Innovationswunder Portugal: Schlau aus dem Reformstau

Aus Cantanhede berichtet

Die Wirtschaft schrumpft, die Zahl der Arbeitslosen wächst - doch die Portugiesen geben sich nicht auf. Statt für weitere Rettungsmilliarden zu demonstrieren, erschließt eine junge Unternehmergeneration mitten in der Krise die Wachstumsmärkte der Zukunft.

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Jungunternehmerin Gomes: Ihr Land ist ihr schon jetzt zu klein

Der Geschmack des Weines. Für die meisten Menschen ist er das Produkt fruchtbarer Böden und einer Sonne, die Trauben langsam reifen lässt. Ana Catarina Gomes hat eine andere Definition. Für sie ist Geschmack vor allem ein Gencode.

In ihrem Labor entschlüsselt die Portugiesin mit den kinnlangen schwarzen Locken die genetischen Unterschiede von Trauben. Und sie analysiert jene Mikroorganismen, die den Most bei der Gärung in Wein verwandeln. Schon bald will sie den Säuregehalt der Weinsorten steuern und bestimmen, ob sich in den Geschmack ein Hauch von Orange oder doch lieber eine Prise Zitrone mischt.

Geschäftlich feiert die 34-Jährige erste Erfolge. Sie wurde von Sogrape engagiert, von Portugals größtem Weinhändler und einem der umsatzstärksten Konzerne der Nation. Doch ihr eigenes Land ist der Molekularbiologin nicht genug. "Unser Ziel ist es, überall auf der Welt die Weine besser zu machen", sagt sie.

Es gibt zahlreiche Portugiesen, die wie Gomes denken, nur dass selten jemand über sie spricht. Zu allgegenwärtig ist die Krise, zu erdrückend sind die Nachrichten über schrumpfende Löhne und wachsende Arbeitslosigkeit. Schon fragen sich Europas Krisenmanager, ob nach Griechenland bald auch Portugal einen Schuldenschnitt braucht.

Dabei sind die Aussichten auf einen Erfolg der Reformen in Portugal deutlich besser als in Griechenland - und das liegt auch an Menschen wie Ana Catarina Gomes. Sie fragen nicht, ob der nächste Aufschwung kommt, sondern wann. Und wie es ihnen gelingt, die Durststrecke bis dahin zu überwinden. Sie haben die Hoffnung in ihr Land nicht aufgegeben.

Ende Juni attestierte das Freiburger Zentrum für Europäische Politik der Lissabonner Regierung, sie mache bei der Umsetzung ihres Sparprogramms gute Fortschritte. Durch konsequente Strukturreformen wie die Liberalisierung des Arbeitsmarkts sei das Land auf einem guten Weg, wieder wettbewerbsfähiger zu werden.

Doch zur Wettbewerbsfähigkeit braucht man nicht nur die richtigen politischen Rahmenbedingungen, sondern auch Unternehmer, die diese Bedingungen zu nutzen wissen. In Griechenland fehlt es nicht nur an den richtigen Bedingungen, sondern auch an innovativen Unternehmern und wettbewerbsfähigen Produkten. In Portugal hingegen gibt es unzählige Menschen, die in der Krise bereits an ihrem unternehmerischen Erfolg von morgen arbeiten.

Auswege aus der Wirtschaftskrise

Gomes' Weinlabor gehört zu einem Technologiepark, in dem noch 20 weitere Firmen sitzen, dazu ein Forschungszentrum mit rund 150 Wissenschaftlern, die zusammen mit den Firmen neue Ideen und Produkte testen. Der gläserne, von Lamellen beschattete Gebäudekomplex nennt sich Biocant und liegt mitten im Wald zwischen Pinien und Eukalyptusbäumen und den Universitätsstädten Aveiro und Coimbra.

Viele Firmen auf dem Gelände haben eine ähnliche Strategie, um im globalen Wettbewerb zu bestehen: Sie schaffen innovative Biotech-Produkte und greifen gleichzeitig auf den Erfahrungsschatz der traditionellen portugiesischen Wirtschaft zurück. Zum Beispiel auf das über Jahrhunderte kultivierte Wissen über Weinanbau, Land- und Forstwirtschaft.

Die Firma CEV etwa stellt ein Biofungizid her, ein Schädlingsbekämpfungsmittel, mit dem sich Weinreben und Mandelbäume umweltschonend behandeln lassen. In- und ausländische Investoren haben bereits 25 Millionen Euro in das Unternehmen gesteckt. Ab Januar 2013 wird CEV das Mittel in großen Mengen nach Kanada und in die USA exportieren. Die Verträge sind unterzeichnet, die erste Fabrik wird gerade gebaut.

Unternehmen wie CEV und Projekte wie das von Ana Catarina Gomes haben vieles, was sich andere portugiesische Firmen noch erarbeiten müssen. Die Produkte haben Alleinstellungsmerkmale; sie können sie mit höheren Margen verkaufen statt sich mit der Konkurrenz eine Rabattschlacht zu liefern. Und es sind Produkte für die ganze Welt, mit dem Potential, Portugals Exporte anzukurbeln. Dies ist dringend nötig, denn das Land hat viel zu lange über seine Verhältnisse gelebt.

Die verlorene Dekade

Nach der Integration in die Europäische Union Anfang der neunziger Jahre war Portugals Wirtschaft zunächst stark gewachsen. Einfache Produktionsverfahren, für die man viele billige Arbeitskräfte braucht, wurden aus den Kernregionen der EU nach Portugal ausgelagert - etwa die Herstellung von Textilien. Ausländisches Kapital floss ins Land und entfachte einen Investitionsboom.

Doch schon bald zeigte sich, dass die Niedriglohnstrategie nicht nachhaltig war. In Portugal stiegen die Löhne, schnell übernahmen Billigproduzenten aus Osteuropa die Rolle der Werkbank Europas. Portugals Wachstumsmotor stotterte, und die Politik schaffte es nicht, den Standort weiterzuentwickeln.

1999 trat Portugal dem Euro bei und konnte sich fortan zu günstigen Zinsen Geld leihen. Das hatte fatale Folgen. Gleich mehrere Regierungen schoben unpopuläre Entscheidungen auf. Es war so einfach, sich billig zu verschulden, warum sollte man die Wähler da mit der Lockerung des Kündigungsschutzes vergrätzen? Oder gar mit dem Abbau von Sozialleistungen?

Mit den Jahren verschlimmerte sich die Strukturkrise, die Produktivität portugiesischer Unternehmen sank, und das Land verfiel in eine Art ökonomische Lethargie. 2000 bis 2009 wuchs die Wirtschaft insgesamt um gerade mal ein Prozent. Ökonomen sprechen von Portugals verlorener Dekade.

Aufbruch in die grüne Ökonomie

Nun geht die Lissabonner Regierung die Strukturreformen an - auf Druck der sogenannten Troika aus EU-Kommission, EU-Ländern und Internationalem Währungsfonds, deren Finanzhilfen sie bezieht. Die Arbeitsmärkte werden flexibilisiert, das Gesundheits- und Sozialsystem billiger, das Rechtssystem wird unternehmerfreundlicher. Zudem greifen frühere Reformen. So ist die Anzahl der Hochschulabsolventen pro 1000 Erwerbstätige zwischen 2005 und 2009 von 10,4 auf 14,1 gestiegen. Portugal hat mit vielen anderen OECD-Ländern fast gleichgezogen, heißt es im aktuellen Innovationsmonitor des Instituts der deutschen Wirtschaft.

In einigen Sektoren herrscht bereits wieder Aufbruchstimmung. Die Textilproduktion mag nach Osteuropa abgewandert sein, dafür gibt es nun Firmen wie Textil Manuel Goncalves, die hochpreisige Markenkleidung made in Portugal vertreiben.

Besonders groß sind die Erwartungen im Bereich der erneuerbaren Energien. Mit seinen Küsten, überdurchschnittlich vielen Sonnenstunden und zahlreichen Wasserläufen hat das Land beste Standortbedingungen. Die Politik hat früh begonnen, dieses Potential zu erschließen. 2011 stammten bereits 46 Prozent der produzierten Energie aus erneuerbaren Quellen. Im Land sind zahlreiche Unternehmen entstanden, die Technologie für den Ökosektor entwickeln und diese mehr und mehr ins Ausland exportieren. Firmen wie A Silva Matos, ein Hersteller von Offshore-Windplattformen, oder Novabase, ein Hersteller von Ladestationen für Elektroautos.

"Portugal hat das Potential, zu den grünsten Ökonomien Europas zu gehören", sagt Agostinho Miguel vom portugiesischen Branchenportal Energias Renováveis. Im Öko-Sektor sei technologische Kompetenz entstanden, von der das Land in den kommenden Jahrzehnten profitieren werde.

Auch Carlos Faro, der Gründer des Technologieparks Biocant, blickt optimistisch in die Zukunft. "Das Potential Portugals ist groß", sagt er. "Das Problem ist die Lücke zwischen jetzt und der Zeit, in der die Strukturreformen greifen und die neuen Märkte wachsen. Bis dahin lautet die Devise vor allem: durchhalten."

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1.
LH526 09.07.2012
Zitat von sysopDie Wirtschaft schrumpft, die Zahl der Arbeitslosen wächst - doch die Portugiesen geben sich nicht auf. Statt für weitere Rettungsmilliarden zu demonstrieren, erschließt eine junge Unternehmergeneration mitten in der Krise die Wachstumsmärkte der Zukunft. Jungunternehmer erschließen Portugals neue Boom-Märkte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,842961,00.html)
Dank und Respekt an diese Gruppe Portugiesen. Welcher Schlag in's Gesicht der Griechen muss es sein, wenn Menschen aus Eurokriesenländern eben nicht empört auf die Strasse gehen und gegen Deutschland geifern, sondern sich am eigenen Kragen packen und aus eigener Kraft versuchen, der Krise zu entkommen!
2. genug mit dem griechen-schlagen
yorgosgr 09.07.2012
Solche Erfolgsgeschichten koenne man in allen von deutschen "Pleitelaender" finden, inklusiv Griechenland, lieber LH526. Sie werden aber nicht reichen die Wirtschaft dessen Laender zu retten. Das Euro ist naemlich ein entscheidender Faktor. Und genug mit dem Griechen-schlagen. Die sind Ihnen an nichts schuld.
3. gibt es überall
lady_amanda 09.07.2012
Junge Menschen gibt es überall. Gute Projekte ebenfalls, auch in Griechenland. Mir geht es ohnehin auf den Keks und ich vermeide es bewusst in Diskussion über DIE Griechen, DIE Detuschen, DIE Portugiesen etc. so reden. Weder haben wir noch sie, die Krise erbaut, noch befeuert und forciert. Nur ausbaden werden WIR es. Das ist so, ob man nun jammert oder anpackt. Es wäre nur einmal schön, wenn Verantwortliche auch zu dieser gezogen werden. Das kommt praktisch nicht vor. Mal schauen, wie weit die Europa die "gute Mensch von Sezuan" Taktik noch bringt.
4. Griechenland
Die Exklusivmeldung 09.07.2012
Zitat von lady_amandaJunge Menschen gibt es überall. Gute Projekte ebenfalls, auch in Griechenland.
Dann benennen Sie doch freundlicherweise mal ein paar solcher innovativen Projekte in Griechenland! Hier in Deutschland kommt nämlich nur an: da gibt es nichts, die tun nichts, die können nichts, aber sie wollen Geld.
5. na ja, ganz so einfach
mescal1 09.07.2012
wie in dem Artikel wird es nicht sein. Mag es auch junge begeisterte innovationsfreudige Menschen da geben, die Mentalitaet und die Strukturen in der Beamtenschaft und Justiz aufzubrechen, erfordert Zeit und Geduld. Das ist wie fast überall das größte Problem. Aber vielleicht hilft ja die Krise. Seien wir ehrlich, ist es bei uns viel anders?
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Gedränge unter dem Rettungsschirm
Griechenland
Im April 2010 beschloss der EU-Gipfel das erste Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro für drei Jahre, bestehend aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein Jahr später legten die Staats- und Regierungschefs ein zweites Rettungspaket nach, an dem sich neben dem IWF auch die privaten Gläubiger mit einem Forderungsverzicht beteiligten. Das später ausgehandelte Gesamtvolumen: 172,6 Milliarden Euro (inklusive 24,4 Milliarden aus dem alten Programm) für die kommenden zwei Jahre. 30 Milliarden Euro davon gehen indes nicht an Athen, sondern zur Absicherung an die Banken. Deren Verlust aus dem Schuldenschnitt: 107 Milliarden Euro.
Irland
Dublin hatte Ende 2010 Beistand der Euro-Partner beantragt, Anfang 2011 flossen die ersten Hilfsmilliarden. Insgesamt ist das Rettungspaket 85 Milliarden Euro schwer, wobei 35 Milliarden zur Rekapitalisierung des Bankensektors vorgesehen sind und Dublin 17,5 Milliarden selbst stemmt. Die letzte Tranche von drei Milliarden Euro ist für Ende 2013 vorgesehen.
Portugal
Im Mai 2011 vereinbarten die EU-Finanzminister Hilfszahlungen in Höhe von 78 Milliarden Euro für das Land. Das über drei Jahre bereitgestellte Geld fließt zu zwei Dritteln aus dem Euro-Rettungsfonds und zu einem Drittel aus dem IWF-Budget.
Spanien
Nach langem Zögern und auf Druck seiner europäischen Partner hat Ende Juni auch die Regierung in Madrid Finanzhilfen für den heimischen Bankensektor beantragt. Den Kapitalbedarf muss ein Team aus Experten aber noch beziffern. Zwei Beratungsfirmen haben ein Volumen von maximal 52 bis 62 Milliarden Euro ermittelt, damit die Kreditinstitute bei einer Zuspitzung der Krise nicht kollabieren. Der IWF geht von mindestens 40 Milliarden Euro aus, bliebe als Geldgeber bei einer reinen Bankenrettung ohne Spardiktat indes außen vor. Grundsätzlich hatten die Euro-Finanzminister Spanien schon vor zwei Wochen bis zu 100 Milliarden Euro zugesagt.
Zypern
Nur wenige Stunden nach Madrid schlüpfte auch Nikosia unter den Rettungsschirm. Wie im Falle Spaniens ist der genaue Kapitalbedarf noch offen und muss zunächst von einem Expertenteam geklärt werden. Diplomatenkreisen zufolge dürfte er sich aber deutlich unter zehn Milliarden Euro bewegen. Ähnlich wie Spanien liebäugelt auch Zypern mit einer "Bankenrettung light", um seine eng mit der krisengeschüttelten griechischen Wirtschaft verbandelten Geldhäuser zu rekapitalisieren. (dapd)