Aufruf an neue Regierung Kinderarmut bekämpfen. Und zwar so!

Die Ungleichheit in Deutschland wächst - und am stärksten betroffen sind die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft. Eine neue Bundesregierung muss der Kinderarmut entschlossen entgegentreten.

Kinder im Kindergarten (Archivfoto)
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Kinder im Kindergarten (Archivfoto)

Ein Gastbeitrag von Klaus Hurrelmann


In deutschen Kinderzimmern geht es sehr ungerecht zu. Deutschland ist eine Vier-Fünftel-Gesellschaft, in der jedes fünfte Kind aus einem finanziell armen Haushalt stammt, Tendenz steigend. Im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung aus dem Jahr 2013 stand kein Wort über Kinderarmut. Nachdem Politiker im Wahlkampf viel über Gerechtigkeit sprachen und Studien laufend steigende Ungerechtigkeit belegen, kann sich die nächste Regierung solche Nachlässigkeit nicht leisten.

Zur Person
  • Peter Himsel
    Klaus Hurrelmann, geboren 1944, ist Sozialwissenschaftler und lehrt in den Bereichen Gesundheits- und Bildungspolitik an der Hertie School of Governance, Berlin.
Ein aktueller Forschungsschwerpunkt von Hurrelmann liegt in der strategischen Verbindung von Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik, um umfassende Interventionsstrategien zur Prävention von sozialen und gesundheitlichen Benachteiligungen zu entwickeln.

Die ausgezahlten Beträge für die Grundsicherung für Arbeitssuchende nach Sozialgesetzbuch II, auch Hartz IV genannt, steigen ständig. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit beträgt die Zahl der Kinder, die in sogenannten Hartz-IV-Haushalten leben, knapp zwei Millionen - fast 15 Prozent aller unter 18-Jährigen. Die Eltern erhalten pro Kind bis zu 311 Euro im Monat. Trotz Transferleistungen ist es aber häufig der Fall, dass sie in relativer Armut leben.

In Deutschland leben 2,8 Millionen unter 18-Jährige in relativer Armut, also in einem Haushalt mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte. Das sind mehr als 20 Prozent aller Kinder. In den Haushalten von Alleinerziehenden - also Ein-Eltern-Familien - liegt der Anteil bei 45 Prozent. In den vergangenen Jahren sind diese Quoten stets gestiegen, wie selbst der offizielle Familienreport der Bundesregierung zeigt. Ein Fünftel aller Familien sind Ein-Eltern-Familien, fast alle von Frauen geführt. Die Armut von Kindern ist Familienarmut, aber eben oft auch Mütterarmut.

Die World-Vision-Kinderstudien und die Shell-Jugendstudien zeigen: Den meisten Kindern geht es gut - aber jedes fünfte wächst in wirtschaftlich unbefriedigenden Umständen auf. Unsere Vier-Fünftel-Gesellschaft verdammt diese jungen Menschen zu Einschränkungen bei Konsum und Gesundheit, zu Entwicklungsverzögerungen, zu sozialen und psychischen Störungen. Fehlende Impulse zu Hause führen dazu, dass Armut oft zu Bildungsarmut wird.

Dänemark, die Niederlande und andere europäische Länder, die eine geringere Kinderarmut haben, zeigen, dass eine umfassende Strategie mit abgestimmten Schritten notwendig ist. Die Chancen für einen Umbau der verwobenen deutschen Sozial-, Wohlfahrt- und Familienpolitik ist einmalig gut: 45 Millionen Menschen haben Arbeit, so viele wie noch nie; die Arbeitslosigkeit ist auf historisch niedrigem Niveau; die öffentlichen Kassen gut gefüllt.

Leider kreist alle Unterstützung für Kinder in Deutschland noch um die Familie. Doch Eltern dürfen nicht länger allein verantwortlich für ihre Kinder gemacht werden.

Der Abbau von Kinderarmut ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, bei der es um sechs Schritte geht. Jeder einzelne Schritt ist wichtig, aber er kann seine Wirkung nur entfalten, wenn er mit den anderen verbunden wird. Denn der Abbau von Armut bei Kindern ist eine Querschnittsaufgabe, die alle politischen Bereiche einbezieht. Natürlich geht es um Geld, aber ebenso um kulturelles Umdenken, um den Abbau von falschen Konventionen.

Kinderarmut ist mit der gesamten Architektur der Sozial- und Wohlfahrtpolitik und hier vor allem den Traditionen der Familienpolitik verwoben. Diese Architektur muss in Deutschland dringend neu justiert werden.

Das sind die sechs Schritte aus der Kinderarmut, die in einen neuen Koalitionsvertrag gehören:

Schritt 1: Eine bedingungslose Kindergrundsicherung schaffen

Erstens sollte die neue Bundesregierung eine finanzielle Kindergrundsicherung schaffen. Statt blumig über ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle sollte ganz konkret über eine bedingungslose Grundsicherung für die jüngsten Gesellschaftsmitglieder debattiert werden. Familien mit Kindern sind materiell erheblich schlechter gestellt als Paare ohne Kinder. Erhöhungen von Kindergeld und Kinderfreibetrag binden viel Steuergeld und sind nicht zielgenau. Gezielte Transferleistungen könnten Kindern in armutsgefährdeten Haushalten besser helfen. Die amtierende Familienministerin Katarina Barley hat vorgeschlagen, Kindergeld, Kinderzuschlag, Sozialgeld und Steuerfreibeträge zu bündeln. Das wäre der richtige erste Schritt.


Schritt 2: Den Arbeitsmarkt für Eltern umgestalten

Eine für Familien sensible Arbeitspolitik ist erforderlich. Fast alle Eltern wünschen sich heute eine Erwerbstätigkeit und die reibungslose Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie fühlen sich aber oft mit der Anforderung allein gelassen, ein Familienleben zu organisieren, bei dem sie sowohl ihren Kindern als auch ihrem Arbeitgeber gerecht werden. Politik und Wirtschaft sollten Angebote für eine flexiblere Arbeitsgestaltung machen.


Schritt 3: Die pädagogische Kompetenz der Eltern fördern

Eltern stehen unter Druck: Sie sollen zu ihren Kindern eine gute Beziehung haben, ihnen Chancen bieten, gleichzeitig aber berufliche Herausforderungen meistern. Es gibt bereits Kurse für Eltern, man muss sie aber aktiv suchen und meist auch dafür bezahlen. Das ist der falsche Weg, es sollte genau umgekehrt sein: In jeder Kita und Schule wird eine in den Alltagsbetrieb integrierte "gebundene" Form der Elternbildung eingerichtet. Wer dort an Kursen teilnimmt, sollte finanzielle Vergünstigungen wie etwa Freikarten für Schwimmbäder erhalten.


Schritt 4: Die soziale Infrastruktur für Familien mit Kindern verbessern

Öffentliche Einrichtungen der sogenannten Daseinsvorsorge sind für arme Menschen ganz besonders wichtig. Nachdem der Ausbau der Vorschulangebote gut vorangekommen ist, geht es jetzt um die Sicherung der Qualität der Betreuung der Kinder. Und um die Kosten: Es ist nicht nachvollziehbar, warum Schulen und Hochschulen in Deutschland kostenfrei sind, aber der vorschulische Bereich erheblich von Eltern finanziert wird. Alle Bundesländer sollten dem Beispiel von Rheinland-Pfalz folgen und die vorschulische Erziehung kostenfrei gestalten. Einkommensschwache Eltern würden ihre Kinder dann eher in die Kita schicken.


Schritt 5: Das Bildungssystem auf gezielte Förderung umstellen

Schulleistungen in Deutschland sind sehr stark an die familiäre Herkunft gebunden. Kinder aus armen Familien erhalten immer noch nicht die frühe Förderung, die sie dringend brauchen, von der Kindertagesstätte über die gesamte Schulzeit hinweg. Die Ganztagsschulen, die dieses Ziel erreichen, sind sehr teuer. Viele Länder stehen hier immer noch auf der Bremse. Die Aufhebung des Kooperationsverbots im Schulbereich würde Bund und Ländern neue Impulse geben.


Schritt 6: Kinderrechte ins Grundgesetz

Die rechtliche Stellung von Kindern sollte gestärkt werden. Kinderrechte sind im Grundgesetz nicht verankert. In Reaktion auf den Nationalsozialismus wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die Weichen in Richtung Elternmonopol gestellt. Nehmen Eltern ihre Verantwortung wahr, geht es ihren Kindern gut; machen Eltern dies nicht, geht es den Kindern schlecht. Die Festschreibung von Kinderrechten im Grundgesetz würde die Verantwortung der gesamten Gesellschaft für ihre Kinder unterstreichen.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
mullertomas989 03.01.2018
1. Hört auf Klaus Hurrelmann!
Ein guter Mann, jeder Pädagogikstudent kennt ihn!
chiemseecorsar 03.01.2018
2. Kinder ...
... haben keine Lobby. Nur Rentner. Darum weigert sich der Staat auch bei den/uns Alten die fahrtauglichkeit zu prüfen und gleichzeitig gibt es genügend Stimmen die Strafmündigkeit herab und das Wahlalter wieder heraufzusetzen. Aber was ist in einem Land zu erwarten das mehr für Haustierfutter als für Kleinkindernahrung aufgibt! OneWorld.NoBorder.
olli0816 03.01.2018
3. Schade, ich habe mich auf den Artikel gefreut
Die Vorschläge enttäuschen mich, weil gerade einige der angegebenen bei armen Eltern komplett ins Leere laufen. Kindergeld wird mit der Grundsicherung aufgerechnet, Steuern fallen keine an, also sind Steuervergünstigungen nichts, was Kindern von einkommensschwachen Eltern hilft. Wenn Kinder größer werden und nebenbei arbeiten, müssen sie auch noch das Geld abgeben. Das sind echte Schwachpunkte, weil ein Kind mit Eltern außerhalb der Grundsicherung dieses Problem nicht hat. Schritt 2 klingt zwar nett, aber es sind immer noch die Unternehmen, die Löhne zahlen und Leute einstellen, die sich für das Unternehmen rechnen. Es wird immer wieder bei solchen Argumenten verwechselt, dass die Wirtschaft nicht die Sozialstation ist, die diese Aufgaben wahrnehmen muss. Der Staat kann zwar Rahmenbedingungen vereinbaren, aber auch der Staat muss einkalkulieren, dass Unternehmen Geld verdienen wollen. Das ist deren primäre Aufgabe. Eine prekäre Arbeitsstelle entsteht nicht. Schritt 3 ist auch so eine Sache. Ich komme aus einer armen Familie. Und ich kannte viele andere Kinder, die auch aus armen Familien kamen. Es gab viele, wo weder die Zeit, das Geld noch die Lust vorhanden war, mit den Kurzen viel zu machen. Daneben noch eine ganze Menge anderer Probleme. Wenn Eltern dafür offen sind, ist das sicher nicht schlecht. Nur gibt's Eltern, die das nicht können oder wollen. Bei 4 werden doch die Einkommen der Eltern für die Kita berücksichtigt? Verstehe ich nicht. 5 macht sicher Sinn und 6 ist in der Theorie nett, bringt aber in der Praxis wenig. Mein Vorschlag wäre, die Kinder direkt zu fördern und wenn die Eltern wollen, diese aktiv in die Förderung einzubeziehen. Wenn nicht, dann einen Paten einsetzen, der als Ansprechpartner für die Kinder in schulischen Dingen und bei Problemen hilft, wenn die Eltern nicht können/wollen. So ein Pate kann sicherlich 10 Kinder betreuen, da er nicht ständig bei jedem einzelnen vor Ort sein muss. Das ist nur ein Teil, der mir dazu einfällt.
Maler 03.01.2018
4. Sehr wichtiges Thema
Kindern zu helfen, die in finanziell stark beschränkten Haushalten aufwachsen, und ja nichts dafür können das ihre Eltern warum auch immer arm sind, sollte eine vordringliche Aufgabe der nächsten Regierung sein. Wie man das hinbekommt ohne das es die Eltern zu einem Teil in Bier und Zigaretten umsetzen (was in solchen Haushalten ja laut Statistiken auch überdurchschnittlich konsumiert wird) weiss ich allerdings nicht. Ich helfe seit Jahren einer solchen Familie (mit Migrationshintergrund), bzw. deren Kindern, finanziell und immateriell. Die Mutter gibt alles um ihren Kindern die bestmögliche Bildug angedeihen zu lassen, spart sich alles vom eigenen Munde ab. Leider ist eine Begleiterscheinung meiner Unterstützung, dass, obwohl sich Kinder und Mutter darüber beschweren, der Vater nicht einsehen will, dass sein exzessiver Nikotinkonsum und auch nicht ganz unbeträchtlicher Alkoholumsatz in Anbetracht der finanziellen Lage völlig unangebracht ist und einen guten Teil des Familienbudgets im wahrsten Sinne des Wortes vernichtet.
Wahlrechtfueralle 03.01.2018
5. Wahlrecht der Eltern für ihre Kinder
Alles gute Punkte, aber ein wichtiger Aspekt fehlt: Das Wahlrecht der Eltern für ihre Kinder. Nur wenn auch die Interessen der Kinder angemessen demokratisch wahrgenommen werden können, werden Politiker auch diesen bislang nicht repräsentierten Teil der Bevölkerung bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.
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