Klimapolitik: "Der Westen darf sich nicht aufspielen"

Die Menschheit bläst immer mehr Abgase in die Luft, doch beim Gipfel in Durban rückte eine weltweite Klimapolitik in weite Ferne. Umweltexperte Klaus Töpfer erklärt im Interview, was nun getan werden muss - und warum auf Deutschland mehr zukommt als auf jedes andere Land.

Braunkohlekraftwerk in Brandenburg: Weniger Atomstrom, mehr Kohlendioxid Zur Großansicht
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Braunkohlekraftwerk in Brandenburg: Weniger Atomstrom, mehr Kohlendioxid

SPIEGEL ONLINE: Unmittelbar nach dem Klimagipfel in Durban ist Kanada aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen - offenbar weil das Land Strafzahlungen in Milliardenhöhe vermeiden will. Wie finden Sie das?

Töpfer: Es hat mich nicht überrascht. Kanada ist eines der drei Länder, die lange vor dem Gipfel gesagt haben, sie wollen aus dem Protokoll aussteigen. Die anderen beiden sind Japan und Russland. Kanada hat schon vorher die Pflichten aus dem Kyoto-Protokoll nicht erfüllt. Die jetzige Entscheidung zeigt: Auf dem Gipfel in Durban ist erzielt worden, was unter diesen Umständen machbar war. Aber ein Durchbruch in der aktuellen Klimapolitik war es keineswegs.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist doch ein Konstruktionsfehler eines internationalen Abkommens, wenn ein Land einfach so ausscheiden kann, um Strafen zu entgehen?

Töpfer: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Das Kündigungsrecht ist ein Geburtsfehler. Das Hauptproblem des Kyoto-Protokolls ist aber, dass die Vereinbarungen kaum mit einklagbaren Mitteln umgesetzt werden. Das heißt: Es gibt nur Zuckerbrot, keine Peitsche.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Ergebnis von Durban als bestmöglichstes bezeichnet. Beschönigen Sie damit nicht einen Kompromiss, der kein konkretes Datum für die CO2-Ziele vorsieht und dessen rechtliche Verbindlichkeit unklar ist?

Töpfer: Ich mag da optimistisch erscheinen. Aber der Gipfel stand doch schon vor dem Scheitern! Der erste Erfolg ist, dass das nicht passiert ist. Zweitens ist die Klimapolitik zwar inhaltlich nicht vorangekommen, aber strukturell. Es wird nun erforderlich, eine grundsätzliche Überprüfung des Verfahrens und der Umsetzung vorzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Töpfer: Es ist ein Erfolg mit vielen Wenns - und wir müssen abwarten, ob in Katar überhaupt ein neuer Vertrag zustande kommt. Klar ist aber: Die Europäische Union hat es geschafft, eine erkennbare, konsistente und harte Strategie durchzuhalten. Außerdem haben wir mehr Partner ins Boot geholt, die Entwicklungsländer. Das ist wichtig, denn diese Länder leiden am meisten unter dem Klimawandel. Bisher standen sie immer an der Seite der Chinesen, haben also gegen die Abkommen gestimmt. Das ist eine revolutionäre Veränderung.

SPIEGEL ONLINE: China, der weltgrößte Kohlendioxid-Emittent, besteht jedoch weiter darauf, keine verbindliche CO2-Grenzen zu formulieren. Können die Europäer mit diesem Gipfelbeschluss Druck auf China machen? Oder auf die USA?

Töpfer: Nein. Druck von außen bringt nicht viel. Aber der Druck von innen ist gerade in China mittlerweile sehr stark. Der Klimawandel wird dem Land sehr schaden, das erkennen die Chinesen. Ebenso wie die Notwendigkeit, eine andere Energiepolitik zu machen - auch und besonders aus wirtschaftlichen Gründen. Die Priorität für die Entwicklungsländer ist doch klar: Die ist immer die Überwindung von Armut. Wir dürfen uns als Westen nicht aufspielen und den armen Ländern sagen: Verbrennt keine fossilen Energien, denn das schädigt das Klima. Das halten die für Anmaßung, weil sie ja sehen, was wir jahrelang gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber was ist die Alternative?

Töpfer: Man muss die Vorteile aufzeigen: Ihr könnt unabhängig werden von den Preisschwankungen und Versorgungsengpässen bei fossilen Energieträgern, ihr könnt eigene Ressourcen nutzen. Zum Beispiel Geothermie in Kenia oder Solarenergie in Nordafrika. Dadurch werden diese Länder unabhängig, die Innovationen helfen ihrem Entwicklungsprozess, und nebenbei hat es auch noch einen positiven Effekt für das Klima.

SPIEGEL ONLINE: Deutschland gilt weltweit als Vorreiter in der Klimapolitik. Dennoch haben Sie kürzlich gesagt, das reiche alles noch nicht. Warum?

Töpfer: Nach wie vor ist Deutschland ein Antreiber in der Klimapolitik. Und das sehe ja nicht nur ich so: Selbst die Wirtschaft wird inzwischen unruhig. Wir müssen die Energiewende sehr viel stringenter und nachdrücklicher durchsetzen. Sie darf nicht auf Kosten des Klimawandels gehen.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie konkret?

Töpfer: Für die Umsetzung der Energiewende innerhalb von zehn Jahren brauchen wir einen Manager der Energiewende. Denn das ist eines der größten Projekte, die wir in Deutschland haben. Dafür brauchen wir ein professionelles Management, das die Entwicklung der Wende kontrolliert, das die Zivilgesellschaft miteinbezieht und natürlich auch die Unternehmen. Konstatieren muss man aber auch: Die Art, wie Deutschland auf die Katastrophe in Fukushima reagiert hat, ist weltweit einmalig. Es gibt kein zweites Industrieland, das in zehn Jahren aus der Kernenergie aussteigen und gleichzeitig immer weniger CO2 ausstoßen will.

SPIEGEL ONLINE: Die Regierung hätte es leichter haben können, wenn sie im vergangenen Jahr nicht die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert hätte.

Töpfer: Das hat den innenpolitischen Druck erhöht, ja. Aber auch die Verlängerung der Laufzeiten hat den Ausstieg damals nicht in Frage gestellt. Jetzt haben wir eine Beweispflicht. Denn die anderen Länder sagen: Ihr macht unsere Bevölkerung nervös, nach dem Motto: Wieso kann Deutschland auf die Kernenergie verzichten? Warum brauchen wir diese Technologie?

SPIEGEL ONLINE: Selbst in Frankreich finden auf einmal Anti-Atomkraft-Demos statt.

Töpfer: Genau. Das ist eine massive Verantwortung, die wir mit der Umsetzung der Energiewende übernommen haben. Wobei auch klar sein muss: Wir haben einen Kernenergieanteil von 25 Prozent, Frankreich einen von 80 Prozent. Das lässt sich also nicht eins zu eins vergleichen. Nach Tschernobyl haben wir alles darangesetzt, erneuerbare Energien zu erforschen und im Markt durchzusetzen. Deutschland steht nun in der Pflicht, zu beweisen, ob die weltweit viertgrößte Wirtschaftsmacht, die so abhängig von Exporten und energieintensiven Industrien ist, mit einer solchen Energiepolitik wettbewerbsfähig bleiben kann. Das wird die große Herausforderung der kommenden Jahre sein.

Das Interview führte Christian Teevs

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1. Unverstaendlicher Teil
fernossi 15.12.2011
Zitat von sysopTöpfer: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Das Kündigungsrecht ist ein Geburtsfehler. Das Hauptproblem des Kyoto-Protokolls ist aber, dass die Vereinbarungen kaum mit einklagbaren Mitteln umgesetzt werden. Das heißt: Es gibt nur Zuckerbrot, keine Peitsche.
Das verstehe ich nicht. Wo ist denn bei Kyoto das Zuckerbrot fuer die Industrielaender versteckt? Bisher dachte ich, es gaebe dort nur Peitsche, die sich nun aber als wirkungslos erwiesen hat. Aber Zuckerbrot? Vielleicht kann mir einer der Mitforisten auf die Spruenge helfen?
2. Dummheit
ronald1952 15.12.2011
Zitat von sysopDie Menschheit bläst immer mehr Abgase in die Luft, doch beim Gipfel in Durban rückte eine weltweite Klimapolitik in weite Ferne. Umweltexperte Klaus Töpfer erklärt im Interview, was nun getan werden muss -*und warum*auf Deutschland mehr zukommt als auf jedes andere Land. Klimapolitik: "Der Westen darf sich nicht aufspielen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,803722,00.html)
Hallo, ich weis ja nicht, was Herrn Töpfer so in seinem Kopf herumspukt? Etwas vernünftiges anscheinend nicht.Seit wann sind wir Deutschen dafür zuständig, daß Klima zu regeln? Ja, wir sind leider die einzige nation von Vollidioten die Tatsächlich ihrer Atomkraftwerke auf den Schrot werfen will.Ich denk mal das das Ausland ziehmlich Herzhaft über den Deutschn Michel lacht.Andere bauen sich neue Kraftwerke. Glaubt Herr Töpfer etwa das ausland lässt sich vorschreiben, was es mit seinen Kraftwerken zu tun hat?Irgenwo hat das ganze einen Zug von Größenwahn den anderen vorschreiben zu wollen was Sie zu tun haben.Sie tun es sowieso nicht.Solange es noch einen Tropfen Oel und ein stück Kohle gibt, wird es durch den Schornstein oder Auspuff gejagt.Ausserdem steht die Gier der Menschen der Vernuft immer im wege.Wir haben doch alles, oder? Aber andere möchten auch etwas haben.
3. Herr Töpfer, die Deutschen und die Pflicht
WolfHai 15.12.2011
In dem Artikel wird Töpfer so zitiert: ---Zitat--- Deutschland steht nun in der Pflicht, zu beweisen, ... ---Zitatende--- Ich habe nichts gegen bessere Umweltpolitik. Aber ich habe etwas dagegen, dass hier ein ehemaliger Minister so mit mir redet: Deutschland ist keine militärische Einheit mit ihm als Anführer, und Deutschland ist auch kein Kaiserreich mehr mit Untertanen, die dankbar "ihre Pflicht" tun. - Oder etwa doch?
4. hahaha
shovelbolle 15.12.2011
Zitat von sysopDie Menschheit bläst immer mehr Abgase in die Luft, doch beim Gipfel in Durban rückte eine weltweite Klimapolitik in weite Ferne. Umweltexperte Klaus Töpfer erklärt im Interview, was nun getan werden muss -*und warum*auf Deutschland mehr zukommt als auf jedes andere Land. Klimapolitik: "Der Westen darf sich nicht aufspielen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,803722,00.html)
Danke Hr.Töpfer ! Ich danke Ihnen wirklich. Berufspolitiker und Karrierebeamte wie Sie machen es mir unglauglich leicht auszuwandern. Einen Klimamanager ... Vor 2 Tagen gingen drei Container raus mit dem Hab & Gut einer fünfköpfigen Familie mit Ziel Kanada hahaha. Dazu habe ich ein Haus und Geschäftsbeteiligung in 6-stelliger Höhe verkauft. Ich kann es kaum erwarten hier wegzukommen und solchen Menschen wie Ihnen und weiteren Berufsnörglern zu entkommen. Ich bin es leid Außenministern mit Geldkoffern beobachten zu müssen damit irgendwelchen obskuren Deals ausgehandelt werden können. Ich bin es leid wie der wirtschaftliche Vorteil dieses Landes von netten Menschen wie Ihnen zerredet wird und gleichzeitig Milliarden ins Ausland geschafft werden um die Konkurenz zu beleben. Ich bin es leid Menschen zuzuhören die hinterher immer alles besser wissen und die vor Jahren gegen den gesunden Menschenverstand gehandelt haben nur damit so Wendehälse wie Sie immmer mit dem Segel im Wind stehen. Ich bin es leid diese sogenannten Ökos zuzuhören die selbst in wirtschaftlich sicherer Position beschäftigt sind und gleichzeitig die Zerstörung kompletter Industrien fordern und parallel Milliarden an Steuergeldern ins Ausland packen um damit billige, in Kinderarbeit hergestellte Strommodule kaufen zu können. Ich will meinen Kids (zukünftigen Steuerzahlern !) eine Zukunft bieten. Die gibt es hier nicht mehr. Nachdem Menschen wie Sie alle Banken und korrupte Staaten wieder mit Geld versorgt haben bleibt natürlich kein Geld mehr übrig und deshalb müssen neue Steuerziele gefunden werden. Hahahaha Und an den Rest: Alles muss bezahlt werden ... Viel Spaß noch.
5.
antilobby 15.12.2011
Zitat: Deutschland steht nun in der Pflicht, zu beweisen, ob die weltweit viertgrößte Wirtschaftsmacht, die so abhängig von Exporten und energieintensiven Industrien ist, mit einer solchen Energiepolitik wettbewerbsfähig bleiben kann. Das wird die große Herausforderung der kommenden Jahre sein. Wer haftet, wenn der Beweis fehlschlägt? Sind die grünen Politiker dagegen ausreichend versichert? Beträgt die Versicherungssummer mehr als 1 Euro?
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  • DPA
    Klaus Töpfer, 73, ist Deutschlands renommiertester Umweltexperte. Der Volkswirt wechselte Ende der siebziger Jahre von der Wissenschaft in die Politik. Er war Umweltminister in Rheinland-Pfalz und ab 1987 im Kabinett von Kanzler Helmut Kohl. 1998 verließ das CDU-Mitglied die politische Bühne und ging als Direktor des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen nach Nairobi.

    2006 kehrte er nach Deutschland zurück, seit zwei Jahren leitet er das Institut IASS in Potsdam, an dem zu den Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel geforscht wird. Nach der Katastrophe in Fukushima berief ihn die Bundesregierung an die Spitze einer Ethik-Kommission, die Empfehlungen zur Energiewende gab.