Klimafolgen und Unternehmen Was, wenn dieses Jahr auch wieder so heiß wird?

Straßen platzen auf, Landebahnen gehen kaputt, Schiffe können manche Flüsse nicht mehr befahren: Extreme Wetterlagen wie der Dürresommer 2018 werden in Deutschland häufiger. Auf welche Branchen kommen große Umbrüche zu?

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Ein Interview von Theresa Leisgang und


Am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung widmen sich Natur- und Sozialwissenschaftler der Frage, wie sich der Klimawandel auf Umwelt und Gesellschaft auswirkt und sprechen Empfehlungen für Politik und Wirtschaft aus.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hattermann, lassen sich bereits Folgen des Klimawandels in Deutschland feststellen?

Hattermann: Ja, wir sind bereits mitten im Klimawandel, und er betrifft schon jetzt eine ganze Reihe von Wirtschaftszweigen. Hierzulande ist es im Durchschnitt 1,5 Grad wärmer als noch vor hundert Jahren. Besonders stark zeigt sich dieser Anstieg seit den Achtzigerjahren. Wenn es wärmer wird, kommt es zu mehr Wetterextremen, also Stürmen, Sturzfluten und schweren Schneefällen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Prognosen bezüglich des Niederschlags?

Hattermann: Was die durchschnittlichen Niederschläge angeht, lässt sich noch keine seriöse Prognose treffen, weil es im Nordwesten Europas mehr und im Südosten weniger regnet und Deutschland genau dazwischen liegt. Was sich aber sagen lässt: Die Variabilität des Wetters und auch die Dauer feuchter oder trockener Wetterlagen steigt, das heißt die trockenen Phasen werden länger, genauso wie die feuchten.

Zur Person
  • PIK / Klemens Karkow
    Fred Hattermann ist 49 Jahre und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung Leiter der Arbeitsgruppe "Hydro-klimatische Extreme". Er leitet ein großes europäisches Projekt zum Thema Naturkatastrophen, Versicherungen und öffentlicher Sektor und war an mehr als 90 begutachteten Veröffentlichungen und 20 Projekten zum Thema Klimafolgen beteiligt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat das für Unternehmen?

Hattermann: Besonders betroffen ist naturgemäß die Landwirtschaft. 2017 war es sehr feucht, in Norddeutschland so sehr, dass zum Beispiel Landwirte mit ihren Geräten oft nicht auf die Felder fahren konnten. Da sind Mähdrescher eingesunken und mussten mit schwerem Gerät wie Kränen herausgeholt werden. Das Korn hat sich gelegt und ist auf den Feldern verschimmelt.

Dann die Hitze und Trockenheit im letzten Jahr, die in ganz Norddeutschland und vor allem auch in Ostdeutschland zugeschlagen hat. Dort sind die Böden oft sehr sandig und halten wenig Feuchtigkeit, so dass die Ernte in vielen Regionen verdorrte. Das führte mancherorts dann zusätzlich zu Futtermangel, und Bauern mussten ihre Viehbestände reduzieren, was wiederum die Preise drückte. Wäre es im Vorjahr nicht so feucht gewesen, wäre es sogar noch schlimmer gekommen.

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SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für 2019?

Hattermann: Wird dieses Jahr auch wieder so heiß, bekämen wir wohl noch größere Probleme, weil die Boden- und Grundwasserspeicher noch nicht so gut mit Wasser gefüllt sind wie im letzten Jahr. Wir empfehlen Landwirten deswegen immer zu diversifizieren, also nicht nur auf eine Anbaupflanze zu setzen, sondern angepasste Sorten und unterschiedliche Anbauarten zu berücksichtigen und sich auch sonst unabhängiger von Monokulturen zu machen. Viele Landwirte haben zum Beispiel sehr von der Erzeugung erneuerbarer Energien profitiert.

Insgesamt wissen Landwirte natürlich schon immer, dass das Wetter ein Risiko ist. Aber durch die Klimaveränderung und die starken Wechsel von feuchten zu trockenen Jahren fällt die Anpassung schwer und ist natürlich mit finanziellen Risiken behaftet.

SPIEGEL ONLINE: Helfen da nicht auch Versicherungen?

Hattermann: Absolut. Die Versicherung gegen Hagelschaden ist eine der ältesten Versicherungen überhaupt. Und große Versicherer waren auch mit die ersten Unternehmen, die sich bei uns Rat holten. Sie merkten, dass was passiert, da sich die Schadensfälle häuften. Aber es fehlen verlässliche Statistiken, weil sich mit dem Klimawandel auch die Häufigkeit und Intensität von Extremwetterereignissen ändert und die historischen Daten nicht mehr zu den heutigen Klimaverhältnissen passen.

Also stand die Frage im Raum: Was kommt da noch auf uns zu? Wir haben dann in aufwendigen Analysen und Rechnungen die historischen Ereignisse mit denen verglichen, wie sie jetzt vorkommen, und da sieht man dann einen klaren Trend für große Teile Mitteleuropas und auch Deutschlands, zum Beispiel, was die Hochwasser angeht. Das ist wichtig für die Versicherer, weil es deren Geschäftsmodell betrifft. Besonders betroffen sind die Rückversicherer, bei denen sich wiederum die Erstversicherer versichern.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Entschädigungen staatlich getragen werden, so wie die Dürrehilfen?

Hattermann: Ich denke, dass der Staat wirklich nur in Ausnahmefällen einschreiten sollte, da sonst der Anreiz zur Anpassung ausbleibt. Eine bessere Lösung wäre, nachhaltige Maßnahmen zu fördern. Teil davon können und sollten Versicherungsangebote sein, die dann zum Tragen kommen, wenn es trotz Anpassung zu Schäden kommt.

SPIEGEL ONLINE: Welche anderen Unternehmen sind betroffen?

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Hattermann: Zum einen sind das die Energieerzeuger. Bei steigenden Temperaturen verbrauchen zum Beispiel Kohle- und Atomkraftwerke mehr Kühlwasser. In den letzten Sommern mussten daher immer wieder Kraftwerke runtergefahren werden, da aus ökologischen Gründen die Flüsse nicht zu sehr aufgeheizt werden dürfen und die Wasserführung zudem sehr gering war.

Auch Wirtschaftszweige, an die man zunächst im Zusammenhang mit den Folgen des Klimawandels nicht denkt, wie Telekommunikationsunternehmen und die Deutsche Bahn, arbeiten mit uns zusammen, um zu erfahren, wie sich das Klima verändert, weil durch Stürme Bäume auf Leitungen fallen, sich Bahnschienen verbiegen, Elektronik ausfällt und so weiter.

Außerdem sind der Verkehr und die Logistikbranche betroffen. Vergangenen Sommer platzten in Baden-Württemberg die Straßen auf, in Hannover gingen die Landebahnen eines Flughafens kaputt. Und das hat Folgen für weitere Industriezweige. Weil der Pegel im Rhein so niedrig war, konnten Frachtschiffe nur sehr eingeschränkt Güter transportieren und die BASF in Ludwigshafen musste ihre Produktion drosseln.

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Und unsere Simulationen zeigen, dass Rhein und Donau, unsere wichtigsten Wasserstraßen, im Sommer sehr wahrscheinlich häufiger starke Niedrigwasser haben werden. Auf der Elbe war der Transportverkehr im Sommer 2018 ganz eingestellt, obwohl aus Stauseen in Tschechien immer noch Wasser zur Stützung des Niedrigwassers entlassen wurde.

All diese Probleme führen dann dazu, dass Just-in-Time-Logistik schwieriger wird. Wahrscheinlich wird es wieder mehr Lagerhaltung brauchen, um Verzögerungen zu überbrücken. Und das ist mit Kosten verbunden.

SPIEGEL ONLINE: Die meisten deutschen Arbeitnehmer leben in Städten. Was kommt auf sie zu?

Hattermann: Wir arbeiten da zum Beispiel an einem Projekt mit der Berliner Charité, um die Folgen der steigenden Temperaturen für Städte und deren Bewohner zu untersuchen. Hitze und schlechte Luft belasten die Gesundheit. Wir vergleichen also die Daten von heißen Tagen mit denen der Einweisungen in der Charité und sehen, dass es Zusammenhänge gibt. Das betrifft natürlich besonders schon vorbelastete und geschwächte Menschen. Nach einer Operation dauert außerdem oft die Genesung länger, Arbeitnehmer sind länger arbeitsunfähig. Außerdem sinkt die Produktivität von Arbeitnehmern mit steigender Temperatur, auch weil man bei Hitze schlechter schläft. All das produziert letztlich Kosten.



insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 28.02.2019
1. ...
Ja, all das produziert Kosten. Na und? Ich finde es erschreckend, wie eindimensional Wissenschaftler denken, wenn sie alles nur unter diesem Gesichtspunkt aufsummieren. Es hat schon immer Geld gekostet, Infrastruktur zu unterhalten, in jedem Klima, und das wird es auch weiterhin zu. Anderswo spart man wieder Kosten, z.B. bei der Heizung. Das, was heute die durch Hitze beschaedigten Strassen sind, waren frueher die durch Frost beschaedigten Strassen. Diese Seite so voellig auszublenden, zeigt nur, dass die ganze Diskussion unredlich gefuehrt wird. Man sieht nur, was man sehen will, der Journalist fragt nur, was er hoeren will, der Klimawissenschaftler sagt nur, was er sagen will. Es ist absolut vorhersehbar und langweilig und ideologisch verbraemt.
isi-dor 28.02.2019
2.
Es spricht viel dafür, dass wir das nächste Rekordjahr erwarten. Wir unternehmen ja auch nichts für den Klimaschutz.
c.PAF 28.02.2019
3.
Naja, ich hab mal meinen Nachbarn letzten Sommer drauf angesprochen. Der ist Landwirt und nahm das halbwegs entspannt. Klar habe er Einbußen beim Weizen, aber er habe schon vor 5 Jahren angefangen, auch Soja anzubauen, und das gleiche den Verlust beim Weizen locker aus. Man muß halt agieren, und nicht den Kopf in die Erde stecken...
Neapolitaner 28.02.2019
4. Also es wird zwar trockener, aber es könnte auch feuchter werden
und es wird mit dem weiter um sich greifenden Klimawandel immer schwieriger, weil die jeweils zu trockenen oder zu feuchten Perioden immer länger dauern. Versicherungen können helfen. (Das war jetzt eine kurze Zusammenfassung). Ich erinnere mich an sehr trockene Sommer in den 70er Jahren, in denen die örtliche Trinkwasserversorgung zusammenbrach. Ebenfalls mehrere sehr warme Winter in den 70ern. In den 80ern gab es dann einige sehr schneereiche und kalte Winter. => Das Wetter ändert sich eig. immer.
Rechtsrum 28.02.2019
5. Kann dieses Jahr eigentlich nicht nochmal passieren
Das ist doch völlige Panikmacherei. Wie soll das denn dieses Jahr wieder passieren. Wir haben Plastiktüten und den Coffee-to-go Becher verboten. Wenn es also zu warm wird, sollte die DUH klagen, mit dem richtigen Gesetz wird sich das dann schon regeln lassen.
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