Kapitalflucht: Euro-Exodus lässt Griechenland ausbluten

Aus Athen berichten und Ferry Batzoglou

Unternehmer tun es, Rentner auch und sogar Nonnen: Viele Griechen schaffen ihr Vermögen ins Ausland, Dutzende Milliarden Euro sind bereits weg. In dem Staat, der am Boden liegt, ist sich jeder selbst der Nächste - selbst Steuerfahnder flüchten sich in blanken Zynismus.

Parlament in Athen: Die Regierung ist gegen die Kapitalflucht machtlos Zur Großansicht
AP

Parlament in Athen: Die Regierung ist gegen die Kapitalflucht machtlos

Als die Sprache auf die Nonne kommt, verdreht Panagiotis Nikoloudis die Augen. "Bitte, nicht schon wieder diese Geschichte", seufzt er und hebt abwehrend die Hände. Doch dann beginnt Griechenlands oberster Finanzfahnder widerstrebend zu erzählen, langsam erst und ausschweifend, aber bald kommt er zur Sache.

"Es ist also noch nicht sehr lange her", sagt der Präsident der Behörde zur Bekämpfung der Geldwäsche, "dass eine griechische Nonne zu ihrer Bank ging und das Konto des Klosters auflöste". 700.000 Euro hob sie ab, und auf die Frage des Angestellten, was sie mit so viel Bargeld denn wolle, antwortete sie: "Renovieren." Doch der Mann am Schalter setzte nach und da wurde die Frau Gottes ganz rot und bekannte: "Auch wir haben Angst um unser Geld."

Das also sei die Geschichte der griechischen Nonne, sagt Nikoloudis, die das Vermögen ihres Ordens wohl ins Ausland gebracht habe. Die Anekdote ging inzwischen um die Welt, und manche Zeitung schmückte sie noch weidlich aus: Die Geistliche sei am Flughafen mit einem Koffer voller Geld erwischt worden, schrieb ein Blatt. "Das allerdings ist völliger Unsinn", so der Beamte. "Und, bitte, es geht doch eigentlich um weitaus mehr."

Etliche Milliarden Euro haben die Griechen in den vergangenen Monaten ins Ausland geschafft. Niemand weiß, wie hoch die Summe genau ist, aber Finanzfahnder Nikoloudis kann zumindest eine deutliche Entwicklung ausmachen: Waren es anfangs noch wenige Menschen, die hohe Summen fortschafften, sind es heute viele, die kleinere Beträge transferieren.

49 Milliarden Euro weniger

Ein Anhaltspunkt für das Ausmaß der Kapitalflucht ist der Rückgang des in Griechenland gebunkerten Vermögens: Betrugen Anfang 2010 die Spar- und Termineinlagen der privaten Haushalte und Unternehmen noch 237,7 Milliarden, gingen sie bis Ende August 2011 um 49 Milliarden Euro zurück. Inzwischen hat sich der fatale Abwärtstrend noch weiter verstärkt. In den vergangenen 45 Tagen hoben die Griechen weitere 9,5 Milliarden Euro ab.

Nicht alle Menschen haben ihre Rücklagen ins Ausland geschafft, viele sind wegen der Krise auch einfach gezwungen, auf das Ersparte zurückzugreifen. Dennoch: "Die Verunsicherung ist groß", weiß Ermittler Nikoloudis. Und die Banken machten sich das zunutze. "Die fragen ihre Kunden ganz direkt, ob sie ihr Geld nicht lieber in Liechtenstein, der Schweiz oder Deutschland anlegen wollten." Das sei natürlich nicht verboten, aber es mache ihn tieftraurig, weil die griechischen Geldhäuser doch dringend Liquidität bräuchten und das Land die Binnennachfrage.

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Steuerbetrug ist weit verbreitet in der Wiege der Demokratie. Europaweit werden zehn Prozent der Mehrwertsteuer hinterzogen, in Griechenland etwa 30 Prozent. Ein Drittel der gesamten Wirtschaft läuft am Finanzamt vorbei. Die Verwaltung arbeitet langsam, ineffektiv und ist korrupt. Deshalb kann es viele Jahre dauern, bis ein Steuerstrafverfahren abgeschlossen wird - das Geld aber ist dann oftmals längst außer Landes.

Der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos hat daher einen Plan ersonnen, der so verzweifelt erscheint, wie die Lage wohl ist. Künftig will er Steuersünder und Kapitalflüchtlinge öffentlich an den Pranger stellen. Den Abgeordneten des Parlaments legte er bereits 2495 Namen vor. "Liste der Schande" nannten griechische Zeitungen diese Aufstellung.

Es fehlen Geld und Zeit

Was die Volksvertreter zu sehen bekamen, machte einige fassungslos. Man schlage die Hände über dem Kopf zusammen, so ein Politiker. Dort seien 40 Menschen aufgeführt, die dem Staat jeweils mehr als hundert Millionen Euro schuldeten. Einer habe sogar ein Jahreseinkommen von 42.000 Euro angegeben, im Ausland aber 104 Millionen Euro gebunkert. Ein anderer Geschäftsmann schuldete dem Fiskus 636 Millionen Euro. Und 18 Personen hätten Arbeitslosengeld bezogen, obwohl sie im Ausland jeweils zwischen einer und anderthalb Millionen Euro versteckten.

Der Finanzminister gab zu: "Wir konnten die Steuerhinterziehung bislang nicht erfassen." Die Zeche zahlt nun die griechische Mittelschicht, die immer neue Sonderabgaben aufbringen und Gehaltskürzungen hinnehmen muss. Zehntausenden Beamten droht sogar die Entlassung.

Denn schon im September war der Auftakt im viel beschworenen Kampf gegen die Steuerhinterziehung in ein ziemliches Desaster gemündet. Es stellte sich heraus, dass die meisten Betriebe, die der öffentlichen Hand Geld schulden, staatliche oder bereits insolvente Firmen sind. Inzwischen sind die Hoffnungen der Regierung, auf diese Weise etwa 30 Milliarden Euro einzutreiben, deutlich zurückgegangen.

Der Finanzfahnder Nikoloudis, ein großer, eleganter Mann mit buschigen Augenbrauen, sagt, seine Arbeit habe ihn mit den Jahren zynisch werden lassen. "Wir sind in diese Lage geraten, weil in meinem Land zu viele Menschen nur an sich selbst denken."

Zwar hätten seine Leute in diesem Jahr bereits fast 151 Millionen Euro beschlagnahmt, die aus kriminellen Handlungen stammten und zum Teil nicht versteuert worden seien. Doch die Fälle müssten noch verhandelt werden - und erst die Gerichte entschieden schließlich, was mit dem Vermögen passieren werde. "Und auch das kann dauern", sagt Nikoloudis.

Dabei fehlt Griechenland nicht nur viel Geld, sondern auch jede Zeit.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 141 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ___
niepmann 24.10.2011
Zitat von sysopIn dem Staat ist sich*jeder selbst der Nächste http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793275,00.html
Das kommt mir bekannt vor. In einem Staat, der mir nahe steht, verhält es sich fast genauso. Es fehlt nur noch die Schärfe des Problems. Aber was nicht ist, kann .....
2. es ist zeit....
rondon 24.10.2011
...die (Geld)systemfrage zu stellen! http://the-babyshambler.com/2011/10/24/neues-aus-dem-schwarm/ Besser heute als morgen!
3. *gähn*
lieven 24.10.2011
Zitat von sysopUnternehmer tun es, Rentner auch und sogar Nonnen:*Die Griechen schaffen ihr Vermögen zunehmend ins Ausland, Dutzende Milliarden Euro sind*bereits weg.*In dem Staat, der am Boden liegt, ist sich*jeder selbst der Nächste - und*sogar Steuerfahnder flüchten sich in blanken Zynismus. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,793275,00.html
30% der Wirtschaft läuft am Finanzamt vorbei? Welches Finanzamt ? :-)))))
4. Wir pumpen von oben Geld rein....
gerd33 24.10.2011
... und unten wird es genau so schnell abgezogen. Da gab's doch mal ein löcheriges Fass in der griechischen Mythologie, welches die Danaiden zur Strafe im Tartaros mit Wasser zu füllen hatten, was jedoch niemals gelingen konnte. Parallelen zum heutigen Griechenland sind klar ersichtlich.
5. ...
kimba2010 24.10.2011
Macht nichts, dafür fliessen ja Milliarden Euro deutscher Steuergelder nach Griechanland rein. Gleicht sich halt alles aus.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Finanzkrise in Griechenland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 141 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Straßenschlachten in Athen: Demonstranten gehen aufeinander los

Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.