Von Yasmin El-Sharif und Stefan Kaiser
Hamburg - In der Analyse sind sich alle einig: In den Führungsetagen der meisten europäischen Unternehmen herrscht akuter Frauenmangel. Bei den 200 deutschen Top-Konzernen waren im Jahr 2011 nur drei Prozent der Vorstände weiblich. Trotz einiger prominenter Zugänge in den vergangenen eineinhalb Jahren hat sich die Lage kaum verbessert. In den Aufsichtsräten, die den Vorstand kontrollieren, sieht es etwas besser aus. Hier waren laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) 10,6 Prozent der Mitglieder Frauen - die vor allem von den Gewerkschaften entsandt wurden.
So weit, so unbefriedigend. Denn selbst die härtesten Business-Machos gestehen mittlerweile ein, dass etwas mehr Weiblichkeit den meisten Unternehmen helfen würden. Mehrere Studien, etwa von den Unternehmensberatungen McKinsey sowie Ernst & Young, kommen sogar zu dem Ergebnis, dass Konzerne mit weiblichen Führungskräften erfolgreicher seien als andere.
Trotzdem findet der Wandel in den Chefetagen nur schleppend statt. Der Prozess dauere eben, heißt es in der Wirtschaft. Die künftigen Kandidatinnen für Chefposten könnten schließlich nicht von der Straße rekrutiert werden sondern müssten erst einmal in der zweiten und dritten Führungsebene aufgebaut werden.
Der zuständigen EU-Kommissarin Viviane Reding geht das zu langsam: "In zwei Dritteln der Mitgliedsländer sehen wir nur Stillstand, das ist völlig ungenügend, ja, lächerlich", sagte Reding der Zeitung "Die Welt". Deshalb droht die Brüsseler Behörde nun mit einem EU-weiten Gesetz, das den Firmen feste Frauenquoten vorschreibt. "Ich bin zu allem bereit", sagte Reding. "Ich bin kein Fan von Quoten. Aber ich mag die Ergebnisse, die Quoten bringen."
Inspirieren lässt sich die Kommissarin dabei von den Erfolgen, die nationale Frauenquoten gebracht haben. In Frankreich etwa, wo seit gut einem Jahr eine Quotenregelung gilt, ist der Anteil an weiblichen Führungskräften laut EU-Kommission deutlich angestiegen. Als großes Vorbild gilt allen Quotenbefürwortern Norwegen. Das Land hat bereits 2003 eine gesetzliche Quote von 40 Prozent beschlossen, die mittlerweile sogar übererfüllt wird. "Wo es gesetzliche Regeln gibt, gibt es Fortschritte", sagte Reding.
Fraglich ist jedoch, ob es wirklich zu einer EU-weiten Frauenquote kommen wird. Die EU-Kommission kann jedenfalls nichts entscheiden, ohne dass die nationalen Regierungen zustimmen. Und die sind nach wie vor gespalten. In Deutschland ist die Lage besonders vertrackt: Hier streiten sich innerhalb der Regierung gleich drei (weiblich geführte) Ministerien um den richtigen Weg.
Ursula von der Leyen, Arbeitsministerin: 30 Prozent bis 2018
Ursula von der Leyen macht kein Geheimnis aus ihrem Ärger über Deutschlands Bosse. "Einfach unterirdisch" nennt die Arbeitsministerin den geringen Frauenanteil in Top-Positionen der größten deutschen Konzerne. Die CDU-Politikerin setzt sich daher seit langem für eine strikte, gesetzliche Quote ein: 30 Prozent Frauen bis 2018 in Vorständen und Aufsichtsräten lautet ihre gebetsmühlenartig vorgetragene Forderung. Damit ist sie sogar noch ehrgeiziger als EU-Kommissarin Reding.
Von der Leyen führt zwei Gründe für ihre harte Haltung an: Zum einen hätten es die großen Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren versäumt, freiwillig mehr für die Förderung von Frauen zu tun - übrigens anders als der Mittelstand, in dem bereits ein Drittel der Leitungsfunktionen in weiblicher Hand sind. Zum anderen könne es sich Deutschland nicht mehr leisten, auf gut ausgebildete Frauen zu verzichten. Dennoch gebe es noch immer die gläserne Decke knapp unter der Vorstandsebene. Sie sei der festen Überzeugung: "Ohne Gesetz wird es nicht gehen."
Der Vorstoß der Ministerin hat allerdings einen entscheidenden Haken: Von der Leyen ist als Chefin des Arbeitsressorts nicht für ein Gesetz zur Frauenquote verantwortlich. Dies ist das Terrain von Familienministerin Kristina Schröder (ebenfalls CDU). Die allerdings spricht sich für ein völlig anderes Modell aus als ihre Parteifreundin - und weiß Kanzlerin Angela Merkel hinter sich. Erst kürzlich hatte von der Leyen daher eingeräumt, dass die Quote derzeit nicht durchsetzbar sei - und zugleich kämpferisch angekündigt: "Ich bleibe an dem Thema dran."
Kristina Schröder, Familienministerin: Flexibel und ohne starre Quote
Kristina Schröder hält nicht viel von Zwängen und starren Quoten. Die Familienministerin setzt auf den guten Willen der Unternehmen und hat daher das Modell der "Flexi-Quote" ins Leben gerufen. Die Dax-Konzerne sollen sich demnach eigene Quoten für den Frauenanteil in Führungspositionen verordnen, also flexibel bleiben. Das hat den Vorteil, dass zum Beispiel Unternehmen aus der Maschinenbaubranche, in der es wenig einschlägig ausgebildete Frauen gibt, sich niedrigere Ziele setzen können, als etwa Pharmaunternehmen.
Der Gedanke dahinter: Die Konzerne sollen sich an ihren selbst gesteckten Zielen messen lassen. Wer sich zu niedrige Ziele steckt, muss sich dafür in der Öffentlichkeit rechtfertigen.
Derzeit verfolgt die Regierung offiziell dieses Modell der freiwilligen Selbstverpflichtung. Doch der Erfolg ist bislang bescheiden. Bei einem Spitzentreffen der Dax-Konzerne mit Schröder, von der Leyen und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) im vergangenen Herbst konnten sich die Unternehmen nicht zu einer verbindlichen Vorgabe für Spitzenposten durchringen. Stattdessen setzten sie sich allgemein das Ziel, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen bis spätestens 2020 auf bis zu 35 Prozent steigen soll.
Ursprünglich wollte Schröder die Flexi-Quote zu einem Gesetz ausbauen - und es noch 2012 in Kraft treten lassen. Doch der Koalitionspartner FDP sperrte sich gegen jede gesetzliche Regelung. "Es ist kein Geheimnis, dass mir ein Gesetz lieber gewesen wäre", sagt Schröder heute.
Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Alles freiwillig
Schröders Gesetz verhinderte die dritte Ministerin, die sich mit den Frauenquoten befasst: Sabine Leutheusser-Schnarrenberger setzt komplett auf den freiwilligen Sinneswandel der Unternehmen. Sie will ihnen noch mindestens bis zum Jahr 2013 Zeit geben, den Frauenanteil auf eigene Initiative zu erhöhen. Eine gesetzliche Quote lehnt sie strikt ab. Im Unterschied zu ihrer Kabinettskollegin Schröder will Leutheusser-Schnarrenberger nicht einmal ein Gesetz, das den Unternehmen vorschreibt, sich selbst eine Quote zu setzen.
Damit vertritt die Justizministerin die Haltung der meisten Wirtschaftsvertreter. Auch sie bekennen sich immer wieder dazu, Frauen zu fördern, wollen sich aber nicht auf bestimmte Quoten festlegen. Die Corporate-Governance-Kommission, die dem Justizministerium unterstellt und vor allem mit Wirtschaftsvertretern besetzt ist, hat erst im Jahr 2010 die Förderung von Frauen in ihren Kodex aufgenommen. Bei der Besetzung von Vorstandsposten wolle man eine "angemessene Berücksichtigung von Frauen anstreben". Für den weiblichen Anteil der Aufsichtsratsmitglieder sollen sich die Unternehmen zusätzlich eigene Ziele stecken.
Selbst diese weichen Formulierungen sind in der Wirtschaft schon heftig umstritten. Der Vorsitzende der Corporate-Governance-Kommission, der ehemalige Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller, musste sich harte Kritik anhören, als er das Thema vor zwei Jahren auf die Tagesordnung hievte. Bei der Kommission selbst hat sein Engagement immerhin schon Wirkung gezeigt. Mit den beiden Professorinnen Beatrice Weder di Mauro und Ann-Kristin Achleitner wurden jüngst zwei Frauen in das männerdominierte Gremium berufen.
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