Kapitalismuskritiker Stiglitz: Der Doppelagent
Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz ist ein Phänomen: Er zählt zur globalen Elite - und ist zugleich Fürsprecher von Protestbewegungen wie Occupy. Heftige Kritik übt er beim Weltwirtschaftsforum an seiner Heimat USA, das Land sei "nur noch führend bei Gefängnissen".
Am Ende ist er doch gekommen. Sein Fahrer hatte Sorge, sie könnten den Flieger in Zürich verpassen, seine Frau hatte den Termin schon abgeschrieben. Doch Joseph Stiglitz wollte diesen Auftritt und nun sitzt er auf einem Podium, das wenig mit den üblichen Bühnen in Davos gemein hat.
Ein paar zusammengeschobene Tische in einem Hotel-Saal mit abgewetztem Parkett und einer angeschlagenen Zimmerpalme. "Tische bitte selbst abräumen", steht an den Wänden. Keine Edelhäppchen, keine eilfertigen Kellner wie drüben im Kongresszentrum oder im Belvédère. Doch Stiglitz, der als einziger auf dem Podium eine Krawatte trägt, fühlt sich sichtlich wohl. "Ich war zwar nicht im Nominierungskomitee", sagt er. "Aber mir würden noch viele andere Firmen einfallen."
Es ist die Verleihung des Public Eye Awards, an der Stiglitz als "Stargast" teilnimmt. Seit Jahren vergeben Nichtregierungsorgansiationen den Schmäh-Preis an Unternehmen für unverantwortliches Verhalten. Diesmal geht die Auszeichnung an die britische Barclays-Bank. Die Organisatoren werfen dem Institut Nahrungsmittelspekulationen auf Kosten der Ärmsten vor. Die Chefs von Barclays hätten sich den Preis abholen können, sie nehmen wenige hundert Meter entfernt am Weltwirtschaftsforum teil. Genauso wie Stiglitz.
Der 67-jährige Ökonom vereint zwei Welten, die seit der jüngsten Finanzkrise besonders unversöhnbar scheinen. Einerseits ist er Teil der Davoser Elite: Nobelpreisträger, Ex-Chefökonom der Weltbank, Ex-Wirtschaftsberater von Bill Clinton und laut "Time" einer der 100 einflussreichsten Menschen 2011.
Andererseits steht Stiglitz seit langem jener Gegenbewegung nahe, die seit Monaten an der Wall Street und in diesen Tagen auch in Davos protestiert. Als Weltbank-Ökonom brach er mit den Konventionen und kritisierte die Kollegen vom Internationalen Währungsfonds (IWF) für ihre neoliberalen Rezepte. Stiglitz wies früh auf die Schattenseiten der Globalisierung hin und wurde für deren Gegner ebenso zur Identifikationsfigur wie jetzt für die neuen Protestbewegungen.
Besuch bei den Empörten
Den Ruhm in linken Kreisen nimmt Stiglitz nicht einfach hin, er sucht offen die Nähe der Aktivisten. Im Sommer letzten Jahres tauchte er bei den "Empörten" von Madrid auf und wünschte ihnen viel Glück. Im Herbst stattete er den Occupy-Protestierern in Manhattan einen Besuch ab. Die dürfen wegen strenger Auflagen keine Lautsprecher benutzen. In Spanien habe man ihm ein Megafon gestattet, erzählte Stiglitz den Demonstranten. In den USA gebe es dagegen "zu viele Regeln, die die Demokratie behindern - und zu wenige, die das Fehlverhalten an der Wall Street stoppen."
Kritik am Turbokapitalismus und Lob für die europäische Alternative: beides gehört bei Stiglitz zusammen. Er ist ein ungewöhnlicher Onkel aus Amerika. Einer, der den Europäern auch in ihrer tiefsten Krise versichert, bei ihnen laufe vieles besser. Dass Europas Krisenländer von US-Republikanern neuerdings als Schreckensvision des gescheiterten Wohlfahrtsstaats dargestellt werden, sei schlicht "ignorant", empört sich der Spross einer Demokraten-Familie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die USA stünden viel schlechter da, führend seien sie nur noch "nur noch bei ihren Gefängnissen".
Ein bisschen Kapitalismus-Kritik ist neuerdings beliebt, sie wird selbst auf dem Weltwirtschaftsforum gepflegt. Dort tragen die Diskussionsrunden in diesem Jahr Namen wie "Den Kapitalismus reparieren". Der Forumsgründer Klaus Schwab erklärte das Wirtschaftsmodell sogar in seiner jetzigen Form für gescheitert. Man suche "verzweifelt" nach neuen Antworten.
Doch ist das mehr als ein Ablenkungsmanöver? Lippenbekenntnisse, die spätestens beim dritten Champagner im Fünf-Sterne-Hotel vergessen sind? Die Aktivisten jedenfalls scheinen eine feindliche Übernahme zu fürchten. Bei der Preisverleihung in Davos forderte Greenpeace-Chef Kumi Naidoo den Forums-Chef Schwab auf, er dürfe nicht länger eine Sprache benutzen, "die aus der Zivilgesellschaft kommt".
Einer wie Stiglitz müsste wissen, wie ernst es die Elite meint. Schließlich belässt er es nicht dabei, kritische Fragen zu stellen. Mit hoher Frequenz bringt er über Bücher, Kommentare und Interviews seine Antworten unters Volk: Höhere Steuern für Reiche, massive Investitionen in Bildung und Infrastruktur, Schluss mit Agrarsubventionen, die arme Länder benachteiligen.
Kommt die Revolution nach Amerika?
Stiglitz schreckt auch nicht davor zurück, eine Revolution in seiner Heimat an die Wand zu malen. Kurz nach Beginn des arabischen Frühlings, noch bevor sich Occupy Wall Street bildete, schrieb er: "Während wir auf den Volkszorn in den Straßen schauen, müssen wir uns eine Frage stellen: Wann kommt er nach Amerika? In wichtigen Fragen ist unser Land so geworden, wie diese weit entfernten, aufgewühlten Orte."
Kann man solche Dinge sagen, ohne in Davos angefeindet zu werden? Stiglitz ist ein routinierter Redner, doch als er an einer Café-Bar im Kongresszentrum diese Frage hört, zögert er, lächelt, und sagt dann langsam: "Die meisten Leute haben eine Seite, die das Richtige tun will. Die will, dass sich unsere Gesellschaft in die richtige Richtung bewegt."
Er hält den Kapitalismus für reformierbar, das unterscheidet Stiglitz von manchem Aktivisten. Den IWF etwa lobt Stiglitz mittlerweile, weil der aus seinen Fehlern gelernt habe. Und auch bei der Preisverleihung in Davos erlaubt er sich den Hinweis, die Kritik an den ausgewählten Unternehmen ändere nichts daran, "dass sie auch manches richtig machen". Da schauen seine Nachbarn auf dem Podium ziemlich skeptisch.
In Davos treffe er viele schlaue Leute, erzählt Stiglitz im Kongresszentrum weiter. Und schlaue Leute hätten meist nichts dagegen, unter Druck gesetzt zu werden. So würden die meisten Teilnehmer des Forums das Problem des Klimawandels anerkennen. "Vor zehn Jahren taten sie das nicht. Und am jetzigen Punkt würden die meisten sagen: Es ist gut, dass jemand Druck gemacht hat."
Als Ökonom glaubt Stiglitz, dass Menschen die richtigen Anreize brauchen. Bei der Preisverleihung spricht ihn ein junger Japaner auf Tepco an - der Betreiber des Katastrophen-Reaktors in Fukushima war ebenfalls nominiert. Die Atomindustrie habe nie die volle Haftung für ihre Handlungen übernehmen müssen, sagt Stiglitz. Deshalb hätten die Verantwortlichen alle Warnungen ignoriert. Das sei bei der Finanzindustrie übrigens ähnlich. "Ich habe einen Artikel darüber geschrieben."
Ohne den Nobelpreis wäre Stiglitz in Davos nur einer von vielen halbprominenten Experten. Doch die Auszeichnung verleiht ihm lebenslang besondere Aufmerksamkeit und er scheint fest entschlossen, das so weit wie möglich zu nutzen.
Trotz des nahen Abflugs bleibt Stiglitz lange bei der Preisverleihung, schließlich reicht man ihm seinen Mantel aufs Podium. In der Lobby wird er noch schnell von einem deutschen Fernsehteam interviewt, auf der Straße von einer aufgeregten Asiatin, und selbst als Stiglitz schon im Shuttle mit den getönten Scheiben sitzt, schießt ein Fotograf noch eifrig Bilder. Es scheinen Zeiten zu sein, in denen Kapitalismuskritiker wieder zu Popstars werden können.
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