Junge Spanier in Deutschland: Hauptsache Zukunft

Von , Florian Diekmann und

Aus dem Krisenland Spanien ins Wirtschaftswunderland Deutschland: Tausende junge Akademiker flüchten in die Bundesrepublik, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Doch wenn sie in Berlin, München oder Hamburg angekommen sind, geht ihr Kampf erst richtig los.

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Paula del Prado in Deutschland: "Ich bin glücklich, hier zu sein"

Madrid/Hamburg - Ein bisschen überraschend ist es schon, dass Maria unbedingt zurück nach Berlin will, sie hat dort nicht nur gute Erfahrungen gesammelt.

Bei einem von zahllosen WG-Castings musste sie sich anhören, als Spanierin habe sie doch sicher ständig Freunde zu Besuch. Beim Kebab-Essen wurden sie und ihre Freundinnen aus Italien und Portugal von einem Fremden beschimpft. Und als sie endlich einen Job in einem Modegeschäft gefunden hatte, hörte sie wegen Problemen mit der Sprache nach zwei Wochen wieder auf. "Es war furchtbar." Schließlich floh sie in ihre Heimatstadt Madrid.

Maria hat dasselbe erlebt wie derzeit viele Spanier: Auch in Deutschland ist es nicht leicht, einen gutbezahlten Job zu bekommen. Wer nicht fließend Deutsch spricht, wird schnell aussortiert. Warum sie sich in Deutschland dennoch ganz gut fühlte, ist Rückkehrerin Maria mittlerweile klar. "Ich war so froh in Berlin, weil ich nicht sehen konnte, wie Spanien kaputtgeht."

Vier Monate lang lebte Maria Lillo, 24, Ende vergangenen Jahres in Berlin. Viele ihrer Landsleute planen trotz aller Hürden ebenfalls, vor der schweren Wirtschaftskrise ins Ausland zu flüchten - oder sind gerade angekommen. Fast 7300 Spanier zog es allein im ersten Halbjahr 2011 laut Statistischem Bundesamt nach Deutschland. Das sind fast doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Ziemlich sicher ist: Solange die Krise anhält, wird der Zustrom junger Spanier nach Deutschland kaum abebben. Die meisten eint die Hoffnung, ihre Fähigkeiten auf dem vergleichsweise paradiesischem deutschen Arbeitsmarkt beweisen zu können - und sich eine Perspektive für die Zukunft zu erarbeiten. Aber jeder von ihnen hat andere Voraussetzungen und Gründe für seine Entscheidung. Und jeder geht auf seine Art mit den Herausforderungen in der fremden Bundesrepublik um.

In Spanien gilt, was Maria bei einem Treffen in einer Kneipe in Madrid so beschreibt: "Wir haben 200 Tage Sonne im Jahr, aber keine Arbeit." Fast jeder zweite Spanier unter 25 Jahren ist arbeitslos, in Deutschland ist es nicht einmal jeder zehnte. Maria hat zudem das Pech, Journalismus studiert zu haben. Die Krise hat neben der Bauindustrie auch die Medienbranche hart getroffen, dort ein sicheres Auskommen zu finden, ist derzeit nahezu aussichtslos. Darum versuchte Maria ihr Glück in Berlin.

"Die Alten haben Party gemacht, und wir bezahlen dafür"

Jordina Pallarols: "Mein Leben in Deutschland ist ganz auf Arbeit fokussiert" Zur Großansicht

Jordina Pallarols: "Mein Leben in Deutschland ist ganz auf Arbeit fokussiert"

Jordina Pallarols hat nicht die Jobsuche nach Deutschland getrieben - ihre Mission ist es, ihren Arbeitsplatz zu sichern. Die Solarfirma, für die sie arbeitet, spürte die Flaute auf dem spanischen Markt. Also entschloss sich das Unternehmen mit Sitz in Barcelona, in Europa zu expandieren. Jordinas Freund ist Deutscher, und so lag es nahe, dass die 26-Jährige vor zehn Monaten nach München zog, um die deutsche Filiale aufzubauen. "Mein Leben in Deutschland ist ganz auf die Arbeit fokussiert", sagt die Managerin.

Wirtschaftsingenieure wie Jordina finden auch in Spanien noch Arbeit. "Alle meine Kommilitonen haben heute eine Stelle." An die früher üblichen üppigen Gehälter sei aber nicht mehr zu denken, Jordina schätzt, dass sie für Berufsanfänger nur halb so hoch liegen wie in Deutschland.

Spanien im Aufbruch
Niemanden hat der wirtschaftliche Absturz Spaniens so hart getroffen wie die junge Generation des Landes. Eine Woche lang berichten SPIEGEL-ONLINE-Reporter aus Madrid, Bacelona und Cordoba. Sie beschreiben eine Jugend zwischen Arbeitslosigkeit und Aufruhr - aus der viele ihr Glück nun in Deutschland suchen wollen.
Wie Altersgenossen in anderen europäischen Krisenländern machen junge Spanier derzeit eine bittere Erfahrung - unabhängig davon, ob sie arbeitslos sind wie Maria oder erfolgreich wie Solarmanagerin Jordina: "Ich werde nie ein so gutes Leben haben wie meine Eltern", sagt Maria. Vater und Mutter besitzen vier Wohnungen. Die Tochter ist sich jetzt schon sicher, dass ihr nie auch nur eine einzige gehören wird. Erfolgsfrau Jordina sieht gerade im hohen Lebensstandard der Eltern eine Ursache der spanischen Misere. "Die Alten haben Party gemacht, und wir müssen dafür zahlen." Spanien habe lange Jahre über seine Verhältnisse gelebt. "Vor der Krise sind alle am Wochenende Ski gefahren, viele hatten ein Ferienhaus in den Bergen und eines am Strand", sagt Jordina.

Sich von den gewohnten Standards zu verabschieden, fällt den jungen Spaniern nicht leicht. Maria hat sich zwar damit abgefunden, nicht im Traumberuf zu arbeiten. Doch nach behüteter Kindheit und jahrelangem Studium sei sie auch "nicht darauf vorbereitet, in einem Lidl zu arbeiten. Und das ist schade", fügt sie lachend hinzu, "denn dort verdient man zehn Euro in der Stunde."

"Einige arbeiten für 300 Euro, nur um einen Fuß in die Tür zu bekommen"

Paula del Prado ist schon einen Schritt weiter als Maria - obwohl sie mit den gleichen Voraussetzungen nach Deutschland kam. Statt sich mit Sehnsüchten aufzuhalten, ist sie pragmatisch. Sie würde selbst einen Kassierer-Job als Chance begreifen. Ihren Umzug von Madrid nach Hamburg empfindet sie nicht als Flucht, sondern als gute Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln. "Ich bin glücklich, hier zu sein", sagt sie.

Dabei war es natürlich auch die Krise, die Paula im September 2011 nach Deutschland trieb. Gerade hatte die 22-Jährige ihren Abschluss an der Universität in Madrid gemacht, da packte sie schon ihren Koffer, um auszuwandern. Wie Maria hat sie Journalismus studiert. Während ihrer Praktika bei Zeitungen und beim Radio konnte sie jedoch beobachten, wie mies die Einstiegsbedingungen für junge Redakteure derzeit sind. "Einige Freunde arbeiten für 300 Euro brutto im Monat, nur um einen Fuß in die Tür zu bekommen", sagt Paula. Diese Erfahrungen hätten ihr die Lust auf den Beruf genommen.

Nun ist Paula bei einem jungen Hamburger Unternehmen für Sportreisen beschäftigt. Sie übersetzt vom Englischen ins Spanische und baut Kontakte zu Hotels in ihrer Heimat und in Lateinamerika auf. Dass sie momentan für nur 400 Euro arbeitet, macht ihr nichts aus. "Anders als in Spanien habe ich die Aussicht auf einen festen Vertrag und ein richtiges Gehalt. Das zählt für mich." Auch ihre Familie, die sie finanziell unterstützt, sehe das so.

"In Spanien reden die Menschen nur über die Krise"

Wie es scheint, hat die Krise Paula einen eisernen Willen geschenkt: Neben ihrem Vollzeitjob besucht sie noch dreimal die Woche abends einen Deutschkurs, am Wochenende macht sie eine Fortbildung zur Spanischlehrerin.

Es ist nicht nur die Aussicht auf eine Festanstellung, die die Wahlhamburgerin Paula begeistert. "Das Team legt sehr viel Wert darauf, dass die Atmosphäre stimmt. Das weiß ich sehr zu schätzen - auch weil es so anders ist als in Spanien." Ob in den Betrieben, im Gespräch mit Freunden, auf der Straße - überall stehe in Spanien die Krise im Mittelpunkt, sagt Paula. Nicht so in Deutschland. Glücklicherweise. So werde sie in Hamburg als junge Frau aus dem Urlaubsland Spanien wahrgenommen, nicht als bemitleidenswertes Kind aus einem Krisenland.

Und so findet derzeit ein wahrer Exodus der Jungen aus Spanien statt: Wer die finanziellen Möglichkeiten hat und ungebunden ist, wandert aus. Hauptsache Zukunft, lautet ihr Motto. Meist sind es die Qualifizierten, die es schaffen. Schulabbrecher oder einfache Arbeiter sind dagegen der aussichtslosen Lage in ihrer Heimat ausgeliefert.

Doch selbst die Qualifizierten sind am Ziel nicht immer willkommen. So ist Maria in Berlin auf ein eher begrenztes Verständnis für ihre Lage gestoßen. Zwar gebe es jene, die Spanien liebten und sehr offen seien. Vor allem ältere Deutsche hätten ihr aber ins Gesicht gesagt, dass sie wenig von den neuen spanischen Gastarbeitern halten. Dennoch will sie wieder nach Berlin - falls sie in Madrid bis zum Frühjahr keine Beschäftigung findet. "Dann gehe ich zurück und mache alles, was ich bisher nicht machen wollte."

Und wie wäre es, in einen anderen Teil von Deutschland zu gehen - dorthin, wo tatsächlich Arbeitskräfte gesucht werden und weniger Konkurrenz durch andere Spanier herrscht? Das sei eine gute Frage, sagt Maria, so richtig sicher scheint sie sich über die Antwort nicht zu sein. Hamburg könnte sie sich vielleicht vorstellen, ihr Großvater verkaufte dort einst Orangen, ihre Mutter war deshalb als Kind regelmäßig an der Elbe.

Sie bewerbe sich in einem fort, beteuert Maria. Selbst den Absagen aus Deutschland kann sie etwas Positives abgewinnen. In Spanien gebe es meist gar keine Rückmeldung, "Deutsche Unternehmen antworten wenigstens."

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insgesamt 87 Beiträge
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1. ????
Nonvaio01 22.02.2012
Zitat von sysopAus dem Krisenland Spanien ins Wirtschaftswunderland Deutschland: Tausende junge Akademiker flüchten in die Bundesrepublik, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Doch wenn sie in Berlin, München oder Hamburg angekommen sind, geht ihr Kampf erst richtig los. Junge Spanier in Deutschland: Hauptsache Zukunft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816731,00.html)
hatten wir nicht am morgen einen "wunderbaren" artikel ueber deutsche in Barcelona... Nun halt andersherrum. Wilkommen in D, bin mir sicher auch Ihr werdet einen Job fuer 1€ finden..;-) Gruss aus Irland..;-)
2. Sollte man solche Blauäugigkeit nicht
herr_kowalski 22.02.2012
Zitat von sysopAus dem Krisenland Spanien ins Wirtschaftswunderland Deutschland: Tausende junge Akademiker flüchten in die Bundesrepublik, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Doch wenn sie in Berlin, München oder Hamburg angekommen sind, geht ihr Kampf erst richtig los. Junge Spanier in Deutschland: Hauptsache Zukunft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816731,00.html)
passender als Dummheit bezeichnen ? Ohne die Landessprache fliessend zu beherrschen geht nirgendwo etwas. Vielleicht sollten diese jungen Leute vorher ein wenig nachdenken.
3. Warum denn ausgerechnet Berlin?
scheich_manfred 22.02.2012
also ich habe mal eine Spanierin getroffen, die in Berlin als Bauingenieurin arbeitet, aber die sprach ausgezeichnetes deutsch. Ansonsten hat Berlin sogar für die Einheimischen wenig gut bezahlte Jobs zu bieten. Aber wenns denn unbedingt sein muss: Leihbude geht immer.
4. Sobald man ...
MünchenerKommentar 22.02.2012
Zitat von sysopAus dem Krisenland Spanien ins Wirtschaftswunderland Deutschland: Tausende junge Akademiker flüchten in die Bundesrepublik, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Doch wenn sie in Berlin, München oder Hamburg angekommen sind, geht ihr Kampf erst richtig los. Junge Spanier in Deutschland: Hauptsache Zukunft - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816731,00.html)
... ein gewisses akademisches Niveau erreicht hat, sind perfekte deutsch Sprachkenntnisse nicht mehr das wirklich relevante, einigermaßen vernünftiges Englisch geht dann auch. Wenn man nicht ganz blöd ist, hat man auch Deutsch nach einem halben Jahr oder einem Jahr ausreichend drauf, wenn ich mich da an meine Exkollegen erinnere. In diesem Sinne: Viel Erfolg in Deutschland!
5. Das ist richtig
dr.edi 22.02.2012
Zitat von herr_kowalskipassender als Dummheit bezeichnen ? Ohne die Landessprache fliessend zu beherrschen geht nirgendwo etwas. Vielleicht sollten diese jungen Leute vorher ein wenig nachdenken.
und es wird immer vergessen das man hochqualifizierte Fachkräfte in deutschland sucht und nicht 24Jahre alte Studienabgänger die eigentlich keine Ahnung haben. Da haben es auch die Deutschen schwer. Insbesondere wenn man nicht einschlägige Praktika als Ingenieur vorweisen kann. Und sollte der Spanier länger als 3Jahre ohne Job gewesen sein kann er es eigentlich ebenso vergessen, denn dann bekommt man erst recht keine gut bezahlte Arbeit.
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