Teures Krankengeld Kassen setzen externe Berater auf psychisch Kranke an

Im Gesundheitssystem hat sich ein neues Geschäftsmodell etabliert: Externe Berater übernehmen für Krankenkassen die Betreuung psychisch Kranker. Ärzte und Datenschützer halten das Vorgehen für problematisch.

Frau im Treppenhaus: Kassen versuchen, Krankengeld zu sparen
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Frau im Treppenhaus: Kassen versuchen, Krankengeld zu sparen

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Bremen - Das Schreiben seiner Krankenkasse erreichte Johannes K. vor wenigen Wochen. Die AOK Bayern lädt den Münchner darin ein, er soll zu einem "Beratungsgespräch zum Gesundheitsmanagement" kommen. Doch der Termin findet nicht etwa bei der Kasse selbst statt. Sprechen soll K. mit einem Mitarbeiter von Ge.on Case Management. Dabei handelt es sich um einen privaten Dienstleister, den die AOK beauftragt hat, um psychisch und chronisch Kranke zu betreuen.

Johannes K., seit Monaten arbeitsunfähig, reagierte ungehalten: "Warum soll ich da hingehen? Das ist doch eine Pseudoveranstaltung." Sein Verdacht: Die Kasse wolle ihn unter Druck setzen, schnell wieder zu arbeiten und damit kein Krankengeld mehr zu kassieren. K. schaltete seinen Anwalt ein. Der bestätigt ihm, dass die Beratung freiwillig ist. Die Kasse kann ihn nicht dazu verpflichten, mit den Ge.on-Leuten zu reden.

K. entschied sich, das Angebot abzulehnen. Damit sei er Teil einer kleinen Minderheit, sagt Susanne Jacobs-Finkelmeier. Sie ist die Chefin von Ge.on Case Management. "90 Prozent der von der Kasse angesprochenen Versicherten machen mit und sind dankbar für unser Angebot." Im Jahr betreue Ge.on etwa 10.000 Personen. Nur wenige seien zunächst misstrauisch, ließen sich dann aber doch überzeugen und blieben, so Jacobs-Finkelmeier.

Der Umgang von Krankenkassen mit psychisch Kranken hat in den vergangenen Wochen für Aufregung gesorgt. Betroffene klagen über Sachbearbeiter, die massiven Druck ausüben, Telefonterror und Einschüchterung betreiben. Der Hintergrund ist klar: Es geht ums Geld. Die Kassen versuchen, die deutlich steigenden Krankengeldkosten zu verringern. Wer länger krankgeschrieben ist, hat Anspruch auf diese Leistung der Krankenkassen, deren Höhe sich am zuletzt erhaltenen Gehalt orientiert. Gerade psychische Erkrankungen gehen oft mit längerer Arbeitsunfähigkeit einher. Schätzungen zufolge sind in Deutschland jährlich 2,2 Millionen Menschen wegen psychischer Krankheiten arbeitsunfähig. In den vergangenen 15 Jahren nahm die Zahl der Fälle demnach um fast 150 Prozent zu.

Rein in den Job - raus aus dem Krankengeld

Fast alle Kassen haben deshalb Krankengeld-Fallmanager eingestellt, zumeist sind ganze Abteilungen für diese besonders teuren Versicherten zuständig. Daneben hat sich eine ganze Branche von Dienstleistern etabliert, die den Kassen versprechen: Wir bringen psychisch Kranke zurück in den Job - und damit raus aus dem Krankengeld.

Wie geschieht das nun? Setzt auch Ge.on die Versicherten unter Druck, nur subtiler, als das beim Telefonterror einiger Kassen geschieht? Jacobs-Finkelmeier weist das vehement zurück. "Wir wollen, dass Patienten alles bekommen, was sie brauchen, um gesund zu werden." Dafür arbeiteten ihre Mitarbeiter - Psychologen, Sozialpädagogen und Ärzte - eng mit dem behandelnden Arzt zusammen. "Der Eindruck der medizinischen Laien ist: Man muss bei psychisch Kranken Druck machen, dann läuft das schon wieder", sagt die Firmenchefin. Doch damit werde "nur das Gegenteil erreicht".

Neben der Kooperation mit den Ärzten setze Ge.on darauf, mit dem Versicherten direkt an seinen Problemen zu arbeiten. Zum Beispiel könne der Berater helfen, Konflikte am Arbeitsplatz zu lösen und das Gespräch mit Kollegen oder Vorgesetzten zu suchen.

"Patienten werden in die Mangel genommen"

Klingt nett, doch Patientenschützer und Ärzte sind skeptisch, was die Arbeit von Dienstleistern wie Ge.on angeht. Ein Mediziner aus München, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, erzählt: "Patienten berichten, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlen." Sein Eindruck sei: "Die Menschen werden gleichsam vom Ge.on Case Manager und vom Kassenmitarbeiter in die Mangel genommen."

"Da wird ein subtiler Druck auf die Patienten erzeugt", kritisiert auch Claudia Schlund von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD). "Viele fühlen sich genötigt, sich nackt auszuziehen, alles preisgeben zu müssen." Ihre Erfahrung aus der Beratung sei, dass viele psychisch Kranke nicht frei in ihrer Entscheidung seien, mit den Beratern zu reden. "Sie haben Angst vor dem Damoklesschwert Leistungskürzung und machen deshalb mit."

Jacobs-Finkelmeier kennt diese Kritik. Sie hält sie aber schlicht für unbegründet. Sie kennt auch Kassen, die Versicherte nur unter Druck setzen - ohne großes Interesse an ihrer Genesung. Mit solchen Kassen arbeite Ge.on aber nicht zusammen.

Ein weiteres Problem, das Ärzte und Patientenschützer ansprechen, ist der Datenschutz. Immerhin sammeln die Dienstleister zahlreiche persönliche Informationen über die Patienten und tauschen diese auch mit den Kassen aus. Auch wenn die Versicherten diesem Vorgehen schriftlich zustimmen müssen, sei noch lange nicht klar, dass die Praxis damit wasserdicht sei, sagt eine Sprecherin des Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar. "Es gibt dafür keine Rechtsgrundlage." Die Sprecherin kündigt eine gründliche Prüfung an: "Wir werden dem nachgehen."

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insgesamt 95 Beiträge
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Ze4 18.10.2013
1. kranke Geschäfte
"Gesundheitssystem" und "Geschäftsmodell" - Da liegt der Hase im Pfeffer bzw. der Hund begraben. Private Geschäfte mit Krankheit sind die eigentliche Krankheit.
Plasmabruzzler 18.10.2013
2.
Hier erwarte ich etwas mehr Information bzw. Recherche. Von den Kritikern nennt nur 1 (Schlund) von 3 (Patient, Mediziner aus München, Schlund) ihren Namen, während sich Jacobs-Finkelmeyer sich nicht in der Anonymität versteckt. Somit stünde es argumentativ 1 gegen 1. Ich kann nicht verstehen, warum Krankenkasse(n) solche Dienstleistungen nach extern abgeben, statt diese selbst durchzuführen. Dann gäbe es wohl auch mit dem Datenschutz keine bis wenige Probleme. Natürlich ist den Kassen gelegen, möglichst wenig über kurzen Zeitraum zu zahlen - es sind ja schließlich Unternehmen und nicht die Wohlfahrt. Zur Not müsste die Politik eingreifen. Andererseits geht es hier ja offenbar um psychisch (und chronisch) kranke Menschen. Aus dem Bauch heraus würde ich behaupten, dass sich solche Menschen bei jeder Nachfrage der Krankenkasse unter Druck gesetzt fühlen und ggf. die Situation emotional falsch einschätzen. Wer beispielsweise an einer Angststörung leidet, der wird eine Nachfrage der Krankenkasse ganz anders bewerten als jemand, der sich das Bein gebrochen hat. Hier wäre die Befragung einer größeren Personengruppe hilfreich, um ein vorurteilsfreies Meinungsbild zu externen Beratern zu erhalten.
Hugh 18.10.2013
3. Widerwärtig
Zitat von sysopDPAIm Gesundheitssystem hat sich ein neues Geschäftsmodell etabliert: Externe Berater übernehmen für Krankenkassen die Betreuung psychisch Kranker. Ärzte und Datenschützer halten das Vorgehen für problematisch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kassen-setzen-externe-berater-auf-psychisch-kranke-an-a-928315.html
Diese Druckmacherfirmen arbeiten für lau? Denn sonst wird es ja nicht billiger. Mal ganz abgesehen davon, dass die Kasse überhaupt nicht berechtigt ist, die Daten des Patienten ohne seine Zustimmung an Dritte weiter zu geben. Peter Schaar und seine Leute sollten dem schnellstens einen Riegel vorschieben. Und die Betroffenen müssen wohl die Gerichte einschalten. Aber, und das wissen die Kassen und diese "Berater" natürlich, psychisch Kranken fällt es oft schwer sich zu wehren. Das Verhalten der Kassen und der "Berater" ist einfach nur widerwärtig.
ddobrodt 18.10.2013
4. Man kann es drehen..
..und wenden wie man will, der Werteverfall in unserer Gesellschaft schreitet immer weiter fort. Diese "Amerikanisierung" die hier stattfindet, hat aber einen gewaltigen Haken. Gerade wir Deutschen sind nicht so grundsätzlich postive Menschen wie jenseits des großen Teiches und dies wird irgendwan folgen haben. Eine wir auch immer geartete Revolution geht immer vom Mittelstand aus, wenn dieser meint er verschwindet.
communicate 18.10.2013
5. Stimmt...
Zitat von Ze4"Gesundheitssystem" und "Geschäftsmodell" - Da liegt der Hase im Pfeffer bzw. der Hund begraben. Private Geschäfte mit Krankheit sind die eigentliche Krankheit.
...Ärzte sollten zukünftig auch eherenamtlich arbeiten ;-)
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