Konsum als Wachstumsmotor "Wer Arbeit hat, kauft ein"

Ausgerechnet die sonst so sparsamen Deutschen haben durch ihre Kauflust 2011 die Wirtschaft angekurbelt. Oxford-Ökonom Clemens Fuest erklärt im Interview, warum die Bürger trotz Euro-Krise shoppen gehen - und warum höhere Gehälter den Konsum gefährden könnten.

Konsumenten mit Einkaufstüten: Die Binnennachfrage stützt das Wachstum
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Konsumenten mit Einkaufstüten: Die Binnennachfrage stützt das Wachstum


SPIEGEL ONLINE: Herr Fuest, jahrelang hing Deutschlands Wirtschaft vor allem am Export. 2011 hat erstmals seit langem der private Konsum deutlich zum Wachstum beigetragen. Wandeln sich die Deutschen zu einer Nation von Shopaholics?

Fuest: Ob das nun ein grundlegender Wandel ist, wird man sehen. Entscheidend ist die derzeit höhere Beschäftigung in Deutschland. Vor allem das hat dazu beigetragen, dass wir beim privaten Konsum ein so hohes Wachstum wie seit Jahren nicht mehr hatten.

SPIEGEL ONLINE: Oder geben die Verbraucher lieber ihr Geld aus, weil sie Angst vor Euro-Untergang und Inflation haben?

Fuest: Für die Konsumenten sind eher sichere Jobs und niedrige Zinsen ein Kaufanreiz, als die Angst vor der Euro-Krise. Wer Arbeit hat, kauft auch ein. Und die Sorge vor Inflation spiegelt sich eher in der Flucht der Investoren in Sachwerte wie Immobilien wider. Das betrifft aber auch eher größere Kapitalanleger als Otto Normalverbraucher.

SPIEGEL ONLINE: Dann wäre doch genau jetzt der Zeitpunkt, um die Löhne kräftig zu erhöhen, damit die Leute weiter konsumieren.

Fuest: Wir brauchen keine generellen Lohnerhöhungen. Viel entscheidender ist, dass die Menschen Arbeit haben. Das heißt nicht, dass ich generell gegen Lohnerhöhungen bin. Aber sie müssen marktgerecht sein. Wo ein Mangel an Fachkräften herrscht, sollten auch die Löhne steigen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ökonomen wie Sie die Binnennachfrage nicht viel zu lange unterschätzt und stattdessen den Fokus zu sehr auf die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit gesetzt?

Fuest: Ich finde, die aktuelle Entwicklung stützt genau die These vom Stellenwert der Wettbewerbsfähigkeit. Denn nur weil die Lohnkosten in Deutschland mit denen im Ausland besser mithalten können, wurden Jobs geschaffen. Beschäftigung wiederum stützt den Konsum. Die gute Entwicklung ist also eher ein Ergebnis der Lohnzurückhaltung. Wenn eine kräftige Steigerung der Löhne für Konsum entscheidend wäre, dürften wir den aktuellen Boom gar nicht haben. Denn die Gewerkschaften haben sich ja zuletzt sehr vernünftig zurückgehalten.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade jetzt zeigt sich doch wieder, wie wackelig die Säule Export ist. Alle Experten rechnen 2012 mit dem Rückgang der Auslandsnachfrage. Reicht der private Konsum, um das auszugleichen?

Fuest: Wir müssen die deutsche Fokussierung auf den Export auf jeden Fall überdenken und private Investitionen im Inland fördern. Der private Konsum wird ein Stabilitätsfaktor bleiben, weil voraussichtlich auch der Arbeitsmarkt stabil bleibt. Die Kauflust der Verbraucher wird die deutsche Wirtschaft aber nicht vom Abschwung abschirmen können.

SPIEGEL ONLINE: Kaufen nur die Deutschen gegen die Krise an, oder gibt es das Phänomen auch bei unseren europäischen Nachbarn?

Fuest: Es ist schon eher ein deutsches Sonderphänomen. Betrachtet man die gesamte Euro-Zone ist der Beitrag des Privatkonsums zum Wachstum eher gering. In Deutschland legten die privaten Konsumausgaben vorläufigen Zahlen zufolge im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent zu. In Frankreich lag das Plus nur bei 0,6 Prozent, in den Niederlanden ist der Konsum sogar geschrumpft. In diesen Ländern sind der Arbeitsmarkt und die Konjunktur viel schwächer als in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Wir sind also die Krisengewinner?

Fuest: Ich würde Deutschland nicht als Gewinner bezeichnen. Kurzfristig profitieren wir durch niedrige Renditen bei Staatsanleihen und den schwachen Euro. Aber wir sind sehr exportabhängig. Und wenn die Rezession in den anderen Ländern voll durchschlägt, dann betrifft das auch uns. Außerdem ist Deutschland der größte Gläubiger der Krisenstaaten. Wenn Garantien fällig werden oder Schulden erlassen werden, dann trifft es Deutschland hart.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie für 2012 mit einer Rezession für Deutschland?

Fuest: Wenn Griechenland nicht pleite geht und in der Euro-Zone bleibt und wenn Italien stabil bleibt, dann könnte Deutschland glimpflich davonkommen. Dann wird das Wachstum wohl zwischen 0,5 und einem Prozent liegen. Wir müssen darauf setzen, dass eine ordentliche Wirtschaftsentwicklung in Nordeuropa die Rezession im Süden auffangen kann und die EZB durch eine Lockerung der Geldpolitik ihren Beitrag leistet. Aber wir werden noch einige Jahre mit dieser Schuldenkrise zu tun haben.

Das Interview führte Maria Marquart

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