Kostenexplosion im Gesundheitswesen: Krankes System mit Knalleffekt

Von Sven Böll

5. Teil: Apotheken - wann gibt es Wettbewerb statt Planwirtschaft?

Apotheke: Schnelle Warnungen vor dem "ruinösen Wettbewerb" Zur Großansicht
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Apotheke: Schnelle Warnungen vor dem "ruinösen Wettbewerb"

Wer ein paar hundert Meter durch eine Einkaufsstraße in Deutschland geht, sieht neben den üblichen Verdächtigen wie H&M, Saturn und Rossmann oft das altertümliche Logo mit dem roten A. Denn an Apotheken mangelt es den Deutschen wahrlich nicht. Im vergangenen Jahr wurden 21.570 gezählt - deutlich mehr als die Autofahrernation Deutschland Tankstellen hat: gerade mal 14.506.

Und während die Anzahl der Tankstellen seit Jahren kontinuierlich zurückgeht, weil der Markt bereinigt wird, ist die der Apotheken äußerst konstant. Ihre Zahl sank von 1999 bis 2008 nur um 20 Stück. Rund 3800 Deutsche teilen sich damit eine Apotheke. In Österreich sind es 6900, in Dänemark sogar 16.800. Aus diesen Ländern hat man bislang wenig von einer Unterversorgung durch Medikamente gehört.

Die hohe Anzahl an Apotheken in Deutschland ist umso erstaunlicher, als sich die Branchenlobby seit einer gefühlten Ewigkeit in Horrorszenarien ergeht, denen zufolge die meisten Pharmazeuten inzwischen für lau arbeiten. Die Wahrheit ist: Die Umsätze je Apotheke lagen 2007 im Schnitt bei 1,7 Millionen Euro - 14 Prozent mehr als 2004. Derzeit bekommen Apotheker bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln immerhin bis zu drei Prozent des Einkaufspreises an Provision. Und eine sogenannte Dienstleistungspauschale von maximal 8,10 Euro. Bei den rezeptfreien Medikamenten können sie ihre Verkaufspreise sogar selbst festsetzen - und damit ihren Gewinn steuern.

"Bei den meisten Apothekern ist das Hungertuch aus Kaschmir", lästert deshalb ein Kenner der Szene. Andere giften, die Apotheker hätten sich wohl das alte Bauernmotto abgeguckt: "Lerne klagen ohne zu leiden", und fordern endlich mehr Konkurrenz. Doch so gern FDP und Union den Wettbewerb auch preisen, von einer schwarz-gelben Bundesregierung haben die Apotheker wenig zu befürchten.

Vor allem die stets Marktwirtschaft predigenden Liberalen gehören zu den größten Beschützern der Branche, die eine der letzten Planwirtschaft-Inseln in Deutschland ist - denn die Regulierung des Sektors ist rigide. Nur Pharmazeuten dürfen Apotheken besitzen, und zwar maximal vier. Ketten wie in anderen Ländern sind nicht erlaubt.

Wer dies ändern will, bekommt von der Apothekerlobby schnell Warnungen über angeblich "ruinösen Wettbewerb" zu hören, "unter dessen Folgen auch die Patienten zu leiden haben". Nur durch die jetzige Regelung sei die Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau gesichert.

Experten sehen das anders. "Studien zeigen, dass in Ländern mit Apothekenketten weder die Qualität der Beratung abnimmt noch die Arzneimittelsicherheit gefährdet ist - und auch nicht die Präsenz in dünn besiedelten Gebieten geringer wird", sagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem.

Die entscheidende Frage im Hinblick auf Einsparungen ist, ob die Preise für Arzneimittel sinken würden, wenn in Deutschland Apothekenketten zugelassen würden. Sicher ist das nicht. Aber wahrscheinlich, denn dann dürften die großzügigen Margen des Großhandels zurückgehen oder sogar ganz entfallen, weil die Ketten direkt mit den Herstellern verhandeln könnten.

Außerdem würden größere wirtschaftliche Einheiten entstehen. Eine Apothekenkette mit deutlich höherem Umsatz könnte mit einer geringeren Marge überleben und trotzdem den gleichen Gewinn erzielen wie ein einzelner Betrieb.

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Forum - Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
insgesamt 1346 Beiträge
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1.
terrorzwerg 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Die Probleme der Kassen haben wohl wenig bis nichts mit dem Gesundheitfonds zu tun. Das Hauptproblem sind die vielen Kassen, und damit die zu vielen "Wasserköpfe", die zu finanzieren sind. Zehn Kassen würden ausreichen. Die hätten dann auch nur zehn Vorstände, die gut versorgt sein wollen.
2.
der_durden 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Egal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der Gesundheitsreform ist es besonders deutlich. Was jetzt zu geschehen scheint, wusste jeder schon lange, nur angeblich Ulla Schmidt nicht - unglaublich und dann reden wir hier von so einem Blödsinn wie der Dienstwagennutzung. Manchmal muss man sich über unser Land und dessen Bürger wirklich wundern... Das geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
3. Blödsinn
fgranna 19.08.2009
Eine Kasse für ALLE und gut ist. Kein Gesundheitsfond, keine "Kassenflüchtlinge", keine Privat- und "Bettel"-patienten mehr.
4.
Wolfghar 19.08.2009
Zitat von der_durdenEgal um welches Thema es sich die letzte Zeit dreht, Experten verlauten realistische Einschätzungen, die Ministerien wiegeln ab um ein paar Wochen später genau das einzuräumen, was sie kürzlich noch verneinten. Bei der Gesundheitsreform ist es besonders deutlich. Was jetzt zu geschehen scheint, wusste jeder schon lange, nur angeblich Ulla Schmidt nicht - unglaublich und dann reden wir hier von so einem Blödsinn wie der Dienstwagennutzung. Manchmal muss man sich über unser Land und dessen Bürger wirklich wundern... Das geht mir mittlerweile so dermaßen auf den Geist. Umsere Politik hat sich in etwas rein manövriert, ich frage mich, wie das enden soll...
In letzter Konsequenz wohl im Bürgerkrieg. Wir fahren voll vor die Wand und keiner wills wissen
5.
Teenager, 19.08.2009
Zitat von sysopDie erste Krankenkasse verlangt von ihren Versicherten einen Zusatzbeitrag, um ihre Kosten zu decken. Das Gesundheitsministerium sieht darin einen Einzelfall. Experten befürchten hingegen, dass bald weitere Krankenkassen nachziehen. Ist der Gesundheitsfonds gescheitert?
Überrascht das wirklich jemand? Sinn und Zweck des Gesundheitsfonds haben sich mir nie so ganz erschlossen, aber das man trotz höherer Beiträge nicht mit dem Geld auskommen würde war mir sonnenklar. Das "Gute" an der Sache ist, dass wir uns um die Wirtschaft keine Sorgen machen brauchen, denn den Zusatzbeitrag zahlt der Arbeitnehmer alleine. Nachdem schon die Beiträge für die Krankenkasse nicht mehr je zur Hälfte von AN und AG gezahlt werden müssen ist das ein weiterer Schritt zur Privatisierung der Lohnnebenkosten - von der Senkung der gesetzlichen Rente zugunsten der Riesterrente mal ganz abgesehen.
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Der Gesundheitsfonds
In den Gesundheitsfonds fließen alle Beiträge der 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten. Für die rund 150 gesetzlichen Kassen setzt die Bundesregierung seit 2009 einen einheitlichen Beitragssatz fest. Zum 1. Januar 2011 wurde er von 14,9 Prozent auf 15,5 Prozent des Bruttolohns erhöht. Die Arbeitnehmer zahlen davon 8,2 Prozent. Der Anteil der Arbeitgeber wurde unabhängig von künftigen Beitragserhöhungen auf 7,3 Prozent eingefroren.

Aus den Einnahmen des Fonds wird den Kassen das Geld dann zugewiesen. Das Volumen ist für ein Jahr im Voraus fixiert. 2011 bekommen sie 178,9 Milliarden Euro. Für jeden Versicherten erhalten die Kassen je nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand Zu- und Abschläge. Krankenkassen mit älteren und kranken Versicherten erhalten mehr Geld als Kassen mit einer Vielzahl an jungen und gesunden Versicherten.

Erzielen die Kassen einen Überschuss, können sie eine Prämie an ihre Versicherten ausschütten. Die Entscheidung über deren Höhe und den Zeitpunkt der Ausschüttung, monatlich oder jährlich, bleibt der Kasse überlassen.

Kassen, die mit den zugeteilten Mitteln nicht auskommen, dürfen einen Zusatzbeitrag verlangen. Er wird vom Versicherten als feste Summe gezahlt. Theoretisch können die Kassen die Zusatzbeiträge in beliebiger Höhe festsetzen. Mitglieder haben aber ein Sonderkündigungsrecht, wenn Zusatzbeiträge erhoben oder erhöht werden, und können zu einer günstigeren Kasse wechseln.


Die Gesundheitsreform der Großen Koalition
Ein-Prozent-Klausel
Die SPD hat eine ihrer Hauptforderungen durchgesetzt - zumindest vordergründig: Der Zusatzbetrag, den die Kassen von ihren Versicherten erheben dürfen, wenn sie mit dem Geld aus dem Gesundheitsfonds nicht auskommen, darf nicht mehr als ein Prozent des Haushaltseinkommens der Versicherten betragen. Die Union hat allerdings eine Ausnahme von der Ein-Prozent-Regel erstritten: eine pauschale Prämie.
Pauschale Prämie
Auf Drängen der Union dürfen die Kassen von jedem Versicherten eine Zusatzprämie von acht Euro erheben - und zwar ohne Einkommensprüfung. Bürger, deren Einkommen unter 800 Euro monatlich liegt, zahlen also mehr als ein Prozent Zusatzprämie und werden so benachteiligt. Dieser Einstieg in die Kopfpauschale ist ein Verhandlungserfolg der Union.
Fonds
Der Gesundheitsfonds ist eine Art zentrale Inkassostelle: Er erhält alle Krankenversicherungsbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber und auch eventuelle Zuschüsse aus Steuermitteln. Die im Fonds gesammelten Beiträge sollen die Ausgaben im Gesundheitswesen zu 100 Prozent abdecken. Jede Kasse erhält einen Durchschnittsbetrag, mit dem sie auskommen soll. Dabei wird es einen Risikostrukturausgleich geben: Kassen mit mehr Kranken und Alten erhalten mehr Geld als Kassen mit einer gesünderen Mitgliederstruktur. Der Start des Gesundheitsfonds wurde von Mitte 2008 auf Januar 2009 verschoben. Die Regierung begründete die Verschiebung damit, dass der Fonds zeitgleich mit dem neuen Finanzausgleich der Kassen und der Honorarordnung der Ärzte in Kraft treten solle. Innerhalb des Fonds gilt zu Beginn ein regionaler Finanzausgleich: In einer "Konvergenzphase" sollen jährlich höchstens hundert Millionen Euro mehr als heute von den reicheren, südlichen Bundesländern in die ärmeren nördlichen Länder fließen - ein Zugeständnis an Bayern und Baden-Württemberg.
Private Kassen
Die SPD hat sich mit ihren Forderungen nach der "Portabilität" von Altersrückstellungen kaum durchsetzen können. Beim Wechsel von einer privaten Versicherung in eine gesetzliche Kasse verliert der Versicherte das Angesparte. Auch beim Wechsel zwischen zwei privaten Versicherungen ist die Portabilität nur bedingt möglich: Mitgenommen werden können Altersrückstellungen nur in der Höhe des neuen Basistarifs. Dieser entspricht dem Höchstbeitragssatz der gesetzlichen Kassen, derzeit etwa 500 Euro. Wer mehr gezahlt hat, macht beim Versicherungswechsel ein Verlustgeschäft. Generell herrscht ab dem Jahr 2009 eine Versicherungspflicht für alle Bürger. Auch ehemals Privatversicherte müssen von den Kassen wieder aufgenommen werden.
Finanzausgleich
Einkommensunterschiede spielen keine Rolle mehr, weil alle Kassen den gleichen Betrag pro Versicherten erhalten. Ausgeglichen werden die Kosten für 50 besonders schwere Krankheiten der Versicherten.
Kinder
Ab 2008 fließen 2,5 Milliarden Euro Steuergelder in den Fonds. Dies ist der Einstieg in die steuerfinanzierte Kinderversicherung. Um alle Kinder beitragsfrei zu stellen, werden insgesamt 15 Milliarden Euro an Steuerzuschuss benötigt.