Streit über Unabhängigkeit Katalonien setzt seine Wirtschaftsmacht aufs Spiel

Beim Unabhängigkeitsreferendum in Spanien geht es auch ums große Geld: Katalonien ist die wirtschaftlich stärkste Region des Landes - doch was wäre sie ohne den Rest noch wert? Auch deutsche Manager bangen.

Unterstützer der Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens
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Unterstützer der Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens

Aus Barcelona berichtet


"Espanya ens roba!" - Spanien raubt uns aus! Dieser Schlachtruf ist früher oder später fast immer zu hören, wenn Kataloniens Separatisten auf die Straße gehen. Mögen ihre Politiker in den offiziellen Stellungnahmen noch so oft betonen, dass sie sich von Spanien vor allem wegen der eigenen katalanischen Identität, der eigenen Sprache oder der angeblichen Repression durch die Regierung in Madrid abspalten wollen. Tatsache ist: Es geht bei dem verfassungswidrigen Referendum, das die Separatisten am Sonntag abhalten wollen, auch um das große Geld.

Denn bei dessen Verteilung fühlen sich Millionen Katalanen seit Jahren übervorteilt vom spanischen Zentralstaat. Ihrer Ansicht nach geben sie zu viel hinein in die von Madrid verwaltete gemeinsame Kasse - und kriegen zu wenig wieder heraus. Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont beziffert das Minus auf rund acht Prozent des Bruttosozialprodukts. Das wären mehr als 16 Milliarden Euro pro Jahr - fast dreimal so viel, wie Bayern als größter deutscher Nettozahler zum Länderfinanzausgleich beisteuert. Madrider Ökonomen bezweifeln, dass die Transferleistungen tatsächlich so hoch sind. Fest steht aber: Katalonien zahlt drauf.

Für Puigdemont ist die Zentralregierung unter Premierminister Mariano Rajoy Schuld an der Eskalation des Streits: "Wenn Rajoy unseren Vorschlag für ein neues Fiskalabkommen akzeptiert hätte", sagte er dem SPIEGEL, "dann stünden wir heute sicher nicht hier." Das Abkommen hätte vorgesehen, dass Katalonien seinen finanziellen Beitrag substanziell verringert.

"Wir schätzen die Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Firmentreue"

Die Region rund um Barcelona im Nordosten des Landes ist die wirtschaftsstärkste der 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens. Ihre gut sieben Millionen Einwohner erwirtschaften rund ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes - und fast ein Viertel der Exporte, auf denen Spaniens Wiederaufschwung nach der Schuldenkrise maßgeblich beruht.

Für den Erfolg dieses Standorts gibt es eine Reihe guter Gründe: Die Infrastruktur ist vergleichsweise modern, die geografische Lage am Mittelmeer günstig, die Hochschulen bringen viele gut ausgebildete, innovative Absolventen hervor. Vor allem aber gelten die Katalanen innerhalb Spaniens als extrem fleißig und effizient. "Wir sind die Deutschen Südeuropas", behauptet der langjährige Ministerpräsident Artur Mas.

Viele multinationale Konzerne haben im großen Stil in Katalonien investiert: von den Chemie- und Pharmariesen DowDuPont und Sandoz über Konsumgüterhersteller wie Nestlé oder Procter & Gamble bis hin zu den Autobauern Nissan und Volkswagen. Die VW-Tochter SEAT hat in Martorell vor den Toren Barcelonas ihr Hauptquartier. Rund 800 der 1400 deutschen Unternehmen in Spanien haben sich in Katalonien angesiedelt: ob Lidl, BASF, Bayer oder Siemens. "Die Mentalität hier kommt der deutschen sehr entgegen", sagt Albert Peters, Präsident des in Barcelona ansässigen Kreises der deutschsprachigen Führungskräfte. "Wir schätzen die Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Firmentreue der Katalanen."

Nichts bereitet den spanischen Statthaltern der multinationalen Konzerne mehr Sorgen als eine mögliche Trennung von Spanien. Er kenne "haufenweise Firmen, die ihren Sitz in Katalonien aufgeben würden, um irgendeine illegale Lage zu vermeiden", zitiert die Madrider Zeitung "El Mundo" Jaime Malet, den Präsidenten der US-Handelskammer in Spanien. Viele Unternehmen hätten einen Notfallplan in der Schublade, mit einem "roten Knopf, um innerhalb von 24 Stunden den Sitz wechseln zu können".

Denn zum einen verstößt das Referendum gegen die spanische Verfassung. Und zum anderen wäre ein unabhängiger Staat Katalonien aller Voraussicht nach draußen aus der Europäischen Union und dem gemeinsamen europäischen Binnenmarkt. Die wichtigsten Absatzmärkte der Katalanen sind aber der Rest Spaniens und die EU-Länder, in die fast zwei Drittel ihrer Exporte gehen. Nichts kann die heimische Industrie weniger gebrauchen als neue Zölle und Handelsschranken.

Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos orakelt, im Falle einer Abspaltung werde die katalanische Wirtschaft "brutal" einbrechen, um 25 bis 30 Prozent. Dann gäbe es nicht mehr viel zu räubern in Katalonien.

"Man kann nur hoffen, dass noch die Vernunft zurückkehrt"

Auch den deutschen Managern vor Ort ist eine Trennung gar nicht recht. Er verstehe, dass man den vielen Unabhängigkeitsbefürwortern Gehör schenken müsse, sagt Verbandspräsident Peters dem SPIEGEL. Allerdings wäre eine Spaltung hochriskant - für die Unternehmen wie auch für ihre Beschäftigen. "Niemand von der Unabhängigkeitsbewegung kann uns Rechtssicherheit garantieren. Und was würde mit den Pensionsansprüchen passieren? Die Arbeitnehmer zahlen ihre Beiträge in eine Versicherungsanstalt in Madrid ein."

Statt immer weiter zu eskalieren, müssten Politiker beider Seiten gemeinsam konstruktive Lösungen finden, sagt Peters. Und zwar am besten vor einem Referendum: "Man kann nur hoffen, dass noch die Vernunft zurückkehrt. Wir wollen, dass Katalonien in Spanien bleibt, mit einem neuen Autonomieabkommen zwischen Barcelona und Madrid."

Doch das wird es so schnell nicht geben. Zwar hat der spanische Minister de Guindos gerade öffentlich erklärt, man könne über eine Reform des Finanzierungssystems reden, sobald Katalonien seine Abspaltungspläne stoppe. Und auch der Katalane Puigdemont behauptet, er habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man gemeinsam ein neues Statut für Katalonien aushandeln könne. Aber dafür müsste zumindest eine der beiden Seiten einlenken. Innerhalb der nächsten Stunden.

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Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien: "Es kann kaum schlechter werden in Spanien"

Im Moment läuft alles auf den großen Zusammenprall heraus: auf ein wie immer geartetes Referendum am Sonntag. Was dann geschieht und in den Tagen danach, wenn Puigdemont womöglich die einseitige Unabhängigkeit erklärt, das weiß niemand. Nicht einmal die Politstrategen in Madrid und Barcelona, die all das zu verantworten haben.

insgesamt 112 Beiträge
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roninger2000 29.09.2017
1. Immer cool bleiben
Gar nichts wird passieren, weil kein seriöser Staat dieses Theater ernst nimmt. Cataluña ist die am höchsten verschuldete comunidad autónoma Spaniens. Man fühlt sich den anderen Regionen überlegen, ohne es zu sein. Und die intoleranteste. Alles soll ausgemerzt werden, was spanisch sein könnte. Wer sich selber ausgrenzt wird kaum Freunde finden.
bommerlunder 29.09.2017
2. Das Problem
Das Problem sind, wie immer, die geheimen Wahlen. Müsste man sich für das verantworten, was man wählt, würde es nie zu einer Abspaltung kommen. Aber bei geheimen Wahlen leiden und zahlen letztlich alle, auch die, die sich gegen eine Abspaltung stark gemacht haben und denen ihr Land „Spanien“ genommen wird. Man sollte überhaupt, in allen Ländern, dringend über eine Reform des Wahlrechts nachdenken.
m.paulus 29.09.2017
3. Recht auf Abstimmung
Unabhängig, was man davon hält, ob Katalonien unabhängig von Spanien werden soll oder nicht, hat dieses Volk das Recht darüber abzustimmen. Es ist dabei völlig irrelevant, was dazu in der Verfassung Spaniens steht. Denn das ist ein substantielles Recht eines Volkes. Genauso kann es jederzeit über seine Verfassung abstimmen. Ein Volk hat gewisse Rechte, einfach weil es ein Volk ist. Das ist genauso wie die Menschenrechte. Ein Mensch hat auch gewisse Rechte, einfach weil er ein Mensch ist. Wenn die Spanier nicht wollen, dass die Katalanen unabhänig werden, dann müssen sie das Angebot, in Spanien zu verbleiben, attraktiv genug machen. Sie können nicht einfach in eine Verfassung reinschreiben, dass Spanien unteilbar sei. Tun sie es doch, ist der entsprechende Artikel ohne jede Bedeutung. Andererseits müssen die Katalanen auch damit leben, dass sie im Falle einer Unabhängkeit von Spanien erst einmal aus der EU draußen sind. Falls sie wieder rein wollen, müssen sie ganz normal eine Aufnahmeantrag stellen und Beitrittsverhandlungen führen.
Stäffelesrutscher 29.09.2017
4. España mañana será republicana
Das Wort »Referendum« ohne den Zusatz »verfassungswidrig« zu gebrauchen ist wohl genauso verpönt wie weiland DDR ohne Gänsefüßchen, »sogenannte« oder jetzt »ehemalige« zu schreiben. Wir wissen, was das Rajoy-Regime von Selbstbestimmung hält, das braucht nicht in solchen Stanzen in eine vermeintlich objektive Wahrheit umdefiniert zu werden. Denn zur Wahrheit gehört eben auch (einmal ist es knapp erwähnt worden), dass man frühere Abkommen einhält. Leider war es da die francophile Partei (um es mal ganz höflich auszudrücken) namens PP, die querschoss. Mittlerweile blockiert das Madrider Regime (dieser Ausdruck sei gestattet, um gegenüber den ständigen Wiederholungen von »verfassungswidrig« und »Separatisten« nachzurüsten) katalanische Websites, verbietet Veranstaltungen, beschlagnahmt Unterlagen, droht öffentlichen Bediensteten und Mandatsträgern drakonische Strafen an (wurde je einer aus dem korrupten PP-Haufen für reale Straftaten zu Strafen in ähnlicher Höhe verdonnert?) ... Meine Prognose für den Sonntag: Reguläre Abstimmung, die ein umfassendes Ergebnis haben könnte - unmöglich, wenn ein Teil der Urnen und Stimmzettel fehlt und Soldaten Katalonien aufmischen. Puigdemont ruft Neuwahlen aus, und die nach Selbstbestimmung strebenden Parteien bekommen 70 Prozent. Und dann wird mit anderen Kräfteverhältnissen verhandelt. Im Übrigen weise ich darauf hin, dass die Frage des Referendums »Möchten Sie, dass Katalonien ein unabhängiger Staat in Form einer Republik ist« auch die von Franco wieder eingeführte Monarchie betrifft.
Thorsten_Barcelona 29.09.2017
5. Rest-Spanien würde auch Pleite gehen und das wird richtig teuer ...
Es ist klar, dass Spanien ohne Katalonien ebenfalls Pleite gehen würde. Das sieht man schon an den hier gezeigten Daten und nein, es gibt keine kleinen Elfen, an die viele Rest-Spanier zu glauben scheinen, die abends in Katalonien die Fabriken abbauen und sie am nächsten Tag in Valencia wieder aufbauen. Und wenn Spanien seine Schulden nicht bedienen kann, möchte ich nicht in der EZB sitzen ... Spanien muss den Staat modernisieren, darum geht es hier viel. In Katalonien haben viele die Hoffnung verloren, dass das möglich ist, und werfen sich deshalb in das Abenteuer Unabhängigkeit. Aber Madrid sagt auch wirklich zu allem Nein und die Verfassung aus der Übergangszeit vom Franco Regime ist etwas heiliges. Mit der Verfassung wird Spanien eh bald untergehen. Sobald die Zinsen steigen und auch der Brexit mag schon genug sein. Die Wirtschaft ist auf dem grenzenlosen Wachstum des Tourismus ausgerichtet. Das kann irgendwann nicht mehr gut gehen. Und die Politiker in Madrid sind eher daran interessiert sich in den Institutionen festzusetzen, wofür sie genau die aktuelle Verfassung verwenden.
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