Jobcenter Immer mehr Geld für Arbeitslose fließt in die Verwaltung

Jobcenter verschieben zunehmend Geld in die Verwaltung, das eigentlich für die Eingliederung Arbeitsloser gedacht ist. Im kommenden Jahr könnten etwa eine Milliarde Euro umgeschichtet werden.

Wegweiser zum Jobcenter in Gadebusch (Mecklenburg-Vorpommern)
DPA

Wegweiser zum Jobcenter in Gadebusch (Mecklenburg-Vorpommern)


Bei den Jobcentern werden immer größere Millionensummen von der Eingliederung Arbeitsloser hin zur Verwaltung verschoben. Seit 2005 wurden insgesamt 3,5 Milliarden Euro aus Eingliederungsmitteln zur Deckung von Verwaltungskosten verwendet, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervorgeht.

Im kommenden Jahr drohe die Summe umgeschichteter Gelder, die nicht für die Eingliederung der Arbeitslosen zur Verfügung stehen, auf eine Rekordsumme von einer Milliarde Euro anzuwachsen. Davor warnen Peter Clever von der Hauptgeschäftsführung des Arbeitgeberverbands BDA und Annelie Buntenbach vom DGB-Bundesvorstand in einem gemeinsamen Brief an führende Politiker der Bundestagsfraktionen. Buntenbach und Clever führen auch den Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit.

Eingliederung in den Arbeitsmarkt geschieht etwa durch Fort- und Ausbildung und Trainingskurse. Aus dem Verwaltungsbudget der Jobcenter werden Vermittler bezahlt, aber auch Leistungsabteilungen, die Hartz-IV-Bescheide schreiben. Aus der Antwort auf die Anfrage der Linken geht hervor, dass allein im vergangenen Jahr 764 Millionen Euro umgeschichtet wurden - 18,4 Prozent der Leistungen zur Eingliederung.

Von der neuen Bundesregierung erwarten Clever und Buntenbach spürbare Verbesserungen. "Seit Jahren reichen die Mittel für die Jobcenter hinten und vorne nicht", sagte Buntenbach. "Die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit muss ganz oben auf die Tagesordnung einer neuen Regierung."

Zwar sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen laut BA binnen eines Jahres um 82.000 auf 862.000, davon 773.000 im Hartz-IV-System. Doch um deren Zahl dauerhaft weiter zu senken, sind laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) deutlich mehr Jobcenter-Personal und mehr berufliche Förderung nötig. BA-Chef Detlef Scheele bemängelte zuletzt mehrfach, es gebe zu wenig Geld für die Jobcenter.

Die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Anfrage gestellt hatte, bezeichnete die Mittel-Umschichtungen als "Skandal". Sie forderte: "Schluss mit dem Kahlschlag in der Arbeitsmarktpolitik."

asc/dpa



insgesamt 75 Beiträge
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investor3000 01.12.2017
1.
Die Prozesse in der Agentur für Arbeit gleichen einer Geldvernichtungsmaschine. Vermittlungsvorschläge werden werden per Post verschickt und kosten min. das Porto. Die Antwort muss dann von den Sacharbeitern wieder per Hand in die IT eingegeben werden. Dieser Unsinn wird von sehr hoch bezahlten Führungskräften nicht angegangen. Der arme Sachbearbeiter denkt sich irgendwann einfach seinen Teil. Zu hoffen, dass man mit mehr Geld mehr erreichen kann, nun ja, als ersten Schritt sollten die Prozesse vereinfacht werden, um Gelder frei zu machen. Ich würde sogar sagen Geld aus dem "Nichts" für die Arbeitslosen zu generieren.
nadennmallos 01.12.2017
2. Zu diesem Thema fällt mir spontan Tucholsky ein, ...
... der sinngemäß sagte: Die Zentrale hat zuerst die Aufgabe sich selbst zu verwalten. Da ist was dran, denn wenn wir den Blick auf die EU werfen, anschließend auf Berlin und die Länder und schließlich immer weiter runterbrechen bis zu den Kommunen, dann stellen wir fest, dass sich diese Institutionen zu allererst selbst versorgen. Tja, Beamte kosten nun mal Geld und wollen auch in einer angemessenen Umgebung arbeiten. Doch bevor wir hier zum teilweise berechtigten Beamten-Bashing ausholen und damit vom Thema abweichen, sollten wir uns fragen, ob wir nicht selbst mitschuldig sind an dieser Misere. Wir alle wollen die optimale Betreuung und das Maximum an Freiheit ohne uns um das Procedere zu kümmern. Sind nicht zuletzt deswegen die Beamtenapparate soweit aufgeblasen worden? Wo mahnen wir denn beispielweise eine Controlling-Instanz bei unserem Abgeordneten ein? Wir nehmen einfach alles hin und wissen gar nicht wo die Gelder verschwinden. Das fängt bei ganz simplen Einrichtungsgegenständen, wie dem Mobiliar an: Brauche ich wirklich einen Eames-Chair, einen High-End-Rechner, eine tolle Softwarelösung usw, usw, wenn diese Dinge in den meisten Fällen kaum genutzt oder nur unzureichend ausgeschöpft werden. Es sollte uns also interessieren, wo diese Gelder hinwandern.
der-junge-scharwenka 01.12.2017
3. Schlanker Staat
Ja, das ist nicht schön. Es ist vor allem der falsche Ansatz, der stört: Das Entweder-Oder. Entweder Geld für den Arbeitsmarkt oder für die Verwaltung. Richtig ist wohl, dass Geld in beiden Bereichen erforderlich ist. Wenn wir uns mal von dem eingefahrenen Weltbild lösen, dass Behördenmitarbeiter in den Augen der Bevölkerung stets entweder dumm oder faul oder sogar beides sind, dann können wir mit etwas kritischem Nachdenken durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass viele der Fehler, die der Hartz-IV-Verwaltung vorgeworfen werden, strukturell bedingt sind. Viele Dinge sind Folgen einer Massenverwaltung, der die Behörden wegen ungenügender sachlicher und personeller Ausstattung nicht Herr werden und bei diesen Rahmenbedingungen wohl auch nicht Herr werden kann. Ja, klar: In der Freien Wirtschaft geht immer alles viel besser; die Leute sind motiviert und wissen, was sie tun. Wer einmal in einem durchschnittlichen Kaufhaus am Freitagabend vom einzigen verbliebenen Verkäufer eine fachkundige Beratung einholen wollte, weiß, dass das eine Lüge ist. Die Qualität jeder Arbeit hängt neben anderem zentral von der Belastung der Beschäftigten ab. Überall. Und auch in den Verwaltungen. Schlecht funktionierende Verwaltungen folgen aus mangelnder personeller und technischer Ausstattung. Sie sind Kinder dessen, was uns Wirtschaftsberater seit Jahrzehnten als das einzig glücklich machende Rezept verkaufen wollen: des Schlanken Staats. Ein schlanker Staat ist ein funktionsunfähiger Staat. Es ist keine schlechte Idee, dem entgegenzuwirken.
G.Real 01.12.2017
4. Man könnte den Eindruck haben,...
1) dass die sog. "Arbeistverwaltung" ihre wesentliche Aufgabe darin sieht, die Beiträge an Dienstleister von zweifelhafter Kompetenz für Fortbildungen von kaum noch zweifelhaftem Niveau umzuschichten. Hauptsache: ein Kursteilnehmer weniger in der Statistik 2) dass die Beiträge zu einer Art zweiter Steuer verkommen sind, um eine zunehmende Zahl willfähriger, der jeweiligen Regierung treu ergebener Bediensteter zu alimentieren Man könnte den Eindruck haben, dass eine ähnliche Situation bei den gesetzlichen Krankenversicherungen besteht, die wohl immer noch ohne jede substantielle Prüfung die Zahlungsanforderungen der kassenärztlichen Abrechnungsstellen freudig erregt bedient. Ich stelle mir vor, dass durch eine effizientere, sachorientierte Verwaltung erhebliche Gelder gespart werden können, die zu einer Senkung der Beiträge und damit zu einer Senkung der Arbeitskosten verwandt werden könnten: das bare Geld ist beim Bürger immer noch besser aufgehoben als in der Verwaltung.
Kamatipura 01.12.2017
5. Bei einem bedingungslosen Grundeinkommen
könnte man sich die ganzen Kosten der Verwaltung, Verteilung und Subventionierung sparen. Wer zusätzlich zum BGE einen Job nachgehen will, der sucht sich aus eigener Kraft einen. Ich höre schon die zweifler, "Keiner würde mehr ein Klo putzen". Für einen Stundenlohn von 25 Euro würden Bewerber dafür Schlange stehen, dede Wette... Aber gut bezahlte Anwälte, die gegen 20 Prozent der H4 Bescheide klagen, die wären dann überflüssig, das stimmt wohl.
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