Hohe Dunkelziffer Viel mehr Kinder von Armut betroffen als offiziell bekannt

Etwa 1,4 Millionen bedürftige Kinder tauchen nach Schätzung des Kinderschutzbundes in offiziellen Sozialhilfe-Statistiken nicht auf. Gründe seien bürokratische Hindernisse oder die Scham der Eltern.

Kita-Kinder in Hamburg
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Kita-Kinder in Hamburg


Etwa 4,4 Millionen Kinder in Deutschland sind nach Schätzungen des Deutschen Kinderschutzbundes von Armut betroffen - etwa 1,4 Millionen mehr als bisher angenommen. Ein Grund sei, dass viele Familien staatliche Leistungen nicht in Anspruch nehmen, also in den Statistiken nicht erfasst würden. "Oft liegt es daran, dass die Eltern mit den bürokratischen Abläufen überfordert sind oder sich schlichtweg dafür schämen", sagte Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers. Regierung und Behörden setzten auch bewusst auf den abschreckenden Faktor der Bürokratie. "Die Verschleierungsmethoden der Ministerien funktionieren gut", sagte Hilgers.

Dies sei ein "Armutszeugnis für ein reiches Land", kommentierte der Verband die Zahlen. Er forderte die Bundesregierung auf, entschlossener gegen Kinderarmut vorzugehen. Deren Pläne etwa zur Erhöhung des Kinderzuschlags seien "völlig unzureichend".

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Der Kinderschutzbund bezieht sich mit seinen Zahlen unter anderem auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen vom 18. Juni 2018. Sogenannte aufstockende Leistungen nach Hartz IV nähmen geschätzt nur etwa 50 Prozent der Berechtigten in Anspruch. Das allein betreffe rund 850.000 Kinder unter 18 Jahren.

"Zählen wir alles zusammen, kommen wir konservativ gerechnet auf eine Dunkelziffer von 1,4 Millionen Kindern. Alle diese Kinder sind offiziell nicht arm, doch sie fallen durch das Raster unseres Sozialstaates", sagte Hilgers. Perspektivisch fordert der DKSB die Einführung einer einfachen und unbürokratischen Kindergrundsicherung.

Die Kindergrundsicherung
Was ist das?
Es gibt verschiedene Konzepte, um Kinderarmut zu bekämpfen - doch sie alle sehen einen Systemwechsel vor: Für Kinder zahlt der Staat nur noch eine einzige Geldleistung - die Kindergrundsicherung. Sie ersetzt alle Förderungen, die es derzeit gibt: Kindergeld, Kinderfreibetrag, Unterhaltsvorschuss, Kinderzuschlag und auch den Hartz-IV-Regelsatz.
Wie könnte die Kindergrundsicherung aussehen?
Das wird am Konzept des Bündnisses Kindergrundsicherung deutlich: Die Höhe der Kindergrundsicherung entspricht dem Steuerfreibetrag für Kinder, der wiederum deren Existenzminimum abbildet - das sind derzeit 619 Euro im Monat. Sie wird mit dem Grenzsteuersatz der Eltern besteuert und kann so bis auf einen Mindestbetrag von rund 300 Euro im Monat sinken.
Warum ist die Kindergrundsicherung gerechter?
Je niedriger das Einkommen, desto höher die Förderung. Derzeit ist es exakt andersherum: Das System aus Kindergeld und Kinderfreibetrag führt dazu, dass der Staat Kinder von Gutverdienern mehr fördert, als jene aus Familien mit mittleren oder niedrigen Einkommen. Und Hartz-IV-Familien spüren de facto nichts vom Kindergeld. Dennoch würde auch bei einer Kindergrundsicherung kein Kind weniger gefördert als bislang: Der Mindestbetrag von 300 Euro entspricht dem derzeitigen Steuernachlass für Spitzenverdiener.
Wie könnten Eltern die Grundsicherung beantragen?
Die Eltern hätten nur noch eine Behörde als Ansprechpartner für ein leicht verständliches und transparentes Fördersystem. Derzeit gilt jedoch: Kindergeld und Kinderzuschlag gibt es von der Familienkasse, Hartz IV vom Jobcenter, Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt. Alles muss nicht nur einzeln und oft sehr kompliziert beantragt werden, sondern hängt mitunter auch voneinander ab. Das führt nicht selten zu Frust, Überforderung und dazu, dass Familien die Leistungen gar nicht beantragen, die ihnen eigentlich zustehen.
Was sind die Nachteile?
Eine Kindergrundsicherung würde rund 22 Milliarden Euro im Jahr mehr kosten als die bisherige Familienförderung.

Die hohe Dunkelziffer bei Bedürftigen betrifft aber nicht nur Kinder. Ein Gutachten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kam 2013 zu dem Ergebnis, dass geschätzt etwa 34 bis 44 Prozent der Berechtigten keine Sozialleistungen beantragen.

In den vergangenen drei Jahren nahm die offizielle Zahl der Kinder in Hartz IV ausschließlich durch die Zuwanderung zu. Zuletzt veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit im April Zahlen. Demnach ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger bei Kindern ohne deutsche Staatsbürgerschaft gestiegen - die meisten davon sind Geflüchtete oder aus dem EU-Ausland zugezogen. Im Dezember 2017 waren es mit 621.357 fast 23 Prozent mehr Kinder als ein Jahr zuvor.

Insgesamt ist die Zahl der Kinder in der Grundsicherung im Jahresvergleich leicht um 1,7 Prozent auf 2,028 Millionen gestiegen. Die Zahl einheimischer Kinder in Hartz IV ist dabei aber rückläufig. Im Dezember 2017 lebten der Statistik zufolge 1,406 Millionen Kinder mit deutscher Staatsbürgerschaft von der Grundsicherung, 81.576 weniger als ein Jahr zuvor. Das entspricht einem Rückgang um 5,5 Prozent.

Die BA-Statistik unterscheidet dabei ausschließlich nach der Staatsbürgerschaft. Einen möglichen Migrationshintergrund erfasst die Statistik nicht.

Im Video: Kinderarmut in Halle-Neustadt - "Komm, wir spielen Urlaub"

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mmq/dpa



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
suzanna_we 22.08.2018
1. Wann
schaut unsere Regierung mal nach innen, statt die ganze Welt retten zu wollen. Kinderarmut, Rentnerarmut, Millionen, die trotz Beschäftigung an der Armutsgrenze leben, zu teurer Wohnraum... Deutschland, das Land "in dem ich gut und gerne leben kann"? Es war einmal mein Deutschland, das ein anderes war.
wiebitte 22.08.2018
2. Umverteilung
vernünftige Löhne, Grundeinkommen, Exportüberschüsse/abhängigkeit abbauen, Binnennachfrage erhöhen, Lohngerechtigkeit in Europa fördern - ach nee, geht ja nicht, käme alles den Menschen zugute, nicht den ewigen wenigen Gewinnern. Aus der Traum.
Bastian__ 22.08.2018
3. Es hilft nicht den Eltern mehr Geld zu geben.
Die Hilfe muß bei den Kindern ankommen. Die Gesellschaft muß sich um die schwächsten der Gesellschaft kümmern. In dem einfach den Eltern mehr Geld in die Hand gedrückt wird, wird den richtig benachteiligten Kindern nicht geholfen. Die am schlechtesten gestellte Gruppe der Kinder ist die, die arme Eltern hat, die sich aber zusätzlich auch nicht ausreichende um ihre Kinder kümmern. Dieser Gruppe von Kindern kann nur mit direkter Hilfe der Kinder geholfen werden, Erhöhungen von Geldleistungen werden bei dieser Gruppe nicht helfen. z.B. drei kostenlose Mahlzeiten in der Schule kommt bei den Kindern, die es benötigen an. Indem dann auch noch Kochkurse in den Unterricht eingebaut werden, kann die junge Generation auch die gesunde Ernährung nahegebracht werden. - aber das werden wohl nur Wunschträume bleiben -
wrkffm 22.08.2018
4. Einfach andere Politik wählen/unterstützen .
Wenn man Jahrzehnte lang immer wieder diese Art von Politik unterstützt/wählt, die das verursacht, braucht man sich des Resultats nicht wundern. Oder ?
Socialmen 22.08.2018
5. 4,4 Millionen Kinder ...
... die in Armut Leben, ist ein indiz dafür, dass die prekäre soziale Grundsicherun Hartz 4 die Wurzel allen Übels ist! Aus Scham lieber auf Anträge zu verzichten ist ein NoGo, zeigt aber wie diskriminierend das Sozialsystem für viele ist. In unserem Sozialstaat haben es Wirtschaftslobbyisten und neoliberale Regierungen geschafft, aus Opfern Täter zu machen. Hartz 4 zu finanzieren hat ungefähr das Niveau der Portokasse von Amazon, und nicht wie man uns glauben machen will ein kostenpunkt! 4,4 Millionen Kinder sind deswegen auch Arm, weil die Wirtschaft nicht mehr gewillt ist faire und Leistungsgerechte Löhne zu zahlen, denn es wurde mit Hartz 4 ja ein perfektes Druckmittel zur Armut geschaffen, und ist rein für die Wirtschaft Instrumentalisiert. Wir brauchen dringends eine Straf und -Sanktionsfreie soziale Grundsicherung, die nach Bedürfnis, und nicht nach de bedürfnissen der Wirtschaft geht. Besser wäre ein über eine Finanztransaktionssteuer finanziertes bedinungsloses Basis Geld (Grundeinkommen) in höhe von 1500 Euro Monatlich, das würde auf einem schlag Kinder und Altersarmut beenden in unserem so hochgelobten Sozialstaat und seiner noch höher gelobten sozialen Marktwirtschaft! Niemand sollte sich schämen Leistungen vom Staat zu beantragen, denn es steht jedem zu, und deutschland hat genügen Geld dafür!...andere schämen sich ja auch nicht Geld vom Staat zu nehmen...wie derzeit ja unsere Landwirte oder die EU!
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