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Klimagipfel in Paris: Schränkt! Uns! Ein!

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Trotz der enormen Bedrohung durch den Klimawandel schrecken Politiker bis heute davor zurück, Verzicht zu predigen. Das muss sich ändern. Strengere Regeln sind nicht das Ende der Demokratie, sondern könnten sie am Ende sogar retten.

Kontrolle an autofreiem Sonntag 1973: Nicht gleich die Planwirtschaft eingeführt Zur Großansicht
DPA

Kontrolle an autofreiem Sonntag 1973: Nicht gleich die Planwirtschaft eingeführt

"Uns geht es doch so gut" - so oder ähnlich begründen derzeit viele Deutsche ihr Engagement für Flüchtlinge. Damit widersprechen sie all jenen, die verstärkte Zuwanderung schon deshalb ablehnen, weil sie angeblich unweigerlich zu Verteilungskämpfen führt. Die Flüchtlingshelfer sind offensichtlich der Meinung: Wir haben mehr als genug.

Nur wenn westliche Länder auf dem Klimagipfel in Paris eine ähnliche Einstellung vertreten, kann dieser noch zu einem Erfolg werden. Die drohende Erderwärmung erfordert nicht nur einen anderen Konsum, sondern weniger davon. Wenn wir es mit dem Klimaschutz ernst meinen, müssen wir weniger fliegen, weniger heizen, weniger Fleisch essen.

Solchen Verzicht wollen bis heute die wenigsten Politiker predigen - verständlicherweise. Zum einen gibt es kaum ein besseres Rezept, um Wahlen zu verlieren. Zum anderen sind wir mit gutem Grund vorsichtig bei Eingriffen in die individuelle Freiheit. Das vergangene Jahrhundert hat mehrfach gezeigt, dass starke Staaten sowohl höchst unmenschlich als auch höchst ineffizient sein können.

Umso schöner wäre es gewesen, wenn sich das Versprechen vom "grünen Wachstum" erfüllt hätte: Wir kriegen den Klimawandel allein dadurch in den Griff, dass Unternehmen ökologischere Produkte schaffen, die dann fleißig gekauft werden. Doch trotz aller Innovationen sind die globalen CO2-Emissionen Jahr für Jahr weiter gestiegen. Nur einmal gab es eine kurze Verschnaufpause: als infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise weltweit das Wachstum einbrach.

Die radikalste Konsequenz aus dieser Erkenntnis hat der Nachhaltigkeitsforscher Reinhard Loske im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE so formuliert: "Nur arme Staaten sollten wachsen." Das bleibt aber schon deshalb vorerst eine Utopie, weil unsere Finanz- und Wirtschaftssysteme zu sehr auf Wachstum ausgelegt sind. Doch es wäre schon ein großer Fortschritt, wenn die Politik auf bestimmte Formen des Wachstums verzichten würde.

In den ärmsten Ländern dieser Erde bedeutet mehr Wirtschaftsleistung bis heute auch weniger Hunger. Doch kein Deutscher, Amerikaner oder Japaner wird daran zugrundegehen, wenn Flüge aufgrund einer längst überfälligen Kerosinsteuer kein Wochenendvergnügen mehr sind.

Auch ein paar neue Stromtrassen für die Energiewende werden wir verkraften - für den Kohleabbau wurden jahrzehntelang Menschen enteignet und Landschaften verwüstet. Ja, möglicherweise ließe sich am Ende sogar so etwas wie ein Veggie-Day in öffentlichen Kantinen überleben. Während der Ölkrise von 1973 verbot die Bundesregierung mehrfach tageweise das Autofahren, ohne dass deshalb in Deutschland gleich die Planwirtschaft eingeführt wurde.

Damals konnte freilich jeder Deutsche den rasanten Preisanstieg des Öls an der Zapfsäule verfolgen. Je sichtbarer eine Bedrohung, umso höher die Kompromissbereitschaft - das zeigt auch die Zustimmung der Deutschen zu erhöhten Sicherheitskontrollen nach den Anschlägen von Paris.

Der Klimawandel dagegen ist für die meisten von uns bis heute eine höchst abstrakte Bedrohung und damit leicht zu ignorieren. Manche Wissenschaftler argumentieren bereits, Demokratien hätten im Kampf gegen den Klimawandel versagt und nur autoritäre Regime könnten diesen noch stoppen.

Das ist ein beunruhigender Gedanke. Nach einem erneuten Scheitern der Weltgemeinschaft in Paris aber dürfte er weitere Anhänger bekommen. Wenn wir uns selbst beschränken, dann ist das letztlich auch eine Verteidigung der Demokratie.

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Jeannette Corbeau
David Böcking ist Redakteur im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 202 Beiträge
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1. Warum
sachse78 07.12.2015
Warum können wir nicht einfach den Karren vor die Wand fahren und danach jammern, was wir hätten tun können? So ist es Menschenbrauch. Man erwartet ja auch nicht, dass Hasso sein Futter über Wochen selbstständig einteilt.
2. Schränkt uns bloß nicht ein, denn
Drscgk 07.12.2015
wir sind schon lange genug beschränkt genug ! Von den großen Konzernen, die die großen Klimakiller sind und die obendrein noch seit Jahrzehnten in jedem Jahr allein in Europa weit mehr als eine Billion Steuern hinterziehen, will wieder mal niemand etwas haben. Der Klimaschutz wird nie und nimmer weltweit gelingen, wenn es so gemacht wird, dass wieder nur der kleine Steuerzahler für das Klima bluten soll, es richten soll und wieder nicht die großen Klimakiller und Steuerhinterzieher herangezogen werden. "Doch trotz aller Innovationen sind die globalen CO2-Emissionen Jahr für Jahr weiter gestiegen. Nur einmal gab es eine kurze Verschnaufpause: Als infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise weltweit das Wachstum einbrach", steht im Artikel. Was lehrt uns das? Wir leben auf der richtigen Erde, aber im grundfalschen System. Die wurzeltiefe Abschaffung des Kapitalismus bringt eine immerwährende Verschnaufpause, und das mitnichten nur beim Klima, sondern auf allen Gebieten für die Menschheit.
3. Diktaturen
Mikrohirn 07.12.2015
stoppen den Klimawandel auch nicht. Die Mehrheit der auf dem Klimagipfel vertretenen Staaten sind schließlich welche. Den Klimawandel halten nur Vernunft, Redlichkeit und Verständnis für andere auf - Politiker also nicht. Wer aber sonst? Rischtisch... keiner.
4. Wasser predigen
frank57 07.12.2015
und Wein sau....die Politiker dieses Landes machen doch vor, wie heuchlerisch und schizophren eine solche Forderung wäre. Was ist mit den vielen Millionen Berufspendlern die sich Tag für Tag und Woche für Woche über die Autobahn wälzen müssen um an Arbeit zu kommen? Die Politik hat auf ganzer Linie versagt!
5. Alles Unsinn
luckyfrank 07.12.2015
Nein, nicht der Klimawandel. Was wir brauchen, ist eine Weltbevoelkerung von drei (3) Milliarden, hoechstens! Und nicht 10 oder mehr! Das sollte angegangen werden. Auch wenn einige meinen, man koennte 10 Milliarden "locker" ernaehren, waere dies trotzdem eine Katastrophe, weil die Bevoelkerung logischerweise immer schneller waechst. Aber die Katastrophe wird wohl kommen...
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Klimagipfel in Paris
Die Wahrheit über die Erwärmung

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.


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