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Kampf um Azubis: Biete Lehrstelle plus Gratis-Netbook

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Verkehrte Welt auf dem Ausbildungsmarkt: Früher fehlten Stellen, heute Bewerber. Zwischen den Betrieben ist ein harter Wettbewerb um die besten Lehrlinge entbrannt - sie ködern Jugendliche mit Prämien, Auslandsaufenthalten und teuren Geschenken.

Azubis beim Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf: Immer weniger Schulabsolventen Zur Großansicht
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Azubis beim Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf: Immer weniger Schulabsolventen

Hamburg - Den schärfsten Gegner von Veronika Peters kennt jedes Kind. Er heißt Audi Chart zeigen, ist einer der bekanntesten Autohersteller weltweit und zieht junge Bewerber an wie ein Magnet. Peters dagegen muss um jeden fähigen Lehrling kämpfen. "Jedes Jahr ist es hier in Ingolstadt dasselbe: Erst sortiert Audi die Bewerber aus, danach ist EADS Chart zeigen dran, zuletzt sind Mittelständler wie wir an der Reihe", sagt die Mitinhaberin des Sanitärbetriebs Gebrüder Peters.

Das war schon immer so, doch so schlimm wie in diesem Jahr noch nie. Die Zahl der Bewerber nimmt nicht nur in den von Peters angebotenen Berufen Elektrotechnik oder Bürokaufmann ab - sondern insgesamt. "Wir sind ständig gezwungen, uns etwas Neues zu überlegen. Sonst laufen wir Gefahr, irgendwann ohne Nachwuchskräfte dazustehen", sagt Peters.

Die neueste Idee des mittelständischen Unternehmens: Es lockt Jugendliche mit einem Aufenthalt im Ausland. "Wer will, kann einen Teil seiner Ausbildung an unserem Brüsseler Standort verbringen", wirbt die Personalerin. Und wer besonders engagiert sei, bekomme eine monatliche Prämie zusätzlich zum Ausbildungsgehalt. "Das können bis zu 150 Euro mehr im Monat sein."

Prämien, Auslandsaufenthalte, Geschenke - immer mehr Unternehmen umschmeicheln ihren Nachwuchs mit ungewöhnlichen Mitteln. Häufig sind es kleinere Betriebe, die ihren Firmensitz auf dem Land haben und nicht gegen die Attraktivität der Großstädte antreten können, und schon gar nicht gegen bekannte Konzernnamen wie Siemens Chart zeigen oder Daimler Chart zeigen. Aber selbst große Unternehmen werden kreativer - weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. So hat etwa der Discounter Lidl den "Azubi on Tour" ins Leben gerufen. Dahinter verbirgt sich die Chance, mehrere Wochen lang eine Supermarktfiliale zu leiten - als Lehrling.

Jeder fünfte Ausbildungsplatz blieb unbesetzt

So unterschiedlich die Beispiele sind: Sie zeigen, wie radikal sich der Ausbildungsmarkt gewandelt hat. Nicht mehr die Unternehmen suchen ihre Auszubildenden aus - immer häufiger haben die Jugendlichen die freie Wahl unter mehreren Arbeitgebern. In manchen Regionen Deutschlands wird das zum ernsten Problem, vor allem dort, wo es kaum noch Junge gibt. Oder dort, wo es besonders viel Arbeit gibt, wie beispielsweise in Ingolstadt bei den Gebrüdern Peters. In der Stadt liegt die Arbeitslosenquote bei gerade mal 3,3 Prozent. Deutschlandweit sind es 7,6 Prozent.

Nach Angaben des Wirtschaftsverbands DIHK blieb bereits im vergangenen Jahr bundesweit jeder fünfte Ausbildungsplatz unbesetzt. Und in den kommenden Jahren dürfte sich die Situation noch dramatisch verschärfen. Denn jedes Jahr geht die Zahl der Schulabgänger zurück. So haben aktuell knapp 580.000 Haupt- und Realschüler ihren Abschluss gemacht. In zehn Jahren verlassen nur noch 500.000 Jugendliche die Schule.

"Der Wettbewerb um den besten Nachwuchs ist in die heiße Phase gegangen", sagt Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. In vielen Regionen kämen schon heute mehr Lehrstellen auf einen potentiellen Bewerber als umgekehrt. "Die Unternehmen müssen sich ernsthaft überlegen, wie sie Lehrlinge finden."

Tausend-Euro-Willkommenspakete bei Vertragsabschluss in Thüringen

Je größer der Leidensdruck, desto kreativer die Einfälle: In Thüringen, wo die Lage ähnlich wie in anderen ostdeutschen Bundesländern besonders ernst ist, suchen die Kammern mit Hochdruck nach neuen Ideen. "Gute Azubis findet man hier immer seltener, weil die jungen Leute schon sehr früh woanders hingehen", sagt ein Sprecher der Erfurter IHK. Hinzu komme die mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlicher - eine Kritik an den Schulen, die nicht nur Unternehmen in Thüringen äußern.

Auf einer Jobmesse im Herbst will die Erfurter Kammer nun zusammen mit mehreren Unternehmen ein Tausend-Euro-Willkommenspaket schnüren, das begehrte Schulabgänger bei Unterzeichnung eines Ausbildungsvertrags erhalten. Darin enthalten: ein Netbook und eine Jahreskarte für das Nahverkehrsnetz.

Auch in Köln und Hamburg bleiben Hunderte Lehrstellen unbesetzt. "Auf 120 Ausbildungsplätze kommen 100 Bewerber", sagt ein Sprecher der IHK Köln. Die Kammern an Rhein und Elbe bringen die Jugendlichen und Betriebe daher bei sogenannten Azubi-Speed-Datings zusammen: Zehn Minuten haben Unternehmen und Jugendliche Zeit, sich kennenzulernen - und sich von ihrer besten Seite zu präsentieren. "Viele Betriebe sind froh, dass wir ihnen diese Chance bieten", sagt ein Sprecher der IHK Köln. Denn es passiere immer wieder, dass ein Schulabsolvent gleich mehrere Verträge unterschreibe - ohne die anderen abzusagen.

Seit Jahren klagt das Handwerk, dass unzählige Stellen etwa für Bäcker und Konditoren generell unbesetzt bleiben. Mittlerweile reagieren die Betriebe, seit einigen Monaten läuft eine umfassende Imagekampagne: "Am Anfang waren Himmel und Erde. Den Rest haben wir gemacht", heißt es etwa auf Plakaten und in Anzeigen.

Prämienaktionen können das Demografieproblem nicht lösen

Attraktiv zu sein, heißt für die Unternehmen auch, sich jugendlich zu geben. So präsentieren sich immer mehr Betriebe auf Internetportalen wie Facebook oder StudiVZ.

Doch mit solchen Aktionen allein lässt sich das Demografieproblem nicht lösen. Und schon gar nicht das der mangelnden Ausbildungsreife - selbst wenn das eine oder andere Präsent für die Jugendlichen verlockend sein mag. Arbeitsagentur-Vorstand Becker fordert die Unternehmen deshalb auf, mehr in lernschwache Jugendliche zu investieren. Statt Geld für Prämien und Ähnliches auszugeben, sollten sie Nachhilfeunterricht anbieten und sich schon früh um eine Kooperation mit den Schulen bemühen.

Auch Veronika Peters aus Ingolstadt sagt, dass Geld allein kein Nachwuchsproblem löst. Sie versucht daher seit Jahren, über Bedarf auszubilden - selbst wenn unter ihren Lehrlingen nicht nur Spitzenabsolventen sind. Gerne stellt sie auch Azubis ein, die ausländische Eltern haben. Die Vielfalt macht's, sagt sie. Das zahle sich langfristig mehr aus als jedes Geschenk.

Lehrstellen: Wie Deutschlands Topkonzerne um Nachwuchs werben

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
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1. Kampf um Azubis: Biete Lehrstelle plus Gratis-Netbook
Hilfskraft 16.08.2010
ist ein Witz! Tut mir leid, veräppeln laß´ ich mich nicht. Zynismus ist hier auch nicht angebracht. H.
2. Besser
delta058 16.08.2010
Zitat von sysopVerkehrte Welt auf dem Ausbildungsmarkt: Früher fehlten Stellen, heute Bewerber. Zwischen den Betrieben ist ein harter Wettbewerb um die besten Lehrlinge entbrannt - sie ködern Jugendliche mit Prämien, Auslandsaufenthalten und teuren Geschenken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,711750,00.html
Es wäre schöner wenn die Betriebe sich wieder bemühen würden das es mehr gute Bewerber gibt. Zum einen indem sie ihre Angesteltlen und Azubis nicht länge als billiges Verbrauchsmaterial betrachten sondern wieder als Menschen und entsprechend behandeln und bezahlen. Wer zumindest das Gefühl hat einen sicheren un gut bezahlten Arbeitsplatz zu haben ist nämlich viel eher bereit Kinder in die Welt zu setzen. Zum anderen in dem sie aufhören ihre Steuern soweit wie möglich zu drücken und damit in die die Haushalte der Kommunen und Länder schwarze Löcher zu reißen. Den in mageren Zeiten setzen die immer zuerst bei den Bildungsausgaben den Rotstift an. Für diese Erkenntnis wäre natürlich langfristiges Denken nötig, etwas was anscheinend seit den 90ern bei nicht wenigen Unternehmern völlig aus der Mode gekommen zu sein scheint.
3. aw
kdshp 16.08.2010
Zitat von sysopVerkehrte Welt auf dem Ausbildungsmarkt: Früher fehlten Stellen, heute Bewerber. Zwischen den Betrieben ist ein harter Wettbewerb um die besten Lehrlinge entbrannt - sie ködern Jugendliche mit Prämien, Auslandsaufenthalten und teuren Geschenken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,711750,00.html
Hallo, ich dachte das wäre jetzt im globalenmarkt so alsi angebot und nachfrage bestimmen den preis. Wenn ein azubi bewerber ja nicht dumm ist also im doppelten sinne sollte ER zulagen verlangen also zur ausbildungvergütung oder eben werbepräien zb. guten laptop plus kostenlosen zugang für die ausbilungszeit ins internet.
4. Genau!
skitime 16.08.2010
Den Trend des Artikels kann ich bestätigen. Leistungswillige Menschen mit ordentlicher Ausbildung (egal ob Schulabschluss oder Studium) finden in den letzten Monaten viel leichter eine Stelle oder Ausbildungsstelle als vor ein oder zwei Jahren. Ich selbst beende mein Studium Ende des Monats und habe am 1.10.2010 meinen ersten Arbeitstag. Meinen Studienkollegen gelang es ebenfalls innerhalb von maximal sechs Monaten eine gut beszahlte Stelle zu finden.
5. beste Lehrlinge
Kasseler 16.08.2010
Zitat von Hilfskraftist ein Witz! Tut mir leid, veräppeln laß´ ich mich nicht. Zynismus ist hier auch nicht angebracht. H.
Es geht um die besten Lehrlinge, nicht um Hauptschüler. Die will weiterhin kaum jemand haben, da lohnt es sich eher die Lehrstelle nicht zu besetzen.
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Wer hat Schuld an der Ausbildungsmisere?

In Deutschland gelten viele Jugendliche als nicht ausbildungsfähig. Wer ist schuld?


Immer weniger Schulabgänger*
Jahr Zahl Prozent
2002 936.000 +1,3
2003 950.000 +1,5
2004 965.000 +1,6
2005 959.000 -0,7
2006 975.000 +1,6
2007 974.000 -0,0
2008 940.000 -3,5
2009 903.000 -4,0
2010 877.000 -2,8
2011 905.000 +3,2
2012 888.000 -1,9
2013 929.000 +4,6
2014 861.000 -7,4
2015 858.000 -0,3
2016 856.000 -0,2
2017 839.000 -2,0
2018 815.000 -2,9
2019 806.000 -1,0
2020 781.000 -3,2
*Absolventen und Abgänger 2002 bis 2020
Quelle: Statistische Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz
Alles, was Azubis Recht ist
Was muss der Ausbilder können?
Der Ausbilder muss in der jeweiligen Fachrichtung ausgebildet sein und über entsprechende Berufserfahrung verfügen. Das regeln die Paragrafen 29 und 30 des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) , die Paragrafen 21 und folgende der Handwerksordnung (HwO) sowie das Jugendarbeitsschutzgesetz (JArbSchG) in Paragraf 25.
Wer bezahlt Material und Maschinen?
Der Arbeitgeber muss alle Arbeitsmaterialien bereitstellen, dazu gehören z.B. Kittel, Schutzkleidung, Sicherheitsschuhe, aber auch Fachbücher, Berichtshefte und Schreibmaterialien. Der Azubi ist verpflichtet, mit jedem Arbeitsgerät sorgsam umzugehen. (Paragraf 14 Abs. 1 Nr. 3 und Paragraf 13 Nr. 5 BBiG)
Ist die Arbeit wichtiger als die Berufsschule?
Nein, Berufsschulzeit ist Arbeitszeit. Der Betrieb muss einen für die Schule freistellen - und man muss hingehen. Auch für Betriebsbesichtigungen und ähnliches muss der Ausbildungsbetrieb den Azubi freistellen. Fängt der Unterricht um 9 Uhr an, muss man vorher nicht zur Arbeit, ab fünf Schulstunden täglich muss man auch danach nicht mehr in die Firma, es sei denn, man ist 18 Jahre oder älter. Die Arbeitszeit darf trotzdem nicht über die tariflich geregelte Arbeitszeit hinausgehen. Berufsschulstunden müssen nicht nachgearbeitet werden.
Was ist erlaubt - und was nicht?
Es sind nur Arbeiten erlaubt, die mit dem Ausbildungszweck zu tun haben und die eigenen körperlichen Kräfte nicht übersteigen. Nicht gestattet sind private Aufträge durch den Chef (Auto waschen, Einkaufen, usw.), Urlaubs- und Krankheitsvertretung für Kollegen, Putzen (außer am eigenen Arbeitsplatz und an eigenen Geräten), sowie Fließband- und Akkordarbeit . (Paragraf 14 Abs. 2 BBiG). Quelle: IG Metall Jugend

Arme Azubis: Tricks gegen leere Taschen
Kein Auskommen mit dem Einkommen?
Auszubildende werden je nach Lehrberuf völlig unterschiedlich bezahlt - und oft können sie mit dem Geld nicht über die Runden kommen. In manchen Fällen springt der Staat ein.
Kindergeld
Für einen Lehrling - auch wenn er nicht mehr bei den Eltern wohnt - zahlt der Staat Kindergeld. Die Familienkasse der Arbeitsagentur überweist pro Monat 184 Euro, für das dritte Kind 190 Euro und jedes weitere Kind 215 Euro. Wenn der Azubi wenig verdient und die Eltern nichts zum Unterhalt beisteuern, steht das Geld dem Azubi zu: Auf Antrag bei der Familienkasse fließt es direkt aufs eigene Konto.

Das Kindergeld entfällt aber ab einem bestimmten Einkommen, die Grenze liegt bei 667 Euro monatlich; nach einem Gerichtsurteil vom Mai 2005 können die Sozialabgaben davon abgezogen werden.
Ausbildungsbeihilfe
Gegen Ebbe im Geldbeutel hilft auch die Berufsausbildungsbeihilfe, kurz BAB. Diesen Zuschuss kann man ebenfalls bei der Arbeitsagentur beantragen. Allerdings gibt es die Beihilfe in der Regel nur für Erstlehrlinge. Abbrecher oder Umschüler haben nur in Ausnahmefällen eine Chance. Zudem werden für eine Gewährung des BAB das eigene Einkommen, das der Eltern und ebenso das des Lebenspartners durchleuchtet.
Wohngeld
Wer bei der Ausbildungsbeihilfe leer ausgeht, weil die Arbeitsagentur "dem Grunde nach" Einwände erhebt, hat immer noch die Möglichkeit, Wohngeld zu beantragen. Das ist kein Almosen des Staates; erfüllt man die Voraussetzungen, gibt es darauf einen Rechtsanspruch. Jede Gemeinde wartet mit einer Wohngeldstelle auf - wer die eigene Miete nicht zahlen kann, erhält hier einen Zuschuss.
Nebenjob
Ein Nebenjob lohnt sich für den, der günstige Arbeitszeiten hat und fit für das "Mehr" an Arbeit ist. Die sinnvollste Lösung ist ein 400-Euro-Job: Dabei werden weder Sozialabgaben noch Steuern fällig - alles wandert in die eigene Tasche. Nur der Arbeitgeber zahlt in die Sozialkassen ein. Doch Vorsicht: Wenn der Zweitjob zu sehr ermüdet und die Tätigkeiten in der eigentlichen Berufsausbildung schmälert, darf der Chef den Nebenverdienst verbieten.

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