Aus Cantanhede berichtet Stefan Schultz
Der Geschmack des Weines. Für die meisten Menschen ist er das Produkt fruchtbarer Böden und einer Sonne, die Trauben langsam reifen lässt. Ana Catarina Gomes hat eine andere Definition. Für sie ist Geschmack vor allem ein Gencode.
In ihrem Labor entschlüsselt die Portugiesin mit den kinnlangen schwarzen Locken die genetischen Unterschiede von Trauben. Und sie analysiert jene Mikroorganismen, die den Most bei der Gärung in Wein verwandeln. Schon bald will sie den Säuregehalt der Weinsorten steuern und bestimmen, ob sich in den Geschmack ein Hauch von Orange oder doch lieber eine Prise Zitrone mischt.
Geschäftlich feiert die 34-Jährige erste Erfolge. Sie wurde von Sogrape engagiert, von Portugals größtem Weinhändler und einem der umsatzstärksten Konzerne der Nation. Doch ihr eigenes Land ist der Molekularbiologin nicht genug. "Unser Ziel ist es, überall auf der Welt die Weine besser zu machen", sagt sie.
Es gibt zahlreiche Portugiesen, die wie Gomes denken, nur dass selten jemand über sie spricht. Zu allgegenwärtig ist die Krise, zu erdrückend sind die Nachrichten über schrumpfende Löhne und wachsende Arbeitslosigkeit. Schon fragen sich Europas Krisenmanager, ob nach Griechenland bald auch Portugal einen Schuldenschnitt braucht.
Dabei sind die Aussichten auf einen Erfolg der Reformen in Portugal deutlich besser als in Griechenland - und das liegt auch an Menschen wie Ana Catarina Gomes. Sie fragen nicht, ob der nächste Aufschwung kommt, sondern wann. Und wie es ihnen gelingt, die Durststrecke bis dahin zu überwinden. Sie haben die Hoffnung in ihr Land nicht aufgegeben.
Ende Juni attestierte das Freiburger Zentrum für Europäische Politik der Lissabonner Regierung, sie mache bei der Umsetzung ihres Sparprogramms gute Fortschritte. Durch konsequente Strukturreformen wie die Liberalisierung des Arbeitsmarkts sei das Land auf einem guten Weg, wieder wettbewerbsfähiger zu werden.
Doch zur Wettbewerbsfähigkeit braucht man nicht nur die richtigen politischen Rahmenbedingungen, sondern auch Unternehmer, die diese Bedingungen zu nutzen wissen. In Griechenland fehlt es nicht nur an den richtigen Bedingungen, sondern auch an innovativen Unternehmern und wettbewerbsfähigen Produkten. In Portugal hingegen gibt es unzählige Menschen, die in der Krise bereits an ihrem unternehmerischen Erfolg von morgen arbeiten.
Auswege aus der Wirtschaftskrise
Gomes' Weinlabor gehört zu einem Technologiepark, in dem noch 20 weitere Firmen sitzen, dazu ein Forschungszentrum mit rund 150 Wissenschaftlern, die zusammen mit den Firmen neue Ideen und Produkte testen. Der gläserne, von Lamellen beschattete Gebäudekomplex nennt sich Biocant und liegt mitten im Wald zwischen Pinien und Eukalyptusbäumen und den Universitätsstädten Aveiro und Coimbra.
Viele Firmen auf dem Gelände haben eine ähnliche Strategie, um im globalen Wettbewerb zu bestehen: Sie schaffen innovative Biotech-Produkte und greifen gleichzeitig auf den Erfahrungsschatz der traditionellen portugiesischen Wirtschaft zurück. Zum Beispiel auf das über Jahrhunderte kultivierte Wissen über Weinanbau, Land- und Forstwirtschaft.
Die Firma CEV etwa stellt ein Biofungizid her, ein Schädlingsbekämpfungsmittel, mit dem sich Weinreben und Mandelbäume umweltschonend behandeln lassen. In- und ausländische Investoren haben bereits 25 Millionen Euro in das Unternehmen gesteckt. Ab Januar 2013 wird CEV das Mittel in großen Mengen nach Kanada und in die USA exportieren. Die Verträge sind unterzeichnet, die erste Fabrik wird gerade gebaut.
Unternehmen wie CEV und Projekte wie das von Ana Catarina Gomes haben vieles, was sich andere portugiesische Firmen noch erarbeiten müssen. Die Produkte haben Alleinstellungsmerkmale; sie können sie mit höheren Margen verkaufen statt sich mit der Konkurrenz eine Rabattschlacht zu liefern. Und es sind Produkte für die ganze Welt, mit dem Potential, Portugals Exporte anzukurbeln. Dies ist dringend nötig, denn das Land hat viel zu lange über seine Verhältnisse gelebt.
Die verlorene Dekade
Nach der Integration in die Europäische Union Anfang der neunziger Jahre war Portugals Wirtschaft zunächst stark gewachsen. Einfache Produktionsverfahren, für die man viele billige Arbeitskräfte braucht, wurden aus den Kernregionen der EU nach Portugal ausgelagert - etwa die Herstellung von Textilien. Ausländisches Kapital floss ins Land und entfachte einen Investitionsboom.
Doch schon bald zeigte sich, dass die Niedriglohnstrategie nicht nachhaltig war. In Portugal stiegen die Löhne, schnell übernahmen Billigproduzenten aus Osteuropa die Rolle der Werkbank Europas. Portugals Wachstumsmotor stotterte, und die Politik schaffte es nicht, den Standort weiterzuentwickeln.
1999 trat Portugal dem Euro bei und konnte sich fortan zu günstigen Zinsen Geld leihen. Das hatte fatale Folgen. Gleich mehrere Regierungen schoben unpopuläre Entscheidungen auf. Es war so einfach, sich billig zu verschulden, warum sollte man die Wähler da mit der Lockerung des Kündigungsschutzes vergrätzen? Oder gar mit dem Abbau von Sozialleistungen?
Mit den Jahren verschlimmerte sich die Strukturkrise, die Produktivität portugiesischer Unternehmen sank, und das Land verfiel in eine Art ökonomische Lethargie. 2000 bis 2009 wuchs die Wirtschaft insgesamt um gerade mal ein Prozent. Ökonomen sprechen von Portugals verlorener Dekade.
Aufbruch in die grüne Ökonomie
Nun geht die Lissabonner Regierung die Strukturreformen an - auf Druck der sogenannten Troika aus EU-Kommission, EU-Ländern und Internationalem Währungsfonds, deren Finanzhilfen sie bezieht. Die Arbeitsmärkte werden flexibilisiert, das Gesundheits- und Sozialsystem billiger, das Rechtssystem wird unternehmerfreundlicher. Zudem greifen frühere Reformen. So ist die Anzahl der Hochschulabsolventen pro 1000 Erwerbstätige zwischen 2005 und 2009 von 10,4 auf 14,1 gestiegen. Portugal hat mit vielen anderen OECD-Ländern fast gleichgezogen, heißt es im aktuellen Innovationsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft.
In einigen Sektoren herrscht bereits wieder Aufbruchstimmung. Die Textilproduktion mag nach Osteuropa abgewandert sein, dafür gibt es nun Firmen wie Textil Manuel Goncalves, die hochpreisige Markenkleidung made in Portugal vertreiben.
Besonders groß sind die Erwartungen im Bereich der erneuerbaren Energien. Mit seinen Küsten, überdurchschnittlich vielen Sonnenstunden und zahlreichen Wasserläufen hat das Land beste Standortbedingungen. Die Politik hat früh begonnen, dieses Potential zu erschließen. 2011 stammten bereits 46 Prozent der produzierten Energie aus erneuerbaren Quellen. Im Land sind zahlreiche Unternehmen entstanden, die Technologie für den Ökosektor entwickeln und diese mehr und mehr ins Ausland exportieren. Firmen wie A Silva Matos, ein Hersteller von Offshore-Windplattformen, oder Novabase, ein Hersteller von Ladestationen für Elektroautos.
"Portugal hat das Potential, zu den grünsten Ökonomien Europas zu gehören", sagt Agostinho Miguel vom portugiesischen Branchenportal Energias Renováveis. Im Öko-Sektor sei technologische Kompetenz entstanden, von der das Land in den kommenden Jahrzehnten profitieren werde.
Auch Carlos Faro, der Gründer des Technologieparks Biocant, blickt optimistisch in die Zukunft. "Das Potential Portugals ist groß", sagt er. "Das Problem ist die Lücke zwischen jetzt und der Zeit, in der die Strukturreformen greifen und die neuen Märkte wachsen. Bis dahin lautet die Devise vor allem: durchhalten."
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