Schlechte Konkjunkturzahlen: Europas Wirtschaft ächzt unter der Krise

Die Schuldenkrise in Europa zieht die Wirtschaft des Kontinents immer tiefer nach unten. In Italien und Spanien ist die Industrieproduktion eingebrochen, Frankreich droht der Absturz in die Rezession. Selbst auf die deutschen Exporte ist kein Verlass mehr.

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Containerschiff im Hamburger Hafen: Die Exporte laufen schlechter

Rom/Paris/Wiesbaden - Der europäischen Wirtschaft stehen schwere Zeiten bevor. Die Horrornachrichten aus den Krisenländern reißen derzeit nicht ab. Am Freitag meldete die italienische Statistikbehörde Istat, dass die Industrieproduktion des Landes im April um 1,9 Prozent gefallen sei - das ist ein deutlich stärkerer Rückgang als von Ökonomen erwartet. Im Vormonat war die Produktion noch um 0,6 Prozent gestiegen.

Bereits am Mittwoch war bekanntgeworden, dass die Industrieproduktion in Spanien im April den achten Monat in Folge gefallen war. Ganz Europa schaut derzeit nach Madrid, weil die Regierung möglicherweise Hilfen aus dem Rettungsfonds EFSF beantragen muss.

Mittlerweile zieht die Krise auch die wenigen Staaten nach unten, die bisher noch nicht in die Rezession gerutscht sind. In Frankreich etwa droht die Wirtschaft im zweiten Quartal zu schrumpfen. Die nationale Notenbank korrigierte am Freitag ihre Wachstumsprognose nach unten. Sie erwartet nun ein leichtes Minus von 0,1 Prozent. Es wäre das erste Negativwachstum sein Anfang 2009. Im ersten Quartal 2012 war die französische Wirtschaft stagniert. Bei zwei Minusquartalen in Folge sprechen Ökonomen von einer Rezession.

Frankreichs neuer Präsident François Hollande setzt auf ein baldiges Anziehen der Konjunktur. Er braucht mindestens 0,5 Prozent Wachstum im Gesamtjahr 2012, um seine ehrgeizigen Wahlversprechen finanzieren zu können und zugleich das Haushaltsdefizit von zuletzt 5,2 Prozent zurückzufahren. Frankreich hatte wegen seines hohen Defizits im Januar die Topnote "AAA" der Ratingagentur Standard & Poor's verloren.

Deutschland exportiert weniger

Selbst Deutschland, dessen Wirtschaft bisher noch als letzter Wachstumsmotor der Euro-Zone galt, schwächelt mittlerweile. Im April gingen zum ersten Mal im laufenden Jahr die Exportzahlen zurück. Auch Produktion und Industrieaufträge waren zu Beginn des zweiten Quartals gesunken. "Die Dynamik lässt wegen der Schuldenkrise in der Euro-Zone nach", sagte der Außenhandelschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. Nach dem starken Jahresauftakt trauen Experten der Wirtschaft im Frühjahr nur noch ein Mini-Wachstum zu.

Die Unternehmen verkauften im April 1,7 Prozent weniger ins Ausland als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Das war der erste Rückgang nach drei Anstiegen in Folge. Besonders stark gingen die Exporte in die Euro-Länder zurück. Hier betrug das Minus 3,6 Prozent. In die Länder außerhalb der EU verkauften die deutschen Firmen dagegen gut zehn Prozent mehr.

"Die Exporte dürften in den kommenden Monaten schwächeln", sagte Christian Schulz von der Berenberg Bank. "Die Euro-Krise ist im Mai nach den Wahlen in Griechenland und Frankreich eskaliert. Das macht sich erst noch bemerkbar in der Statistik."

Zudem trüben sich die Konjunkturaussichten auch in den bisher boomenden Schwellenländern ein: China dürfte in diesem Jahr so langsam wachsen wie seit 1999 nicht mehr. Indiens Bruttoinlandsprodukt legte zuletzt so schwach zu wie das letzte Mal 2003.

Die Deutsche Bundesbank bleibt trotzdem optimistisch. "Ich gehe davon aus, dass die expansiven Kräfte die Oberhand behalten", sagte Bundesbankpräsident Jens Weidmann am Freitag in Frankfurt. Allerdings dürfe die Staatsschuldenkrise nicht eskalieren.

Die Notenbank hob ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 0,6 Prozent auf 1,0 Prozent an. 2013 werde die deutsche Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent zulegen.

stk/Reuters/dpa-AFX

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Die Politiker kennen nur eine Antwort!
ronomi47 08.06.2012
Zitat von sysopDie Schuldenkrise in Europa zieht die Wirtschaft des Kontinents immer tiefer nach unten. In Italien und Spanien ist die Industrieproduktion eingebrochen, Frankreich droht der Absturz in die Rezession. Selbst auf die deutschen Exporte ist kein Verlass mehr. Konjunktur: Wirtschaft in der Euro-Zone ächzt unter der Krise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,837729,00.html)
Geld drucken... Neue, höhere Schulden werden mit noch mehr Schulden gedeckt. Der "Wohlstand" vergangener Jahre wurde in Europa mit Krediten finanziert. Notwendig wären unpopuläre Schritte. Weg von der schuldengetriebenen Wachstumswirtschaft! Aber die strukturellen Probleme sind bereits auch in Deutschland so gross, dass die Renten in mittlerer Zukunft nicht mehr bezahlbar sind! Aber das Volk wurde von diesen fundamentalen Problemen geschickt abgelenkt. Energiewende und anderer Unsinn! Oder Einmischung in die Interessen anderer Staaten ausserhalb Europas.
2. Gleichgeschaltete Einschüchterungsrethorik
kuehtaya 08.06.2012
Zitat von sysopDie Schuldenkrise in Europa zieht die Wirtschaft des Kontinents immer tiefer nach unten. In Italien und Spanien ist die Industrieproduktion eingebrochen, Frankreich droht der Absturz in die Rezession. Selbst auf die deutschen Exporte ist kein Verlass mehr. Konjunktur: Wirtschaft in der Euro-Zone ächzt unter der Krise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,837729,00.html)
Die gleichgeschaltete Einschüchterungsrethorik läuft auf allen Kanälen und soll den Widerstand gegen den ESM brechen. Dazu leisten auch USA und GB Schützenhilfe (nur scheinbar Kritik) um den € zu drücken und damit den Anschein zu erwecken, die Schuldenverallgemeinerung sei alternativlos. Es geht darum die Nettozahler der EU hinters Licht zu führen.
3. Sinn einer Rezession
sanhe 08.06.2012
Wann wird man endlich in Politik, Medien und Gesellschaft verstehen, dass ein Abschwung inkl. Rezession seinen Sinn im volkswirtschaftlichen Gefüge hat. Er trägt u.a. zur Bereinigung von fehlgeleiteten Strukturen und Exzessen bei. Deshalb meine Forderung: Lasst endlich die Rezession zu und versucht sie nicht durch Milliarden an schuldenfinanzierten Konjunkturpaketen oder Gelddruckerei ohne Ende immer wieder zu verhindern.
4. optional
nic 08.06.2012
Unsere Reichen und Superreichen müssten doch langsam selbst begreifen, dass ihre Vermögen notwendig sind um den totalen Absturz zu verhindern. Im Fall eines Absturzes würden ja ihre Unternehmen und Vermögen sonst mit gerissen.
5. Die Einzigen, die ächzen, sind die ausgepressten Steuerzahler in Europa.
levitian 08.06.2012
Zitat von sysopDie Schuldenkrise in Europa zieht die Wirtschaft des Kontinents immer tiefer nach unten. In Italien und Spanien ist die Industrieproduktion eingebrochen, Frankreich droht der Absturz in die Rezession. Selbst auf die deutschen Exporte ist kein Verlass mehr. Konjunktur: Wirtschaft in der Euro-Zone ächzt unter der Krise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,837729,00.html)
Wer, außer vielleicht der Autor, wundert sich wirklich, wenn ein auf Export ausgerichtetes Land rückläufige Zahlen ausweist, weil seine Handelspartner mehr oder weniger zahlungsunfähig sind? Selbst Merkel weiß, dass Exporte nur möglich sind, wenn sie diese Länder mit Milliarden unterstützt. Nur hat sie bislang die Zusammenhänge nicht durhschaut. Aber viele andere eben auch nicht.
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So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.

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