Studie Hier wohnen Deutschlands arme Kinder

Der wirtschaftliche Aufschwung geht an vielen Kindern in Deutschland vorbei. Neue Zahlen zeigen, dass fast jeder fünfte Minderjährige in einer armen Familie lebt. Durch den Flüchtlingsandrang dürfte sich das Problem noch verschärfen.

Regionale Verteilung der Kinderarmut 2014: Im Nordosten besonders hoch
Sonderauswertung Mikrozensus 201

Regionale Verteilung der Kinderarmut 2014: Im Nordosten besonders hoch

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Arbeitslosigkeit sinkt, mehr Menschen denn je haben einen Job, die Löhne steigen. Dennoch leben immer noch 19 Prozent oder 2,47 Millionen aller Mädchen und Jungen in Deutschland in Familien mit so wenig Geld, dass sie als arm oder armutsgefährdet gelten. Das ist eine bittere Nachricht - auch weil die Quote trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung noch dieselbe ist wie vor zwei Jahren.

Schon Anfang 2014 zeigte SPIEGEL ONLINE anhand einer Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung auf, in welchen der 39 untersuchten Regionen Deutschlands die meisten armutsgefährdeten Kinder leben. Nun hat das WSI neue Ergebnisse vorgelegt. Grundlage sind die aktuellsten verfügbaren Daten aus dem Mikrozensus 2014, der Bundesagentur für Arbeit und Berechnungen des WSI.

Die wichtigsten Ergebnisse sind:

  • In Bremen ist die Kinderarmut mit einer Quote von mehr als 33 Prozent noch immer am höchsten.
  • Sachsen-Anhalt folgt auf dem zweiten Negativplatz (28,7 Prozent).
  • Im Regierungsbezirk Düsseldorf leben 25,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen in armen beziehungsweise einkommensschwachen Haushalten.
  • In den Regierungsbezirken Oberbayern, Oberpfalz und Tübingen sind es dagegen rund 9 bis maximal 10,5 Prozent.
Kinderarmut in Deutschland 2014

Als arm gelten nach gängiger wissenschaftlicher Definition Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des sogenannten bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens beträgt. Für eine vierköpfige Familie (zwei Erwachsene, zwei Kinder unter 14 Jahren) liegt diese Schwelle derzeit bei einem verfügbaren Nettoeinkommen von weniger als 1926 Euro.

Nach dieser Definition ist die Armut von Kindern auch insgesamt in den ostdeutschen Bundesländern am stärksten verbreitet. Dem WSI-Forscher Eric Seils zufolge dürfte dies an der vergleichsweise hohen Arbeitslosigkeit liegen und vermutlich auch an der ebenfalls höheren Zahl von Alleinerziehenden. Dennoch hat sich die Lage zuletzt ein wenig entspannt - vor allem weil mehr Menschen eine Arbeit gefunden haben.

Trauriges Schlusslicht in Westdeutschland ist das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen. Hier leben fast 700.000 der insgesamt 2,47 Millionen armen Kinder Deutschlands - ein Anteil von 27,7 Prozent. In allen fünf Regierungsbezirken ist die Kinderarmut gestiegen, besonders aber in denen von Münster und Düsseldorf. Dort sei die Arbeitslosigkeit nur unterdurchschnittlich zurückgegangen, sagt Seils zur Erklärung.

In Bayern und Baden-Württemberg hat sich die Lage - von einem ohnehin vergleichsweise guten Niveau aus - weiter verbessert. Die gute Entwicklung korrespondiert mit dem überdurchschnittlichen Schrumpfen der Arbeitslosenzahlen.

Wie Kinder aus einkommensschwachen Familien unmittelbar von Armut betroffen sind, hat Forscher Seils in der früheren Untersuchung bereits umfassend dargelegt. In sehr vielen Fällen müssten diese Kinder mit beträchtlichen materiellen Einschränkungen leben - deutlich häufiger als Altersgenossen, die über der Armutsschwelle aufwachsen. Das fängt damit an, dass diese Kinder oft nicht über die richtige Winterkleidung verfügen oder in feuchten Wohnungen leben. Reisen kommen teils sehr selten oder nie vor.

Im Jahr 2015 dürfte sich das Bild der Kinderarmut in Deutschland stark verändert haben. So ist die Zahl der in die Bundesrepublik geflüchteten Kinder und Jugendlichen massiv gestiegen. Im Oktober, aus dem die aktuellsten verfügbaren Daten stammen, waren es etwa allein mehr als 14.000 minderjährige Asylbewerber - die meisten von ihnen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

Welchen Einfluss der starke Zuzug auf die Kinderarmut haben wird, lässt sich nur erahnen. Eric Seils rechnet jedoch damit, dass viele der Flüchtlingskinder ein hohes Risiko haben, in Armut aufzuwachsen. Das legen Daten zur Armutsquote von Familien nahe, die bereits früher aus den Brennpunkten nach Deutschland eingewandert sind: 34 Prozent der Familien aus dem Nahen und Mittleren Osten haben ein Einkommen unter der Armutsschwelle. Dennoch betont Seils: "Selbstverständlich sollte zunächst im Vordergrund stehen, dass diese Kinder durch ihren Aufenthalt in der Bundesrepublik Krieg und Terror entgangen sind."

Bei Familien aus Serbien und afrikanischen Ländern beträgt die Armutsquote sogar mehr als 40 Prozent. Das liegt laut dem WSI nicht nur an einer generell höheren Arbeitslosigkeit in Migrantenfamilien. Eingewanderte aus diesen Ländern stünden besonders selten in Lohn und Brot und hätten häufiger nur einen Minijob.

Es stellt sich also mehr denn je die Frage, wie aus der ohnehin relativ hohen Kinderarmut in Deutschland trotz massiver Zuwanderung eine nicht noch höhere wird, und was getan werden muss, um die zugewanderten Kinder bestmöglich aufzufangen. Sicher ist, dass dieses Problem in erster Linie über die Eltern angegangen werden muss - durch ordentliche Jobs, mit ebenso ordentlicher Bezahlung.

Daneben hält Forscher Seils umfangreiche Investitionen in Bildung und Qualifikation für notwendig, auch um die bei den ehemaligen "Gastarbeitern" gemachten Fehler nicht zu wiederholen. Das heißt unter anderem, dass die öffentliche Kinderbetreuung verbessert werden sollte, damit beide Elternteile mit Arbeit ihre Existenz sichern können.

Zusammengefasst: An der Kinderarmut in Deutschland hat sich trotz der guten Konjunktur in den vergangenen zwei Jahren insgesamt kaum etwas verändert. Positiv entwickeln sich Regionen in Ost- und in Süddeutschland, in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz dagegen steigt der Anteil armer oder armutsgefährdeter Kinder. Durch die starke Zuwanderung dürfte die Kinderarmut künftig zusätzlich steigen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 262 Beiträge
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Seite 1
!!!Fovea!!! 11.01.2016
1. Alles ist wichtiger als der eigene Staatsbürger
Hauptsache wir retten die Banken Europas. Hauptsache wir retten Griechenland. Hauptsache wir "spielen Krieg" in Syrien. to be continued..... Wichtig ist doch nur für die Familiengerichte/Jugendämter, dass ein Elternteil Unterhalt zahlt. Alles andere ist unerheblich. Den Staat interessiert es doch nicht, was aus den Kindern wird. Den Staat interessiert es nur, wie billig man die Generationen von Kindern möglichst vom finanziellen Staatshaushalt abkoppeln kann und dann als Lohnsklaven finanziell zu berauben.
Spiegelleserin57 11.01.2016
2. Dumpinglöhne und Arbeitslosigkeit...
sind wohl überwiegend der Grund für die Kinderarmut. Man erinnere sich mal: die vielen Kirtiken an dem Mindestlohn von Seiten der Arbietgeber...ein Indiz dass wohl die Herren die Situation entweder nicht oder nur unzureichend kennen.
xlabuda 11.01.2016
3. konsequent wäre es, darzulegen, was eine
nämlich ALLEINERZIEHENDE mit einem oder mehreren Kindern. Und in NRW ist es eine beliebte Art zu leben, weil man nicht arbeiten muß und vom Staat großzügig unterstützt wird. ALLES auf Kosten der Kinder.
cabeza_cuadrada 11.01.2016
4. Na, da werden wohl so einige hier beim lesen erschrecken
weil sie noch gar nicht wussten dass sie arm sind. vierköpfige Familie (zwei Erwachsene, zwei Kinder unter 14 Jahren) verfügbares Nettoeinkommen von weniger als 1926 Euro. Also ab 1925€ im Monat gilt man dann als arm. Dass man davon nicht zweimal im Jahr auf die Malediven fliegen kann ist klar. Aber deswegebn gleich als arm zu gelten finde ich übertrieben. Ich war auch mal in dieser Situation und da blieb am Monatsende trotzdem noch was "hängen" und Urlaub war auch drin. Und nur für den Fall..... nein, natürlich leben ich nicht in München. Würde mir auch im Leben nicht einfallen für diesen Betrag dort hin zu ziehen. BTW: Es stimmt, es gibt viele arme Kinder in Deutschland. Am Geld liegts aber meistens nicht wenn man eine miese Kindheit hat.
mastermindchaos 11.01.2016
5. nr. 1: abgesehen von der Überschrift
volle Zustimmung!!
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