmen. Die Notenbank des hochverschuldeten Landes kündigte am Dienstag an, in Zukunft unbefristet Anleihen zu kaufen. Damit drehen die Währungshüter den Geldhahn bis zum Anschlag auf. Bislang war das Anleihekaufprogramm zeitlich befristet.

Der Schritt überraschte Marktteilnehmer, die eine schrittweise Ausweitung des Anleihenkaufprogramms erwartet hatten. Zugleich verdoppelte die Bank von Japan ihr Inflationsziel auf zwei Prozent. Der Yen rutschte zeitweise deutlich ab und notierte zum Dollar nahe dem tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Der Dollar kletterte auf 90,18 Yen. An der Börse legte der Nikkei-Index zunächst zu, nach wenigen Minuten drehte der Aktienindex aber 0,5 Prozent ins Minus.

Die neue Regierung in Tokio hatte zuletzt den Druck auf die Notenbank erhöht, das Ziel für die Inflation anzuheben und ihr Mandat auch auf die Förderung des Arbeitsmarkts auszudehnen. Sie setzt auf die Hilfe der Notenbank, weil sie angesichts einer Staatsverschuldung von etwa 235 Prozent der Wirtschaftsleistung kaum noch Spielraum für Konjunkturpakete hat.

Japan befindet sich zum vierten Mal seit der Jahrtausendwende in einer Rezession. Zudem leidet das Land unter einer hartnäckigen Deflation - also einer Spirale aus fallenden Preisen und sinkender Investitionsbereitschaft.

In Deutschland wird der Kurs Japans mit großer Sorge gesehen. Nach Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) kritisierte auch Bundesbank-Chef Weidmann die expansive Geldpolitik. Die Einmischung der japanischen Regierung in die Angelegenheiten der Notenbank sei beispielhaft für "bedenkliche Übergriffe", sagte Weidmann. Eine Folge derartiger politischer Einflussnahme könnte laut Weidmann die zunehmende Politisierung des Wechselkurses sein. "Bisher ist das internationale Währungssystem ohne Abwertungswettläufe durch die Krise gekommen, und ich hoffe sehr, dass es dabei bleibt."

cte/Reuters/dpa

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insgesamt 93 Beiträge
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1. Lösungsansatz
Reaktorpeder 22.01.2013
Vielleicht könnte Japan einfach mal weniger "Forschungs"-Gelder in den "wissenschaftlichen" Walfang stecken. Wäre zumindest ein Anfang.
2. Wieso dann noch den Umweg über Anleihen gehen
der_rookie 22.01.2013
Da kann die Japanische Notenbank doch ohne Umweg einfach direkt Geld drucken (bzw. den Kontostand der Regierung einfach ständig überschreiben). Nach 2 Jahrzehnten Stagnation und dem gleichzeitigen massiven Aufstieg von Koreanischen und Chinesischen Wettbewerbern in klassischen Japanischen Industriebranchen (Elektronik, Auto, Handelshäuser) ist es nachvollziehbar, dass Japan einmal etwas anderes versucht. Ich wünsche ihnen Erfolg und die Einsicht wann "ausreichend" Inflation entstanden ist und der Geldhahn wieder zugedreht werden muss.
3. The German Krankheit
kaiserbubu1 22.01.2013
Wann merken Weidmann und Schäuble eigentlich das ihre Inflationshysterie uunbegründet ist?
4. und glauben sie mir das reicht
heraldik 22.01.2013
Diese Vorgehensweise hat die EZB mit Draghi eröffnet, wenn sich jetzt andere dieser Methode bedienen findet Schäuble dies bedenklich.
5. Die nächste Blase
abominog 22.01.2013
platzt bestimmt. "Living In A Bubble", oder wie muss man sich das vorstellen?
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.