Aachen - Dunkler Maßanzug, dezente hellblaue Krawatte - es war ein gewohnt eleganter Auftritt, den der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, am Donnerstag im historischen Krönungssaal des Aachener Rathauses absolvierte. Viel politische Prominenz, darunter Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und der frühere Bundespräsident Horst Köhler, waren gekommen, um Trichet mit dem renommierten Karlspreis zu ehren. Er erhielt die Auszeichnung für seinen Einsatz für einen stabilen Euro und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Europäischen Binnenmarktes.
In seiner Laudatio auf Trichet nannte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso den neuen Karlspreisträger einen "entschiedenen Verteidiger der Unabhängigkeit der EZB." Es sei "ein wirkliches Privileg", mit Trichet zusammenzuarbeiten. Dieser nutzte den illustren Kreis, um seine Vorstellung von einer dauerhaften finanziellen Stabilisierung der Euro-Zone zu formulieren.
In seiner Rede vor den rund 850 Teilnehmern des Festaktes schlug Trichet ein Zwei-Stufen-System für Länder in finanziellen Schwierigkeiten vor. In der ersten Stufe könne innerhalb eines Anpassungsprogramms finanzielle Unterstützung geleistet und den Ländern die Möglichkeit gegeben werden, selbst Korrekturen vorzunehmen und wieder Stabilität herzustellen. "Bleiben diese Maßnahmen allerdings erfolglos, dann muss eine zweite Stufe deutlich anders ausgestaltet sein", so Trichet.
Von "geht gar nicht" bis "unvermeidlich"
Falls hoch verschuldete Euro-Länder trotz finanzieller Unterstützung nicht aus der Krise kämen, müsse auch ein direktes Eingreifen der europäischen Institutionen auf die Wirtschaftspolitik dieser Länder vorstellbar sein, forderte der oberste europäische Währungswächter. Dies könne sogar bis zu einem Vetorecht bei Haushaltsentscheidungen reichen. Mittelfristig sieht Trichet Europa auf dem Weg zu einem gemeinsamen Finanzministerium, das die finanziellen Weichen für die Gemeinschaft stellt.
Gerade die Forderungen nach dem europäischen Finanzministerium und nach direkten, weitreichenden Einflussmöglichkeiten der europäischen Institutionen, sorgten im Anschluss an die feierliche Zeremonie für lebhafte Debatten unter den geladenen Gästen. Von "geht gar nicht" bis "unvermeidlich" lauteten die Kommentare. Ausführlich zitierte Trichet Staatsmänner und Philosophen, die den Geist eines geeinigten Europas beschworen haben.
Der Karlspreis wird seit 1950 an Persönlichkeiten und Institutionen vergeben, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht haben. Die Verleihung findet traditionell am Himmelfahrtstag statt. Zu den früheren Preisträgern zählen Spaniens König Juan Carlos und der frühere US-Präsident Bill Clinton. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde 2008 mit dem Karlspreis ausgezeichnet.
wit/dapd/AFP
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