Konsumenten als Konjunkturstütze Hoffen auf Otto Extremverbraucher

Trotz Rezessionsängsten: Die deutsche Wirtschaft ist erneut gewachsen. Das liegt auch an den Verbrauchern, die sich von der Krisenstimmung bislang wenig beeindrucken lassen. Am Verhalten der Konsumenten hat sich etwas Grundsätzliches geändert.

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Kunde in Mainzer Supermarkt: Kräftig kaufen in der Krise
dapd

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Hamburg - In den vergangenen zwei Jahren ist es fast schon zur lieben Gewohnheit geworden: Während viele andere Länder noch mit den Folgen der Finanzkrise haderten oder bereits in die Schuldenkrise geschliddert waren, legte die deutsche Wirtschaft einen Wachstumsrekord nach dem anderen vor.

Auch die neuesten Zahlen bieten noch einmal Grund zur Freude: Zwischen Juli und September stieg das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zu den drei Monaten zuvor um 0,5 Prozent. Dass dies ein beachtlicher Wert ist, zeigt der Vergleich zur Euro-Zone: Im Durchschnitt wuchsen die Volkswirtschaften im Währungsraum nur noch um 0,2 Prozent. Ohne das deutsche Plus wäre die Euro-Zone schon jetzt in der Stagnation.

Details zu den neuen Wachstumszahlen wollen die Statistiker erst Ende November veröffentlichen. Sie verrieten aber bereits, dass die positiven Impulse vor allem aus dem Inland kamen. "Dabei trugen insbesondere die gestiegenen privaten Konsumausgaben zum Anstieg des BIP bei." Anders gesagt: Deutschlands Konsumenten haben geholfen, einen Abschwung zu vermeiden.

So kannte man den deutschen Verbraucher bislang gar nicht. Lange galt er als vergleichsweise kauffaul, was in der Euro-Schuldenkrise für erhebliche Konflikte sorgte: Länder wie Frankreich warfen den Deutschen vor, mit ihrem geringem Konsum und hohen Exportüberschüssen die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Euro-Zone zur verstärken. Die Mitte August beschlossene europäische Wirtschaftsregierung ist auch eine erste Reaktion auf diesen Streit.

Ausgerechnet in Krisenzeiten hat sich die Kauflaune der Deutschen nun deutlich verbessert. "In diesem Jahr erwarten wir beim privaten Konsum ein Plus von einem Prozent", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. "Das ist deutlich mehr als in den Jahren zuvor." War der private Verbrauch noch in den neunziger Jahren zeitweise um mehr als vier Prozent gewachsen, so lag sein jährlicher Anstieg seit der Jahrtausendwende meist nur knapp über der Null-Linie oder war sogar negativ. Das ist unter anderem eine Folge der jahrelangen Lohnzurückhaltung.

Aus Angstsparern werden Angstkonsumenten

In jüngster Zeit aber zeige sich bei deutschen Verbrauchern ein "neuer Effekt", erzählt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Zum ersten Mal habe man ihn beobachtet, als im September 2008 die US-Investmentbank Lehman Brother pleite ging. "Im Oktober ging dann die Sparneigung der Deutschen steil nach unten. Als sich die Finanzkrisen in Griechenland und Italien zuspitzten, hatten wir den selben Effekt." Im Angesicht einer bedrohlichen wirtschaftlichen Lage legten die Deutschen also weniger Geld zurück.

Früher sei in Krisenzeiten die Neigung der Verbraucher zu sparen gestiegen, sagt Bürkl, die Bereitschaft zu konsumieren sank hingegen. Der letzte GfK-Konsumklimaindex zeigte zum wiederholten Mal den umgekehrten Trend: Noch immer steigt die sogenannte Anschaffungsneigung, wohingegen die Sparneigung deutlich zurückgeht.

Warum aber handelt Otto Normalverbraucher plötzlich so anormal? Zum Teil lässt sich das mit der Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt erklären. Die ist so gut wie seit langem nicht mehr, im kommenden Jahr wird die Zahl der Arbeitslosen voraussichtlich weiter sinken. Zugleich wurden in vielen Branchen Lohnerhöhungen vereinbart. Die Deutschen haben also mehr Geld in der Tasche und sehen vergleichsweise optimistisch in die Zukunft.

Zwar hat sich die Erwartung der Verbraucher an die wirtschaftliche Entwicklung zuletzt verdüstert. Gerade dieses Bangen um die Zukunft der Euro-Zone scheint überraschenderweise die Kauflaune zu heben. "Wenn Verbraucher finanzielle Mittel zur Verfügung haben, stecken sie die zurzeit eher in werthaltige Anlagen wie etwa Immobilien", sagt Bürkl, "zumal die Zinsen der Banken ausgesprochen niedrig sind." Aus Angst um die Zukunft des Geldes geben die Deutschen es aus - Angstsparer werden zu Angstkonsumenten.

Aber reicht dieser Effekt, um die deutsche Wirtschaft vor einem erneuten Abschwung zu bewahren? Jein, sagt Joachim Scheide, Chefökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der Konsum könne durchaus zu einer Stütze werden, wenn es im vierten Quartal wie von vielen Experten erwartet zu einer "milden Rezession" kommen sollte. "Diese negative Entwicklung wird fast ausschließlich auf die Exporte zurückgehen", sagt Scheide.

Der Ökonom warnt aber auch vor überzogenen Erwartungen. Zum einen deuteten auch in Deutschland Indikatoren wie die Industrieproduktion und Auftragseingänge auf einen Abschwung hin. Zum anderen sei der private Konsum im zweiten Quartal mit einem Minus von 0,7 Prozent überraschend stark eingebrochen. "Das Plus wird jetzt auch eine Korrektur davon sein."

Die Kauflaune der Deutschen trüben könnte die Inflationsrate, die derzeit mit 2,5 Prozent deutlich über dem von der Europäischen Zentralbank angestrebten Wert liegt. "Wenn die auf dem Niveau bleibt, wird das auf kurz oder lang zur Belastung für den Konsum", sagt GfK-Experte Bürkl. "Die Inflation kann uns einen Strich durch die Rechnung machen", glaubt auch IfW-Ökonom Scheide. Allerdings spreche der fallende Ölpreis eher für ein Abflauen der Teuerung.

Bis deutsche Verbraucher alleine die Konjunktur retten könnten, ist es aber ohnehin noch ein weiter Weg - das zeigt der Blick aufs vergangene Jahr. Damals wuchs die deutsche Wirtschaft um satte 3,6 Prozent. Der Anteil des privaten Konsums an der Steigerung betrug gerade einmal 0,7 Prozentpunkte.



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thana 15.11.2011
1. ...
Die machen das alle wie meine Mutter - lieber von den letzten Reserven noch mal das Hausdach decken, bevor das Geld nichts mehr wert ist und es endgültig reinregnet.
Oliver Gnutz 15.11.2011
2. Zu viele...
Zitat von sysopTrotz Rezessionsängsten: Die deutsche Wirtschaft ist erneut gewachsen. Das liegt auch den Verbrauchern, die sich von der Krisenstimmung bislang wenig beeindrucken lassen. Am Verhalten der Konsumenten hat sich etwas Grundsätzliches geändert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,798000,00.html
Wohl richtiger "Hoffen auf Otto Extrem*konsument*". Denn verbrauchen tut man Dinge die man braucht (Milch, Butter, Käse - und mal eine kaputte Jeans gegen eine neue ersetzen) - und das tut man wenn der Bedarf dafür anliegt. Man hofft halt auf genug "Hirnamputierte" die einen Flachbildfernseher kaufen, obwohl die Röhre noch läuft; die sich ein viertes Paar Schuhe in den Schrank stellen oder ihr funktionierendes Handy wegwerfen. Man vertraut (mal wieder) auf das wenig umweltbewusste Konsumvieh. Und die Hoffnung wird sich (leider) wohl mal wieder erfüllen. Zu viele Egoisten und Hedonisten hat diese kranke Gesellschaft hervorgebracht.
wika 15.11.2011
3. Hat da wer was durcheinandergeworfen?
Angstverbraucher hört sich natürlich gut an und die Wirtschaft setzt also darauf, dass die Leute aus Angst vor Geldentwertung jetzt ihre Kröten auf den Kopp hauen? Dass allerdings bei der Masse der Menschen das Krötensterben schon längst eingesetzt hat, dass wird aber eher ignoriert. Deshalb ist es also eher eine theoretische Betrachtung ob nun der erwähnte Angstkonsum die Wirtschaft rettet, wo doch nur noch Angst vorhanden ist. Jetzt dürfen sie mal raten zu welcher alten Währung wir wieder zurückkehren? Sie tippen auf die Mark? Nur halb richtig, greifen sie in der Geschichte noch etwas weiter zurück: *„Euro ade - Deutschland führt die Knochenmark ein”* … Link (http://qpress.de/2011/09/12/euro-ade-deutschland-fuhrt-knochen-mark-ein/), die hat es schon immer gegeben und immer ging es der Mehrheit auf die Knochen, warum sollte es diesmal anders sein? Hört sich böse an, nicht wahr … aber glaubt wirklich noch jemand, dass es mit dem Euro endlos so weitergehen kann?
Optimisten, 15.11.2011
4. Wieso überrascht
Zitat von sysopTrotz Rezessionsängsten: Die deutsche Wirtschaft ist erneut gewachsen. Das liegt auch den Verbrauchern, die sich von der Krisenstimmung bislang wenig beeindrucken lassen. Am Verhalten der Konsumenten hat sich etwas Grundsätzliches geändert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,798000,00.html
Die Begründung ist doch total einfach. Da viele glauben, dss ihre Euros bald nix mehr wert sind, kaufen sie jetzt damitnoch Wertvolles ein. Mach ich auch so.
dingodog 15.11.2011
5. Zählen Immobilien und Gold zum Konsum??
Wenn die entgültigen Zahlen da sind, bin ich sehr gespannt, ob dort insbesondere die Konsumgüter-Kategorien "Immobilien" und "Edelmetalle" nach oben geschossen sind. Wäre ja zu erwarten. Auch zu erwarten, aber vielleicht in einer späteren Phase, sind die Konsumgüter-Kategorien "langlebige Lebensmittel", "Waffen und Munition" und "Leuchtmittel und Kerzen". Es macht Spass, zur allgemeinen Panik beizutragen....
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