S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Geheimer Rat ist teuer

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

NSA-Hauptquartier: Reine Geldverschwendung Zur Großansicht
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NSA-Hauptquartier: Reine Geldverschwendung

Mehr als 50 Milliarden Dollar geben die USA pro Jahr für ihre Geheimdienste aus. Eine gewaltige Verschwendung von Steuergeld - denn die wirklich relevanten Informationen sind meist frei verfügbar.

Manchmal hilft es, dem Titel dieser Kolumnenserie zu folgen und sich auf die Spur des Geldes zu machen - so auch in der Abhöraffäre. Die Amerikaner werden in diesem Jahr etwas mehr als 50 Milliarden Dollar für Geheimdienstaktivitäten ausgeben. Darüber hinaus kommen noch 20 Milliarden Dollar für speziell militärische Geheimdienste und noch eine Reihe versteckter Posten in zivilen Programmen.

Wenn man so viel Geld für die Spionage ausgibt, dann braucht man sich über die Wanzen am Ende einer Telefonleitung nicht zu wundern. Dass man auch die europäischen Institutionen anzapfte, hat mich überrascht. Ich bin aber eher darüber empört, dass man in Brüssel so inkompetent ist, dass man das nicht gemerkt hat. Der Tatbestand des Ausspionierens von Bündnispartnern an sich ist ja nicht neu.

Der Leidtragende dieser Aktion ist am Ende der amerikanische Steuerzahler, denn das Gros dieser Aktivitäten ist reine Zeit- und Geldverschwendung. Mir tut insbesondere der amerikanische Abhörbeamte leid, dessen Job es ist, beim Gipfeltreffen der Europäischen Union die einstündige Rede des belgischen Premierministers Elio di Rupo zu dechiffrieren - was vermutlich auch noch keinem der anwesenden Europäer gelungen ist.

Kann man sich durch Spionage bei den Verhandlungen über Handelsabkommen tatsächliche Vorteile schaffen? Die europäischen Institutionen sind derart löchrige Gebilde, dass die meisten Informationen ohnehin nach draußen sickern. In der "New York Times" liest man sie in der Regel nicht, aber in einigen europäischen Zeitungen. Informationen gibt es genug, sie zu filtern ist die eigentliche Kunst.

Nach meinen Erfahrungen mit US-Politikern liegt deren Wissensstand in Sachen europäischer Wirtschaftspolitik höher als der Wissensstand der Europäer bezüglich der entsprechenden Vorgänge in den USA. Das liegt aber vor allem an den angelsächsischen Medien. Es gibt weitaus mehr angelsächsische Informationsquellen über Europa als etwa deutsche oder französische Quellen über Amerika.

Versinken in ungefilterten Informationen

Der US-Ökonom Paul Krugman hat festgestellt: Analysten, die sich im vergangenen Jahrzehnt nur auf veröffentlichtes Material stützten, haben bessere Einschätzungen abgegeben, als diejenigen, die über geheime Daten verfügten. Das war in der Politik genauso wahr wie in der Wirtschaft. Viele derer, die den Krieg gegen den Irak unterstützten, waren durch Briefings von Geheimdiensten geblendet. Zentralbanken und Politiker verfügten während der sukzessiven Finanzkrisen der vergangenen Jahre über ein gewaltiges Volumen an internen Daten und Informationen, haben aber die Dinge oft schlechter analysiert als scharf denkende externe Kommentatoren. Wer in ungefilterten Informationen versinkt, der sieht oft den Wald voller Bäume nicht.

In den USA gibt es zu viele Behörden, die viel zu viel Datenmüll anschleppen. Neben der altbekannten CIA gibt es die National Security Agency, die sich kryptologischen Aufgaben widmet, sowie eine ganze Reihe weiterer Agenturen. Das Energieministerium hat seine eigene Spionagebehörde, ja sogar das Finanzministerium mit seinem Office of Terrorism and Financial Intelligence. Hinzu kommen diverse Militärgeheimdienste. Das unter Präsident George W. Bush geschaffene Department of Homeland Security unterhält ebenfalls zwei Geheimbehörden. Es wäre angesichts dieses Aufwands schon erstaunlich, wenn Telefonate europäischer Regierungen unabgehört und E-Mails ungelesen blieben.

Systematische und effiziente Spionage?

Aber was nützt es den Amerikanern? Erkaufen sich die USA wirklich Sicherheit, in dem ihre NSA alle E-Mails nach auffälligen Mustern durchforstet? Bewirkt die Financial Intelligence echte Vorteile für amerikanische Firmen oder für die amerikanische Finanzpolitik? Die USA haben seit vielen Jahren mehr oder minder große Leistungsbilanzdefizite - das schließt nicht gerade darauf, dass man US-Firmen auf Kosten der ausländischen Konkurrenz einen Informationsvorteil verschafft. Auch die von den USA verfolgte Koordination auf der Ebene der G-20-Staaten kommt nur schleppend voran. Wenn diese Form der Spionage systematisch und effizient wäre, würde man das anhand von Wirtschaftsdaten oder wirtschaftspolitischen Initiativen doch sehen können. Aber man sieht es nicht.

Was hier passiert, sind die psychologischen Spätfolgen des 11. September 2001. Das unkontrollierte Auswuchern der Geheimdienste gehört zu den vielen Fehlreaktionen auf dieses Ereignis. Dass man befreundete Regierungen bespitzelt, mag nicht zum guten Ton internationaler Diplomatie gehören und sorgt für vorübergehende atmosphärische Störungen. Was bleibt, ist eine massive Fehlallokation knapper Ressourcen.

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insgesamt 79 Beiträge
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    Seite 1    
1. Apropos
montaxx 03.07.2013
Zitat von sysopREUTERSMehr als 50 Milliarden Dollar geben die USA pro Jahr für ihre Geheimdienste aus. Eine gewaltige Verschwendung von Steuergeld - denn die wirklich relevanten Informationen sind meist frei verfügbar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/kolumne-von-wolfgang-muenchau-oekonomie-des-lauschens-a-909226.html
Apropos Steuerverschwendung:Wo bleibt die Rechtsaußen-"Tea Party"?Die schreit doch sonst so lautstark gegen Steuerverschwendung.
2. optional
zonie73 03.07.2013
Tja, scheint als wäre die "fiskalische Klippe" nicht hoch genug gewesen...
3. Schön und richtig!
kantundco 03.07.2013
Aber, um Politiker gezielt erpressen zu können, Herr Münchau, braucht man schon geheime Daten und Informationen. Hier wird kein Kindergeburtstag gefeiert, sondern hier geht es um Machtinteressen, sehr viel Geld und den Status der USA als Weltwirtschaftsmacht.
4.
thinkrice 03.07.2013
---Zitat--- Die USA haben seit vielen Jahren mehr oder minder große Leistungsbilanzdefizite - das schließt nicht gerade darauf, dass man US-Firmen auf Kosten der ausländischen Konkurrenz einen Informationsvorteil verschafft. ---Zitatende--- Das ist ein logischer Fehlschluss. Nur weil das Ergebnis mies ist, muss der Einfluss der Überwachung darauf nicht null sein. Vielleicht wäre das Ergebnis ohne Wirtschaftsspionage viel mieser!? Ein schlechter Artikel, der die realen Auswirkungen lediglich verharmlost und keinerlei nennenswerten Beitrag zur dringend notwendigen Diskussion über die Abwägung von Freiheitsrechten und der notwendigen Sicherheit leistet.
5. na klar
rst2010 03.07.2013
die technik anzuschaffen kostet ein vernögen, sie am laufen zu halten nicht viel weniger. aber ein reiches land, wie die usa können sich das leisten, und sei es auf kosten der sozialetats (egntlich nur). der gewinn aus den immensen aufwendungen für sicherheit dürfte in keiner relation dazu stehen, was das fehlen von geld an anderer stelle an schäden verursacht. totale sicherheit geht nur mit absoluter freiheit, denn dann kann man die bedürftigen mit 'jeder ist seines glückes schmied') bescheiden, selber schuld an deiner situation.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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