Unternehmen in Spanien Raus aus Katalonien

Die mögliche Unabhängigkeit Kataloniens verschreckt die Wirtschaft. Erste Firmen wandern ab oder planen den Umzug, auch deutsche Unternehmen haben einen Plan B.

Börsentafel in Madrid am 4. Oktober 2017
MARISCA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Börsentafel in Madrid am 4. Oktober 2017

Aus Barcelona berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als der Handel an Spaniens Börse am Mittwoch eröffnet, kennt die Aktie von Oryzon Genomics kein Halten mehr. 5 Prozent, 10 Prozent, 15, 20, 25, 30 Prozent - erst bei 33 Prozent Plus endet der Run auf die Anteile des Biotechnologieunternehmens. Dabei hat es nicht etwa eine bahnbrechende neue Entdeckung gemacht. Nein, Oryzon Genomics hat bloß seinen Firmensitz verlegt: von Barcelona nach Madrid. Raus aus Katalonien.

Die Anleger feiern Oryzon Genomics. Es ist das erste Unternehmen, das Katalonien verlässt nach dem verfassungswidrigen, von spanischer Polizeigewalt geprägten Unabhängigkeitsreferendum. Dutzende, Hunderte weitere Betriebe könnten folgen - etwa dann, wenn das Parlament in Barcelona die Abspaltung von Spanien verkündet.

Denn wer nach diesem Catalexit das Sagen hat in der autonomen Region Katalonien, das ist völlig unklar. Ebenso wie die Frage, ob das Land eine Zukunft in der Europäischen Union und dem Europäischen Binnenmarkt hat.

"Wenn Unternehmen befürchten, dass sie dauerhaft in eine unklare rechtliche Lage kommen, werden viele diesen Standort verlassen", sagt der Ökonom Eckart Woertz, Forschungskoordinator des Thinktanks Barcelona Centre for International Affairs. "Das kann ganz schnell gehen." Woertz ist längst nicht der einzige, der vor einem Exodus warnt.

Jaime Malet, Chef der amerikanisch-spanischen Handelskammer, sagt, er kenne mehrere US-Firmen in Barcelona, die über Nacht ihren Firmensitz in Katalonien aufgeben und verlagern können.

Unbekanntes Terrain

Auch einige führende der rund 800 deutschen Unternehmen in der Region haben einen Plan B aufgestellt, den sie im Ernstfall nur aus der Schublade ziehen müssen. Nach SPIEGEL-Informationen steht einer der größten internationalen Investoren vor Ort bereits kurz davor, seine Spanien-Zentrale von Katalonien in eine andere Region zu verlagern. Die Entscheidung war bis Mittwochmittag aber noch nicht gefallen.

"Die Wirtschaft hier leidet schon jetzt unter erheblicher Rechtsunsicherheit", sagt Albrecht Peters, der Präsident des in Barcelona ansässigen Kreises der deutschsprachigen Führungskräfte. "Seit dem Referendum bewegen wir uns auf unbekanntem Terrain."

Denn was wird nach der Unabhängigkeitserklärung des katalanischen Parlaments folgen, welche die linksradikale Regierungspartei CUP für den kommenden Montag angekündigt hat? Wird die Zentralregierung in Madrid den Katalanen dann ihre Autonomie entziehen, sie unter Zwangsverwaltung setzen und die Regionalregierung abberufen? Und würde sich Regierungschef Carles Puigdemont dann einfach so abberufen lassen? Gäbe es dann wieder Massendemonstrationen und Streiks, so wie am Dienstag? Würden die spanische Polizei und die paramilitärische Guardia Civil, deren Einsatzkräfte noch immer in Katalonien sind, möglicherweise wieder Gewalt anwenden? Klar ist nur eins: Die Unternehmen in der Region müssen sich auf Chaoswochen gefasst machen.

Mindestens ebenso groß ist die Sorge, dass der Standort keine Zukunft in der EU hat. Denn sollte die Republik Katalonien einmal tatsächlich als souveräne Nation anerkannt und kein Teil Spaniens mehr sein, dann ist sie draußen aus dem vereinten Europa. Und damit auch aus dem schrankenlosen Binnenmarkt. Und dann müsste sich die Industrie in Katalonien auf Zölle gefasst machen, wenn sie ihre Produkte nach Spanien oder in andere EU-Staaten verkauft. Diese Märkte haben rund 80 Prozent Anteil an allen katalanischen Exporten.

In die EU käme Katalonien so schnell nicht zurück. "Der Beitritt würde mindestens ein paar Jahre dauern - selbst für den Fall, dass Spanien nicht blockiert", sagt Ökonom Woertz. "Diese paar Jahre können ausreichen, um massiven ökonomischen Schaden anzurichten."

Weder Barcelona noch Madrid wollen den ersten Schritt machen

Völlig unklar ist auch die Wirtschaftspolitik einer künftigen Republik Katalonien. Hinter der jetzigen Regionalregierung stehen Parteien mit christdemokratischem, liberalem, linkem und kommunistischem Gedankengut. Nichts eint sie außer dem alles überragenden Ziel: Unabhängigkeit. Ist diese einmal erklärt, könnte es politisches Chaos geben.

Einer der einflussreichsten Unternehmer Spaniens schlägt nun Alarm. "Als Spanier und als Mensch bin ich sehr besorgt und erschreckt", sagt Juan Roig, Großaktionär und Präsident des Supermarktkette Mercadona. "Es gibt ein sehr ernstes Problem in Spanien. Die Politiker, das ist ihre Arbeit, müssen dieses Problem mit Dialog und Vernunft lösen."

Doch zurzeit scheint weder Barcelona noch Madrid willens, den ersten Schritt zu machen. Und Spaniens König Felipe nahm in seiner Fernsehansprache in der Nacht zum Mittwoch das Wort "Dialog" nicht einmal in den Mund.

Auch in katalanischen Unternehmen wächst die Furcht. In einer internen Mail versicherte die Führungsspitze der CaixaBank, man werde "in jedem Moment die Interessen der Kunden, Aktionäre und Angestellten beschützen" und die "Unversehrtheit der Einlagen" sicherstellen. Ähnlich äußerte sich der Chef der Banco Sabadell.

Die Aktionäre hat es kaum beruhigt: Am Mittwoch verloren die beiden Finanztitel bis zum Nachmittag mehr als fünf Prozent. Der spanische Leitindex IBEX lag mehr als zwei Prozent im Minus. Die Rendite, die Käufer spanischer Staatsanleihen verlangten, war so hoch wie seit März nicht mehr. Je höher Anleger das Risiko einer Schuldverschreibung einschätzen, desto mehr Rendite verlangen sie.

Zusammengefasst: Katalonien, einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte Spaniens, steuert auf ein politisches Chaos zu. Was hat es für Konsequenzen, wenn sich die Region widerrechtlich von Spanien lossagt, gar aus der EU ausscheidet? Erste Konzerne verlegen bereist ihren Standort und werden mit Aktiensprüngen belohnt. Einflussreiche Unternehmer plädieren für einen Dialog zwischen den politischen Fraktionen - bislang vergeblich.

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Joe Amberg 04.10.2017
1. Dieselben Märchengeschichten wie beim Brexit...
Dieselben Märchengeschichten wie beim Brexit: wer das Heft in die eigene Hand nimmt, geht sofort wirtschaftlich unter. So ein Quatsch, unter dem Strich läuft's dann besser als vorher. Ist bei vielen internationalen Mischkonzernen schon vorexerziert worden: Abspalten eines Geschäftes, Fokussierung, läuft dann viel ertragreicher als vorher. Und wenn endlich global der Freihandel durchgesetzt würde (statt der EU Abschottungspolitik), wäre allen geholfen.
schwaebischehausfrau 04.10.2017
2. Solche Aktiensprünge...
...belegen eher die Irrationalität von Zockern und man wird solche Beispiele auch nur finden für marktenge, wenig gehandelte sog. "Micro-Caps", wo schon der Kauf/Verkauf von ein paar Aktien-Positionen massive Kursbewegungen zur Folge hat. Auch die Aussage, "er kenne mehrere US-Firmen in Barcelona, die über Nacht ihren Firmensitz in Katalonien aufgeben und verlagern können" hat die gleiche Qualität. Firmen, die "über Nacht" ihren Firmensitz verlegen können, sind entweder Briefkasten-Firmen oder 2-Mann-Buden. Jedes mittelständische oder größere Unternehmen braucht mindestens Monate für Standortsuche und Standortauswahl und Recruiting von Mitarbeitern als Ersatz für diejenigen, die z.B. nicht von Barcelona nach Madrid umziehen möchten. Diese Meldung haben die gleiche Qualität wie entsprechende Meldungen im Rahmen des Brexit - es ist bewusst lancierte Politpropaganda.
joG 04.10.2017
3. Es ist für mich immer wieder erstaunlich....
.....wie weit gehend man in der EU den Bürgern die Selbstbestimmung verweigert. Auch die Ansprache des Königs, die ich mir anhörte war einseitig und machte in keiner Weise einen Kompromiss wahrscheinlicher. Aber es ist in dieser Sache wie mit der UK. Man will auf das Wohl der Menschen verzichten, obwohl dies nur aus ideologischen Gründen opportun erscheint. Verträge sind nämlich formbar und man kann sie machen, dass es den Beteiligten besser geht. Aber wie damals die DDR glaubt die EU oder hier Spanien (und die anderen EU Mitglieder, die unzufriedene Minderheiten haben) dass die Bürger und Mitglieder fliehen, wenn man nicht Flucht nicht hart bestraft. Aber was ist ein Klub wert, der nur durch Strafen seine Mitglieder halten kann?
florian29 04.10.2017
4. Es ist purer Wahnsinn!
42% haben im illegalen Referendum abgestimmt, davon viele mehrfach. und 10% waren gegen die Unabhängigheit. Bei so miesen Zustimmungswerten eine Unabhängigkeit zu proklamieren ist schon eine Frechheit. Aber das wirklich Schreckliche ist die Ahnungslosigkeit dieser Irren katalanischen Regierung: Sie hat keinen Plan, keine Vision, nicht einmal eine vage Idee was aus Katalonien wird!
tmhamacher1 04.10.2017
5. Alle verrückt!
Die Katalanen sind genauso verrückt wie die Briten! Anstatt sich zu immer größeren Einheiten zusammenzuschließen, um die Globalisierung zu meistern, richten die Menschen den Blick nach hinten und versuchen, sich alleine durchzuschlagen. Es gibt keinen Grund, die Katalanen zu bedauern und eine Mär von der Selbstbestimmung zu jaulen, sie haben die Verfassung der Nation anzuerkennen - auch wenn die Gewalt vom Sonntag abzulehnen ist und unnötig war.
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