Vorwurf der Sklavenarbeit Katar schaltet Anwaltskanzlei ein

44 Tote in gut zwei Monaten: Die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen im Fußball-WM-Land Katar sollen katastrophal sein, berichten Augenzeugen. Nun reagiert das Emirat und beauftragt eine Anwaltskanzlei mit der Prüfung der Vorwürfe. Ein deutscher Bauaufseher will indes von Todesfällen nichts wissen.

Baustelle in Doha: Die meisten Gastarbeiter kommen aus Nepal
REUTERS

Baustelle in Doha: Die meisten Gastarbeiter kommen aus Nepal


Zürich - Rund eine Woche nach den Enthüllungen über zahlreiche Todesfälle bei den Arbeiten auf den WM-Baustellen in Katar gelobt die Führung des Wüstenstaates Besserung. Sie will die Vorwürfe durch eine internationale Anwaltskanzlei überprüfen lassen.

Am Mittwoch beauftragte die Führungsspitze des Emirats die Kanzlei DLA Piper. Sie soll klären, ob die Schreckensmeldungen der englischen Tageszeitung "Guardian" zutreffen. Das Blatt hatte berichtet, allein vom 4. Juni bis zum 8. August seien 44 nepalesische Gastarbeiter gestorben, die auf den Baustellen für die Fußball-WM 2022 arbeiteten.

Wie entsetzlich die Lage in Katar von vielen Arbeitern wahrgenommen wird, beschreiben immer neue Augenzeugenberichte. "Die Baufirma hat uns keine Helme gegeben, von Sicherheitswesten ganz zu schweigen. Um Schuhe mussten wir kämpfen", sagte ein nepalesischer Gastarbeiter der Nachrichtenagentur AFP. "Es gab kein sauberes Trinkwasser. Wenn man davon krank wurde, gab es keinerlei medizinische Hilfe. Wohin sollten wir dann gehen?" Zudem habe die Obrigkeit die Reisepässe einkassiert. "Ich hatte Angst, ins Gefängnis zu müssen", sagte der Arbeiter.

"Es ist kein einziger Arbeiter gestorben"

Die Regierung in Katar spielt auf Zeit. Weil das Arbeitsministerium seine "internationalen Verpflichtungen" ernst nehme, würden "alle Maßnahmen" ergriffen, um Antworten zu liefern, sagte Regierungsberater Ali Ahmed al-Kholeifi, allerdings erst "wenn der Bericht fertig ist". Eine erste Delegation der multinationalen Kanzlei wird am Montag in Katar erwartet.

Schon die unmittelbare Reaktion aus Katar nach dem "Guardian"-Bericht hatte Kritik hervorgerufen. Der Reflex, zunächst noch mehr Inspektoren noch mehr Untersuchungen durchführen zu lassen, sei "schwach und enttäuschend", teilte der Internationale Gewerkschaftsbund IGB mit. "Inspektoren gibt es genug, die haben aber keinen Einfluss", sagte IGB-Generalsekretärin Sharan Burrow: "Was nötig ist, sind neue Gesetzte zum Schutz der Arbeiter."

Zumal der Vorsitzende des Nationalkomitees für Menschenrechte in Katar, Ali al-Marri, die Enthüllungen strikt zurückwies. "Es gibt keine Sklaverei oder Zwangsarbeit in Katar. Die Informationen des 'Guardian' sind falsch und die Zahlen übertrieben", sagte er.

Auch der mit der Bauaufsicht betraute deutsche Unternehmer Olaf Hoffmann äußerte Zweifel an dem britischen Bericht. Dem "Handelsblatt" sagte er: "Auf den Baustellen in Lusail City ist in den vergangenen zwei Jahren kein einziger Arbeiter gestorben." Die Retortenstadt, die das größte der neun WM-Stadien beherbergen soll, war vom "Guardian" als einzige Baustelle namentlich genannt worden.

Hoffmann ist laut "Handelsblatt" seit zwei Jahren mit der Bauaufsicht beauftragt. Die von Hoffmann geleitete Gruppe habe den Auftrag, Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen zu dokumentieren und sie mit Strafzahlungen zu ahnden. Ein Interesse, die Situation schönzureden, sei bei Hoffmann daher nicht erkennbar.

stk/sid/dpa



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Indigo76 03.10.2013
1.
Zitat von sysopREUTERS44 Tote in gut zwei Monaten: Die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen im Fußball-WM-Land Katar sollen katastrophal sein, berichten Augenzeugen. Nun reagiert das Emirat und beauftragt eine Anwaltskanzlei mit der Prüfung der Vorwürfe. Ein deutscher Bauaufseher will indes von Todesfällen nichts wissen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/katar-schaltet-anwaltskanzlei-ein-a-925978.html
Der letzte Satz stimmt nur solange, wie davon ausgegangen wird, dass Herr Hoffmann unbestechlich ist. Wenn er aber von der Obrigkeit dafür bezahlt wurde, den Mund über die Arbeitsbedingungen zu halten, dann ist das Interesse sogar riesig groß.
Tamarind 03.10.2013
2.
Hier auf SPON gab es bereits ein paar Artikel mit gegensätzlichen Behauptungen. Stimmte deren Inhalt etwa nicht? Auch gab es eine Spiegel-TV Reportage über das Thema am 29.9.13. War das alles nicht richtig recherchiert? Ich finde es journalistisch ungewöhnlich, dass ein bereits erschienener Artikel in der eigenen Publikation auf diese Art entkräftet bzw. für falsch erklärt wird. Bisher galt für solche Fälle der Usus einer Gegendarstellung. Was ist nun die Wahrheit? Oder gilt der Wahrheitsgehalt des eigenen investigativen Journalismus beim SPON nur noch nicht einmal eine Woche?
AhzekAhriman 03.10.2013
3. Klar
Katar ist ja nun wirklich nicht sehr groß, so das davon ausgegangen werden kann, dass die Regierung weiß was da los ist. Außerdem wird das kein Einzelfall sein und alle gesellschaftlichen Bereiche betreffen wo ausländische (niedrig qualifizierte) Arbeitskräfte arbeiten. Die haben die Sklaverei doch nie ganz richtig abgeschafft. Sofort die Fussball - WM 2022 entziehen und Wirtschaftsembargo!!!
muellerv 03.10.2013
4. Katar
Kann mir schon gut vorstellen das an den Berichten über die Arbeitsbedingungen viel dran ist. Hoffentlich schaut die Welt jetzt genau hin, wie dort mit Menschen umgegangen wird. Kenne persönlich einen Kollegen, der unten in Katar eine Baustelle geleitet hat, der hat ebenfalls das gleiche Berichtet. Die Scheichs haben das Geld und die Gastarbeiter haben nach deren Pfeife zu tanzen. Entweder man klopft denen jetzt gehörig auf die Finger oder man bläst die WM ab und geht in ein zivilisiertes Land.
Stabhalter 03.10.2013
5. könnten sie
Zitat von muellervKann mir schon gut vorstellen das an den Berichten über die Arbeitsbedingungen viel dran ist. Hoffentlich schaut die Welt jetzt genau hin, wie dort mit Menschen umgegangen wird. Kenne persönlich einen Kollegen, der unten in Katar eine Baustelle geleitet hat, der hat ebenfalls das gleiche Berichtet. Die Scheichs haben das Geld und die Gastarbeiter haben nach deren Pfeife zu tanzen. Entweder man klopft denen jetzt gehörig auf die Finger oder man bläst die WM ab und geht in ein zivilisiertes Land.
das mal dem Josef Blatter schreiben,denn der hat Katar durchgeboxt.
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