Platz für Industrie Dänemark plant neun neue Inseln vor Kopenhagen

Was tun, wenn in einer extrem dicht besiedelten Stadt für neue Industrie kein Platz mehr ist? Einfach neuen schaffen, sagt man sich in Dänemark.

URBAN POWER for Hvidore Kommune

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Kopenhagen hat sich entwickelt in den vergangenen Jahren: Fabriken sind schicken Büros gewichen, Radwege und die Metro wurden ausgebaut, die Stadt wurde spätestens mit dem Uno-Klimagipfel 2009 zur Ökohauptstadt Europas.

Doch nun soll es auch nahe dem Zentrum wieder mehr Platz für produzierendes Gewerbe geben - auf neun neuen künstlichen Inseln.

"Alle wollen Stadtentwicklung, aber kaum jemand will Wirtschaftsentwicklung", begrüßte der liberale dänische Finanz- und Innenminister Simon Emil Amnitzbøll-Bille bei einem Pressegespräch im Kopenhagener Vorort Avedøre an der Ostsee die Pläne. Ex-Wirtschaftsminister Brian Mikkelsen, heute Chef der Arbeitgebervereinigung Dansk Erhverv, sprach dem Sender TV2 zufolge bereits von einem "europäischen Silicon Valley".

Geschützt in der Køge-Bucht soll, so Bürgermeisterin Helle Moesgaard Adelborg, in der dortigen Kommune Hvidovre "Dänemarks Wachstumsmotor" entstehen, per Fahrrad von Kopenhagen aus erreichbar. Die Dimensionen sind gigantisch: Geplant ist eine aufgeschüttete Fläche von 3,1 Millionen Quadratmetern und 17 Kilometern Küstenlinie, mit Platz für 380 Firmen.

"Ich freue mich sehr über die Projektpläne", sagte der konservative Wirtschaftsminister Rasmus Jarlov. "Unser Fokus liegt häufig auf den hochtechnologischen Arbeitsplätzen und Bürostellen, aber es gibt ebenso noch einen Bedarf dafür, dass die Waren, die wir im Alltag brauchen, auch produziert werden."

Eine der Inseln soll unter dem Motto GreenTech Island angelegt werden und auch Energie für die Hauptstadt liefern sowie das Abwasser der Kopenhagener reinigen.

Bereits ab den Sechzigerjahren entstand im Süden Kopenhagens Dänemarks größtes Gewerbegebiet, verkehrsgünstig nahe der Autobahn, dem Flughafen in Kastrup und der Querung über den Öresund nach Schweden gelegen. Für die Brücke nach Malmö wurde in den Neunzigerjahren bereits eigens die Insel Peberholm in die Meerenge gesetzt.

Platz für Pflanzen, Tiere und Freizeit

Und so wie sich Peberholm inzwischen zum Biotop für seltene Tier- und Pflanzenarten entwickelt, soll mit der "Holmene" genannten Insellösung Nordeuropas größtes und grünstes Gewerbegebiet entstehen - mit Platz für Pflanzen, Tiere und auch für Freizeit. Allein 700.000 Quadratmeter soll diese Grünfläche umfassen.

"Die einzelnen Inseln sollen durch Grüngürtel miteinander verbunden werden, sodass die Menschen in der Gegend die Erholungsorte nutzen können", sagte Bürgermeisterin Adelborg, mit Verbindung zur großen Grünfläche auf der Kopenhagener Insel Amager im Nordosten. Die grünen Kanten sollen auch vor Sturmfluten schützen. Geplanter Baubeginn für die künstlichen Inseln: 2022. Sechs Jahre später sollen die ersten Grundstücke zum Verkauf stehen, 2040 die "Holmene" ("die kleinen Inseln") komplett fertig sein.

Finanzierung offen

Dabei ist die Finanzierung des ambitionierten Projekts längst nicht gesichert. Das dänische Parlament Folketing muss noch über die Pläne abstimmen, die die Kommune und die dänische Regierung nun lanciert haben. Wie teuer das Projekt schätzungsweise sein wird, konnte eine Sprecherin der Kommune Hvidovre zunächst nicht sagen.

Casper Schrøder, Wirtschaftskorrespondent beim Sender Danmarks Radio, bezifferte die Kosten in einer vorsichtigen Schätzung mit einem zweistelligen Milliardenbetrag in dänischen Kronen (ein Euro entspricht etwa 7,47 Kronen). Viel von dem Geld soll demnach durch den Verkauf der Grundstücke ab 2028 reinkommen. Ob das die Kosten trägt, ist fraglich.

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Industriefläche für Kopenhagen: Die Insellösung

Ganz uneigennützig dürfte der Zeitpunkt der Präsentation der rechtsliberalen Minderheitsregierung nicht gewählt gewesen sein. Es wird damit gerechnet, dass Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen bereits bald Neuwahlen ausruft. Und das Projekt könnte viele Menschen im Großraum Kopenhagen besänftigen, die sich in den vergangenen Jahren stark über die Dezentralisierungspolitik der Regierung ärgerten. Zahlreiche Behörden wurden etwa ins ländliche Jütland verlagert.

Wirtschaftsminister Jarlov wies den Verdacht einer Instrumentalisierung zu Wahlkampfzwecken dem Sender Danmarks Radio zufolge unterdessen zurück. "Man hätte sich wünschen können, dass die Pläne bereits ein halbes Jahr früher rausgekommen wären, aber die Ideen sind dadurch ja nicht schlechter", wird Jarlov zitiert.

Bereits im Oktober hatte das skandinavische Land zudem Pläne für die reine Wohninsel Lynetteholmen nahe dem Kopenhagener Hafen vorgestellt, um das Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen. Die Stadt wächst pro Jahr um etwa zehntausend Einwohner und ist bereits jetzt deutlich dichter besiedelt als München, das in Deutschland den Spitzenplatz einnimmt.

Mit Material von Reuters und dpa



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Klaugschieter 07.01.2019
1. Nicht so ganz neu
Die Idee, durch Schaffung neuer Landflächen im Meer Platz für Siedlungen zu schaffen, ist ja nicht ganz neu. Die Niederländer sind Spezialisten auf dem Gebiet. Man muss ich nur mal in der Region Flevoland umsehen.
Namenwählen 07.01.2019
2. Dänemark ist extrem dicht besiedelt?
Dänemark ist extrem dicht besiedelt? Seit wann das denn? Ergibt sich weder aus Google Earth noch wenn man bei Flensburg über die Grenze fährt. Leere Autobahnen, weites Land. Wenn man nun aber unbedingt in Kopenhagen leben will, mag das anders sein und wenn die Dänen Spaß dran haben, who cares?
vox veritas 07.01.2019
3.
"Geplanter Baubeginn für die künstlichen Inseln: 2022. Acht Jahre später sollen die ersten Grundstücke zum Verkauf stehen, 2040 die "Holmene" ("die kleinen Inseln") komplett fertig sein.2 In Deutschland wäre frühestens in 2040 Baubeginn. Wenn überhaupt. Fertigstellung wäre dann mit offenem Ende .... um auf Nummer sicher zu gehen.
dt24535322 07.01.2019
4. Meeresspiegel
Es wäre sehr interessant zu erfahren, wie viele Meter für den Meeresspiegelanstieg aufgrund des Klimawandels mit eingeplant werden.
Sueme 07.01.2019
5. e
Sehe ich das richtig das die Inseln nur über eine einzige Ringstraße mit dem Festland verbunden sind? Bei 380 produzierenden Betrieben? Das wird sicherlich sehr sehr interessant :-)
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