Tsipras und Merkel Streitet Euch endlich!

Die deutsch-griechischen Beziehungen sind mies, das weiß jeder. Doch beim Antrittsbesuch von Premier Tsipras vermeidet Angela Merkel eine echte Diskussion. Dabei muss der Streit endlich offen ausgetragen werden - nur so kann er beigelegt werden.

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Regierungschefs Tsipras und Merkel: "Die Sprache der Wahrheit sprechen"
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Regierungschefs Tsipras und Merkel: "Die Sprache der Wahrheit sprechen"


Eines konnte man Alexis Tsipras beim ersten gemeinsamen Auftritt mit Angela Merkel nicht vorwerfen: Dass er zu wenig Gesprächsstoff mitgebracht hätte. Der griechische Premier erklärte noch einmal, dass die Sparprogramme für sein Land kein Erfolg gewesen seien, er sprach die Siemens-Affäre an und den NS-Zwangskredit. Genügend Themen, zu denen man auch die Meinung der Gastgeberin hören wollte.

Doch von Merkel kam wenig. Auf Tsipras' Äußerungen und die meisten Nachfragen der Reporter reagierte sie so schmallippig, dass sich ihre Meinung oft nur erahnen ließ. Die Merkelsche Zurückhaltung ist altbekannt. In der Eurokrise aber wird sie immer mehr zum Problem.

Wenn Merkel die "engen und freundschaftlichen Beziehungen" zwischen Deutschland und Griechenland betont, dann befriedigt das bestenfalls Protokollbeamte. Die beiden Länder liegen im Streit, das weiß jeder, der die Nachrichten verfolgt. Dass Tsipras erst mit zweimonatiger Verspätung zum Antrittsbesuch nach Berlin kam, ist nur ein weiterer Beleg für das angespannte Verhältnis.

Die Sprache der Wahrheit und das große Schweigen

"Wir müssen die Sprache der Wahrheit sprechen. Wir müssen auch offen über unsere unterschiedlichen Auffassungen reden", sagte Tsipras. Damit hat er Recht: Dieser Streit muss ausgetragen werden, bevor er beigelegt werden kann.

An Diskussionspunkten hätte es am Montagabend nicht gemangelt. "Es gibt auch interne Ursachen für die enorme Krise in Griechenland", erklärte Tsipras beispielsweise. Da hätte Merkel entgegnen können, dass es aus ihrer Sicht vor allem interne Ursachen sind. Oder fragen, wann Tsipras wohl mit der Umsetzung seines jüngsten Reformkonzepts beginnen will. Schon wäre man mitten in einer echten Debatte gewesen.

Weil sie aber so wenig sagt, bietet Merkel den Griechen umso mehr Raum für Interpretationen und neue Missverständnisse. Sie versteckt sich dabei hinter der Aussage, Deutschland sei nur eines von vielen Euroländern. Sie entscheide nicht über weitere Finanzhilfen. Doch Merkel ist mächtiger als andere Regierungschefs, auch das weiß jeder Beobachter.

Mit Tsipras zu streiten, bedeutet auch, ihn ernst zu nehmen. Die Auseinandersetzung mit Deutschland hat der Premier seit seinem ersten Tag im Amt gesucht. Damals hob er die Forderung wieder auf die Agenda, Deutschland solle Reparationen für Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg zahlen.

Zwar wiederholte Merkel am Montag, dass die Bundesregierung die Entschädigungsfrage juristisch für erledigt halte. Sie betonte aber das Bewusstsein dafür, "welche Grausamkeiten wir angerichtet haben", und dass "dieses Unrecht und dieses Leid vielen in Deutschland gar nicht mehr so gewärtig ist, wie es vielleicht der Fall sein sollte". Tsipras machte sich bei diesen Sätzen eifrig Notizen - als sei er froh, dass Merkel endlich einmal Klartext spricht.

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insgesamt 127 Beiträge
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Ganzgeber 24.03.2015
1. Teilweise richtig
Sicherlich hat Merkel in den letzten Monaten viel zu wenig von sich hören lassen. Was die von Tsipras vorgetragenen Streitpunkte angeht, bin ich mir aber nicht so sicher. Auf Tsipras' "Argumente" einzugehen, würde bedeuten, sich auf die griechische Interpretation, dass es sich hier primär um eine Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Griechenland handelt, einzulassen. Eine Interpretation, die von Griechenland genutzt wird, um Sympathien im Kampf gegen die bösen "Nazis" einzufangen und zu überspielen, dass auch Länder, die ärmer sind als Griechenland, für den Lebensstandard der Griechen aufkommen sollen. Hier ist Merkels Hinweis, dass nicht sie entscheidet, also richtig und wichtig.
skorpianne 24.03.2015
2. Schwierig
Ist zwar schwierig, aber in dem Fall sollte sich D wirklich zurückhalten. Die anderen EZ-Länder sind ja sowieso schon düpiert gewesen über die Treffen mit einzelnen Regierungschefs. Entweder man trott gemeinsam auf oder eben nicht. Und "nicht" wird ja ständig als Hegemon-Verhalten abgestraft. Das ist nun das Ergebnis.
pico66 24.03.2015
3. Einen Streit gibt es nur für Tsipras
Einen Streit gibt es nur für Tsipras. Die Taktik, aus das Inhaltliche auf das Persönliche abzulenken ist zu offensichtlich, als dass eine gut beratene Merkel darauf eingehen würde. Da Tsipras anfängliche Versuche Deutschland als Milchkuh von der Herde zu trennen (Besuche in London und Paris) als gescheitert betrachtet werden kann, geht es ihm nun darum, einen Streit loszubrechen. Dazu diese hilflosen Nazi-Vergleiche und Beleidigungen. Die Bundesregierung tut gut daran, das einfach zu ignorieren.
Inselbewohner, 24.03.2015
4. Was soll das denn?
Wie soll das aussehen, beide sitzen sich gegenüber und streiten sich? Jeder stellt seinen Standpunkt dar und verteidigt ihn? In aller Öffentlichkeit? Ich denke Herr Tsipras würde da wohl mit spielen aber unsere Bundesmutti? Lachhaft denn sie müßte eindeutig Stellung beziehen und diese auch offen aussprechen. Es gibt für sie einfachere Arten politischen Selbstmord zu begehen. Wahrscheinlich wird in den Gesprächen unter vier Augen auch tacheles geredet werden aber doch nicht für uns Urnenpöbel. Nichtssagende Statements müssen für uns reichen sonst könnte man ja auf die Idee kommen die Argumente gegenseitig abzuwägen und selbst entscheiden welchen man eher zugeneigt ist. Ich find diese Idee fast schon amüsant, man stelle sich vor in der Mitte als Moderator der Jauch mit Fragen die nicht abgesprochen sind! Frau Merkel würde gnadenlos untergehen und jeder würde mitbekommen welche Sprechblasen diese Frau produziert. Gruß HP
freespeech1 24.03.2015
5. Geld zerstört jede Freundschaft
Der Streit kann nur beigelegt werden, wenn es endlich strikt getrennte Kassen gibt. Dabei muss die Bundesregierung den Bürgern endlich offen eingestehen, dass sie einige zig Milliarden im Euroabenteuer Griechenland versenkt hat. Griechenland gegenüber muss offen ausgesprochen werden, dass keine weiteren Milliarden folgen werden (hoffentlich) und das Land seine Probleme selbst lösen muss, ohne Bevormundung aus Berlin. Das ist alles. Dann hört auch dieses endlose Palaver und nervige Blablabla auf. Viel Glück, Griechenland, schafft euch eine neue Zukunft, aber ohne uns.
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