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Kosten-Nutzen-Rechnung: Krankenkassen kämpfen für Homöopathie

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Die Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel ist extrem umstritten - doch die Krankenkassen wollen es sich nicht nehmen lassen, für die esoterisch angehauchte Medizin zu zahlen. Sparpläne von Gesundheitspolitikern weisen sie zurück: Für die Versicherungen überwiegen trotz aller Kritik die Vorteile.

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Homöopathie: Der Streit über die angeblichen Wundermittel
Berlin - Es klang fast wie zu Zeiten der Großen Koalition. In seltener Eintracht sprang CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn seinem SPD-Kollegen Karl Lauterbach am Montag bei, nachdem sich dieser am Wochenende im SPIEGEL für ein Verbot von Homöopathie-Behandlung auf Kassenrechnung ausgesprochen hatte. Seine Fraktion sei offen für Lauterbachs Vorschlag, sagte Spahn. "Wir haben Wahltarife für Homöopathie seinerzeit auf Wunsch von SPD und Grünen eingeführt." Sollte die SPD nun veränderungsbereit sein, "können wir sofort darüber reden".

Mit Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), Claudia Roth (Grüne) und Johannes Singhammer (CSU) formierte sich dagegen eine Allianz der kleineren Parteien, die ebenso vehement für eine Beibehaltung des Status quo plädieren. "Grundsätzlich spricht nichts gegen Wahltarife, auch nicht bei der Homöopathie", sagte Rösler der "Passauer Neuen Presse". Singhammer warnte: "Es beginnt vielleicht mit Kürzungen bei der Homöopathie, aber wo endet das?" Roth verwies auf die gesunde Lebensführung, auf die gerade Befürworter von Naturheilverfahren besonders achteten. Diese würden vor den Kopf gestoßen.

Dabei ging es in erster Linie um die eher wissenschaftliche Frage, ob Globuli tatsächlich nachweisbare Heilerfolge bringen - so heißen die kleinen weißen Kügelchen, denen die Verfechter der Naturheilkunde geradezu magische Wirksamkeit zusprechen. Dass sie das nicht können, steht für den designierten Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Jürgen Windeler, außer Zweifel: "Die Homöopathie ist ein spekulatives, widerlegtes Konzept", sagte er dem SPIEGEL. "Dazu muss man auch gar nicht mehr weiter forschen, die Sache ist erledigt." Die Verfechter der Naturheilkunde verweisen hingegen auf etliche Studien, die ihre These stützen.

Minimaler Anteil an den Gesamtkosten

Trotzdem nutzen SPD und CDU die Diskussion als Steilvorlage, um sich als Sanierer des maroden Gesundheitssystems in Szene zu setzen. Überflüssige Leistungen zu streichen, spart viel Geld - das ist die Botschaft.

Bei genauerer Betrachtung allerdings relativiert sich der Effekt. Nach Angaben der Vizechefin des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Barbara Sickmüller, macht der Anteil der Homöopathieausgaben, die die Kassen regulär erstatten, lediglich 0,06 Prozent der Gesamtausgaben für Arzneimittel aus. Rund neun Millionen Euro für Homöopathie stünden mehr als 170 Milliarden Euro Gesamtausgaben der Kassen gegenüber.

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Bizarre Zutaten: Aus dem Giftschrank der Homöopathie
Von den 28 Milliarden Euro, welche die gesetzlichen Krankenversicherungen 2009 für Arzneimittel ausgegeben haben, entfielen demnach gerade einmal 25 Millionen Euro auf homöopathische Mittel. Einige Kassen übernehmen zwar auch die Kosten für nicht verschreibungspflichtige Naturmedizin - allerdings nur gegen einen zusätzlichen Beitrag, der laut Gesetz kostendeckend sein muss und deshalb die große Gemeinschaft der Versicherten keinen Cent kostet.

Auch im Vergleich zu den 13 Milliarden Euro, die allein im kommenden Jahr für die Sanierung der maroden Finanzen der Kassen eingesammelt werden müssen, erscheint das Sparpotential lächerlich. Zumal noch in keiner Weise geklärt ist, ob die Streichung dieser Leistung den Kassen unter dem Strich überhaupt Geld sparen würde.

Daran zweifeln nicht zuletzt die Kassen selbst, allen voran die Techniker Krankenkasse. "Rund ein Fünftel unserer Beitragszahler verdienen so viel, dass sie zu einer privaten Kasse wechseln könnten", sagt Sprecher Hermann Bärenfänger. "Wenn wir diese Gruppe im System der gesetzlichen Krankenversicherung halten wollen, müssen wir dafür auch etwas bieten."

Das negative Signal käme die Kassen teurer

Die angesprochenen hochqualifizierten Gutverdiener sind es, die die gesetzlichen Kassen am stärksten entlasten. Sie zahlen den höchsten Beitrag und verursachen gleichzeitig die geringsten Behandlungskosten. Auf der anderen Seite stellen sie aber die größten Ansprüche an die Leistung einer Kasse, sagt Bärenfänger - und dazu gehört Homöopathie.

Diese wiederum kostet die TK relativ wenig Geld. Im vergangenen Jahr machten nur 0,5 Prozent der TK-Versicherten von ihr Gebrauch. Bärenfänger zufolge handelt es sich um keinen dicken Kostenbrocken. Das negative Signal durch ein Streichen der Leistung käme die Kasse teurer.

Auch abseits der Eigeninteressen der gesetzlichen Krankenkassen könnte die Homöopathie ihr Geld wert sein, selbst wenn sich die medizinische Wirkung nicht nachweisen lässt. Die Kassenleistung umfasst nämlich regelmäßig ein- bis eineinhalbstündige Gespräche mit dem behandelnden Arzt, der dabei den oft komplexen Hintergründen der Symptome auf die Spur zu kommen versucht. Da werden Lebensumstände und Ernährungsgewohnheiten abfragt - eine Behandlung, für die im normalen Alltag der Schulmedizin allenfalls fünf bis acht Minuten Zeit bleibt.

In einer Vielzahl der Fälle hilft die ausführliche Analyse, den Einsatz teurer Arzneien und weiterer Untersuchungen zu vermeiden. Und oft stellt sich ein nachhaltiger Behandlungserfolg allein deshalb ein, weil die Patienten aufgrund der Beratung ihre Lebensgewohnheiten ändern.

Bei der Techniker Krankenkasse jedenfalls ist man vom positiven Kosten-Nutzen-Verhältnis der Homöopathie überzeugt. Bald will man dies mit handfesten Zahlen untermauern. Bärenfänger sagt, das Thema werde derzeit mit einer Studie an der Charité untersucht.

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Forum - Wohin steuert unser Gesundheitssystem?
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1.
Interessierter0815 27.01.2010
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Korruption wohin das Auge auch sieht. Wohin wird das GesundheitsSYSTEM wohl steuern? Die 3. klassengesellschaft schreitet weiter und weiter, bald werden sicherlich alle "wertlosen" markiert und sollen froh sein, wenn es noch ein kanten Brot gibt und evt. eine rote Pille oder Tiergrippenimpfung.
2.
genugistgenug 27.01.2010
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
ABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
3. Großeltern?
Interessierter0815 27.01.2010
Zitat von genugistgenugABWÄRTS - wie alles andere wo unsere Politker und Bürokraten, die Kaste der Schmarasiten, ihre Finger drin haben. Die Frage wie ein gerechteres System aussehen könnte, ist überflüssig. Denn bis das durch alle Instanzen durch ist, sind unsere Enkel schon Großeltern.
Welcher vernünftige Mensch möchte in diese asoziale Gesellschaft Kinder setzen? Nene, sich alleine durchzuboxen wird schon hart genug.
4. +++
saul7 27.01.2010
Zitat von sysopZusatzbeiträge, Kopfprämie, Gesundheitsfonds - im deutschen Gesundheitssystem herrscht Chaos. Politik, Krankenkassen und Lobbyisten ringen um Leistungen und Beiträge. Wie aber könnte eine gerechte, ausgewogene und vor allem finanzierbare Gesundheitsversorgung aussehen?
Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
5.
Stefanie Bach, 27.01.2010
Zitat von saul7Das Tragische an der Entwicklung unseres Gesundheitssystemes ist, dass die dafür verantwortlichen Politiker keine Antwort für deren Lösung finden können und sich die Schuld für ihr Versagen gegenseitig zuschieben. Das ist verantwortungsloses Handeln.
Norbert Blüm trifft es sehr genau: "Man kann aus Schaden klug werden. Man muss es aber nicht. Mit der Kopfpauschale ging die CDU in der Bundestagswahl 2005 baden. 2009, nach der Bundestagswahl, versucht sie es wieder mit dem einkommensunabhängigen Beitrag zur Krankenversicherung, der für alle gleich hoch sein soll." Koalitionsvertrag - Fehlstart schwarz-gelber Geisterfahrer (http://www.plantor.de/2009/koalitionsvertrag-fehlstart-schwarz-gelber-geisterfahrer/)
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Homöopathie
Was ist Homöopathie?
Homöopathie - griechisch für "ähnliches Leiden" - wird von ihren Befürwortern sowohl gegen körperliche als auch gegen seelische Beschwerden angewandt. Homöopathie beruht auf zwei Grundprinzipien: dem Ähnlichkeitsprinzip und der Verdünnung.

Homöopathen benutzen Substanzen, die bei Gesunden die Symptome der zu behandelnden Krankheit hervorrufen würden. Die Herstellung der Medikamente beruht auf dem sogenannten Potenzieren: Die Wirkstoffe werden durch Vermischen mit Alkohol oder Wasser oder durch Verreiben mit Milchzucker stark verdünnt. Anhänger der homöopathischen Idee gehen davon aus, dass das Medikament umso besser wirkt, je stärker es verdünnt ist: Die schädlichen Wirkungen der Arzneisubstanzen würden minimiert und die positiven gesteigert. Es gibt verschiedene Verdünnungsgrade, von einem Tropfen auf das Volumen einer Erbse (D1) bis zu einem Tropfen auf das gesamte Universum (D78). D78 bedeutet, dass ein Mittel 78-mal um den Faktor zehn verdünnt wurde. Erhältlich sind aber auch Potenzen wie D200 oder gar D1000. In vielen homöopathischen Mitteln ist der Wirkstoff deshalb nicht mehr nachzuweisen - im Medikament kommt von ihm kein einziges Molekül mehr vor.
Geschichte
Das Prinzip der Homöopathie geht auf den deutschen Arzt Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) zurück. 1796 veröffentlichte er einen Aufsatz, in dem er erstmalig sein "Ähnlichkeitsprinzip" postuliert. Dieses stützte er auf einige empirische Daten, einschließlich vieler Selbstversuche. Das System der starken Verdünnung wurde zunächst angewendet, um schädliche Effekte der teils giftigen Wirkstoffe zu vermeiden. Erst später verordnete Hahnemann auch die sogenannten Hochpotenzen, bei denen die Arzneisubstanz so stark verdünnt wird, dass sie sich im fertigen Medikament nicht mehr nachweisen lässt.

Die moderne Naturwissenschaft konnte eine Wirksamkeit der Homöopathie bis heute nicht nachweisen - trotz zahlreicher Studien. Die meisten Fachleute sind inzwischen überzeugt, dass eine Wirkung allenfalls auf einem Placebo-Effekt beruhen kann.
Homöopathie in Deutschland
2005 gab jeder Deutsche im Durchschnitt 4,87 Euro für Homöopathika aus. Laut einer Allensbach-Umfrage ist die alternativmedizinische Methode am beliebtesten bei Frauen zwischen 30 und 44 Jahren, die in Bayern oder Badem-Württemberg in Haushalten mit überdurchschnittlichem Einkommen leben.

Homöopathie erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit. 2010 verfügen mehr als 3000 Apotheker verfügen über eine homöopathische Ausbildung; 6712 Ärzte tragen offiziell die Zusatzbezeichnung "Homöopath". Diese Zahl hat sich seit 1993 mehr als verdreifacht.
Wirksamkeit
Für die Wirksamkeit homöopathischer Mittel gibt es bisher keinen überzeugenden wissenschaftlichen Nachweis. Im Jahr 1997 legte der Mediziner Klaus Linde von der Technischen Universität München eine große Erhebung zum Thema vor. Die Ergebnisse erschienen zunächst vielversprechend für die Befürworter der Heilmethode und werden noch heute als Legitimation benutzt. Kritiker warfen Lindes Studie jedoch mangelhafe Qualität vor. Der Autor selbst räumt inzwischen ein, dass er seine damalige Schlussfolgerung, der Effekt homöopathischer Mittel ginge über einen Placeboeffekt hinaus, nicht mehr aufrechterhalten könne.

2005 veröffentlichten Wissenschaftler der Universität Bern im Fachblatt "The Lancet" eine weitaus genauere Studie. Im Test gegen Placebos zeigte sich bei den homöopathischen Medikamenten keine erhöhte Wirksamkeit. Auch andere Studien ergaben, dass durch Potenzierung hergestellte Arzneimittel Placebos in ihrer Wirkung nicht übertreffen.

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