Kostenexplosion im Gesundheitswesen: Krankes System mit Knalleffekt

Von Sven Böll

2. Teil: Krankenhäuser - warum werden nicht mehr Betten abgebaut?

Medizinerteam im OP: "A built bed is a filled bed" Zur Großansicht
Corbis

Medizinerteam im OP: "A built bed is a filled bed"

Fast jeden dritten Euro und damit so viel wie für keinen anderen Bereich gaben die gesetzlichen Kassen 2008 für die Behandlung in Krankenhäusern aus - knapp zwei Milliarden Euro mehr als noch 2007. Wer bei den noch immer fast 2100 Krankenhäusern in Deutschland ansetzt, kann also massiv sparen.

Zwar sind viele Kliniken in den vergangenen Jahren effizienter geworden, allerdings gilt in den Bettenburgen noch immer das insgesamt im Gesundheitswesen verbreitete Prinzip: Jedes Angebot sucht sich seine Nachfrage. Im Krankenhaus-Jargon heißt das: "A built bed is a filled bed." Ein Krankenhausbett, das da ist, wird auch mit Patienten gefüllt.

Um dieser Zwangsläufigkeit entgegenzusteuern, wurde in den vergangenen Jahren die Zahl der Betten reduziert - allein zwischen 2006 und 2007 bundesweit um fast 4000 auf rund 507.000. Der Gesetzgeber und die Kassen wollten die Krankenhäuser damit zwingen, weniger stationär zu operieren (also mit einem tagelangen und entsprechend teuren Aufenthalt des Patienten), sondern möglichst viel ambulant. Wenn der Patient nach ein paar Stunden wieder gehen kann, ist es für die Kassen eben günstiger.

Nur wurde da die Rechnung ohne die Kliniken gemacht. Sie nutzen den Anreiz zu mehr ambulanten OPs durchaus - allerdings anders als gedacht. Zwar wurde 2007 doppelt so häufig ambulant operiert wie 2005, doch die Zahl der stationären Aufenthalte stieg im gleichen Zeitraum sogar nochmals leicht an. "Es gibt eine wahnsinnige Ausweitung von Leistungen im Krankenhaus", sagt fast schon resigniert ein Insider einer großen Krankenkasse zu SPIEGEL ONLINE.

Die Zunahme von OPs offenbart ein zweites Problem des deutschen Gesundheitswesens: Hierzulande wird auch dann gern das Skalpell angesetzt, wenn es eigentlich überflüssig ist. So gehen Experten davon aus, dass rund 80 Prozent der circa 100.000 jährlich in Deutschland durchgeführten Bandscheibenoperationen nichts bringen. Auch Mandeln und Blinddarm werden in deutschen Krankenhäusern besonders oft entfernt - obwohl das längst nicht immer notwendig wäre. Sehr beliebt unter Orthopäden ist auch eine Gelenkspiegelung des Knies, die sogenannte Arthroskopie: Sie ist nach Meinung vieler Experten meistens entbehrlich, bringt aber stets gutes Geld.

Um die Ausgaben besser in den Griff zu bekommen, fordern die Krankenkassen seit langem, dass sie mit den Krankenhäusern Einzelverträge schließen können - um besser zu kontrollieren, wer was wann genau macht.

Sinnvoll wäre es nach Meinung vieler Experten auch, die Anzahl der Kliniken weiter zu reduzieren, selbst wenn sich Kommunalpolitiker gegen Schließungen heftig wehren. Zwar müssten einige Bürger womöglich eine längere Anfahrt in Kauf nehmen, die Qualität der Versorgung würde aber wohl steigen. Denn größere Krankenhäuser können sich besser spezialisieren und haben entsprechend mehr Expertise.

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Forum - Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
insgesamt 1429 Beiträge
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1.
terrorzwerg 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Die Probleme der Kassen haben wohl wenig bis nichts mit dem Gesundheitfonds zu tun. Das Hauptproblem sind die vielen Kassen, und damit die zu vielen "Wasserköpfe", die zu finanzieren sind. Zehn Kassen würden ausreichen. Die hätten dann auch nur zehn Vorstände, die gut versorgt sein wollen.
2.
der_durden 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Egal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der Gesundheitsreform ist es besonders deutlich. Was jetzt zu geschehen scheint, wusste jeder schon lange, nur angeblich Ulla Schmidt nicht - unglaublich und dann reden wir hier von so einem Blödsinn wie der Dienstwagennutzung. Manchmal muss man sich über unser Land und dessen Bürger wirklich wundern... Das geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
3. Blödsinn
fgranna 19.08.2009
Eine Kasse für ALLE und gut ist. Kein Gesundheitsfond, keine "Kassenflüchtlinge", keine Privat- und "Bettel"-patienten mehr.
4.
Wolfghar 19.08.2009
Zitat von der_durdenEgal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der Gesundheitsreform ist es besonders deutlich. Was jetzt zu geschehen scheint, wusste jeder schon lange, nur angeblich Ulla Schmidt nicht - unglaublich und dann reden wir hier von so einem Blödsinn wie der Dienstwagennutzung. Manchmal muss man sich über unser Land und dessen Bürger wirklich wundern... Das geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
In letzter Konsequenz wohl im Bürgerkrieg. Wir fahren voll vor die Wand und keiner wills wissen
5.
Teenager 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Überrascht das wirklich jemand? Sinn und Zweck des Gesundheitsfonds haben sich mir nie so ganz erschlossen, aber das man trotz höherer Beiträge nicht mit dem Geld auskommen würde war mir sonnenklar. Das "Gute" an der Sache ist, dass wir uns um die Wirtschaft keine Sorgen machen brauchen, denn den Zusatzbeitrag zahlt der Arbeitnehmer alleine. Nachdem schon die Beiträge für die Krankenkasse nicht mehr je zur Hälfte von AN und AG gezahlt werden müssen ist das ein weiterer Schritt zur Privatisierung der Lohnnebenkosten - von der Senkung der gesetzlichen Rente zugunsten der Riesterrente mal ganz abgesehen.
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Der Gesundheitsfonds
In den Gesundheitsfonds fließen alle Beiträge der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten. Für die rund 150 gesetzlichen Kassen setzt die Bundesregierung seit 2009 einen einheitlichen Beitragssatz fest. Zum 1. Januar 2011 wurde er von 14,9 Prozent auf 15,5 Prozent des Bruttolohns erhöht. Die Arbeitnehmer zahlen davon 8,2 Prozent. Der Anteil der Arbeitgeber wurde unabhängig von künftigen Beitragserhöhungen auf 7,3 Prozent eingefroren.

Aus den Einnahmen des Fonds wird den Kassen das Geld dann zugewiesen. Das Volumen ist für ein Jahr im Voraus fixiert. 2011 bekommen sie 178,9 Milliarden Euro. Für jeden Versicherten erhalten die Kassen je nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand Zu- und Abschläge. Krankenkassen mit älteren und kranken Versicherten erhalten mehr Geld als Kassen mit einer Vielzahl an jungen und gesunden Versicherten.

Erzielen die Kassen einen Überschuss, können sie eine Prämie an ihre Versicherten ausschütten. Die Entscheidung über deren Höhe und den Zeitpunkt der Ausschüttung, monatlich oder jährlich, bleibt der Kasse überlassen.

Kassen, die mit den zugeteilten Mitteln nicht auskommen, dürfen einen Zusatzbeitrag verlangen. Er wird vom Versicherten als feste Summe gezahlt. Theoretisch können die Kassen die Zusatzbeiträge in beliebiger Höhe festsetzen. Mitglieder haben aber ein Sonderkündigungsrecht, wenn Zusatzbeiträge erhoben oder erhöht werden, und können zu einer günstigeren Kasse wechseln.


Die Gesundheitsreform der Großen Koalition
Ein-Prozent-Klausel
Die SPD hat eine ihrer Hauptforderungen durchgesetzt - zumindest vordergründig: Der Zusatzbetrag, den die Kassen von ihren Versicherten erheben dürfen, wenn sie mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen, darf nicht mehr als ein Prozent des Haushaltseinkommens der Versicherten betragen. Die Union hat allerdings eine Ausnahme von der Ein-Prozent-Regel erstritten: eine pauschale Prämie.
Pauschale Prämie
Auf Drängen der Union dürfen die Kassen von jedem Versicherten eine Zusatzprämie von acht Euro erheben - und zwar ohne Einkommensprüfung. Bürger, deren Einkommen unter 800 Euro monatlich liegt, zahlen also mehr als ein Prozent Zusatzprämie und werden so benachteiligt. Dieser Einstieg in die Kopfpauschale ist ein Verhandlungserfolg der Union.
Fonds
Der Gesundheitsfonds ist eine Art zentrale Inkassostelle: Er erhält alle Krankenversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber und auch eventuelle Zuschüsse aus Steuermitteln. Die im Fonds gesammelten Beiträge sollen die Ausgaben im Gesundheitswesen zu 100 Prozent abdecken. Jede Kasse erhält einen Durchschnittsbetrag, mit dem sie auskommen soll. Dabei wird es einen Risikostrukturausgleich geben: Kassen mit mehr Kranken und Alten erhalten mehr Geld als Kassen mit einer gesünderen Mitgliederstruktur. Der Start des Gesundheitsfonds wurde von Mitte 2008 auf Januar 2009 verschoben. Die Regierung begründete die Verschiebung damit, dass der Fonds zeitgleich mit dem neuen Finanzausgleich der Kassen und der Honorarordnung der Ärzte in Kraft treten solle. Innerhalb des Fonds gilt zu Beginn ein regionaler Finanzausgleich: In einer "Konvergenzphase" sollen jährlich höchstens hundert Millionen Euro mehr als heute von den reicheren, südlichen Bundesländern in die ärmeren nördlichen Länder fließen - ein Zugeständnis an Bayern und Baden-Württemberg.
Private Kassen
Die SPD hat sich mit ihren Forderungen nach der "Portabilität" von Altersrückstellungen kaum durchsetzen können. Beim Wechsel von einer privaten Versicherung in eine gesetzliche Kasse verliert der Versicherte das Angesparte. Auch beim Wechsel zwischen zwei privaten Versicherungen ist die Portabilität nur bedingt möglich: Mitgenommen werden können Altersrückstellungen nur in der Höhe des neuen Basistarifs. Dieser entspricht dem Höchstbeitragssatz der gesetzlichen Kassen, derzeit etwa 500 Euro. Wer mehr gezahlt hat, macht beim Versicherungswechsel ein Verlustgeschäft. Generell herrscht ab dem Jahr 2009 eine Versicherungspflicht für alle Bürger. Auch ehemals Privatversicherte müssen von den Kassen wieder aufgenommen werden.
Finanzausgleich
Einkommensunterschiede spielen keine Rolle mehr, weil alle Kassen den gleichen Betrag pro Versicherten erhalten. Ausgeglichen werden die Kosten für 50 besonders schwere Krankheiten der Versicherten.
Kinder
Ab 2008 fließen 2,5 Milliarden Euro Steuergelder in den Fonds. Dies ist der Einstieg in die steuerfinanzierte Kinderversicherung. Um alle Kinder beitragsfrei zu stellen, werden insgesamt 15 Milliarden Euro an Steuerzuschuss benötigt.