Kommentar zum Bahnstreik Den ersten Bus vergisst man nie

Dank der neuen Fernbuslinien haben Reisende während des Bahnstreiks eine Alternative - die sich dauerhaft etablieren könnte, wenn die Bahn sich nicht anstrengt. So paradox das klingt: Auch den Lokführern hilft die Billigkonkurrenz von der Straße.

Fernbus am Titisee: Wettbewerb durch Bahnstreik ist Bedrohung und Segen zugleich.
Verena Brandt / MeinFernbus

Fernbus am Titisee: Wettbewerb durch Bahnstreik ist Bedrohung und Segen zugleich.


Wenn wir uns dereinst fragen, was eigentlich von vier Jahren schwarzgelber Koalition geblieben ist, dann bleibt vielleicht nur diese eine Reform: die Novelle des Personenbeförderungsgesetzes (PBefG), in Kraft getreten zum 1. Januar 2013. Seit diesem Tag dürfen Fernbusse der Bahn Konkurrenz machen. Und vielleicht legt ja am heutigen Donnerstag manch gestrandeter Bahnkunde, der dank eines Fernbusses doch noch an sein Ziel kommt, eine kleine Gedenkminute für die FDP ein. Auf deren Drängen hat die Bundesregierung nämlich die Bestimmung aus der Nazi-Zeit aufgehoben, mit der die Bahn vor der Konkurrenz auf der Straße geschützt wurde.

Hätten die Liberalen ein paar mehr Reformen dieser Güteklasse zustande gebracht, lägen sie jetzt nicht auf der politischen Intensivstation. Denn an der Entfesselung des Busmarkts zeigt sich exemplarisch die alte Erkenntnis von Ludwig Erhard: Wettbewerb ist für Unternehmen eine Bedrohung - aber für Bürger meist ein Segen.

Der zusätzliche Bus-Wettbewerb hilft zunächst natürlich den Kunden. In normalen Zeiten haben sie nun eine Reiseoption mehr. Und während des Streiks der Bahn ist der Fernbus für viele die einzige verbleibende Möglichkeit, überhaupt vom Fleck zu kommen - selbst wenn die Bustickets durch die gestiegene Nachfrage während des Streiks deutlich teurer geworden sind. Sei's drum, auch das ist Marktwirtschaft.

Bahn-Konkurrenz hilft auch Arbeitnehmern

Zu Recht stehen Busunternehmen in der Kritik, die ihre Fahrer schlecht bezahlen und lange hinter dem Steuer sitzen lassen. Doch paradoxerweise hilft die Billigkonkurrenz von der Straße nun ausgerechnet den Lokführern, ihren Gehaltsforderungen Nachdruck zu verleihen. Ein Monopolunternehmen muss einen Streik kaum fürchten - die Kunden können ja nicht weg, die langfristigen Profite sind nicht in Gefahr. Die neu erwachsene Konkurrenz durch den Bus setzt die Bahn hingegen unter zusätzlichen Druck, sich möglichst schnell mit den Lokführern zu einigen. Bevor allzu viele Bahnkunden die Vorzüge des Gratis-W-Lan an Bord der meisten Fernbusse entdecken.

Wenn dann hoffentlich bald auch die Fernbusfahrer so gut organisiert sind, dass sie ihren ersten Streik wagen, dann funktioniert der Effekt in umgekehrter Richtung: Dann werden die Busunternehmer schnell verhandlungsbereit sein, bevor die Kunden zurück zum ICE wechseln. Konkurrenz belebt eben auch das Streikgeschäft.

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Fernbusse - Fluch oder Segen

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Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Rickens ist Leiter des Wirtschaftsressorts bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Rickens@spiegel.de

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Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn
Was will die GDL?
Die GDL fordert fünf Prozent mehr Lohn bei kürzeren Arbeitszeiten. Zusammengerechnet ergibt sich eine Steigerung von 15 Prozent. Weselsky will zudem künftig nicht nur Tarife für die rund 19.000 Lokführer aushandeln, sondern auch für die Zugbegleiter und Rangierführer unter den GDL-Mitgliedern. Bislang wurden diese von der Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten.
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insgesamt 77 Beiträge
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wire-less 06.11.2014
1. Das würde stimmen
wenn die Bahn nicht am Tropf des Steuerzahlers hängen würde. Das Geld kommt. Wenn nicht durch Tickets wird einfach der Steuerhahn weiter aufgedreht.
AxelSchudak 06.11.2014
2. Wunderbar, wenn
Das wäre ja wunderbar, wenn man denn für Forderungen streiken würde, die nachvollziehbar sind. Neben dem Recht, für Tarifgruppen zu verhandeln, in denen man nur einen geringen Anteil vertritt, will die GDL ja auch noch umgerechnet 15% - und ist dafür bereit, Deutschland auf die Strasse zu jagen, was jeder Statistik nach zu vermehrten Unfällen auch mit Toten führt. Man sollte Lokführer wieder verbeamten - in einer der Ausbildung angemessenen Tarifgruppe. Man vergleiche mal die Tarife zwischen "niederem Dienst" und den aktuellen Gehältern. Alternativ muss man das Grundrecht auf Streik so einschränken, dass Dritte nicht in unangemessener Form benachteiligt werden dürfen. Die Lokführer der GDL reizen dieses Recht derzeit so ad absurdum aus, dass man es so nicht stehen lassen kann.
jdabo 06.11.2014
3. Lohndumping? Trinkgeld!
Wenn man dem Busfahrer auch nur einen Bruchteil des Betrages - den er ggü. einem Bahnticket spart - abgibt, geht es beiden besser... zumindest ist das mein Fahrplan und damit erübrigt sich der letzte Punkt der Abstimmung.
hubidubi 06.11.2014
4.
Es ist ein besonders intelligentes Vorgehen in "Notzeiten" die Preise zu erhöhen. Das bindet den Kunden langfristig an das eigene Unternehmen und lässt frohlocken: Ja, wenn ich mit dem Bus fahre, fühle ich mich auch gleich im kapitalistischen Wettbewerb angekommen :-)
Herbertdernixärberd 06.11.2014
5. Lohnerhöhung, dann Kündigung
Möglich, dass Bahnkunden nach dem Streik weiterhin Fernbus fahren und daher weniger Lokführer gebraucht werden.
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