Berlin - Es ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein volkswirtschaftliches Problem: Immer mehr Menschen kommen wegen psychischer Störungen ins Krankenhaus. Die Zahl der Betroffenen hat in den vergangenen 20 Jahren um 129 Prozent zugenommen. Laut einem Report der Barmer GEK waren 1990 rund 3,7 von 1000 Versicherten betroffen, 2010 waren es bereits 8,5.
Besonders stark gestiegen ist laut Report die Zahl der Klinikpatienten mit Depressionen und anderen stimmungsbeeinflussenden Störungen. Hier betrug der Zuwachs seit dem Jahr 2000 rund 117 Prozent. Für ihren Bericht hat die größte gesetzliche Versicherung die Daten von mehreren Millionen Patienten für 2010 ausgewertet.
Allerdings stieg die Aufenthaltsdauer in Kliniken insgesamt nicht entsprechend an. Das liegt daran, dass die durchschnittliche Behandlungsdauer stark gesunken ist: Im Jahr 1990 hielt sich ein psychisch Erkrankter noch durchschnittlich 45 Tage in einer Klinik auf, bevor er wieder entlassen wurde. Im Jahr 2010 verließ ein Patient das Krankenhaus im Schnitt bereits nach 31 Tagen wieder.
Subjektiv geheilt, objektiv immer noch krank
Die kürzere Behandlungsdauer scheint kaum für die hohe Wiedererkrankungsrate verantwortlich zu sein - diese blieb seit dem Jahr 2000 quasi unverändert hoch, obwohl die Patienten im Schnitt weit kürzer behandelt wurden.
Patienten erleben den Effekt eines Klinikaufenthalts offenbar positiver, als er tatsächlich ist. Eine ergänzende Studie der Barmer GEK ergab, dass sich 69 Prozent der Patienten, die wegen psychischer Probleme in Kliniken behandelt wurden, etwa ein Jahr nach der Entlassung subjektiv besser oder gar sehr viel besser fühlten. Dennoch wiesen 59 Prozent Anzeichen einer mittleren bis schweren Depression auf. Für die Studie befragte die Krankenkasse 1731 Patienten, davon 1256 mit Depressionen.
Die Kasse stellt in Frage, ob das Krankenhaus der richtige Ort für psychisch Erkrankte ist. Zwar sei es beachtlich, in welchem Umfang sich Kliniken um diese Patienten kümmerten, "dennoch muss man fragen, ob jeder Fall ins Krankenhaus gehört", sagte der Vizechef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker. Vieles spreche für eine stärkere wohnortnahe Versorgung durch ein Behandlungsteam im ambulanten oder teilstationären Bereich.
fdi
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