Kostenloser ÖPNV Carsharing-Anbieter beklagt fehlende Strategie

Durch einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr sollen Städte von Dieselfahrverboten verschont bleiben, so der Plan der Bundesregierung. Ein Carsharing-Anbieter und eine Stadtplanerin halten die Idee für lückenhaft.

Öffentlicher Nahverkehr in Chemnitz
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Öffentlicher Nahverkehr in Chemnitz

Von Dominik Reintjes


Der Vorschlag der Bundesregierung kam überraschend: Fahrten im öffentlichen Nahverkehr sollen bald nichts mehr kosten. Die Oberbürgermeister von Bonn, Essen, Herrenberg, Reutlingen und Mannheim dürften besonders überrascht gewesen sein: In ihren Städten soll der kostenlose Nahverkehr als Modellversuch erprobt werden. Heute folgen die Oberbürgermeister einer Einladung des Bundesumweltministeriums nach Bonn. Sie hoffen auf ein Konzept zur Finanzierung eines kostenlosen Nahverkehrs. Bislang ist noch unklar, wer für den Vorschlag der Bundesregierung aufkommen müsste.

Die Bundesregierung will mit einem kostenlosen öffentlichen Nahverkehr Dieselfahrverbote und eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof abwenden. Beides droht der Bundesrepublik, weil Grenzwerte für Stickoxide in rund 70 deutschen Städten seit mehreren Jahren nicht eingehalten werden.

In den deutschen Großstädten haben Fahrgäste im Nahverkehr längst nicht mehr nur die Wahl zwischen Bus und Bahn. Für eine Stadtplanerin und den Geschäftsführer des Carsharing-Anbieters DriveNow kann ein kostenloser Nahverkehr deshalb nicht die einzige Maßnahme sein, um den Autoverkehr in deutschen Städten zu verringern.

Carsharing-Anbieter gibt sich gelassen

"Eine kurzfristige Reaktion der Politik" nennt Sebastian Hofelich den Vorschlag der Bundesregierung. "Es fehlt eine langfristige Strategie, wie man die gesamte städtische Mobilität emissionsfrei und gleichzeitig attraktiv gestalten kann." Hofelich ist seit 2015 Geschäftsführer des zweitgrößten deutschen Carsharinganbieters DriveNow. Sein Unternehmen, das noch zur Hälfte BMW und zur Hälfte dem Automobilverleiher Sixt gehört, hat in Deutschland mehr als 720.000 registrierte Kunden.

Hofelichs Geschäftsmodell: Wer durch die Innenstadt muss, soll das eigene Auto stehen lassen und stattdessen mit Fahrzeugen von BMW oder Mini fahren, die Kunden per Smartphone-App in fünf deutschen und weiteren acht europäischen Städten finden und leihen können.

Der DriveNow-Chef gibt sich mit Blick auf den Vorschlag der Bundesregierung gelassen: "Carsharing ist hierzulande bereits so etabliert, dass wir keine Angst haben müssen, wenn einige wenige Carsharing-Kunden fortan nur noch den kostenlosen Nahverkehr nutzen würden." Ob das überhaupt passieren würde, bezweifelt Hofelich: Nur wegen eines kostenlosen Nahverkehrs würde nicht jeder Autofahrer plötzlich zum Bahnfahrer werden, denn der Preis sei nicht das alleinige Entscheidungskriterium eines Fahrgasts. Vielmehr müsse die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs zunehmen.

Auch von möglichen Dieselfahrverboten würde DriveNow wohl verschont bleiben: Die Dieselfahrzeuge in der DriveNow Flotte erfüllen die Abgasnorm Euro 6, welche von möglichen Fahrverboten ausgenommen wäre. Ein kostenloser Nahverkehr könnte Carsharing-Kunden aber dennoch zweifeln lassen, ob sie die Gebühr für ein DriveNow-Fahrzeug wirklich zahlen wollen, wenn es eine kostenlose Alternative gäbe.

Elektrischer Nahverkehr als Lösung

Hofelichs Vision für die zukünftige Mobilität ist "eine Koexistenz der verschiedensten Nahverkehrsmittel bei gleichzeitigem Ausbau der Ladeinfrastruktur und des E-Autoanteils in den Städten." Um den Anteil der Elektroautos zu steigern, bedürfe es der Zusammenarbeit mit den Städten: "Voraussetzung für mehr Elektrofahrzeuge ist ein ausreichendes Netz an Ladesäulen und dafür müssen die Städte sorgen. Dann sorgen wir für mehr Elektroautos", sagt Hofelich.

In Deutschland ziehen die Städte noch nicht mit: Die einzige Stadt, in der alle DriveNow-Fahrzeuge elektrisch angetrieben werden, ist Kopenhagen. Eine rein elektrische DriveNow-Flotte sei aber auch in deutschen Großstädten das langfristige Ziel des Unternehmens. Rund 16 Prozent der 6250 Fahrzeuge sind derzeit BMW-Modelle der Baureihe i3 und somit Elektroautos.

Wie ein kostenloser Nahverkehr funktionieren könnte

Martina Baum hingegen hält einen kostenlosen Nahverkehr für "eine gute Idee", die durch weitere Maßnahmen der Politik unterstützt werden müsse. Maßnahmen, wie eine bessere Fahrradinfrastruktur oder eine stärkere Förderung von elektrischen Verkehrsmitteln. Baum ist Direktorin des Städtebau-Instituts der Universität Stuttgart und Professorin für Stadtplanung und Entwerfen.

Ein kostenloser Nahverkehr wäre ein guter Anreiz, das Auto stehen zu lassen, reiche aber nicht aus: "Gleichzeitig müssten Autofahrer sanktioniert werden." Eine City-Maut wäre eine solche Sanktion. Diese wird bereits in London oder Stockholm erhoben.

"Auch ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge wäre eine angemessene Sanktion." Natürlich dürfe die Politik die sanktionierten Autofahrer in einem solchen Fall nicht alleine lassen, sondern müsse für Alternativen, wie neue und bessere Zug- und Buslinien sorgen, sagt die Professorin.

Für die Einführung eines kostenlosen öffentlichen Nahverkehrs fehlt der Politik aber noch ein Konzept der langfristigen Finanzierung: Rund die Hälfte der Einnahmen der Verkehrsbetriebe besteht aus Fahrkartenerlösen. Es könnten Mehrkosten für neue Bus- oder Bahnlinien entstehen, wenn die Fahrgastzahlen ansteigen würden. Vielerorts fahren die Verkehrsmittel zu Stoßzeiten schon jetzt an der Kapazitätsgrenze.



insgesamt 8 Beiträge
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flytogether 26.02.2018
1. Schwarz weiß
Ich lese immer die Forderung nach kostenlosem Nahverkehr. Warum immer alles oder nichts. Wie wäre es mit einer Verringerung (Bezuschussung) der Fahrtkosten um z. B. 50%)? Das wäre finanzierbar und würde so den einen oder anderen zum Umstieg animieren. Und die Verkehrsbetriebe müssten nicht sofort die Kapazitäten erhöhen.
quark2@mailinator.com 26.02.2018
2.
Carsharing-Anbieter sind in dieser Frage wohl kaum als neutral einzuschätzen. Es wird immer so getan, als wäre Carsharing eine Art Allheilmittel, aber so erlebe ich das überhaupt nicht. In einer Welt, wo der Preis des Autofahrens relativ zum verfügbaren Einkommen der Masse immer weiter gesteigert wird, sollte eine Verbesserung bei ÖPNV offensichtliche Aufgabe des Staates sein, welcher das Auto verteuert. Aber davon ist nichts zu sehen. Seit damals die Grünen anfingen, das Benzin zu verteuern, hat sich auch der Bahnpreis verdoppelt (bei sich verschlechternden Eigenschaften der Bahn) und auch der Nahverkehr wird ständig sehr viel teurer, weil die Städte klamm sind. Nur Fliegen ist billiger geworden ... Da schläft jemand am Steuer.
d.b.licht 26.02.2018
3. Kostenlos
bedeutet ja in Wirklichkeit steuerfinanziert. Und das wirft die Frage auf, ob die bisherigen Steuern das hergeben, oder ob eine Art Mobilitätssteuer neu geschaffen und erhoben werden sollte, durch die dann die Kosten für den ÖPNV finanziert werden. Der Trend (Flatrates) geht in diese Richtung. Ich finde, das eine sinnvolle Überlegung, die ruhig ausprobiert werden sollte. Das Ziel, die Lebensqualität in den Städte zu erhöhen, halte ich für gut.
grüne-biene 26.02.2018
4. Abschaffung der Pendlerpauschale
Die Abschaffung der Pendlerpauschale könnte den kostenlosen ÖPNV gegenfinanzieren, wie ich meine es war die DUH ausgerechnet hat.
ChrisM 26.02.2018
5. Auch eine. Frage der Kapazität
interessante Ideen. Das mit den Nahverkehr, 30 Jahre das Minimum investiert, Kapazitäten reduziert - und plötzlich sollen alle mit dem ÖPNV fahren. Ob sich die Ideengeber wohl mal überlegt haben, ob die Pendler morgens und abends freiwillig im Stau stehen, oder weil es eben keine (echte) Alternative gib. Und Ein- und Auspendeln mit Carsharing-Fahrzeugen - wie soll das denn bitte wirtschaftlich gehen ? Bullshit Lösungen. Baut den ÖPNV aus und dannn fahren adieu Leute auch damit. Ok, dauert 20 Jahre, aber wer zu spät kommt ....
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