Katholiken und die Eurokrise ... und vergib uns unsere Schulden

Jetzt ist es wissenschaftlich bewiesen: Die Protestanten haben besonders häufig etwas gegen den Euro. Dabei funktioniert die Gemeinschaftswährung doch wunderbar - wenn man sich nur auf ein paar Gebote des katholischen Pragmatismus einlässt.

EZB-Chef Draghi: Die höchste Instanz
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EZB-Chef Draghi: Die höchste Instanz

Eine Glosse von , Katholik


Deutschlands größte Euro-Gegner haben einiges gemeinsam. Bernd Lucke, Frauke Petry, Alexander Gauland: Die AFD-Spitze ist nicht nur komplett humorbefreit, sondern auch komplett protestantisch. Und selbst der Ur-Bayer und dauernörgelnde Euro-Kläger Peter Gauweiler wurde - anders als es sich in seiner Heimat eigentlich gehört - evangelisch getauft.

Dass dies kein Zufall ist, ist nun wissenschaftlich bewiesen: Deutsche Protestanten sehen die Gemeinschaftswährung seit der Euro-Krise deutlich kritischer als Katholiken. Das haben die beiden Ökonomen Adrian Chadi und Matthias Krapf durch Auswertung von Daten des sozio-ökonomischen Panels herausgefunden.

Demnach bekommen die Protestanten durch ihre ständige Sorge ums gemeinsame Geld auch noch schlechte Laune. Oder wie es die Forscher formulieren: Ihr subjektives Wohlergehen wird beeinträchtigt. Katholiken lassen sich vom Euro-Drama dagegen nicht so schnell die Stimmung vermiesen.

Kein Wunder, dass die Protestanten so am Euro leiden. Haben doch die Währungsunion und all die Versuche, sie zu retten, etwas zutiefst Katholisches.

Das ging schon bei der Euro-Einführung und den sogenannten Maastricht-Kriterien los. Auf den ersten Blick waren das strenge Regeln, die die Verschuldung begrenzen sollten. Doch die Katholiken Helmut Kohl und François Mitterrand hatten in das Konstrukt natürlich ausreichend Schlupflöcher eingebaut, damit auch all jene Länder mitmachen konnten, die die Regeln noch nicht so ganz erfüllten. Für stets korrekte Protestanten ist so etwas ein schweres Ärgernis. Für uns Katholiken ganz normaler Pragmatismus.

Juncker hat den katholischen Pragmatismus zurückgebracht

Dazu gehört auch, dass erst mal kräftig gesündigt werden darf, bevor man anschließend um Vergebung bittet. Ein Leitsatz, den neben dem orthodox geprägten Griechenland vor allem die katholischen Länder Spanien, Portugal, Italien und Irland beherzigten. Ein paar Rosenkränze beten oder Reformversprechen abgeben, und schon ist man im Schoß der Gemeinde wieder willkommen.

Wer konnte denn schon ahnen, dass im Berliner Kanzleramt bald eine evangelische Pastorentochter und im Finanzministerium ein badischer Protestant sitzen würden, die das mit den Schulden plötzlich alles so verbissen sehen? Die statt bloßer Spar-Glaubensbekenntnisse echte, tätige Reue sehen wollten.

Da ist es gut, wenn es noch Leute wie EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gibt. Katholik natürlich und als ehemaliger Luxemburger Regierungschef ein Mann, dem sehr an der Vergebung alter Sünden gelegen ist. Die erwähnte aktuelle Studie ergab übrigens auch, dass Protestanten gerade Steuerhinterziehung deutlich strenger geißeln als andere Konfessionen.

Und wenn am Ende doch alles schiefgeht? Das Gottvertrauen der Katholiken ist nahezu grenzenlos. Ganz egal, wie viel Mist man auch baut: Es gibt immer eine höchste Instanz, die alles wieder geradebiegt. In diesem Fall ist es Mario Draghi. Der Chef der Europäischen Zentralbank haut auch die schlimmsten Schuldensünder immer wieder raus, wenn die nur ordentlich Buße tun. Verwunderlich ist das nicht: Schließlich war Draghi in seiner Jugend Jesuitenschüler in Rom.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
hschmitter 02.06.2015
1.
Komisch, warum dieser gepriesene Pragmatismus nicht in anderen Lebensbereichen gelten soll?
SenYek 02.06.2015
2. Ein sachbezogener Artikel - es fehlt nur ...
... der Hinweis, dass dann konsequenterweise auch die katholische Kirche bzw. der Vatikan sich an der Euro-Rettung an allervorderster Front beteiligen müssten. Aber das einzufordern wäre wahrscheinlich wieder bierernster Protestantismus :--)
discprojekt 02.06.2015
3. Also,
dieser Artikel ist nett!
cantate 02.06.2015
4.
... und die mehrheitlich protestantischen Staaten waren von Anfang an bei der Währungsunion gar nicht dabei: Dänemark, Schweden, Großbritannien.
blasphemiker 02.06.2015
5. Katholischer Pragmatismus:
Vergib uns unsere Schulden, denn wir vergeben dir dir deine nicht.
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