Katastrophe in Fukushima: Tepco wäscht sich von der Atom-Schuld rein

Von und Heike Sonnberger, Hamburg und Fukushima

Der Energiekonzern Tepco hat den GAU von Fukushima zu verantworten - nun versucht er sich von seiner Schuld freizukaufen. Entschädigungsberater sollen helfen, bezahlt wird auch mit Steuergeld. Hinter dem Ablass steckt ein fundamentales Problem unserer Gesellschaft.

Energieriese Tepco: Die Bürokratisierung der Schuld Fotos
SPIEGEL ONLINE

Ein grünweißer Raum in der Präfektur Fukushima, von Neonröhren scharfgezeichnet, der Boden geleckt sauber, die Wände frisch gestrichen. Alles ist so steril wie in einem Operationssaal an diesem Ort, an dem Japans größter Energiekonzern versucht, sich freizukaufen. Von der Schuld an der Atomkatastrophe aus dem Jahr 2011.

Täglich kommen Opfer von Fukushima hierher und konfrontieren die Tokyo Electric Power Company, kurz Tepco, mit ihren Schicksalen. Evakuierte, die die Sperrzone verlassen mussten. Geschäftsleute, deren Läden schließen mussten. Landwirte, deren Reis radioaktiv kontaminiert wurde oder deren Milchkühe radioaktives Wasser tranken. Sie alle kommen hierher, ins Entschädigungsberatungszentrum von Koriyama, unweit der Stadt Tamura, und fordern Geld für verlorenes Einkommen, für Arztkosten, für den Verlust ihres guten, geordneten Lebens.

Tepco hat eine der größten Umweltkatastrophen unserer Zeiten zu verantworten. Am 12. März um 15.36 Uhr explodierte Block 1 des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, nachdem es durch ein verheerendes Erdbeben und einen Tsunami beschädigt worden war. Die Detonation zerriss das Dach, eine radioaktive Wolke stieg empor.

In den Tagen darauf gab es zwei weitere Explosionen. Abermillionen radioaktiver Partikel wurden in die Luft geschleudert, radioaktives Material sickerte in den Boden, kontaminiertes Kühlwasser floss ins Meer. Mehr als 100.000 Menschen mussten die Region um das havarierte Atomkraftwerk verlassen, sie ist zur unbewohnten Einöde geworden. Die Katastrophe erschütterte das Vertrauen in die Regierung, ließ Staaten an ihrer Energiepolitik zweifeln.

Die Bürokratisierung der Schuld

Fast ein Jahr ist seitdem vergangen, und Fukushima ist zusehends aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit geraten. Vor Ort aber geht der Kampf weiter. Noch immer werden Lebensmittel wegen zu hoher Strahlungswerte aus dem Handel genommen; Menschen meiden Leitungswasser und leben in Furcht vor Schilddrüsenkrebs und Leukämie.

Im Entschädigungsberatungszentrum von Koriyama versucht Tepco, seine Schuld zu bürokratisieren. Wer für sein Leid Entschädigung sucht, muss ein Formular ausfüllen. Es ist 31 Seiten lang, die Anleitungen dazu sind noch länger. Allein ist das meist kaum zu schaffen, deshalb gibt es Akira Tachibana. Er hilft den Opfern beim Ausfüllen. Immer, wenn einer seiner Anträge genehmigt wird, steigen die Schulden seiner Firma.

Tachibana ist ein freundlicher Mann mit grauen Haaren und grauem Pullover, der über viele Aktenordner verfügt. Er arbeitet seit 32 Jahren für Tepco, erst kürzlich wurde er vom Elektriker zum Entschädigungsberater. Er wolle auf Fotos auf keinen Fall lachen, sagt er, das wäre respektlos gegenüber den Opfern. Wenn die Kamera klickt, wird sein Gesicht zur Maske. Tachibana sagt, er wolle reden, aber er müsse fragen, ob er darf. "Das ist Japan", sagt er, fast entschuldigend, und zieht sich kurz zurück, um sich die Erlaubnis zu holen.

Er bekommt sie. Tachibana erzählt, dass ihn Menschen, die hierherkommen, öfter anschreien. Dass er Entschädigungsberater geworden ist, damit er weiter Arbeit hat. Dass er einer der wenigen ist, die sich für diesen Job überhaupt freiwillig gemeldet haben. Rund die Hälfte seiner 32 Kollegen sei unfreiwillig hier, vermutlich möchte niemand gern zum Gesicht eines Hassobjekts werden. Tachibana kommt aus Date, im Norden der Provinz Fukushima. Seine Familie weiß, wie es ist, sich plötzlich Sorgen über Strahlenwerte zu machen.

Entschädigung mit Steuergeld

Seit September zahlt Tepco den Opfern von Fukushima eine Entschädigung. Bis Anfang Dezember seien mehr als 35.000 Anträge in Tokio eingegangen, sagt Tachibana. 24.900 von Privathaushalten, 10.600 von Unternehmen. Noch immer kämen jeden Tag neue Menschen in das Tepco-Zentrum von Koriyama und in rund ein Dutzend weitere solcher Zentren in der Präfektur Fukushima.

Entschädigungszahlungen, Aufräumkosten, Ausfälle durch abgeschaltete AKW: Immer höher türmen sich bei Tepco die Kosten der Krise auf. Das einst so stolze und mächtige Unternehmen ist schwer mitgenommen. Sein 17-köpfiges Direktorium muss wohl bald geschlossen zurücktreten.

Manchen Opfern von Fukushima dürfte all das nicht reichen. Zu tief hat die Katastrophe ihr Weltbild erschüttert. Was ist das für ein Wirtschaftssystem, das solche Katastrophen herausfordert? Und das nicht zum ersten Mal.

Man erinnere sich an die Firma Union Carbide Corporation, die in der indischen Stadt Bhopal eine Chemiefabrik mit fragwürdigen Sicherheitsvorkehrungen baute. Im Dezember 1984 trat eine toxische Wolke aus, Tausende Menschen erblindeten, erlitten Hirnschäden oder starben. Union Carbide Corporation kam mit 470 Millionen Dollar Schadensersatz davon. Die Firma Dow Chemical, die Union Carbide später übernahm, weigert sich bis heute, die Folgen der Krise zu bekämpfen.

Man erinnere sich an den Energiekonzern BP, der immer tiefer im Meer nach Öl bohrt, obwohl er erst im Jahr 2010 im Golf von Mexiko eine gewaltige Ölpest mitverursachte, die in den USA noch immer die Strände verseucht. Ein Jahr später machte BP einen Gewinn von 23,9 Milliarden Dollar. Etwa ein Drittel dieser Summe sagte der Konzern Tausenden Klägern als Entschädigung zu und ersparte sich so einen langwierigen Gerichtsprozess.

Und man erinnere sich daran, dass Tepco knapp zwei Monate nach der nuklearen Katastrophe noch immer in der Nachhaltigkeitssektion des US-Börsenindex Dow Jones gelistet war - und nun vom Staat gerettet werden soll, mit insgesamt 13 Milliarden Dollar; künftige Entschädigungen werden mit Steuergeld gezahlt. Was also ist das für eine Welt?

Katastrophe einkalkuliert

Der St. Galler Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner spricht von einem Wirtschaftssystem, das Katastrophen als Kosten kalkuliert. "Firmen wie Tepco und BP dürfen so lange mit hochriskanten Technologien Geschäfte machen, wie genug Verbraucher ihr Produkt nachfragen oder sie einer Regierung machtpolitisch nützen."

Zur eigenen Beruhigung rede sich eine solche Gesellschaft ein, sie könne die Risiken durch strenge Sicherheitsvorkehrungen beherrschen - was regelmäßig fehlschlägt. "Dann aber wird selten die Technologie an sich in Frage gestellt, sondern es werden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht", sagt Beschorner. "Sprich: Es wird die Illusion wiederhergestellt, man könnte die Risiken doch managen und damit beherrschen."

BP darf in der Tiefsee weiter nach Öl bohren, weil die Amerikaner weiter Auto fahren möchten und die US-Regierung sich unabhängiger von Rohstoffimporten aus Nahost machen will. Und die japanische Regierung forciert trotz der Katastrophe von Fukushima den Export ihrer Atomtechnologie ins Ausland, weil der Energiehunger in Ländern wie Indien und Vietnam wächst.

Auch in Japan zeigt die Aktion Atom-Ablass erste Erfolge. Bisher habe man in 5500 Fällen Geld gezahlt, sagt Tachibana, der Mann, der auf Fotos nicht lachen will. Die übrigen 30.000 Forderungen seien entweder noch in Arbeit, oder sie wurden abgelehnt.

Und erste Opfer geben sich mit einer Teilentschädigung zufrieden. Terumi Hangai, Besitzer einer Privatschule in der Stadt Tamura, hat 60 Prozent der Summe erstattet bekommen, die er von Tepco für seinen Umsatzverlust gefordert hatte. "Vor dem Nuklearunfall hatte ich 120 Schüler, nun sind es noch 40", sagt er. Tepco-Mitarbeiter hofieren ihn aus der sterilen, grünweißen Entschädigungswelt hinaus. 60 Prozent seien in Ordnung, sagt Hangai. So bleibe ihm ein langer Gerichtsprozess erspart.

Japan ein Jahr nach dem Super-GAU

Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.

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1.
moev 07.03.2012
Es wird so weiter gemacht weil die Menschen das so wollen. Wo ist also das Problem oder der fundamentale Fehler? Das ist eins von vielen Risiken die mit verschiedenen Dingen verbunden sind und die Menschen wollen eben diese Dinge. Die Menschen wollen Auto fahren, sie wollen Erzeugnisse der chemischen Industrie, etc. Die Risiken das damit Unfälle verbunden sind belaufen sich auf weitere 0,000... Promille in der Liste aller Unfälle die uns jeden Tag nach dem aufstehen treffen könnten.
2. Selbst
chico 76 07.03.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDer Energiekonzern Tepco hat den GAU von Fukushima zu verantworten - nun versucht er sich von seiner Schuld freizukaufen. Entschädigungsberater sollen helfen, bezahlt wird auch mit Steuergeld. Hinter dem Ablass steckt ein fundamentales Problem unserer Gesellschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816881,00.html
für mich, als Befürworter der Kernenergie, ist es nicht zu begreifen, sollten die Behauptungen im Artikel stimmen, dass die Menschen um Fukushima keine adäquate Entschädigung bekommen sollen. Es war ein Planungsfehler, die Tsunamieschutzmauern zu niedrig gebaut zu haben, dadurch die Notstromagregate der Gefahr einer Überflutung / Beschädigung ausgesetzt zu haben. Dafür hat der Konzern, mit allen seinen Mitteln, einzustehen. Selbst wenn die damals Verantwortlichen, in den 60ern, nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können. Wer ist aber für das unendliche Leid Hunderttausender infolge des Tsunamies verantwortlich ? Die praktizierte Solidarität der Gesellschaft, meine Meinung.
3.
Der Pragmatist 07.03.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDer Energiekonzern Tepco hat den GAU von Fukushima zu verantworten - nun versucht er sich von seiner Schuld freizukaufen. Entschädigungsberater sollen helfen, bezahlt wird auch mit Steuergeld. Hinter dem Ablass steckt ein fundamentales Problem unserer Gesellschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816881,00.html
Der Energiekonzern Tepco hat den GAU von Fukushima zu verantworten??? Ist es den SPIEGEL Authoren ueberhaupt nicht belkannt, dass vor einem Jahr ein gewaltiges Erdbeben und eine noch gewaltigere tsumami die ganze Region zerstoert hat? Tragen etwa die Erbauer von Haeusern und Fabriken in dieser Gegend auch die Schuld daran, dass diese Haueser un Fabriken von der tsunami voellig zerstoert wurden? Es handelte sich um eine gewaltige Naturkatastrophe und TEPCO dafuer verantwortlich zu machen, geht wohl etwas weit. Etwas mehr Realismus, bitte! Pragmatist
4.
nordschaf 07.03.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDer Energiekonzern Tepco hat den GAU von Fukushima zu verantworten - nun versucht er sich von seiner Schuld freizukaufen. Entschädigungsberater sollen helfen, bezahlt wird auch mit Steuergeld. Hinter dem Ablass steckt ein fundamentales Problem unserer Gesellschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816881,00.html
Ich finde, der Artikel trifft es noch nicht zur Gänze: Einerseits wird bei gefährlichen Technologien durch neue Kontrollmechanismen die Illusion der "Beherrschbarkeit" (was immer das bedeutet..) hergestellt, ein mindestens genauso großer Skandal ist jedoch die Vergesellschaftung von Verlusten, wenn Katastrophen eintreten. Während Gewinne privatisiert werden, also dem Unternehmen, bzw. seiner Führung und ggf. seinen Besitzern und Aktionären gehören, werden für große Verluste als Notmaßnahme Steuergelder eingesetzt. Somit haftet also für Katastrophen die gesamte Gesellschaft. In der Atomindustrie genauso, wie wir es in der Finanzindustrie schon erlebt haben. Dies jedoch dürfte die Risikofreudigkeit des Managements eher beflügeln als begrenzen. Eindeutig ein systemischer Bug kapitalistischer Wirtschaftssysteme und eigentlich durch kein Argument vernünftig zu begründen.
5. Versichern wir die AKW´s
Doktor_Seltsam 07.03.2012
Schon mal überlegt, wie viel ein 1kW Strom kosten würde, wenn man alle Atommeiler versichern würde?
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Spätfolgen von Fukushima: Leben mit der Angst
Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

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Katastrophe in Japan: Der Tsunami und der Super-GAU