Jahrhundertdürre Kalifornien hofft auf den "Super-El-Niño"

Kalifornien leidet unter einer Jahrhundertdürre. Jetzt hoffen viele im US-Bundesstaat auf das berüchtigte Wetterphänomen El Niño, das dieses Jahr besonders heftige Regenfälle bringen soll. Doch die dürften wenig Gutes tun.

Von , New York

DPA

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Es braucht nicht allzu viel Regen, um Los Angeles ins Chaos zu stürzen. Kaum beginnt es zu tröpfeln, treten die Autofahrer auf die Bremse, Jogger retten sich panisch ins Trockene, Studiobosse disponieren Termine um. Der örtliche Regen hat sogar eine eigene, spöttische Twitter-Parodie (@LosAngelesRain): "Ponchos rausholen!"

Doch was am 15. September geschah, hatten die Angelenos lange nicht mehr erlebt: 61 Millimeter Niederschlag, zehnmal so viel wie sonst. Es war der nasseste Tag - nicht nur des Jahres, sondern seit März 2011. Mit dramatischen Folgen: Tausende saßen ohne Strom da, es gab Hunderte Autounfälle, der geflutete Freeway I-710 musste gesperrt werden. Ein Erdrutsch ließ einen Hügel kollabieren und begrub eine Straße unter Schlamm. Flüsse rissen mindestens zehn Menschen mit.

Das September-Unwetter war ein Relikt des Hurrikans "Linda", der zuvor im Pazifik gewütet hatte - Ausläufer eines eigentlich ganz normalen Wetterereignisses. Zugleich aber war der Rekordregen ein erster Vorgeschmack auf das, was noch kommen soll.

Denn im vierten Jahr seiner Jahrhundertdürre fürchtet Kalifornien jetzt das Gegenteil - einen "Super-El-Niño". El Niño ist ein berüchtigter Wetter-Rowdy, der alle paar Jahre für schwerste Regenfälle sorgt. Diesmal soll er ganz besonders stark werden: ein "Godzilla-El-Niño", wie es heißt.

Schon jubeln manche, dass El Niño die ausgetrockneten Flüsse, Seen und Trinkwasser-Reservoirs endlich fluten werde, die ausgedörrten Wiesen und Hügel wiederbeleben und Kalifornien vom Schicksal befreien, als Opfer des Klimawandels in die Geschichte einzugehen.

Doch die Wünsche dürften sich kaum erfüllen. "El Niño ist ein grausames System", warnte der australische Uno-Klimaforscher Roger Stone in der "Washington Post". "Er bringt Abhilfe, aber er bringt auch viel zu viel Regen, viel zu schnell. Dann gibt es Schlammlawinen, Erdrutsche, weggewaschenen Mutterboden." Kalifornien schlittert von der Dürre in den Dreck.

Das trockenste und heißeste Jahr seit Beginn der Messungen

Vielen Menschen aber scheint alles besser als der Status quo. Kalifornien leidet enorm unter außerordentlichen Dürrebedingungen, der höchsten Stufe der offiziellen US-Messlatte. Eine Studie sprach von der schwersten Dürre in 1200 Jahren. Das sogenannte Wasserjahr 2015, das vergangene Woche zu Ende ging, war das trockenste seit Beginn der Messungen 1895 - und das heißeste, mit im Schnitt 14,6 Grad Celsius. 1,7 Grad wärmer als sonst.

Die Stauspeicher sind leer, die berühmten tiefblauen Seen zu Pfützen geworden. Ein virales Zeitraffer-Video zeigte kürzlich, wie der Folsom Lake bei Sacramento verdunstete, er ist nur noch zu 18 Prozent gefüllt. Selbst der Schnee der Sierra Nevada enthält nur noch fünf Prozent seines Wassers, so wenig wie in 500 Jahren nicht.

Kaliforniens legendäre Natur verdörrt. Buschfeuer zerstören nicht nur Flora und Fauna, sondern auch Wohngebiete mit Tausenden Häusern. Die Regierung erließ drastische Wassersparvorgaben für Kommunen, Bürger und Farmer. Sie müssen den Wasserverbrauch um mindestens 25 Prozent drosseln. Wer seinen Rasen gießt, muss Strafe zahlen.

"Betet für Regen", flehte Doug Carlson, der Sprecher der kalifornischen Wasserbehörde, in der "Los Angeles Times". Was rund 500 Gläubige verschiedenster Religionen im Frühsommer durchaus ernst nahmen: In einer Moschee in Chino östlich von Los Angeles schickten sie ein gemeinsames Stoßgebet gen Himmel: "Schicke Regen auf uns nieder!"

Experten prognostizieren kaum Besserung

Der kommt jetzt - dank El Niño. Auch dessen Stärke ist eine indirekte Folge des Klimawandels, der die Wetterschwankungen verschärft. In Kalifornien dürfte es ab Spätherbst viel feuchter werden als sonst - eine Lage, die der US-Wetterbehörde NOAA zufolge bis zum Frühjahr 2016 anhalten wird, mit enormen, konzentrierten Niederschlägen.

Zuletzt gab es das 1997/98: Sturzfluten, sechs Meter hohe Wellen, Windgeschwindigkeiten bis zu 130 Stundenkilometer. 17 Menschen starben, der Sachschaden belief sich auf rund eine halbe Milliarde Dollar.

Kein Aufatmen also. El Niño sei "ein guter Junge und ein schlechter Junge", sagte der Klimaforscher Bill Patzert der "Los Angeles Times". Seine Feuchtigkeit zu nutzen sei, als versuche man, "Wasser aus einem Feuerwehrschlauch mit einem Champagnerglas aufzufangen".

Langfristig prognostizieren die Experten sowieso kaum Besserung. Das Goddard Institute for Space Studies der Nasa ermittelte, dass "Mega-Dürren" wie die kalifornische "mindestens 30 bis 35 Jahre dauern" könnten. Dank der Treibhausgase könnte der US-Südwesten von 2050 bis 2099 in einer noch schlimmeren Dürreperiode versinken.

Wobei Kalifornien noch gut davonkommt: Auf der anderen Seite der Erde, in Asien und Afrika, wird allein der kommende El Niño nach Schätzung der Hilfsorganisation Oxfam rund zehn Millionen Menschen in eine Hungersnot stürzen - eine humanitäre Katastrophe.

Zusammengefasst: Das dürregeplagte Kalifornien erwartet den angesagten "Godzilla-El-Niño" mit großer Freude. Doch der starke Regen dürfte die nächsten Naturkatastrophen mit sich bringen: Sturzfluten, riesige hohe Wellen, heftigen Wind.

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Marc Pitzke ist US-Korrespondent für SPIEGEL ONLINE in New York.

E-Mail: Marc_Pitzke@spiegel.de

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Seite 1
makromizer 06.10.2015
1.
Was auch nicht vergessen werden darf: Der Wasserhaushalt für das gesamte Gebiet westlich der Rocky Mountains hängt in erster Linie vom winterlichen Schneefall in den Rockies ab, Regenmangel spielt bei der aktuellen Dürre gar nicht die größte Rolle.
pillorello 06.10.2015
2. Wenn...
....die Californier jetzt alle abhauen und aus ihrer Heimat flüchten. Wir könnten Sie aufnehmen... :-)
ichbineswieder 06.10.2015
3. Trockenschnee?
"Selbst der Schnee der Sierra Nevada enthält nur noch fünf Prozent seines Wassers, so wenig wie in 500 Jahren nicht." Ist ja interessant - nennt man das dann Trockenschnee? Was sind denn die restlichen 95 Prozent?
schneemann3 06.10.2015
4. Ich dachte immer
der Klimawandel existiert gar nicht... Naja, kommen halt noch ein paar Kalifornier zu uns, die bringen wir auch schon noch durch
nariu 06.10.2015
5.
nein, mit Klimawandel hat das auf keinen Fall was zu tun, und falls doch: Klimawandel hat nix mit Co2 zu tun, denn schliesslich gab es Klimawandel schon immer. Der Klimawandel wird nur von der "Grùnenlobby" und von "Alarmisten" herbeigeredet.
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