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06. Januar 2012, 15:13 Uhr

Konjunkturdelle

Industrie erleidet größtes Minus seit drei Jahren

Die Aussichten für die Wirtschaft trüben sich ein: Der deutschen Industrie brechen die Aufträge weg, das Investitionsklima in der Euro-Zone verschlechtert sich, und die Arbeitslosigkeit bleibt hoch. Auch das Misstrauen im Bankenmarkt steigt weiter.

Berlin - Die Krise in Europa verschlimmert sich - und trifft die deutsche Industrie: Ihre Aufträge sind im November so kräftig eingebrochen wie seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vor knapp drei Jahren nicht mehr. Bei den Unternehmen gingen 4,8 Prozent weniger Bestellungen ein als im Vormonat, teilte das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag mit. Damit wurde das im Oktober erreichte Auftragsplus von 5,0 Prozent nahezu vollständig aufgezehrt.

Bereits im Juli, August und September waren die Bestellungen teils kräftig gesunken. "Erwartungsgemäß deutet sich damit für die Industrieproduktion eine gedämpfte Entwicklung im Winterhalbjahr an", schrieb das Ministerium. Es warnte zugleich vor übertriebenem Pessimismus. Das Auftragsniveau liege am Jahresende trotz des Rückschlags bisher nur leicht unter dem des dritten Quartals.

Für den Einbruch sorgte vor allem die schwache Nachfrage aus den Ländern außerhalb der Euro-Zone. Sie ließ um 10,3 Prozent nach, die aus den Euro-Ländern ging um 4,1 Prozent zurück. Die Aufträge aus dem Inland sanken dagegen nur um 1,1 Prozent. Zu dem schlechten Ergebnis trug bei, dass die Unternehmen vergleichsweise wenige Großaufträge erhielten.

Arbeitslosenquote in Europa bei 10,3 Prozent

Das Wirtschaftsklima in der gesamten Euro-Zone trübte sich im Dezember ein. Der entsprechende Index sank auf 93,3 Zähler von revidiert 93,8 Punkten, wie die EU-Kommission mitteilte. Die Stimmung verschlechterte sich bei Dienstleistern, im Einzelhandel und bei den Verbrauchern.

Die negative Entwicklung schlägt sich auch weitgehend in der Zahl der Arbeitslosen nieder. Im November lag sie in der Euro-Zone wie schon im Oktober bei 10,3 Prozent, teilte die EU-Statistikbehörde Eurostat in Luxemburg mit. Vor einem Jahr lag die Quote noch bei 9,6 Prozent. Insgesamt sind in den Ländern, die den Euro nutzen, mehr als 16 Millionen Menschen ohne Beschäftigung.

"Vorsichtskasse" bei der EZB auf höchstem Stand seit Euro-Einführung

Wie sehr das Misstrauen unter den Banken in der Krise gewachsen ist, zeigen die jüngsten Daten der Europäischen Zentralbank (EZB). Die sogenannte "Vorsichtskasse" der Geldinstitute bei der EZB ist am Freitag auf den höchsten Stand seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 gestiegen. Die Einlagen über Nacht lagen bei 455,3 Milliarden Euro. Am Vortag hatten sie bei 443,7 Milliarden Euro gelegen.

Die eintägigen Ausleihungen der Banken bei der EZB gingen hingegen erneut merklich zurück. Sie fielen von 4,8 Milliarden Euro auf 1,9 Milliarden Euro. Am vergangenen Freitag hatte der Wert bei 17,3 Milliarden Euro den höchsten Wert seit zwei Jahren erreicht.

Die eintägigen Einlagen und Ausleihungen der Banken bei der EZB gelten als klares Zeichen für das Misstrauen der Institute untereinander. Normalerweise greifen Banken der Euro-Zone kaum auf diese sehr kurzfristigen Geschäfte mit der Notenbank zurück, da die Konditionen ungünstig sind. Ende 2011 hatte die EZB in einem Dreijahreskredit ein Volumen von fast 500 Milliarden Euro an Banken der Euro-Zone ausgeschüttet. Nach Einschätzung von Experten wird ein Großteil dieses Geldes nun über Nacht bei der EZB geparkt.

Für gewöhnlich versorgen sich die Banken lieber untereinander mit Zentralbankgeld. Dieser Handel am sogenannten Interbankenmarkt ist aber - ähnlich wie in der ersten Finanzkrise 2008 - erneut gestört. Ausschlaggebend sind die Schuldenkrise und das starke Engagement einzelner Institute in Staatsanleihen angeschlagener Euro-Staaten. Wegen der aktuell hohen Unsicherheit parken die Banken reichlich Liquidität bei der EZB, selbst unter Inkaufnahme von Zinsverlusten.

yes/dpa/Reuters

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