Klinikaufenthalte: Zahl der Depressionskranken steigt dramatisch

Die Zahlen sind alarmierend: 2010 landeten über doppelt so viele Menschen wegen Depressionen im Krankenhaus wie zehn Jahre zuvor. Das zeigt ein neuer Report der größten Krankenkasse Barmer GEK. Oft kann den Leidenden nicht wirklich geholfen werden - die Rückfallquote ist enorm hoch.

Volkskrankheit Depression (Symbolbild): Klinikaufenthalte in zehn Jahren verdoppelt Zur Großansicht
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Volkskrankheit Depression (Symbolbild): Klinikaufenthalte in zehn Jahren verdoppelt

Berlin - Es ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein volkswirtschaftliches Problem: Immer mehr Menschen kommen wegen psychischer Störungen ins Krankenhaus. Die Zahl der Betroffenen hat in den vergangenen 20 Jahren um 129 Prozent zugenommen. Laut einem Report der Barmer GEK waren 1990 rund 3,7 von 1000 Versicherten betroffen, 2010 waren es bereits 8,5.

Besonders stark gestiegen ist laut Report die Zahl der Klinikpatienten mit Depressionen und anderen stimmungsbeeinflussenden Störungen. Hier betrug der Zuwachs seit dem Jahr 2000 rund 117 Prozent. Für ihren Bericht hat die größte gesetzliche Versicherung die Daten von mehreren Millionen Patienten für 2010 ausgewertet.

Allerdings stieg die Aufenthaltsdauer in Kliniken insgesamt nicht entsprechend an. Das liegt daran, dass die durchschnittliche Behandlungsdauer stark gesunken ist: Im Jahr 1990 hielt sich ein psychisch Erkrankter noch durchschnittlich 45 Tage in einer Klinik auf, bevor er wieder entlassen wurde. Im Jahr 2010 verließ ein Patient das Krankenhaus im Schnitt bereits nach 31 Tagen wieder.

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Psychische Erkrankungen: Ergebnisse des Barmer GEK-Krankenhaus-Reports
Erschreckend hoch ist der Anteil der Patienten, die wieder erkranken: Mehr als zwei Drittel werden innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Entlassung erneut in eine Klinik eingewiesen. Bei 30 Prozent der Patienten wird die gleiche Diagnose gestellt, 39 Prozent werden wegen einer anderen psychischen Erkrankung aufgenommen. Ein Drittel der Wiedererkrankten wird bereits in den ersten 30 Tagen nach ihrer Entlassung wieder eingewiesen, knapp die Hälfte in den ersten drei Monaten.

Subjektiv geheilt, objektiv immer noch krank

Die kürzere Behandlungsdauer scheint kaum für die hohe Wiedererkrankungsrate verantwortlich zu sein - diese blieb seit dem Jahr 2000 quasi unverändert hoch, obwohl die Patienten im Schnitt weit kürzer behandelt wurden.

Patienten erleben den Effekt eines Klinikaufenthalts offenbar positiver, als er tatsächlich ist. Eine ergänzende Studie der Barmer GEK ergab, dass sich 69 Prozent der Patienten, die wegen psychischer Probleme in Kliniken behandelt wurden, etwa ein Jahr nach der Entlassung subjektiv besser oder gar sehr viel besser fühlten. Dennoch wiesen 59 Prozent Anzeichen einer mittleren bis schweren Depression auf. Für die Studie befragte die Krankenkasse 1731 Patienten, davon 1256 mit Depressionen.

Die Kasse stellt in Frage, ob das Krankenhaus der richtige Ort für psychisch Erkrankte ist. Zwar sei es beachtlich, in welchem Umfang sich Kliniken um diese Patienten kümmerten, "dennoch muss man fragen, ob jeder Fall ins Krankenhaus gehört", sagte der Vizechef der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker. Vieles spreche für eine stärkere wohnortnahe Versorgung durch ein Behandlungsteam im ambulanten oder teilstationären Bereich.

fdi

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insgesamt 364 Beiträge
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1. Es grüßt:: Ihre INSM
TotalRecall 26.07.2011
Ist politisch alles so gewollt.
2. Nicht verwunderlich.
sedanon 26.07.2011
Seit der glorreichen Zeit des Steigbügelhalters des Raubtierkapitalismus und Vulgärdarwinisten Bundeskanzler Schröder und dessen Agenda2010 leben die Bundesbürger in ständiger Existenzangst, das Damoklesschwert des sozialen Abstiegs stets über sich schweben wissend und von Arbeitslosigkeit bedroht. Wie daraus etwas Gesundes erwachsen soll, erschließt sich vermutlich nur den Profiteuren der gesellschaftlichen Verelendung.
3. Sie haben Recht
Michael Giertz 26.07.2011
Zitat von TotalRecallIst politisch alles so gewollt.
Den Eindruck habe ich aber auch. Depressionen sorgen für einen stark (selbstbeschränkenden) Handlungsspielraum, man ist antriebs- und lustlos. Man hat sich völlig der (als unmenschlich belastenden) Situation ergeben und ist nicht willens (oder fähig), etwas daran zu ändern. Depressive Menschen handeln nicht. Da geht keiner auf die Straße, es wird keiner einen Anwalt einschalten um vor dem Arbeitsgericht gegen den "Ausbeuter"-Chef vorzugehen, ein depressiver Mensch wird wohl kaum nach einer Gehaltserhöhung fragen. Depressive Menschen "funktionieren" nur noch im "Sparmodus", und solange dieser Modus noch Umsätze und Gewinne in einem Unternehmen generiert, wird da keiner was dran drehen wollen. Kurzum: Sie haben recht. Übrigens, auch wenn es nicht so recht passt: von der Depression zum "Austicken" ist es nicht so weit, wie es manchmal erscheint. Der Massenmörder von Norwegen könnte ja eine größtenteils depressive Existenz gewesen sein, die sich eine Scheinwelt aufgebaut hat, um die Realität erträglicher zu machen. Wäre mal ein Ansatz, den zu untersuchen es sich lohnt. Ich will aber nicht sagen, dass Depressive tickende Zeitbomben sind, eine derartige Generalisierung liegt mir fern.
4. Je öfter untersucht,um so kränker
zeitzeuge10 26.07.2011
Gäbe es nicht soviele Psychiater und Soziologen,dann gäb es auch weniger Verstimmte,Beleidigte oder wie man heute sagt;Depressive. Diese Berufsstände brauchen ja ihre Klientel, die es bisher nur vermindert gab.Also schafft man sich seine Kunden.Geht auf Kosten der Beitragszahler oder gar der Rentenversicherung! Nach dem Krieg war die Situation für die Menschen schwieriger als heute.Es gab aber weniger Depressive.Man hatte existentiellere Probleme. Sehen sie in den Hungerlagern Afrikas Depressive?Nein nur Hungernde und sichtbar Kranke. Depressionen kann man auch herbeireden. Fragen sie mal, wer sich alles gestresst fühlt.Alle!
5. Höher-schneller-weiter........
juergw. 26.07.2011
Zitat von sysopDie Zahlen sind alarmierend: 2010 landeten*über doppelt so viele Menschen wegen Depressionen im Krankenhaus als*zehn Jahre zuvor. Das zeigt ein neuer Report der größten Krankenkasse Barmer GEK.*Oft kann den Leidenden*nicht wirklich geholfen werden - die Rückfallquote ist enorm hoch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,776666,00.html
wer es nicht schafft im immer schneller drehenden Hamsterrad mitzuhalten wird im grossen Bogen hinaus geschleudert. Nicht belastbar etc,nicht mehr brauchbar im grossem Wertschöpfungsprozess.Aussortiert-krank.Systembedingt. Hoffen auf die bunte Pille die einem dann weiterhilft!?
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