Konjunktur in Deutschland Wirtschaftsweise fürchten Überhitzung

Überdreht die deutsche Wirtschaft nach jahrelangem Wachstum? Der Sachverständigenrat warnt in seinem Jahresgutachten vor dieser Gefahr. Außerdem fordern die Wirtschaftsweisen ein Ende des "Verteilungsdiskurses".

Baustelle in München
DPA

Baustelle in München


Angesichts des seit fünf Jahren anhaltenden Aufschwungs in Deutschland sehen die sogenannten Wirtschaftsweisen "deutliche Anzeichen für eine Überauslastung". Das berichtet das "Handelsblatt" vorab aus dem Jahresgutachten der fünf Experten für die Bundesregierung, das Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch überreicht wird. Eine volle Auslastung der Produktionskapazitäten gilt als riskant, weil damit die Wahrscheinlichkeit von Fehlinvestitionen steigt, die einen Abschwung verschärfen könnten.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung - so der offizielle Titel der Wirtschaftsweisen - hatte in diesem Zusammenhang bereits früher kritisiert, dass die Europäische Zentralbank angesichts des Aufschwungs in Deutschland und Europa die Geldschleusen zu weit offen halte.

In ihrem 463 Seiten starken Papier mit dem Titel "Für eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik" fordern die Ökonomen dem Blatt zufolge zudem eine Abkehr vom "Verteilungsdiskurs", der in den vergangenen Jahren im Mittelpunkt der Regierungspolitik der Großen Koalition gestanden habe. Die gute konjunkturelle Lage bietet aus Sicht der Weisen die Chance für eine "Neujustierung".

Der Sachverständigenrat plädiert zugleich für Steuer- und Abgabenentlastungen. So sollten den Bürgern mit einer Reform der Einkommensteuer Mehreinnahmen aus der kalten Progression zurückgegeben werden. Dies müsse mit einer "allmählichen Abschaffung des Solidaritätszuschlags" abgestimmt werden. Außerdem sollte der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung von heute drei auf 2,5 Prozent gesenkt werden.

An den Forderungen gab es vorab bereits Kritik. Denn von der geforderten Abschaffung des Soli würden vor allem Besserverdienende profitieren, die unteren Einkommensgruppen dagegen gar nicht. Das bedeute eine "massive Umverteilung - von unten nach oben", schrieb der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, auf Twitter. Er bezweifelte auch die Gefahr einer Überhitzung, da Preisdruck und Löhne weiterhin "moderat" seien.

Die Wirtschaftsweisen rechnen den Angaben zufolge für dieses Jahr mit einem Wachstum von 2,0 Prozent. 2018 dürfte es dann bei 2,2 Prozent liegen. Damit liegen die Experten auf einer Linie mit den führenden Forschungsinstituten, die ihre Prognosen nach einem unerwartet guten ersten Halbjahr bereits auf jeweils rund zwei Prozent für dieses und nächstes Jahr angehoben hatten.

dab/Reuters

insgesamt 91 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wjr69 07.11.2017
1. Überhitzung
Manchmal fragt man sich schon, ob die Weisen auf einem anderen Planeten leben. Bei 2 % will man jetzt eine Überhitzung annehmen und ein Ende des Verteilungsdiskures sehen. Als ob wir eine galoppierende Inflation und rasend steigende Löhne sähen. Aber hier liegt wohl der Hase im Pfeffer: Man will Lohnsteigerungen verhindern und redet deshalb einem Abwürgen der Konjunktur das Wort.
Friedrich der Streitbare 07.11.2017
2. Dümmer geht es nimmer
"Denn von der geforderten Abschaffung des Soli würden vor allem Besserverdienende profitieren, die unteren Einkommensgruppen dagegen gar nicht. " Hier soll endlich ein überfälliger Zopf abgeschnitten werden und wie immer melden sich die Gerechtigkeitsfanatiker. Wahrscheinlich würden die sogar protestieren, wenn alle Steuern abgeschafft werden sollten, denn auch dann würden die Reichen ja mehr sparen als die Armen.
Paddel2 07.11.2017
3. Seltsame Sichtweise
Natürlich profitieren Besserverdienende von Steuererleichterungen, denn sie tragen schließlich die Steuerlast. Es ist legitim und notwendig, die sogenannten Leistungsträger wie Lehrer, Ärzte und Ingenieure zu entlasten. Länder mit einem höheren Wohlstand als Deutschland sehen allesamt eine weniger starke Belastung für diese Personen vor. Statt Neiddebatten zu führen, sollten Leistungsträger umworben werden.
Paul-Merlin 07.11.2017
4. Diesen "Sachverständigenrat"
könnte man problemlos abschaffen. Dann würde man sich wenigstens über den stets gleichen Unsinn der hier propagiert wird nicht mehr ärgern müssen. Der "Sachverständigenrat" vertritt in der Realität nur die Interessen der Oligarchen in Deutschland. Schon wenn das Gremium eine Abkehr vom "Verteilungsdiskurs fordert, weis jeder was Sache ist. Schöne Verteilungsgerechtigkeit in diesem Lande wo 40 % der Arbeitnehmer im Niedrig- bzw. Geringlohnsektor schuften dürfen und die Arbeitnehmer insgesamt von den doch recht ordentlichen Zuwachsraten des BIP fast nichts abgekommen haben.
sonkaioshin 07.11.2017
5. Immer das gleiche...
Das die kalte Progression angegangen wird, behaupten die Parteien regelmäßig...und doch kommt nie dabei was zusammen. Bei Jamaika sehe ich das noch unwahrscheinlicher da die Grünen Flüchtlingspolitik stärker finanzieren möchten und die Liberalen sicher wieder irgendeiner Reichenlobby Geld zuschanzen möchte. Was mich aber wirklich wieder ärgert, ist die Aussage das der Soli den Unteren Einkommensgruppen überhaupt nicht auffällt. Das stimmt insoweit, wenn die unteren Einkommensgruppen definiert werden durch ich arbeite nur Teilzeit. Alleinstehende Vollzeitkräfte sind selbst auf Mindestlohn schon drüber. Und wenn man 2€ die Stunde mehr verdient, bzw Überstunden oder die ein oder andere Prämie kriegt, ist man schon deutlich im vollen Satz. Und das mit 1700-1800 Brutto. Ja, Paare in denen nicht beide Vollzeit arbeiten und Kinderfreibeträge ''retten'' das Modell das es hier untere Einkommensgruppen weniger betrifft. Aber an Vermögens, Erbschafts, Grunderwerbs oder Kapitalertragssteuern wagen sich die Parteien noch weniger ran... Was mich nervt ist die Aussage, der Soli soll bleiben weil er progressiv ist, und die Parteien nicht in der Lage sind auf anderem Wege progressive Steuern zu erheben...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.