Kita-Streik Sag mir, wo die Erzieher sind!

Ein Erzieher für fünf Kinder? Die Zahlen im offiziellen Betreuungsschlüssel für Kitas können viele Eltern nicht nachvollziehen. Zu Recht, denn mit der Realität haben die rosigen Berechnungen der Behörden oft wenig zu tun.

Erzieher demonstrieren in Dresden: Eine Fachkraft für 15 Kleinkinder
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Erzieher demonstrieren in Dresden: Eine Fachkraft für 15 Kleinkinder

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Flachbau in der Berliner Erich-Weinert-Straße leuchtet in der Frühlingssonne. Aus dem weitläufigen Gartengelände dringt Kindergejohle. Der Lärm bleibt verhalten, schließlich spielen hier nur die ganz kleinen Kinder unter drei Jahren. Einige buddeln im Sand, ein kleiner Junge macht erste Reitversuche auf einem Gummipferd. Eine Erzieherin sitzt mit einem Grüppchen am Rande des Sandkastens und zählt mit ihnen gemeinsam Finger ab.

Doch so entspannt wie an diesem Morgen ist die Situation in diesem Kindergarten selten. "Von den Erziehern war eigentlich immer irgendjemand krank", erinnert sich eine Mutter. "Dazu kamen Langzeitausfälle, Urlaube und Bildungskurse". Nicht selten habe sich eine Fachkraft um mehr als 15 Kinder kümmern müssen. "Wenn wir Glück hatten, war wenigstens noch ein Praktikant da, der beim Windeln helfen konnte."

Das Beispiel taugt, um die dramatische Überbelastung der Erzieher zu illustrieren, die derzeit um höhere Löhne kämpfen, aber auch um mehr Personal für die Kitas.

Das Stichwort "Betreuungsschlüssel" fällt oft in diesen Tagen. Pädagogen, Sozialverbände und Eltern fordern hier Verbesserungen, weil sie sich um die Entwicklung der Kinder sorgen. Und die Gewerkschafter, weil sie die Belastung der Erzieher für zu hoch halten.

Zuständig für den Betreuungsschlüssel - also wie viele Kinder ein Erzieher betreuen soll - sind die Bundesländer. Die Regelungen dazu unterscheiden sich erheblich, auch weil die Palette von Krippen bis zu Kitas für alle Altersgruppen von null bis sechs Jahren reicht. Bremen kommt dabei mit einen Verhältnis von 1 zu 3,2 in der Klasse der Kleinsten den pädagogischen Empfehlungen der Wissenschaft noch am nächsten. In Hamburg muss eine Erzieherin offiziell 5,4 Kleinkinder versorgen, in Sachsen-Anhalt sogar 6,7.

Doch selbst das klingt paradiesisch im Vergleich zu dem, was viele Eltern ganz subjektiv zu erleben meinen: Dass nämlich im Alltag viel weniger Personal in den Kitas vorhanden ist, als der Betreuungsschlüssel suggeriert.

Ursache eins: Zeitaufwand für Verwaltungskram

Anette Stein, bei der Bertelsmann Stiftung verantwortlich für das Programm "Wirksame Bildungsinvestitionen", kann das Unbehagen gut nachvollziehen - und liefert zugleich eine einfache Erklärung für die empfundene Diskrepanz: "In den Personalschlüsseln ohne Leitung ist noch nicht enthalten, dass 25 Prozent der Arbeitszeit für Aufgaben ohne direkten Kinderkontakt benötigt werden. Sprich: ein Personalschlüssel von 1:3 Kinder entspricht in der realen Situation vier Kindern, für die eine Fachkraft zuständig ist."

Ursache zwei: Lange Kita-Öffnungszeiten

Ein weiterer Grund, warum die Eltern im Alltag weniger Personal zu sehen bekämen, seien die langen Öffnungszeiten der Kitas, fügt Stein hinzu. Oft überschnitten sich die Schichten nur in den Kernzeiten. "Das macht grundsätzlich auch Sinn, denn frühmorgens und spätnachmittags sind in der Regel weniger Kinder in der Kita". Doch genau dann bringen die meisten Eltern ihre Kinder oder holen sie ab - und bekommen entsprechend wenig Personal zu Gesicht.

Ursache drei: Urlaub, Krankheit, Fortbildung

Doch selbst wenn man die Statistik derart bereinigt, klafft immer noch eine Lücke zwischen offiziellem Betreuungsschlüssel und Wirklichkeit, wie eine Studie der Berliner Bildungsforscherin Susanne Viernickel im Auftrag der Hamburger Wohlfahrtsverbände zeigt. Den Erhebungen zufolge betreut in der Hansestadt eine Erzieherin 5,7 Babys und Kleinkinder unter drei Jahren, weil der offizielle Betreuungsschlüssel von zu geringen Ausfallzeiten wegen Krankheit, Urlaub oder Fortbildung ausgeht. Die Ausfallzeiten summieren sich insgesamt noch einmal auf rund 18 Prozent der Arbeitszeit. "Das bedeutet im Schnitt noch ein Kind mehr pro Erzieherin", erklärt Viernickel.

Auch in Düsseldorf können viele Kitas nicht erfüllen, was die Statistik verspricht. Im Städtischen Familienzentrum im Stadtteil Lörik betreuen zwei Erzieherinnen plus eine Halbzeitkraft neun Kinder und müssen dabei eine Öffnungszeit von 45 Stunden pro Woche abdecken, und zwar als Dauerzustand. Rein rechnerisch ergibt das knapp 4,2 Kinder pro Erzieher. Der offizielle Schnitt in Nordrhein-Westfalen: 3,6.

Zusammengefasst: In der Realität müssen sich Erzieher in Kitas um deutlich mehr Kinder kümmern, als der offizielle Betreuungsschlüssel suggeriert. Es geht Zeit für Verwaltungsaufgaben drauf, und die langen Kita-Öffnungszeiten machen in den Randzeiten eine geringere Besetzung erforderlich. Hinzu kommen Ausfälle durch Urlaub, Krankheit und Fortbildung.



insgesamt 64 Beiträge
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sonnrain 13.05.2015
1.
Die 25% Arbeitszeit unter 1 sind nicht für "Verwaltungskram". Sie heißen "mittelbare pädagogische Arbeitszeit" und sind gedacht für die Portfolioführung, für das Nachdenken und den Austausch über die uns anvertrauten Kinder; für Vor- und Nachbereitungen von Impulsen und Projekten. Das ist unabdingbare Arbeit und diese Zeit muss unbedingt jeder frühpädagogischen Fachkraft zugestanden werden!
gumbofroehn 13.05.2015
2. Wenn man was für die Kinder tun will ...
... sollte man besser beim Betreuungsschlüssel ansetzen, anstatt zukünftig, wie von Verdi gefordert, pauschal die Entgeltstufen S10 bis S13 herauszulegen (zur Erinnerung, das entspricht der augenblicklichen Bezahlung von Kita-Leitungen und Sozialarbeitern / Sozialpädagogen, letztere haben ein Hochschulstudium absolviert). Den schlechten Personalschlüssel als Argument für eine derart extreme Aufwertung zu nehmen, ist in jedem Fall unsinnig.
runandrock 13.05.2015
3. Wieder mal...
Schlecht recherchiert. Wenn im Früh- und Spätdienst weniger Kinder da sind, ist auch der Betreuungsschlüssel besser, oder? Außerdem sind Vorbereitungszeiten in den Personalvorgaben eingeplant. Dieses Thema über alle Bundesländer hinweg auf einen Nenner zu bringen, kann nicht funktionieren.
thunderstorm305 13.05.2015
4. Ach so. Man möchte also mehr Personal und mehr Geld!
Ich kann mich noch daran erinnern, dass zwei Nonnen in unserem Kindergarten die Leitung über weit mehr als nur neun Kinder hatten. Wir haben es alle geschafft und niemand musste unter diesen "Zuständen" leiden. Einige haben auch Abitur gemacht. Es gab zwar noch kein Pisa, aber so schlecht waren wir auch nicht. Dass eine Betreuungskraft deshalb höchstens drei Kinder betreuen soll, halte ich deswegen für etwas überzogen. Aber vielleicht sollte der Autor sein Augenmerk auf die geforderten Gehaltssprünge werfen. Wie soll man bitte bei 10% mehr Gehalt auch noch viel mehr Betreuer einstellen? Beides zu fordern geht schlicht nicht. Außerdem sind die Gehälter bereits auf dem Niveau eines Technikers in der Privatwirtschaft. Also keineswegs so schlecht. Oder möchte man auf das gleiche Lohnniveau eines Ingenieurs kommen? Das ist dann doch etwas abwegig.
marthaimschnee 13.05.2015
5.
Die einzige Sensation daran ist eigentlich, daß das immer noch jemanden wundert. Die Menschen sehen tagtäglich, daß die Regierungspropaganda mit ihrer Realität nicht übereinstimmt und trotzdem tun sie jedesmal überrascht, wenn die nächste Lüge entlarvt wird.
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