Kehrseite des Wachstums Boom stürzt Firmen in Fachkräftenot

Die Wirtschaft wächst stärker als erwartet - und mit ihr ein Problem: Den Unternehmen fehlen gutausgebildete Mitarbeiter. Mehr als zwei Drittel aller Firmen haben Probleme, Fachkräfte zu finden, warnt der Industrie- und Handelskammertag. Wenn der Boom anhält, werde sich die Lage verschärfen.

Schweißarbeiten in Berlin: Die Konjunktur erholt sich, nun sieht die Industrie neue Probleme
dapd

Schweißarbeiten in Berlin: Die Konjunktur erholt sich, nun sieht die Industrie neue Probleme


Berlin - Selbst gute Nachrichten haben eine Kehrseite. So ist es auch mit dem außerordentlichen Wachstum der deutschen Wirtschaft, das selbst optimistische Annahmen übertrifft. Das Problem: Das Wachstum könnte den Fachkräftemangel der Unternehmen verschärfen. Jedenfalls fürchtet das der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Schon jetzt fehlt den Firmen qualifiziertes Personal. Mitten im Konjunkturboom suchen fast drei Viertel der deutschen Unternehmen laut DIHK nach qualifiziertem Personal: 70 Prozent der Firmen hätten Probleme, Fachkräfte zu finden. Und das Problem werde bei anhaltendem Wachstum noch größer, warnte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann: "Die Unternehmen befürchten in den kommenden fünf Jahren eine weitere deutliche Verschärfung der Fachkräftesituation."

Das Problem sei seit Jahren absehbar gewesen, jetzt müssten rasch die Weichen gestellt werden. Der DIHK-Mann sagte, dass der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern nicht durch Zuwanderung allein behoben werden könne. "Sie kann quantitativ nie die gleiche Bedeutung haben wie die Anstrengungen zur Erschließung des inländischen Potentials." Zuwanderung solle aber ein selbstverständliches Element eines Gesamtkonzepts gegen den Fachkräftemangel sein. Er verwies darauf, dass zwölf Prozent der Unternehmen mehr ausländische - vor allem gutausgebildete - Fachkräfte anwerben wollen.

Außerdem komme es für die Unternehmen künftig darauf an, auch weniger Qualifizierte einzustellen. Zudem müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden. Die Wirtschaft wolle darüber hinaus stärker auf Ältere setzen. Driftmann warnte deswegen vor einer Abkehr von der Rente mit 67.

"Vorrang für den deutschen Arbeitsmarkt"

Ob sich die Wünsche der Industrie realisieren, ist allerdings fraglich. So plant die Bundesregierung beim Thema Zuwanderung keine großen Neuerungen. Aus Sicht von Innenminister Thomas de Maizière und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (beide CDU) kann das Problem mit ausländischen Fachkräften nur teilweise gelöst werden. "Zuwanderung aus dem Ausland kann den Fachkräftemangel dämpfen, aber nicht beheben", sagte von der Leyen. Der Engpass sei auch eine Chance für Jugendliche, Frauen mit Kindern und Ältere.

Innenminister de Maizière sagte: "Vorrang hat der deutsche Arbeitsmarkt. Vorrang hat die Integration der hier lebenden Immigranten in den deutschen Arbeitsmarkt. Zuwanderung darüber hinaus ist sicher sinnvoll, sie kann aber nur einen bescheidenen Beitrag zur Beseitigung des Fachkräftemangels leisten."

Forderungen - auch aus der Koalition - nach einem neuen Zuwanderungsrecht erteilte er eine Absage. Dieses sei bereits hinreichend flexibel; er nannte es passgenau. "Die These, das Zuwanderungsrecht sei zuwanderungsfeindlich, setze eine zu hohe Hürde und sei das eigentliche Hemmnis bei der Beseitigung des Fachkräftemangels, diese These halte ich für falsch." Es fehle eher eine "Willkommenskultur".

Punktesystem zu bürokratisch?

Forderungen nach einem Punktesystem für Hochqualifizierte nach kanadischem Vorbild und Korrekturen bei den Gehaltsgrenzen wies de Maizière zurück. Ein Punktesystem sei unter anderem zu bürokratisch.

Was Unternehmen besonders stört, wenn sie Zuwanderer beschäftigen wollen, ist die sogenannte Vorrangprüfung. Ein Arbeitgeber muss nämlich zunächst prüfen, ob eine offene Stelle mit einem deutschen Arbeitnehmer oder einem EU-Bürger besetzt werden kann. Das kritisieren Firmen und Wirtschaftsverbände immer wieder als zu aufwendig.

Doch der Innenminister verweist darauf, dass es bereits heute viele Ausnahmen von dieser Regel gebe - etwa bei Ingenieuren. Er kritisierte, dass viele Firmen diese Ausnahmen offenbar nicht kennen würden. Auch bei anderen Gruppen könne rasch reagiert werden, wenn die Wirtschaft dies wolle.

otr/dpa/Reuters

insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
mattotaupa 24.08.2010
1. papperlapapp
Zitat von sysopDie Wirtschaft wächst stärker als erwartet - und mit ihr ein Problem: Den Unternehmen fehlen gut ausgebildete Mitarbeiter. Mehr als zwei Drittel aller Firmen haben Probleme, Fachkräfte zu finden, warnt der Industrie- und Handelskammertag. Wenn der Boom anhält, werde sich die Lage verschärfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,713514,00.html
Ist doch wieder gut, schon alles wieder vorbei. http://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur-nachrichten/konjunktur-risiken-globaler-gegenwind-bedroht-deutschen-aufschwung;2641134
hook123 24.08.2010
2. Das geschieht recht!
Zitat von sysopDie Wirtschaft wächst stärker als erwartet - und mit ihr ein Problem: Den Unternehmen fehlen gut ausgebildete Mitarbeiter. Mehr als zwei Drittel aller Firmen haben Probleme, Fachkräfte zu finden, warnt der Industrie- und Handelskammertag. Wenn der Boom anhält, werde sich die Lage verschärfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,713514,00.html
Das ist die gerechte Strafe dafür, dass man gnadenlos Arbeitsplätze als schlimmen Kostenfaktor abgebaut und durch mies bezahlte Jobs ersetzt hat. Jetzt rächt es sich halt, dass man unter dem Jubel der Sharholder entlassen hat was das Zeug her gab. Aktienkurs rauf, Bonus rauf und die Managerwelt war in Ordnung. Vielleicht lernen die Damen und Herren Manager jetzt mal die Marktwirtschaft kennen, wenn die Fachkraft für ihr Erscheinen auch ein angemessenes Entgelt verlangt. Aber wahrscheinlich wird das Problem dadurch gelöst, dass nach lautem Geschrei bei der Bankenkanzerin billige Fachkräfte aus dem Auslang geholt werden.
kimba2010 24.08.2010
3. ...
keine Sorge, diese falsche Aufschwung besteht sowieso nur aus Medien-Hype und Steuergeldern in Form von Konjunkturspritzen.
Celestine, 24.08.2010
4. anderweitig beschäftigt
Zitat von sysopDie Wirtschaft wächst stärker als erwartet - und mit ihr ein Problem: Den Unternehmen fehlen gut ausgebildete Mitarbeiter. Mehr als zwei Drittel aller Firmen haben Probleme, Fachkräfte zu finden, warnt der Industrie- und Handelskammertag. Wenn der Boom anhält, werde sich die Lage verschärfen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,713514,00.html
Vielleicht sind die Fachkräfte, die z.B. wegen Personalabbau bzw. Auslagern ihren Job verloren haben, mittlerweile anderweitig beschäftigt, fegen Straßen und Parkanlagen, betreuen alte Menschen oder was man sonst so für Aufgaben zugeteilt bekommt, wenn man statistisch nicht mehr "arbeitslos" ist. Über die Argen kann man diese Fachkräfte dann wohl nicht mehr erreichen, denn sie sind ja erfolgreich :->> weg rationalisiert worden.
Peter Sonntag 24.08.2010
5. Eine Schande für unser Bildungssystem !
Die verantwortlichen MinisterInnen und ihre Scharen von Beamten müssten davongejagt werden. Die Schulen werden ständig reformiert und umgemodelt. Unsere Hochschulen und Unis quellen über vor Studenten ("Studierenden") und hoch bezahlten Lehrkräften. Was passiert da eigentlich in Deutschland ?
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