Konflikt im Einzelhandel Abschied von der Kaltmamsell

Kaltmamsell? Kaffeebeleser? Was sind das denn für Berufe - und was haben sie mit dem heutigen Einzelhandel zu tun? Nichts, sagen die Arbeitgeber und kündigten auch aus diesem Grund den Tarifvertrag. Jetzt ist die Gewerkschaft Ver.di in der Zwickmühle.

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Hamburg - Im Jahr 2013 ist der Fahrstuhlführer in Kaufhäusern ausgestorben. Im Tarifvertrag des Einzelhandels aber lebt er weiter. Genau wie die Kaltmamsell, die Pelznäherin oder auch der Kaffeebeleser. Schon mal davon gehört? Bestimmt nicht, meint der Handelsverband HDE. Kaum jemand wisse heute noch, was sich hinter diesen Begriffen verberge, moniert der Verband und kündigte Anfang des Jahres den Manteltarif, der die Strukturen in der Branche mit fast drei Millionen Beschäftigten regelt. Nun ist ein heftiger Krach mit der Gewerkschaft entstanden, der zu eskalieren droht. Sehr bald könnte es auch noch zu Streiks kommen, denn in der aktuellen Entgeltrunde für den Einzelhandel endet die Friedenspflicht in vielen Bundesländern in der Nacht zum 1. Mai.

Die Arbeitgeber stören sich in Wahrheit an viel mehr als an den verstaubten Berufen und Begriffen. Sie fordern eine Reform der Vereinbarungen, die im Kern Jahrzehnte alt sind. Sie stammen aus einer Zeit, in der im Berliner KaDeWe noch uniformierte Fahrstuhlführer die Kundschaft höflich nach der gewünschten Abteilung fragten oder Kaltmamselln Russische Eier verkauften. Und in der noch niemand ahnte, dass es mal einen florierenden Internethandel geben würde - und damit neue Berufe. Die Arbeitgeber fordern daher seit langem, dass die alten Berufe aus dem Vertragswerk gestrichen und neue aufgenommen werden.

Allerdings: Mit der Reform der Berufe hängt unmittelbar auch die Bezahlung zusammen, die neu geregelt werden müsste. Und genau das ist der Knackpunkt. Die Gewerkschaft Ver.di warnt davor, dass die Arbeitgeber vor allem deshalb grundlegend an die Verträge wollten, um das Lohnniveau und die Standards im Einzelhandel zu drücken. So könnten Zuschläge für Nachtarbeit, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld in Frage gestellt werden, prophezeit Ver.di - und fordert eine sofortige Wiedereinführung des Manteltarifs.

Es herrscht Stillstand

Sicher ist: So wie es derzeit läuft, kann es nicht weitergehen. "Es war richtig, dass die Arbeitgeber die Tarifverträge aufgekündigt haben", sagt Jörg Funder vom Institut für Internationales Handelsmanagement an der Fachhochschule Worms. "Anders bewegt sich nichts." Damit trifft der Experte einen wichtigen Punkt: Denn zwar bestreitet auch Ver.di nicht, dass die Verträge modernisiert werden müssten. Doch ausgerechnet die Gewerkschaft trat im vergangenen Jahr aus einer entsprechenden Arbeitsgruppe aus. Seitdem herrscht Stillstand.

So kündigten die Arbeitgeber aus Protest erst die Tarifverträge, im März folgte das nächste Warnsignal: Die saarländische Warenhausgruppe Globus - bislang Musterschüler in Sachen Tarifpolitik - stieg komplett aus dem Flächentarif aus und begründete dies vornehmlich damit, dass die notwendige Reform auf sich warten lasse. So nähme der Einzelhandel beispielsweise noch immer eine Trennung zwischen Angestellten und Arbeitern vor, obwohl diese sowohl vom Gesetzgeber als auch von den meisten anderen Tarifparteien inzwischen aufgehoben wurde. Mit dem Ausstieg schaffe das Unternehmen nun "die rechtlichen Voraussetzungen, um künftig Globus-spezifische Entgeltstrukturen entwickeln zu können".

Fachverkäufer verdienen teils weniger als Kassierer

Nicht nur Globus, auch viele andere Unternehmen des Einzelhandels stören sich nach Angaben des Handelsverbands daran, dass in den alten Vereinbarungen einige Berufe zu hoch, andere wieder zu niedrig eingestuft seien. Heribert Jöris, Geschäftsführer des Handelsverbands, nennt Kassierer als Beispiel, die die Waren lediglich einscannen müssten, also einen Job machten, den man "an einem Tag erlernen könnte". Fachverkäufer hinter der Theke müssten tatsächlich etwas über Käse oder Fisch wissen. Trotzdem verdienten sie zum Teil weniger als Kassierer. "Es kann doch nicht sein, dass jemand ohne Ausbildung für eine einfache Tätigkeit nach wenigen Jahren mehr verdient als jemand, der nach einer Ausbildung eine qualifizierte Tätigkeit ausübt", sagt Jöris.

Aus Sicht von Experten steckt der Einzelhandel in einem großen Dilemma: Um Fachkräfte oder überhaupt Nachwuchs anzuziehen, müssten die Löhne für manche Berufe dringend erhöht werden. Zugleich dürften die Kosten insgesamt nicht steigen. "Es wird Berufe geben, die in Neuverträgen billiger werden müssen", sagt Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Ver.di dürfte also recht haben mit der Befürchtung, dass einige Gruppen im Einzelhandel in einem neuen Manteltarifvertrag eher weniger Geld erhalten dürften als vorher.

HDE-Lobbyist Jöris weicht bei dem Thema aus. "Es muss alles neu sortiert werden", sagt er lediglich. Und warnt zugleich: "Die Tarifbindung im Einzelhandel brennt an zwei Enden ab - alte Firmen steigen aus, neue wollen nicht mehr rein."

Ver.di verhandelt in der Tarifrunde nur über Geld

Nun hängt alles von Ver.di ab. Doch die Gewerkschaft steckt in der Zwickmühle: Sie hat zwar ein großes Interesse daran, dass die Tarifbindung erhalten bleibt, weniger Unternehmen aussteigen und die sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen bleiben, die immer häufiger durch Minijobs oder Werkverträge ersetzt werden. Ver.di müsste dafür Kompromisse eingehen. Zugleich aber fürchtet die Gewerkschaft Lohndumping durch die Hintertür und will eine Reform nach Arbeitgeberwünschen verhindern. Dumm nur: Die Gewerkschaft ist zunehmend geschwächt, weil Werkverträge, die Zahl befristeter und geringfügiger Jobs im Einzelhandel, bereits stark zugenommen haben. Entsprechend wenig Drohpotential für einen möglichen Streik hat Ver.di.

Bislang zeigt die Gewerkschaft auch kein Interesse an neuen Gesprächen über den Manteltarifvertrag. Sie fordert die Wiedereinführung - und zwar ohne Abstriche. Bei der laufenden Tarifrunde weigert sich die Gewerkschaft sogar, über Strukturen zu sprechen. Man verhandle nur über Gehälter, heißt es in der Berliner Hauptstelle. Alles andere ist vertagt.



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Seite 1
lackehe 30.04.2013
1. Wenn man schon dabei ist, bitte helfen
Es werden händeringend Stellen für Bauervogte, Instner und Hufner gesucht. Ich denke diese Berufe sind genau so wenig überflüssig wie die SPD.
Newspeak 30.04.2013
2. ...
"Es kann doch nicht sein, dass jemand ohne Ausbildung für eine einfache Tätigkeit nach wenigen Jahren mehr verdient als jemand, der nach einer Ausbildung eine qualifizierte Tätigkeit ausübt", sagt Jöris. Ist doch überall so. Hochqualifizierte Akademiker, promoviert, nach jahrelanger Ausbildung werden doch auch mit Peanuts abgespeist, während sich jeder Depp "Berater" nennen darf, um mit fehlendem Fachwissen und viel Blendwerk Millionen abzugreifen. Wieder übertragen auf den Einzelhandel dürfte es doch auch so sein, daß diejenigen, die wirklich die Leistung erbringen und für Unternehmen den Gewinn erwirtschaften, das Fußvolk, mies bezahlt werden, während sich die Chefs einen Sportwagen nach dem nächsten in die Villengarage stellen. Doch nicht deshalb, weil ihre Ausbildung schwieriger wäre oder sie mehr Verantwortung übernähmen. Tun sie ja in der Praxis, wenn es hart auf hart kommt, nicht. Sondern einfach, weil dieses verkommene System nicht anders funktioniert.
weltbetrachter 30.04.2013
3. die ewig
Mir scheint als stehen die Gewerkschaftler an der Haltestelle und haben gar nicht bemerkt, das der Bus bereits abgefahren ist. Und der nächste fährt erst am kommenden Tag.
voltaire001 30.04.2013
4. Wieso "verkommenes System"?
Zitat von Newspeak"Es kann doch nicht sein, dass jemand ohne Ausbildung für eine einfache Tätigkeit nach wenigen Jahren mehr verdient als jemand, der nach einer Ausbildung eine qualifizierte Tätigkeit ausübt", sagt Jöris. Ist doch überall so. Hochqualifizierte Akademiker, promoviert, nach jahrelanger Ausbildung werden doch auch mit Peanuts abgespeist, während sich jeder Depp "Berater" nennen darf, um mit fehlendem Fachwissen und viel Blendwerk Millionen abzugreifen. Wieder übertragen auf den Einzelhandel dürfte es doch auch so sein, daß diejenigen, die wirklich die Leistung erbringen und für Unternehmen den Gewinn erwirtschaften, das Fußvolk, mies bezahlt werden, während sich die Chefs einen Sportwagen nach dem nächsten in die Villengarage stellen. Doch nicht deshalb, weil ihre Ausbildung schwieriger wäre oder sie mehr Verantwortung übernähmen. Tun sie ja in der Praxis, wenn es hart auf hart kommt, nicht. Sondern einfach, weil dieses verkommene System nicht anders funktioniert.
Das sozialistische System hatte seit 1917 etwas weniger Erfolg wie das "verkommene System" des Kapitalismus. Es klappt eben nicht, das Wohlleben des Kapitalismus zu haben und nur sozialistische Leistung erbringen zu wollen. Ohne erfolgreiche Chefetage ist auch der fleissige Arbeiter arbeitslos und wieso sollte sich ein erfolgreicher Chef mit einer geringen Bezahlung zufrieden geben, wenn er in einem anderen Land mehr erhalten könnte?
voltaire001 30.04.2013
5. Unbewegliche Gewerkschaft
Zitat von sysoppicture-alliance/ maxpppKaltmamsell? Kaffeebeleser? Was sind das denn für Berufe - und was haben sie mit dem heutigen Einzelhandel zu tun? Nichts, sagen die Arbeitgeber und kündigten auch aus diesem Grund den Tarifvertrag. Jetzt ist die Gewerkschaft Ver.di in der Zwickmühle. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/konflikt-im-einzelhandel-reform-des-tarifvertrags-sorgt-fuer-zuendstoff-a-897098.html
Es zeigt sich wieder, dass die Gewerkschaften der Wirtschaft sehr im Wege stehen. In Großbritannien mußten auf E-Loks Heizer mitfahren, weil die Gewerkschaften es so wollten.
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