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Konjunkturaufschwung: Krisenangst trotz Auftragsboom

Deutschland absurd: Die Konjunktur hat nach Einschätzung der Bundesregierung im zweiten Quartal weit stärker zugelegt als prognostiziert. Und trotzdem haben immer mehr Menschen Angst vor einer Rückkehr der Krise.

Turbinenhersteller: Regierung rechnet mit kräftigem Wachstum Zur Großansicht
dpa

Turbinenhersteller: Regierung rechnet mit kräftigem Wachstum

Hamburg - Mit einem solchen Aufschwung hatte bis vor kurzem wohl kaum jemand gerechnet: Die Wachstumsrate stieg von April bis Juni diesen Jahres auf über 1,5 Prozent, zu diesem Schluss kam nach SPIEGEL-Informationen zumindest die Bundesregierung. Bisher hatte man in Berlin für diesen Zeitraum mit einer Zunahme von lediglich 0,9 Prozent gerechnet. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe hat nach der internen Prognose gegenüber dem Vorquartal sogar um fünf Prozent zugelegt. Hält der Trend an, so geht aus der Regierungsschätzung hervor, wird die Wachstumsrate in diesem Jahr deutlich über zwei Prozent liegen. Bislang waren 1,4 Prozent prognostiziert.

Das Absurde an der Situation: Die Sorge der Bürger angesichts der wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland wächst. Zeigte sich 2009 nur gut die Hälfte der Deutschen über die Krise beunruhigt, so sind es in diesem Jahr schon drei Viertel, wie die Allensbach-Chefin Renate Köcher in einem am Samstag vorab veröffentlichen Beitrag für die "Wirtschaftswoche" schrieb. Nur 22 Prozent der Bundesbürger rechnen laut Köcher fürs nächste halbe Jahr mit einer positiven Entwicklung, 38 Prozent dagegen mit einem konjunkturellen Rückschlag.

"Sah es noch im Frühjahr so aus, als ob sich der Optimismus allmählich durchsetzt, hat sich die Stimmung seit Mai wieder merklich verdüstert", schrieb die Chefin des Meinungsforschungsinstituts. "Die Menschen trauen dem Aufschwung nicht. Die rasche Abfolge von Finanzmarktkrise, Rezession und der Krise der Währungsunion habe das Zutrauen unterminiert, dass sich über eine längere Zeit eine stabile, überraschungsarme Aufschwungphase entwickeln könnte."

"Es werden bereits wieder Sonderschichten gefahren"

Dabei versucht die Bundesregierung nach Kräften Zuversicht zu verbreiten: Die positive Entwicklung werde sich im kommenden Jahr fortsetzen, versichert etwa Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) der Zeitung "BZ am Sonntag". Der Konjunkturmotor sei - über den Export hinaus - angesprungen: "Investitionen nehmen wieder zu, es werden bereits wieder Sonderschichten gefahren."

Die Entwicklung wird laut Brüderle auch positive Folgen für den Arbeitsmarkt haben: "Ich erwarte, dass wir im Laufe des Jahres unter drei Millionen Arbeitslose kommen. Das ist ein Riesenerfolg, wenn man bedenkt, dass wir mal von fünf Millionen her kamen."

Ausfuhren um 30 Prozent gestiegen

Auch die deutsche Exportindustrie ist begeistert über die jüngsten Entwicklungen. Schon jetzt sei klar, dass die Ausfuhren im ersten Halbjahr selbst die optimistischen Erwartungen übertroffen hätten, sagte der Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), Anton Börner, der Zeitung "Rheinpfalz am Sonntag". "Der Außenhandel sprintet mit aller Kraft aus der Krise", sagt er.

Wachstumstreiber seien die Schwellenländer, allen voran China, sagte der Verbandschef. Die Exporte in die außereuropäischen Staaten in den ersten fünf Monaten hätten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um fast 40 Prozent zugenommen. Insgesamt seien von Januar bis Mai die Ausfuhren um 30 Prozent im Vorjahresvergleich gestiegen.

Dennoch stehe der "Stresstest" für die Konjunktur noch aus. Dazu zählte der Verbandspräsident sowohl das Zurückfahren der extrem expansiven Geldpolitik in vielen Ländern als auch der vielfältigen Konjunkturstützen. Viele Probleme wie die Schuldenkrise seien bislang noch ungelöst.

ase/dpa/ddpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
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1. Der Crash kommt ....
Ilu, 17.07.2010
... in den nächsten 2-3 Jahren. Zusätzlich warte ich noch darauf, dass die EU-Garantien von 750 Milliarden von den Schulden-Staaten abgerufen werden (und das werden sie). Da sich auch das frisch gedruckte Geld aus der jüngsten Bankenrettung und der Niedrigzinspolitik mangels politischem Willen nicht mehr zurückholen lässt, warte ich schon auf den Moment, an dem die ersten Inflationswellen die echten Märkte erreicht. Der hochverschuldete Staat entschuldet sich schneller, grillt aber seine Bevölkerung und das Barvermögen jedes einzelnen ! Also Leute: Wer noch Geld, Aktien etc. hat, jetzt noch echte Werte kaufen !
2. !
kimba2010 17.07.2010
Und diese Menschen haben recht, denn nichts am Problem der Banken- und Schuldenkrise von 2008 wurde gelöst - im Gegenteil. Es wurde mit gigantischer Neuverschuldung ein konjunkturelles Strohfeuer erzeugt, dass den Schuldenberg noch erhöht und den Euro zur Ramschwährung gemacht hat. Die Quittung für diese Politik wird in den kommenden Wochen und Monaten immer stärker präsentiert werden.
3. Regierung
evolut 17.07.2010
Zitat von sysopDeutschland absurd: Die Wirtschaft brummt immer stärker. Die Konjunktur hat nach Einschätzung der Bundesregierung im zweiten Quartal weit stärker zugelegt als prognostiziert. Trotzdem haben immer mehr Menschen Angst vor einer Rückkehr der Krise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,707080,00.html
Zufällig zweifeln die Deutschen mehrheitlich auch an der Kompetenz ihrer Regierung. Ob da ein Zusammenhang besteht?
4. .
Carnival Creation, 17.07.2010
Die Menschen spüren eben mehr denn je, daß es so nicht weitergehen kann. An allen Ecken und Enden knirscht es gewaltig im Systemgebälk und die letzte 'Krise' hat dafür gesorgt, daß eine ganze Zahl an Menschen aufgewacht sind. Auch wenn noch keiner einen Ausweg gefunden hat. Diese Krise ist es auch, die die aktuelle Angst weiter befeuert, denn die Krisenverursacher wurden weder bestraft noch zur Rechenschaft gezogen und die Spielwiesen des kapitalistischen Schneeball- und Umverteilungssystems von unten nach oben, die Börsen nämlich, haben die gleichen Freiheiten wie eh und je. Alles geht weiter wie zuvor. Das und die Tatsache, daß kein Geld mehr für einen neuerlichen Bail out beim nächsten Zusammenbruch zur Verfügung steht (ganz abgesehen davon, ob der gerechtfertig war und wäre) weckt zunehmend Angst und Verunsicherung. Dazu geraten die Faktoren 'Rohstoffe', 'Natur' und 'Soziales' mehr und mehr in den Vordergrund. Auch hier spüren die Leute, daß diese Basis für das Schneeballsystem verloren geht. Final zeigen sich vielen auch die Parallelen des bestehenden Systems zu gewissen Systemen, die wir alle als absolut untragbar zu betrachten gelernt haben. Das alles das nicht unvorhergesehen kommt. Und dass letztlich unsere 'Eliten' entweder vollkommen hilflos sind oder vollkommen desinteressiert. Das kapitalistische Ideal, daß jeder an sich selbst denken soll, damit an alle gedacht ist, führt sich selbst ad absurdum. Alles in Allem: Zeit für eine Revolution. Nur, wer hat denn eine Idee für ein Danach?
5. Ist
moritzdog, 17.07.2010
Zitat von sysopDeutschland absurd: Die Wirtschaft brummt immer stärker. Die Konjunktur hat nach Einschätzung der Bundesregierung im zweiten Quartal weit stärker zugelegt als prognostiziert. Trotzdem haben immer mehr Menschen Angst vor einer Rückkehr der Krise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,707080,00.html
das so verwunderlich, nachdem uns Bürgern täglich der Weltuntergang prophezeit wurde?
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Illustration Marco Ventura für den SPIEGEL
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