Kauf von Staatsanleihen: Glaubenskrieg der Euro-Retter

Von und

Die Europäische Zentralbank steht vor dem Tabubruch: Kommende Woche will sie ein großes Programm zum Kauf südeuropäischer Staatsanleihen beschließen - das bedeutet Gelddrucken. Kritiker warnen vor steigender Inflation.

EZB-Präsident Mario Draghi: "Außergewöhnliche Maßnahmen" Zur Großansicht
DPA

EZB-Präsident Mario Draghi: "Außergewöhnliche Maßnahmen"

Hamburg - Von den Epizentren der globalen Finanzmarktbeben liegt die Kantine der Bundesbank-Hauptverwaltung in Hamburg ziemlich weit entfernt. Am Eingang wirbt ein Plakat fürs Tagesgericht ("Der Fastfood-Klassiker: Currywurst mit Pommes frites"). Der aktendeckelbeigefarbene Teppichboden stammt aus jener Ära, als Deutschlands Währung noch D-Mark hieß.

Ausgerechnet diese leicht weltabgewandte Kulisse hatte sich Jörg Asmussen ausgesucht, um vor hanseatischen Politikern, Wirtschaftsfunktionären und Bankiers einen Ausblick auf die wohl heißeste Woche zu geben, die der Europäischen Zentralbank (EZB) seit ihrer Gründung bevorsteht.

Der einzige Deutsche im EZB-Direktorium spielt in diesen Tagen der Geldkrieger eine zentrale Rolle. Im Auftrag von EZB-Chef Mario Draghi hat er mit seinem französischen Kollegen Benoît Coeuré den neuen Schlag der Notenbank gegen die europäische Schuldenkrise vorbereitet: Auf ihrer Ratssitzung am 6. September wollen Europas Notenbanker ein neues Programm zum Ankauf von Staatsanleihen beschließen.

Um die Details des Programms wird noch heftig gerungen. Doch Asmussen nannte in Hamburg bereits einige Eckpunkte, die deutlich machen: Die EZB wird massiv an den Anleihenmärkten intervenieren - und sich dabei so angreifbar machen wie nie zuvor. Politisch wie ökonomisch.

  • Falls notwendig, wird die EZB künftig wohl in unbegrenztem Ausmaß Staatsanleihen auf dem sogenannten Sekundärmarkt kaufen, wo bereits ausgegebene Anleihen von Investoren gehandelt werden. Wörtlich sagte Asmussen auf eine Nachfrage aus dem Publikum: "Mario Draghi hat das Wort 'limitiert' im Zusammenhang mit den Anleihenkäufen in letzter Zeit nicht mehr verwendet. Das könnte Ihnen einen Hinweis geben."
  • Die EZB wird nicht auf einem Status als bevorzugter Gläubiger von Staatsanleihen bestehen, weil sonst "private Investoren ihren Status als unsicher empfinden und sich vom betroffenen Land abwenden".
  • Die EZB wird nur dann den Kauf von Staatsanleihen erwägen, wenn die betroffenen Länder parallel einen Hilfsantrag beim Europäischen Rettungsfonds EFSF beziehungsweise beim Nachfolger ESM gestellt haben und unter entsprechender Reformkuratel stehen. Zudem könnte der Rettungsfonds begleitend zum EZB-Programm auch selbst Anleihen kaufen - direkt vom jeweiligen Staat.

All das soll die Zinslasten der südeuropäischen Krisenstaaten wie Spanien und Italien senken. Schon eine Ankündigung der EZB, unbegrenzt Anleihen zu kaufen, würde deren Zinsen drastisch sinken lassen. Das ist zumindest die Hoffnung.

Notenbankchef Draghi und seine Sidekicks Asmussen und Coeuré stehen in den kommenden Tagen vor ihrer vielleicht wichtigsten Mission: Sie müssen die Zweifler innerhalb des 23-köpfigen EZB-Rats von diesem Plan überzeugen. Dafür hat Draghi eigens seine Reise zum internationalen Notenbanker-Treffen im amerikanischen Jackson Hole abgesagt. Die am Freitag startende Veranstaltung ist eigentlich ein Pflichttermin für Notenbanker - und Draghis Rede war fest eingeplant. Doch dem EZB-Chef ist die Vorbereitung der Ratssitzung am kommenden Donnerstag wichtiger.

Kommt Draghi seinem Kritiker Weidmann entgegen?

Jens Weidmann reist dagegen nach Jackson Hole. Warum auch nicht? Der Bundesbank-Präsident ist aus Draghis Sicht ohnehin ein hoffnungsloser Fall. Ihn wird der EZB-Chef wohl kaum von den Anleihenkäufen überzeugen können. "Eine solche Politik ist für mich zu nah an einer Staatsfinanzierung durch die Notenpresse", warnte Weidmann im SPIEGEL-Interview.

Das war deutlich. Die einzig verbliebene Frage scheint nun, ob der restliche EZB-Rat Weidmanns Einwände am kommenden Donnerstag einfach überstimmt, oder ob Draghi und Asmussen dem Bundesbank-Chef in irgendeiner Form entgegenkommen - und so die allzu offensichtliche Spaltung des EZB-Rats übertünchen.

Dabei standen Asmussen und Weidmann früher auf einer Seite. Anfang der neunziger Jahre studierten beide an der Uni Bonn. Später kämpften sie gemeinsam gegen die Finanzkrise: Weidmann als Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Asmussen als Staatssekretär im Finanzministerium. Von einem Dream-Team war die Rede.

Doch das ist nun vorbei. Seit Weidmann den Spitzenposten der Bundesbank übernommen hat, gibt er den geldpolitischen Hardliner und pocht auf die Unabhängigkeit der Notenbanken von der Politik. Asmussen dagegen steht vor allem loyal zu seinem Chef Draghi.

Der Konflikt zieht sich nicht nur quer durch die EZB, sondern durch ganz Europa: Es geht um die Macht der Notenbanken und das Geld der Regierungen - es geht aber auch um Ideologien. Es ist ein Glaubenskrieg der Ökonomen.

Die große Furcht vor der Inflation

Die Gegner der Anleihenkäufe fürchten, dass die Staatsfinanzierung durch die EZB früher oder später zu einer Geldentwertung führt. "Es droht die Gefahr hoher Inflation - nicht heute, nicht morgen, aber mittel- bis langfristig", warnte der ehemalige Chefvolkswirt der EZB, Jürgen Stark, diese Woche im "Handelsblatt".

Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn die Notenbank Staatsanleihen kauft, schöpft sie das Geld dazu quasi aus dem Nichts. Damit erhöht sie die Geldmenge. Und je mehr Geld im Umlauf ist, desto weniger ist die einzelne Geldeinheit wert. Man kann das mit der Apfelernte vergleichen: Gibt es besonders viele Äpfel, sinken in der Regel auch die Preise für den einzelnen Apfel.

Bisher hat die EZB das Geld, das sie für ihre Anleihenkäufe ausgegeben hat, allerdings stets an anderer Stelle wieder aus dem Wirtschaftskreislauf herausgenommen. Dazu verkaufte sie zum Beispiel andere Anleihen oder verknappte die Kredite an die Geschäftsbanken. Die Fachleute sprechen von Sterilisation. Bei dem neuen Programm könnte die Sterilisation aber wegfallen. EZB-Chef Draghi ließ diese Frage zuletzt bewusst offen.

Doch selbst wenn die EZB die Schleusen öffnet, bedeutet das noch nicht gleich Inflation. Denn die Notenbank ist nicht die einzige Institution, die die Geldmenge beeinflusst. Auch die Geschäftsbanken schöpfen Geld, wenn sie Kredite vergeben. Ob es zur Inflation kommt, hängt deshalb von der Entwicklung der gesamten Geldmenge ab. Und die steigt in Zeiten wirtschaftlicher Krisen nur sehr verhalten. Zu vorsichtig sind die Banken bei der Kreditvergabe.

"Tatsächlich ist Geldmengenwachstum so gering wie seit 20 Jahren nicht mehr", sagt Harald Preißler, Chefvolkswirt des Anleihenmanagers Bantleon. Seit Beginn der Finanzkrise im Herbst 2008 wachse die Geldmenge in der Euro-Zone durchschnittlich um etwa drei bis vier Prozent pro Jahr. "Davor waren es sieben bis acht Prozent jährlich."

Entsprechend stabil sind derzeit die Verbraucherpreise. Im August lag die Teuerungsrate in Deutschland bei zwei Prozent - also in etwa da, wo sie laut offiziellem Ziel der EZB sein soll. Setzt sich die schwache wirtschaftliche Entwicklung in der Euro-Zone fort, droht also zumindest kurzfristig keine Inflation. Das Geld der Zentralbank gelangt nämlich erst gar nicht in den normalen Wirtschaftskreislauf.

Langfristig sind die Anleihenkäufe trotzdem gefährlich - und zwar aus mehreren Gründen:

  • Sie können das Vertrauen in die Notenbank beschädigen. Sobald Arbeitnehmer, Firmen und Investoren der EZB nicht mehr glauben, dass Preisstabilität für sie wichtiger ist als Staatsfinanzierung, werden sie darauf reagieren. Sie werden für höhere Löhne kämpfen, Preise anheben und höhere Renditen für ihre Anlagen verlangen - und so schließlich selbst die Inflation anheizen.
  • Selbst wenn die Verbraucherpreise durch die Anleihenkäufe nicht steigen, weil das Geld nicht in die Realwirtschaft gelangt, droht doch eine andere Art von Inflation - und zwar im Finanzsektor. Vermögenswerte wie Immobilien oder Aktien könnten sich stark verteuern und so gefährliche Spekulationsblasen entstehen lassen.

EZB-Chef Draghi und sein Adlatus Asmussen beugen schon mal vor. "Wir werden nur innerhalb unseres vertraglichen Mandats handeln", ließ Asmussen seine Zuhörer in Hamburg wissen. Und Draghi legte in einem Interview mit der "Zeit" nach: Der Eingriff der Notenbank diene letztlich dazu, Preisstabilität zu gewährleisten, interpretierte der EZB-Präsident seinen Plan. "Dies kann hin und wieder außergewöhnliche Maßnahmen erfordern."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 336 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das ist doch alles rumgeeier.
elwu 30.08.2012
Wenn die EZB Staatsanleihen kauft, betreibt sie entgegen ihres Mandats Staatsfinanzierung, Ende. Aber der Bruch von Verträgen, ob durch Staaten oder EU-Institutionen, ist in dieser kranken Union seit deren Beginn Usus.
2. Hmmm
Bowhunter 30.08.2012
Falls H. Weidmann überstimmt werden sollte, dann könnte er doch praktisch vor dem EuGH klagen, oder? Schließlich verstößt diese Praxis gegen geltendes Recht. Oder bin ich da falsch Informiert? MfG Hoyt
3. Ausprobieren
odysseus33 30.08.2012
Das Thema Inflation ist schwer nachzuvollziehen. Wenn man sieht dass die Inflation steigt, um 0,5 oder 1%, sollen sie halt wieder aufhören mit zu drucken. Das kann man doch steuern. Der Effekt wird noch etwas nachlaufen aber wohl kaum zu 10% Inflation führen. Was sind aber 1-2% mehr wenn dafür diese endlose Eurokrisen-Wahnsinn mal entschärft wird. Wenn dann noch die Finanzmärkte/Banken ordentlich reguliert würden und die Reichen sich an den Kosten beteiligen könnte man Europa mal wieder von der positiven Seite sehen und entspannt nach Italien usw. fahren.
4. Unfassbar....
doc 123 30.08.2012
Zitat von sysopDie Europäische Zentralbank steht vor dem Tabubruch: Kommende Woche will sie ein großes Programm zum Kauf südeuropäischer Staatsanleihen beschließen - das bedeutet Gelddrucken. Kritiker warnen vor steigender Inflation. Kaufprogramm für Anleihen bringt EZB in Kritik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,852731,00.html)
Wenige Tage vor dem Urteil des Verfassungsgerichts am 12.09. wollen diese Verbrecher Draghi und sein Adlatus Asmussen wieder einmal vollständig rechts- und vertragswidrig gegen die Euro-Verträge verstoßen und noch "rechtzeitig" die ganz große Gelddruckmaschine anwerfen. Und Merkel schaut dem Treiben ungerührt zu, um sich am Ende auch noch die "Hände in Unschuld" waschen zu können. - NOCH viel absurder geht es einfach nicht mehr, zum maximalsten Schaden des deutschen Volkes! Einfach NUR noch unfassbar, wie man diese Frau weiterhin im Amt lassen kann!
5. Beweislage ueberwaeltigend
ofelas 30.08.2012
Sehr gut, diese Info geht auch an den Damen und Herren im Bundesverfassungsgericht nicht vorbei
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Europäische Zentralbank
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 336 Kommentare

Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.