Konjunktur Die Wirtschaft schrumpft - und schuld ist auch die Autoindustrie

Die deutsche Wirtschaft hat ein schwaches Quartal hinter sich - und die Regierung macht die Autoindustrie verantwortlich. Zwar sind die Konzerne mitverantwortlich, sie sind aber nicht das einzige Problem.

VW-Werk in Dresden
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VW-Werk in Dresden

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Der ewig unfertige Hauptstadtflughafen in Berlin zog im September wieder einmal die Aufmerksamkeit auf sich - zumindest für ein paar Tage. Diesmal boten allerdings nicht die überforderten Bauherren aus der Berliner und Brandenburger Politik den Anlass für Spott und Hohn, sondern Volkswagen. Der Autoriese hatte nämlich einen Teil der riesigen Flächen vis à vis vom maroden Terminal-Gebäude angemietet, um dort Autos abzustellen.

Die Zwischenlagerung war nötig geworden, weil die Fahrzeuge noch keine Betriebserlaubnis hatten. Denn seit 1. September müssen sie - oder zumindest ein Prototyp, der den Durchschnitt der jeweiligen Modellfamilie repräsentiert - nämlich den sogenannten WLTP-Abgastest bestehen. (Wie der Test funktioniert, können Sie in dieser Fotostrecke nachlesen.) Die Wolfsburger erwischte der Stichtag ziemlich unvorbereitet.

Natürlich wäre es ungerecht, die Ursachen für das WLTP-Desaster allein im VW-Konzern zu suchen. Oder bei den anderen Autoherstellern, die auch mit Problemen bei der Zulassung ihrer Fahrzeuge zu kämpfen hatten. Doch die Branche hat nach dem Dieselskandal und Kartellabsprachen ihren Ruf verspielt. Wenn etwas schiefläuft, dann schauen manche inzwischen nach Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt oder München.

"Deutschland hat ein Automobilproblem"

Das gilt sogar, wenn es darum geht, Erklärungen für das verkorkste dritte Quartal der Wirtschaft in Deutschland zu finden. In diesem Zeitraum nämlich ist das Bruttoinlandsprodukt geschrumpft. "Ursache war die WLTP-Problematik in der Kfz-Industrie", erklärte das Bundeswirtschaftsministerium. "Deutschland hat kein Konjunkturproblem, Deutschland hat ein Automobilproblem", urteilte ein Ökonom der DekaBank.

Den Autoriesen ganz die Schuld zu geben, greift allerdings zu kurz. Denn an den Verzögerungen hatte auch der komplexe Systemwechsel seinen Anteil: Allein der Bestseller Golf wird in der Brot-und-Butter-Version mit neun verschiedenen Motorvarianten geliefert, die sich zum größten Teil mit mehreren Getrieben kombinieren lassen - und jedes davon musste in dem aufwändigen Testverfahren neu zertifiziert werden.

Käufe werden nachgeholt

Außerdem spricht viel dafür, dass ein Großteil der Interessenten ihren Kauf schon in den nächsten Monaten nachholen werden. "Die Kunden von VW haben schon in der Vergangenheit eine außerordentliche Geduld bewiesen, das haben die Verkaufszahlen in den Monaten nach dem Dieselskandal gezeigt", erklärt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Die aktuelle Abschwächung der Konjunktur sei deshalb nur vorübergehend.

Pieper ist allerdings überzeugt, dass die Branche in den kommenden Jahren noch einige Schwierigkeiten zu überwinden haben wird. "Immerhin stehen wir vor einem epochalen Systemwechsel", erklärt der Experte. Diesel und auch Benziner müssten sich wegen der Stickoxid-Problematik zunehmend auf Fahrverbote gefasst machen. Und der Elektroantrieb, der den Verbrenner eines Tages ersetzen solle, benötige noch Entwicklungszeit vor allem, was die Kapazität der Batterien und die Ladeinfrastruktur betreffe. "Wenn der Umstieg ohne Probleme ablaufen würde, wäre das eine Nachricht."

Die Zukunftsperspektive ist es aber auch, die Anlass zur Hoffnung gibt. "Das Auto wird noch auf lange Zeit das Fortbewegungsmittel Nummer eins bleiben - und zwar weltweit", sagt Pieper, auch wenn Studien die Abkehr jüngerer Menschen vom Auto belegten. In Regionen außerhalb der gut erschlossenen Metropolen führe längerfristig kein Weg am Auto vorbei. Im kommenden Jahr, wenn eine ganze Reihe Elektroautos mit größerer Reichweite auf den Markt käme, werde die Nachfrage in diesem Segment deutlich ansteigen.

Protektionismus und abflauende Dynamik in China

Offen ist allerdings, ob die anderen Unsicherheitsfaktoren für die Konjunktur bis dahin überwunden sind: etwa die Auswirkungen des weltweit zunehmenden Protektionismus und die abflauende Dynamik der Wirtschaft in China. Sie setzten der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Monaten bereits zu. "Auch die US-Wirtschaft dürfte über kurz oder lang ein oder zwei Gänge zurückschalten, wenn die Wirkung von Donald Trumps großer Steuerreform nachlässt", sagt Unicredit-Analyst Andreas Rees. Hinzu kommen die Unwägbarkeiten des Brexits sowie der Streit der EU mit Italien über dessen Haushaltspolitik, die zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen könnte.

Anlass zu echter Sorge besteht nach Überzeugung der Experten bislang aber nicht. Den großen Wirtschaftsforschungsinstituten zufolge wird es weiterhin beim Aufschwung bleiben, nur das Tempo lässt nach.

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PARLIAMENT 14.11.2018
1. Autoindustrie wird niedergemacht
Hier wird eine weltweit führende Industrie niedergemacht, welche die saubersten Dieselmaschinen herstellt die es je gegeben hat. Wir sollten hier nicht immer auf die Autobauer einschlagen, sondern uns die wirklichen Massenverursacher vornehmen. Die größten Verschmutzter sind in jedem Fall die Kreuzfahrtindustrie und die Berufsschifffahrt. Man lese mal beim NABU nach, wieviel Dreck die Kreuzschifffahrt weltweit in die Luft bläst: „Kreuzfahrtschiffe, die ganz besonders stark mit ihrem sauberen Image werben, stoßen enorme Mengen an schädlichen Schwefel-, Stickoxid- und Rußemissionen aus. Rußpartikelfilter wie bei Diesel-Pkw oder Lkw sucht man bei Kreuzfahrtschiffen und Containerschiffen vergebens. Ein einziger Ozeanriese stößt auf einer Kreuzfahrt so viele Schadstoffe aus wie 5 Mio. PKW auf der gleichen Strecke.“ Luft macht nicht an See oder Landesgrenzen halt. Was hier im Europa- und Deutschland- Strassenverkehr passiert ist reine Luftkosmetik, die nichts für die Umwelt bringt aber die Kraft unserer Wirtschaft enorm schädigt. Die Dieseltechnologie für PKW/LKW ist auf einem hervorragenden Niveau und absolut Umwelt verträglich. Dagegen ist die sogenannte E-Mobility reinster Sauberkeits-Fake. Man nehme sich die wahren Verursacher vor und die Welt ist in Ordnung.
localpatriot 14.11.2018
2. Mehrere Probleme
Man muss an die schweizer Uhrenindustrie zurückdenken und dann erkennt man Ähnlichkeiten. Das Diesel/Benzinmoodell ist am Auslaufen und E-autos sind einfacher zu bauen, es wird also mehr Konkurrenz geben. Die Diesel mögen wohl die besten der Welt sein, aber es wäre eine tapfere Person welche in irgend einer luftverpesteten Stadt der Welt seiner Familie verkündet: Wir haben einen neuen Diesel gekauft.
muunoy 14.11.2018
3. Politik vernichtet unseren Wohlstsnd
Zunächst: VW hat leider auch mein Lieblingsparkhaus am FMO in Beschlag genommen. Unternehmen jetzt aber die Schuld yn Überregulierung, irren Grenzwerten und überbordener Bürokratie zu geben, ist der Hammer. Das erinnert daran, dass die Politik erst vorsätzlich alles unternommen hat, um die Wohnkosten zu erhöhen, um die Schuld für hohe Mieten dann Vermietern in die Schuhe zu schieben. Schuldig sind aber eigentlich die Wähler, die immer noch CDU, SPD oder gar die Grünen wählen.
Thomas Schröter 14.11.2018
4. Brexit-Abstmmung und deutsche Schlafmützigkeit
Zitat von PARLIAMENTHier wird eine weltweit führende Industrie niedergemacht, welche die saubersten Dieselmaschinen herstellt die es je gegeben hat. Wir sollten hier nicht immer auf die Autobauer einschlagen, sondern uns die wirklichen Massenverursacher vornehmen. Die größten Verschmutzter sind in jedem Fall die Kreuzfahrtindustrie und die Berufsschifffahrt. Man lese mal beim NABU nach, wieviel Dreck die Kreuzschifffahrt weltweit in die Luft bläst: „Kreuzfahrtschiffe, die ganz besonders stark mit ihrem sauberen Image werben, stoßen enorme Mengen an schädlichen Schwefel-, Stickoxid- und Rußemissionen aus. Rußpartikelfilter wie bei Diesel-Pkw oder Lkw sucht man bei Kreuzfahrtschiffen und Containerschiffen vergebens. Ein einziger Ozeanriese stößt auf einer Kreuzfahrt so viele Schadstoffe aus wie 5 Mio. PKW auf der gleichen Strecke.“ Luft macht nicht an See oder Landesgrenzen halt. Was hier im Europa- und Deutschland- Strassenverkehr passiert ist reine Luftkosmetik, die nichts für die Umwelt bringt aber die Kraft unserer Wirtschaft enorm schädigt. Die Dieseltechnologie für PKW/LKW ist auf einem hervorragenden Niveau und absolut Umwelt verträglich. Dagegen ist die sogenannte E-Mobility reinster Sauberkeits-Fake. Man nehme sich die wahren Verursacher vor und die Welt ist in Ordnung.
Mal sehen wie die Prognosen aussehen wenn die Debatten im britischen Unterhaus zu keinem Konsens kommen.... Ansonsten sind deutsche Automobilunternehmen und da vor allem VW bei den Spaltmaßen führend. In allen anderen Bereichen hat man, mit Berliner Rückendeckung, bei den Forschungsausgaben und vor allem bei der Umsetzung etwaiger Forschungsergebnisse gespart. Unter Merkel konnte man sich ja immer auf Ausnahmen von der Regel verlassen. Hohe Innovationsgeschwindigkeiten wie in der Informationstechnik und bei consumerelektronics waren noch nie Stärke deutscher Unternehmen. Deshalb haben Deutsche Unternehmen in diesen Bereichen auch völlig abgeloost. In Deutschland verbraucht der unproduktive Kampf um die monopolistisch vergebenen, überwiegend staatlichen Zertifikate und die damit verbundenen Ausscheidungswettbewerbe den größten Teil des schöpferischen Potentiales der arbeitenden Bevölkerung. Für Produktive Neuerungen reicht es dann nicht mehr. Was dann beim Patentamt ankommt ist oft Hype oder endet, mangels Umsetzungskraft, entweder im Aktenschrank oder bei US-Verwertern oder neuerdings auch bei anderen ausländischen Unternehmen z.B. in China oder Frankreich. Die Nachholbedarf in der Bauwirtschaft wird die Konjunktur zumindest solange retten bis Draghi tatsächlich den Ausstieg aus dem Quantity Easing vornimmt.
Markus Dicks 14.11.2018
5. ...jede Industrie hat das ..
Recht auch mal ne Pause einzulegen. Der "deutschen Autoindustrie" würde ich übrigens empfehlen sich noch viel mehr aus D zu verabschieden. Schließlich nimmt ja die Politik in Anspruch die wirtschaftlichen Erfolge zu verantworten, dann muss AM jetzt auch mal die Verantwortung übernehmen wenn es abwärts geht. Sie kann uns dann gleichzeitig erläutern wo Sie denn in die Industrie in D in den letzten 13 Jahren investiert hat! (Bin gespannt !). Wie dem auch sei, viele deutsche Firmen sind gut beraten sich deutlich mehr zu internationalisieren, denn die Bundersregierung unterstützt die Industrie ja nicht, sie "macht sie nieder". (Diesel!!!). Ich wünsche auch den so extrem beliebten "Grünen" mal ein schöne Wirtschaftskrise, dann können Sie zeigen wie man ein leistungsloses Grundeinkommen finanziert! Viel Erfolg!
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