Krankengeld, Reha, Hörgeräte Kassen lehnen hunderttausendfach Leistungen ab

Viele Versicherte bekommen den Sparkurs ihrer Krankenkasse zu spüren. Gutachter lehnten 2012 in Hunderttausenden Fällen Leistungen wie Krankengeld und Reha ab. Experten beklagen den Druck auf psychisch Kranke.

Stress am Arbeitsplatz: Unangenehme Anrufe von der Krankenkasse
DPA

Stress am Arbeitsplatz: Unangenehme Anrufe von der Krankenkasse


Berlin - Die Finanzlage der Krankenkassen ist so gut wie lange nicht. Die gesetzlichen Krankenversicherungen verzeichnen Milliardenüberschüsse, von Pleiten wie vor zwei Jahren ist die Branche weit entfernt. Dennoch versuchen die Kassen, ihre Kosten zu senken - mit mitunter fragwürdigen Methoden. Hintergrund ist, dass sie Zusatzbeiträge unbedingt vermeiden wollen. Denn diese verschrecken junge, gutverdienende Mitglieder und stellen damit einen Wettbewerbsnachteil dar.

Der Sparkurs führt dazu, dass Leistungen für Versicherte strenger kontrolliert und häufig nicht bewilligt werden. So bekamen Krankenversicherte in Deutschland 2012 in Hunderttausenden Fällen negative Bescheide zu Leistungen wie Krankengeld, Reha oder Hilfsmitteln. Das geht laut Nachrichtenagentur dpa aus Daten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) hervor.

Demnach gab es im vergangenen Jahr folgende Bescheide:

  • In rund 1,5 Millionen Fällen initiierten einzelne Kassen MDK-Gutachten zu ärztlich festgestellter Arbeitsunfähigkeit. In 16 Prozent der Fälle urteilte der MDK, dass die Arbeitnehmer wieder arbeiten könnten.
  • Bei fast 700.000 Prüfungen zu Reha-Leistungen kamen die MDK-Ärzte in 39 Prozent der Fälle zu dem Ergebnis: medizinische Voraussetzungen nicht erfüllt.
  • Für Hilfsmittel wie zum Beispiel Hörgeräte wurden fast 500.000 Gutachten geschrieben - negative Urteile gab es bei 37 Prozent.

Patienten sollten sich "auf keinen Fall damit zufriedengeben, wenn der MDK ein Hörgerät über den Festbetrag ablehnt oder eine Reha-Leistung", sagte die Präsidentin des Sozialverbands VdK Ulrike Mascher. Problematisch sei, dass Entscheidungen zur Arbeitsunfähigkeit oft nach Aktenlage getroffen würden. "Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen ist das fatal." Man könne Widerspruch einlegen, der behandelnde Arzt könne ein zweites Gutachten einfordern.

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) hatte bereits in ihrem Jahresbericht im Sommer auf die Vielzahl solcher Fälle hingewiesen. Laut UPD, Verbraucherzentrale und VdK haben viele Berater den Eindruck, dass es im Gegensatz zu früher vermehrt Fälle gibt, in denen Kassen den Versicherten Krankengeld oder andere Leistungen nicht gewähren wollten. Die Kassen können den MDK beauftragen, Gutachten zu erstellen. Zahlen darüber, bei wie vielen Menschen die Versicherung dann etwa eine Krankschreibung aufhebt, gibt es laut GKV-Spitzenverband nicht.

Der Geschäftsführer des Medizinischen Diensts des GKV-Spitzenverbands, Peter Pick, wies die Kritik zurück. Die Zahl der begutachteten Fälle sei seit 2010 bei Arbeitsunfähigkeit, Reha und Hilfsmitteln leicht gesunken. Die Gutachten würden sorgfältig erstellt, sagte er. Menschen, die psychische Leiden hätten, wieder in die Arbeitswelt zu integrieren, habe oft auch einen guten Effekt. Bei Leistungen wie Hilfsmitteln sei es häufig so, dass es statt des ursprünglich vorgesehenen Produkts ein anderes oder etwa eine Physiotherapie gebe.

Betroffene können Druck kaum aushalten

Der Gesundheitsexperte Rolf Rosenbrock kritisiert, dass psychisch Kranke für die Kassen mittlerweile "ein Kostenfaktor" seien. Ausgerechnet Krankheiten wie Depressionen, die stark zugenommen haben, "werden vom Risikostrukturausgleich nicht hinreichend ausgeglichen", sagte der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. "Solange chronisch Kranke ein finanzielles Risiko sind, gibt es für die Kassen einen Anreiz, ihnen Leistungen vorzuenthalten", warnt er.

Für die Betroffenen ist die Situation kaum auszuhalten. Viele sind nicht in der Lage, sich gegen ihre Kasse durchzusetzen, sie leiden unter dem Druck, ihre Krankheit verschlimmert sich. Dörte Elß, Beraterin der Verbraucherzentrale Berlin, sagte der dpa: "Was nicht geht, ist das ständige Anrufen." Versicherte könnten sich aber Anrufe von Sachbearbeitern einer Krankenkasse verbitten und schriftliche Mitteilungen verlangen. Elß meinte, es könne aber auch etwas Gutes haben, wenn sich eine Kasse um eine zügige Genesung kümmere.

cte/dpa



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insgesamt 264 Beiträge
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Seite 1
egal 19.08.2013
1. Wess Brot ich ess ...
Die Mediziner des MDK sind zum einen ANGESTELLTE der Krankenkassen und zum anderen fachlich zumeist nicht qualifiziert. Es gibt praktisch keine Fachärzte für die jeweiligen Disziplinen sondern vorwiegend Sozialmediziner, Arbeitsmediziner o.ä. die dann über HNO und Psychatrie urteilen dürfen. Auf Nachfrage erfährt man dann, dass die jeweiligen Kollegen sich schließlich auf Seminaren fortgebildet hätten. Der MDK ist das Feigenblatt der medizinischen Fachlichkeit zur Ablehnung möglichst aller Anfragen. Eine solche Institution ist zwar sehr wünschenswert, aber nur, wenn sie unabhängig ist und nicht nur aus ehemaligen Medizinern bestünde, die zu deppert waren, den Taxischein zu bestehen.
Hilfskraft 19.08.2013
2. die Botschaft
... verrecke endlich! Du wirst uns zu teuer! Wir wollen nur Mitglieder, die Geld einbezahlen aber keine Ansprüche stellen. Wie gut, das eine bestimmte Klientel alles über ihre Private erhält! Deren Daten sind bei den Privaten mit Sicherheit auch nicht zum freien Verkauf freigegeben. Daher kann und will man sich von den Privaten nicht trennen. Die Botschaft wurde verstanden.
tulius-rex 19.08.2013
3. Vorstandsgehälter
Ob es bei der selbstbewilligten Vorstandsvergütung wohl auch so viel Ablehnung gibt? Jetzt weiss man endlich, woher die Bahr'schen Milliarden Rücklagen kommen.
Spiegelleserin57 19.08.2013
4. bemerkenswert!
es kam die Meldung : die Kassen hätten große Überschüsse erwirtschaftet. Dann müssen auch Anträge genehmigt werden, man Kam den Überschuss nicht einbehalten und keine Leistungen erbringen.
siamkatze79539 19.08.2013
5. Mdk
und Krankenkassen sind ein "Brechmittel". In diesen Instutionen gehört mal kräftig durchgewedelt bzw. gekehrt. Leider gibt es nichts besseres, sonst könnte man denen einfach den Rücken kehren.
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