Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa Die verzerrte Quote

Jeder zweite junge Spanier ist ohne Job - diese Statistik ist so bekannt wie falsch. In Wahrheit ist rund ein Fünftel der Spanier unter 25 arbeitslos. Trotzdem zielen die Hilfsprogramme der Bundesregierung allein auf junge Menschen. Experten beklagen, dass andere die Hilfe dringender bräuchten.

Jugendprotest in Madrid (9. Mai): Förderung nur nach Alter
AP/dpa

Jugendprotest in Madrid (9. Mai): Förderung nur nach Alter


Hamburg - In den vergangenen Tagen schien es, als habe die gesamte Bundesregierung die Jugendarbeitslosigkeit als ihr Thema entdeckt: Angela Merkel (CDU) kündigte einen Job-Gipfel für Europas Jugend an, ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) versprach in Portugal ein Kreditprogramm für Firmen, die junge Arbeitslose ausbilden. Ursula von der Leyen (CDU) war nach Madrid gereist, um sich der "drängendsten aller Aufgaben" (Außenminister Westerwelle) anzunehmen. Im Gepäck hatte sie einen Ausbildungspakt, der in den nächsten vier Jahren 5000 spanische Jugendliche in deutsche Betriebe bringen soll. Für die rührige Arbeitsministerin geht es am Dienstag gleich weiter: Auf einem Kongress des sonst nicht immer als Arbeitnehmerfreund bekannten Karstadt-Investors Nicolas Berggruen will von der Leyen einen "New Deal" für Europas Jugend vorstellen.

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Heft 22/2013
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Der geballte Einsatz deutscher Regierungsprominenz für Südeuropas Jugend scheint angemessen: Die Jugendarbeitslosigkeit in den Euro-Krisenstaaten hat schockierende Ausmaße erreicht: Für Griechenland meldete die europäische Statistikbehörde Eurostat Ende 2012 eine Quote von 57,9 Prozent, für Spanien 55,2 Prozent. Jeder zweite Jugendliche ist dort ohne Job. Oder?

Dass diese Interpretation falsch ist, darauf verweist Eurostat in einer versteckten Anmerkung seines Statistik-Glossars: Eine hohe Quote bedeute "nicht zwangsläufig, dass die Gruppe der jungen Arbeitslosen groß ist". Denn sie misst nur den Anteil der Arbeitslosen an allen Jugendlichen, die Arbeit suchen oder haben. Schüler und Studenten bleiben also außen vor - obwohl sie mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen ausmachen.

Einiges spricht dafür, dass die klassische Jugendarbeitslosenquote ein verzerrtes Bild der Realität liefert: Der Anteil der schlecht Qualifizierten unter den jungen Arbeitskräften ist weit höher als unter allen jungen Menschen. Wer mit 14 Jahren die Schule schmeißt, wird zehn Jahre lang als Arbeitskraft - oder wahrscheinlicher: Arbeitsloser - mitgezählt.

Die Intelligentesten eines Jahrgangs dagegen studieren meist auch am längsten - und tauchen solange nicht in der Statistik auf. Wer bis zum Master kommt oder promoviert, ist meist schon 25 oder älter, wenn er auf den Arbeitsmarkt kommt - und bessert die Jugendstatistik gar nicht mehr auf.

Als Alternative weist Eurostat den Anteil der Arbeitslosen an allen Unter-25-Jährigen aus. So betrachtet sieht die Lage der Jugend in Südeuropa immer noch schlimm aus, aber längst nicht so katastrophal: Nach dieser Messmethode war Spanien Ende 2012 trauriger Spitzenreiter - mit knapp mehr als 20 Prozent. Griechenland lag bei 16 Prozent. In Italien waren rund 10 Prozent der Jugendlichen arbeitslos.

Die Krise trifft die nicht mehr ganz Jungen am brutalsten

Arbeitslos ist also nicht jeder zweite junge Spanier, sondern jeder fünfte. Doch auch diese Quote ist katastrophal hoch und unterschätzt das wahre Elend wiederum: Manche studieren nur weiter, weil sie die Trostlosigkeit und das Stigma der Arbeitslosigkeit fürchten. Und selbst die mit Job arbeiten oft zu Niedriglöhnen. Ist es also letztlich nicht egal, ob 20 oder 50 Prozent arbeitslos sind?

Ist es nicht: Aus Sicht von Ökonomen sind die jungen Arbeitslosen gar nicht die größten Verlierer der Krise - andere Gruppen bräuchten noch dringender Hilfe: "Das Alter ist das falsche Kriterium, um zu bewerten, wer förderwürdig ist", sagt Carlos Martin Urriza, leitender Ökonom in Spaniens größter Gewerkschaft CCOO. Über 30-Jährige, die höchstens die Realschule abgeschlossen haben, seien in Spanien häufiger und länger arbeitslos als Hochqualifizierte unter 30. In den Jahren des Immobilienbooms schmissen tausende junge Spanier Schule oder Studium, um auf dem Bau schnelles Geld zu verdienen. Viele sind heute über 30 und fallen damit durchs Raster der deutschen Förderprogramme.

Die Krise trifft die nicht mehr ganz Jungen am brutalsten: "Als die Wirtschaft florierte, nahmen sie billige Kredite auf, bauten Häuser und gründeten eine Familie. Heute sind 88 Prozent der arbeitslosen Familienernäher über 30", sagt Urriza. Jüngere Arbeitslose hätten dagegen meist noch kein Haus, das geräumt werden könne, keine Familie, die sie ernähren müssen. Nach dem Studium wieder bei den Eltern einziehen zu müssen ist schmerzhaft. Seine Kinder hungrig ins Bett schicken zu müssen ist schlimmer.

"Für Europas Politiker haben nur die jungen Leute Priorität"

Auch für Juan José Dolado, Arbeitsmarktexperte an der Universität Carlos III in Madrid, sind nicht die Jungen, sondern die Geringqualifizierten jeden Alters "das wahre Problem". Die Rückkehr an Schule oder Universität sei für Menschen, die Familien versorgen müssen, keine Lösung. Gerade sie bräuchten eine duale Ausbildung nach deutschem Vorbild, forderte Dolado kürzlich in der Zeitung "El País".

Stattdessen, beklagt Gewerkschafter Urriza, seien viele Maßnahmen aus Europa pure Symbolpolitik: Die im Februar beschlossene Beschäftigungsgarantie der EU schließt aus seiner Sicht nicht ohne Grund nur die Arbeitslosen unter 25 ein - die könne man leichter mit unbezahlten Praktika aus der Statistik bugsieren. "Über 30-Jährige auszubilden, ist eine teure und langfristig angelegte Maßnahme - dafür fehlt der Politik der lange Atem", sagt Urriza.

Folglich zielt auch die neue "Strategie für jugendliches Unternehmertum und Beschäftigung" der spanischen Regierung nur auf 16- bis 30-Jährige. "Die Regierung beschließt die Programme, für die sie aus Europa Unterstützung bekommt. Sie nehmen das Geld und stellen keine Fragen", beklagt Gewerkschafter Urriza. "Und für die europäischen Politiker haben eben nur die jungen Menschen Priorität."

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insgesamt 77 Beiträge
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xehris 28.05.2013
1. Jugendwahn und Verdrängungsprozesse
Auch in Deutschland ist es ab einem bestimmten Alter, in manchen Branchen schon ab 35, sehr schwierig, eine neue Arbeitsstelle zu finden. Deutsche Politiker fördern jene, die von deutschen Unternehmen verlangt werden: hauptsache die Arbeitskräfte sind jung, flexibel, wenig anspruchsvoll und billig. In Deutschland werden junge zugewanderte Arbeitskräfte zunehmend gegen ältere einheimische Arbeitnehmer ausgespielt, ein übles Spiel, das mehr als 1 Million ältere Arbeitnehmer bereits in das Elend von Hartz-IV gedrückt hat.
sarido 28.05.2013
2. Bitte lernt von uns deutschen ...
Das Schulsystem im Staat deutlich zergliedern, jede Region ein eigenes. Hier in Deutschland hat man (noch) an weiterführenden allgemeinbildenden Einrichtungen: Hauptschule, Realschule, Oberschule, Gemeinschaftsschule, IGS(der Pädagogen Liebling), KGS (bleibt mein wahrer Liebling) und dann das Gymnasium als G8 und G9. Ziel aller Bildungspolitiker scheint zu sein möglichst allen ein Abitur zu geben. Ich habe bewusst nicht geschrieben: "..., allen ein Abitur zu ermöglichen." Was dieses Wert ist, sieht man, wenn es zum Schwur kommt, an der Uni oder bei Einstellungstests. Hauptsache die Jugendlichen verfälschen nicht die Statistik ungewollt. Aber mein Hauptpetitum für die deutsche Bildungspolitik bleibt: Einheitliches Schulsystem für alle 16 Länder, änderungen nur mit 2/3 Mehrheit. Das bringt Konstanz! Hier ist Förderalismus am wenigsten angepracht und wird am meisten praktiziert. Und das bei heutigen Forderungen der beruflichen Mobilität.
analyse 28.05.2013
3. Soso,schlimm aber nicht katastrophal! Was soll mit dieser Meldungerreicht werden?
Soll das Frau Merkel entlasten,die ja ander katastrophalen Jugendarbeitslosigkeit in Spanien schuld ist und jetzt nur noch an einer schlimmen ? Man stelle sich eine Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland von 20%,oder mehr vor ! Aber bestimmten Medien reicht ja schon ,daß wir zwar die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa haben,aber eben immer noch Arbeitslose in einem Land hungernder Kinder abstürzendem Mittelstand ,katastrophalen Bildungsverhältnissen(die USA und andere Staaten nachahmen wollen -sicher um dadurch ihre Jugendlichen besser ausbeuten zu können) und überhaupt eben eine Babanenrepublik mit unfähigen Politikern an der Spitze ,die müssen endlich abgewählt werden,damit es uns so gut geht wie in Frankreich!
franklin1157 28.05.2013
4. Arbeitslose in Deutschland
Es bleibt für die Bundesregierung sicher auch genug zu tun für die Jugendlichen hier. Ist mal wieder typisch, dass für andere Geld da ist, nur nicht für das eigene Volk. Allem Anschein wird vrsucht, mjt hier gezahlten Steuergeldern in Europa Schönwetter zu machen, nachdem das Image Deutschlands durch die Agenda-Politik zu Dumpinglöhnen in Deutschland geführt hat - angeblich z.T. Ursache für die schlechte Wirtschaftslage in Südeuropa. Verdammt, unserer Steuern werden veruntreut! Gebt das Geld hier aus! Schaut Euch doch mal die Schulen, die Schwimmbäder, Straßen etc. an. Es gibt hier genug Investitionsbedarf. Aber so ist es schon seit Jahren: Deutschland - nach außen Hui und innen Pfui!
EchoRomeo 28.05.2013
5. Und wer verbreitet üblicherweise solchen Informationsmüll
Es sind doch in der Regel die Medien, vorwiegend solche mit Links und Öko-Tendenz, die solche Erhebungen veröffentlichen, aufstylen und als Kampfkeule benutzen. Die Politiker werden meist erst durch die Schlagzeilen geweckt und agieren dann immer erst einmal um sich nicht den Vorwürfen aus der gleichen Ecke ausgesetzt zu sehen. Man stelle sich nur vor, ein gewissenhafter Politiker hätte die spanischen Horrorzahlen relativiert. Die Journaille und der politische Gegener hätten ihn sofort geschlachtet.
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