Kostenexplosion im Gesundheitswesen Krankes System mit Knalleffekt

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4. Teil: Praxiskosten - wieso haben immer mehr Ärzte immer mehr Patienten?


Patient in Arztpraxis: Seltener zum Doktor dank Telefonratgeber
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Patient in Arztpraxis: Seltener zum Doktor dank Telefonratgeber

Von wegen Ärztemangel: Ende 2008 gab es in Deutschland gut 119.000 Ärzte mit Kassenzulassung. Ende 1992 waren es knapp 95.000. Eine dramatische Unterversorgung wurde damals allerdings nicht beklagt. Was sagt das über die heutige Situation aus?

Auch bei Medizinern gilt: Das Angebot schafft sich seine Nachfrage. Die Wartezimmer sind gut gefüllt, was auch am Ärztehopping liegt. Rund 50 Prozent der Bevölkerung nahmen der Gmünder Ersatzkasse zufolge 2007 vier oder mehr Doktoren unterschiedlicher Fachrichtungen in Anspruch.

Oft versprochen, nie konsequent umgesetzt: Der Hausarzt ist im deutschen Gesundheitswesen immer noch kein Lotse, der den Patienten durch das System führt, den Überblick über die Behandlung behält und somit unnötige und teure Mehrfachuntersuchungen verhindert.

Viele gesetzliche Kassen wollen den Hausarzt zum Erstbehandelnden machen, der bei Bedarf für seine Patienten den richtigen Fachkollegen und die beste Klinik suchen soll. Im Prinzip hatte das auch die Bundesregierung vor. Doch sie verdonnerte die Krankenversicherungen dazu, Versorgungsmodelle mit den Hausarzt-Verbänden auszuhandeln.

Das bedeutet: Weil die Hausärzte wissen, dass die Krankenkassen einen Vertrag abschließen müssen, können sie Konditionen und Preise diktieren, echte Verhandlungen finden also nicht statt. Wettbewerb um Qualität sieht anders aus. Zur Verteidigung der Ärzte sei gesagt, dass sie sich durchaus rational verhalten. Sie nutzen, was das System erlaubt.

Eine weitere Sparmöglichkeit wäre ein Telefon-Doktor, wie es ihn in der Schweiz gibt. Bei ihm kann sich jeder Rat holen. Mittels Ferndiagnose wird geklärt, ob ein Besuch bei einem niedergelassenen Kollegen überhaupt Sinn hätte.

Die deutschen Mediziner wehren sich gegen das Modell. Hauptargument: Am Telefon sei keine Vertrauensbasis gegeben. Das mag stimmen. Nur ist fraglich, ob eine Vertrauensbasis in der Arztpraxis immer vorhanden ist. Ein wahrscheinlicherer Grund für den Widerstand dürfte sein, dass die Doktoren Angst haben, Patienten zu verlieren.

Forum - Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
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Seite 1
terrorzwerg 19.08.2009
1.
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Die Probleme der Kassen haben wohl wenig bis nichts mit dem Gesundheitfonds zu tun. Das Hauptproblem sind die vielen Kassen, und damit die zu vielen "Wasserköpfe", die zu finanzieren sind. Zehn Kassen würden ausreichen. Die hätten dann auch nur zehn Vorstände, die gut versorgt sein wollen.
der_durden 19.08.2009
2.
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Egal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der Gesundheitsreform ist es besonders deutlich. Was jetzt zu geschehen scheint, wusste jeder schon lange, nur angeblich Ulla Schmidt nicht - unglaublich und dann reden wir hier von so einem Blödsinn wie der Dienstwagennutzung. Manchmal muss man sich über unser Land und dessen Bürger wirklich wundern... Das geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
fgranna 19.08.2009
3. Blödsinn
Eine Kasse für ALLE und gut ist. Kein Gesundheitsfond, keine "Kassenflüchtlinge", keine Privat- und "Bettel"-patienten mehr.
Wolfghar 19.08.2009
4.
Zitat von der_durdenEgal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der Gesundheitsreform ist es besonders deutlich. Was jetzt zu geschehen scheint, wusste jeder schon lange, nur angeblich Ulla Schmidt nicht - unglaublich und dann reden wir hier von so einem Blödsinn wie der Dienstwagennutzung. Manchmal muss man sich über unser Land und dessen Bürger wirklich wundern... Das geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
In letzter Konsequenz wohl im Bürgerkrieg. Wir fahren voll vor die Wand und keiner wills wissen
Teenager, 19.08.2009
5.
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Überrascht das wirklich jemand? Sinn und Zweck des Gesundheitsfonds haben sich mir nie so ganz erschlossen, aber das man trotz höherer Beiträge nicht mit dem Geld auskommen würde war mir sonnenklar. Das "Gute" an der Sache ist, dass wir uns um die Wirtschaft keine Sorgen machen brauchen, denn den Zusatzbeitrag zahlt der Arbeitnehmer alleine. Nachdem schon die Beiträge für die Krankenkasse nicht mehr je zur Hälfte von AN und AG gezahlt werden müssen ist das ein weiterer Schritt zur Privatisierung der Lohnnebenkosten - von der Senkung der gesetzlichen Rente zugunsten der Riesterrente mal ganz abgesehen.
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