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Kita-Streik: Eltern auf die Straße!

Ein Debattenbeitrag von Tina Angerer

Hessen: Erzieherinnen und Erzieher demonstrieren für einen neuen Tarifvertrag Zur Großansicht
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Hessen: Erzieherinnen und Erzieher demonstrieren für einen neuen Tarifvertrag

Die Kita-Erzieherinnen streiken unbefristet und die Eltern müssen es ausbaden. Bei allem Ärger wäre es aber falsch, genervt auf diesen Arbeitskampf zu reagieren. Denn die Erzieherinnen und Erzieher verdienen einen besseren Lohn - und unsere Solidarität.

"Bei allem Verständnis: Jetzt reicht es. Ich kriege jetzt ein echtes Problem." Die Münchner Mutter, die da schimpft, ist eine von Tausenden, die der unbefristete Streik der Erzieherinnen hart trifft. Wer eine fitte Oma hat, hat es noch leicht. Viele Eltern - vermutlich mehr Mütter als Väter - müssen nun den Chef um Urlaub bitten, und sogar der kann in manchen Fällen verweigert werden. Wenn sich der Streik hinzieht, wird das Familien ihren Jahresurlaub kosten, denn krank machen oder das Kind einfach krank melden, kann Betroffene sogar den Job kosten. Je länger dieser Streik dauert, desto mehr wird die Solidarität der Eltern schrumpfen: "Wisst Ihr, was ihr den Eltern damit antut?" empört sich eine Mutter in einer großen Zeitung in NRW, und: "Verdammt noch mal, das sind Kinder, die ihr da weglegt, keine Akten!"

Genau. Weil es keine Akten sind, ist dieser Streik so wichtig. Und weil es unsere Kinder sind, ist es auch unser Streik.

Stell Dir vor, es ist Demo - und keiner hat Zeit

Wenn Fließbandarbeiter streiken, werden die Autos später fertig und der Arbeitgeber trägt den finanziellen Schaden. Im öffentlichen Dienst funktioniert dieses Prinzip nicht. Wenn Erzieherinnen streiken, zahlen wir Eltern trotzdem die Gebühren, die Kommunen aber kein Gehalt. Absurd: Der Arbeitskampf entlastet ausgerechnet die Arbeitgeber finanziell. Ausgetragen wird der Streik ausschließlich auf dem Rücken der Eltern. Auch das ist absurd: Gerade wir Eltern, die das größte Interesse an guter Betreuung unserer Kinder haben, sind die Leidtragenden eines Streiks.

Doch welches andere Druckmittel haben die Erzieherinnen? Keins. Sie haben nur uns. Wieso lassen wir die Erzieher in eigener Sache streiken, obwohl es auch unsere Sache ist? Wäre es nicht absolut angemessen und fair gewesen, mal vorab eine Soli-Demo zu organisieren? Wo waren wir? Warum haben wir zu Nicht-Streik-Zeiten keine Energie für die Anliegen der Erzieherinnen aufgebracht?

Eigentlich müssten wir nun alle mit auf die Straße, den Druck weiterreichen an die Arbeitgeber. Oder die Kinder stur mit ins Büro nehmen. In der Realität kommt es zu einer derartigen Revolte nicht, weil die Eltern - wahrscheinlich auch hier mehr Mütter als Väter - voll damit beschäftigt sind, das Chaos zu bewältigen und sie natürlich auch noch ihre Jobs behalten wollen. Da bleibt wenig Kapazität für Solidarität. Stell dir vor, es ist Demo - und keiner hat Zeit.

Hohe Verantwortung, niedriges Gehalt

Dabei sind sich die Eltern einig, dass Erzieher besser bezahlt werden sollten. Wir verlangen ja auch viel: Wir wollen, dass unsere Kleinen in der Gruppe immer individuell gesehen werden. Dass sie getröstet werden und lieb gehabt. Dass sie etwas lernen, dass ihre Kreativität geweckt wird, dass Defizite früh erkannt werden. Wir wollen morgens gehetzt ein müdes Kind abgeben können und nachmittags ein fröhliches Kind bei einer gelassenen Frau abholen. Wir wollen Ansprechpartner haben, die nicht nur in der Lage sind, jederzeit die Farbe des Stuhlgangs unserer Kinder zu referieren, sondern auch deren sozio-emotionale Entwicklung dokumentieren und uns einfühlsam erklären, was wir alles noch richtiger machen könnten.

Auch der Staat verlangt viel, angefangen bei einer vier- bis fünfjährigen Ausbildung. Selbst die Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeber räumt ein, dass die Anforderungen an Erzieher gestiegen sind. Prekäre Familienverhältnisse, immer mehr Bürokratie, hohe pädagogische Standards. Abgesehen vom Lärm, der Belastung für den Rücken und dem Stress durch Personalmangel. Erzieherinnen können verdammt viel falsch machen, sie können Fehler machen, die niemand wieder gut machen kann. Auf dem Gehaltszettel ist diese hohe Verantwortung nicht abzulesen.

Frauenberufe halt, höhnen manche und man sieht fast den Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit einer dicken Zigarre da sitzen. Die Gedöns-Vertreter haben es eben verpasst, wie eine anständige Industriegewerkschaft die Löhne hochzudrücken. Ein Vorarbeiter in der Metallindustrie kann heute mehr Geld machen als eine Kita-Leiterin.

Doch auch innerhalb des öffentlichen Dienstes stehen soziale Berufe hintan. Wenn ein Gabelstaplerfahrer so viel verdient wie eine Kinderpflegerin, dann ist etwas falsch gelaufen. Eine junge Frau, die heute Kinderpflegerin werden will, kann sich ohnehin gleich nach einem Mann umsehen, der sie durchfüttert. Auch der Erzieherin steht ein Zweit-Ernährer gut, selbst nach vielen Jahren kommen viele nur knapp über 3000 Euro brutto.

Anerkennung für Menschen, die mit Menschen arbeiten

Ver.di will eine grundsätzlich höhere Eingruppierung. Insgesamt könnten Erzieherinnen dann das Niveau von vielen Handwerksmeistern oder manchen Fachhochschulabsolventen erreichen.

Das Grundproblem ist die fehlende Anerkennung für Menschen, die mit Menschen arbeiten, und da macht Ver.di ein ganz großes Fass auf. Es geht um nicht weniger als eine gesamtgesellschaftliche Frage. Die Kommunen alleine werden sie nicht beantworten können.

Wenn "Frauenberufe" mehr anerkannt werden sollen, dürfen gerade jetzt die Mütter (vielen Dank auch an alle Väter, die mitmachen) nicht nachlassen. Erzieherinnen fordern mehr Respekt für einen anspruchsvollen Job. Und wir Eltern müssen ihnen helfen. Wer sonst?


Tina Angerer, 40, ist freie Journalistin und zweifache Mutter. Auf der von ihr mitgestalteten Facebook-Seite "Support your Kita!" können sich Eltern austauschen und eigene Aktionen organisieren.

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1. Warum mehr Geld?
cagutmann 06.05.2015
Wer Günther Jauch gesehen hat am Sonntag, weiß, dass eine Erzieherin in einer städtischen Kindertagesstätte bei einer 30 Stundenwoche 2500 € brutto verdient. Das sind über 3000 € auf eine Vollzeitstelle gerechnet. Der ebenfalls in der Sendung anwesende Polizist verdient 2400 € brutto bei Vollzeit. Es erschließt sich einem nicht, warum Erzieher mehr Geld brauchen. Hier fehlt eine offene Debatte und der tabullose Vergleich von Gehältern unterschiedliche Regionen, Arbeitgeber und Branchen. Natürlich ist die Erzieherin aus der Günther Jauch Sendung aus Bayern und es wird dort ein entsprechendes hohes Niveau geben. Aber auf Basis der Reallöhne muss erst einmal geschaut werden, ob ErzieherInnen wirklich arm dran sind oder ob es vielleicht ganz andere Gründe dafür gibt, dass es nicht genug davon gibt.
2.
ClausWunderlich 06.05.2015
Denn die Erzieherinnen und Erzieher verdienen einen besseren Lohn - und unsere Solidarität. Nein meine Solidarität haben sie nicht denn sie tragen den Streik auf dem Rücken der Kinder aus. Auch ist der Lohn der Erzieherinnen schon recht hoch so verdienen viele gelernte Handwerker viel weniger. Oder Schichtarbeiter kommen selbst mit Schichtzulage an den Lohn einer Erzieherinn.
3.
ClausWunderlich 06.05.2015
Denn die Erzieherinnen und Erzieher verdienen einen besseren Lohn - und unsere Solidarität. Nein meine Solidarität haben sie nicht denn sie tragen den Streik auf dem Rücken der Kinder aus. Auch ist der Lohn der Erzieherinnen schon recht hoch so verdienen viele gelernte Handwerker viel weniger. Oder Schichtarbeiter kommen selbst mit Schichtzulage an den Lohn einer Erzieherinn.
4.
misterknowitall 06.05.2015
Tja, was soll man sagen? Dass dem Staat die Belange seiner Bürger seit einiger Zeit gepflegt am Hintern vorbeirauschen ist ja nichts Neues. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass sich auch in diesem Fall nichts Grundlegendes ändert. Am Ende gibt es einen faulen Kompromiss und eine Gehaltssteigerung nahe über der Inflation.....wie gehabt. Schade, aber typisch für die Politik, wie sie zurzeit betrieben wird.
5. Zweifellos!
HäretikerX 06.05.2015
..in unserem, ach so tollen, Sozialstaat werden Pflege- und Betreuungs- und Lehrberufe quasi Diskriminiert! Personalschlüssel, Entgelt, Ansehen.. Fehlanzeige! Wie soll die nötige Qualität geboten werden, wenn wenn hier auf "biegen und brechen" gespart wird? Bei konfessionellen Einrichtungen ist der Skandal in der Regel noch größer! ..gleichzeitig werden in vielen Bundesländern horrende Gebühren kassiert, ohne dass die Qualität gesichert ist, im Gegenteil! Betuchte Familien weichen auf private Einrichungen aus.. andere weichen, falls sie die Möglichkeit haben, gezielt in andere Bundesländer aus.. z.B. von NRW nach RLP.. ..aber dort steht schon Frau Klöckner mit der Gebührenforderung in den Startlöchern.. andere Ausgaben sind halt wichtiger, als die für die Berufsgruppen, die uns den Rücken frei hält!
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